Zweimal vierundvierzig Jahre. Wie eine antike Palastaula von Kunstwerken des 19. Jahrhunderts befreit wurde und vier Marmorköpfe der Evangelisten dabei fast zerstört worden wären.

Die Konstantinsbasilika in Trier by night (CC0)

Horst Heller (Fotos und Text: CC BY-SA 3.0)
Dieser Beitrag als PDF

Der römische Kaiser Konstantin ließ sich in diesem Gebäude huldigen, wenn er in Trier Hof hielt. Auf einem Thron in der Apsis sitzend empfing er seine Gäste. Heute ist seine Palastaula die Evangelische Kirche zum Erlöser. An ihrer rechten Seitenwand stehen auf unterschiedlich hohen Stelen fünf beschädigte Marmorköpfe. Ich wollte herausfinden, welche Geschichte sie erzählen.

Vier Evangelisten, in der Mitte der Erlöser, der Namensgeber der Kirche

Das 33 Meter hohe Gebäude war im Mittelalter Besitz der Kurfürsten von Trier. Im 19. Jahrhundert ging es in das Eigentum des Staates über. Nach dem Wiener Kongress 1815 kamen mit der preußischen Garnison und der Verwaltung vermehrt Evangelische in die Stadt und gründeten dort eine Gemeinde. Zunächst hatte sie kein eigenes Gotteshaus, sondern musste sich eine Simultankirche mit der katholischen Mehrheit teilen. Dann entschied der preußische König Friedrich Wilhelm IV., die verfallene Konstantinsbasilika herzurichten. Er liebte antike Präsentationsgebäude, ließ das zerstörte Dach wiederherstellen und mittelalterliche Anbauten entfernen. Im Inneren wurde ein Altarraum errichtet, der dem Stil der frühen italienischen Renaissance nachempfunden war. Dann verfügte er, dass die evangelische Gemeinde „für alle Ewigkeit“ dieses Gotteshaus nutzen dürfe.

Die Weihe der Kirche fand am 28. September 1856 in Anwesenheit des Königs und seines Bruders, des späteren Kaisers Wilhelm I. statt. Der Trierer Garnisonskommandant General Philipp von Wussow bedankte sich in der Sprache seiner Zeit feierlich bei den Majestäten:

„In Folge des Willens Eurer Majestät sind diese Überreste des alten Bauwerks nach Beseitigung alles Fremden in ihrer ursprünglichen äußeren Gestalt auf den alten Fundamenten in ihrer ursprünglichen Größe und Mächtigkeit wieder hergestellt, das Innere zu einer evangelischen Kirche eingerichtet und durch die von Eurer Majestät gnädigst verliehene reiche Ausstattung zu seiner großartigen Vollendung geführt worden. Indem ich nun Eurer Majestät den Schlüssel zum Eingange dieses Gotteshauses überreiche, wollen Allerhöchstdieselben die Eröffnung desselben befehlen, auf dass die Gemeinde darin einziehe und es die kirchliche Weihe empfange.
Aus: Die Basilika in Trier – deren Geschichte und Einweihung zur Evangelischen Kirche, S.11 (Quelle)

In der breiten Altarrückwand aus Marmor waren sieben mit einem klassizistischen Giebel versehene Aussparungen, sogenannte Ädikula, eingebaut. Sie ließen Platz für überlebensgroße biblische Figuren. In der Mitte sollte Christus stehen, zu seiner Rechten und seiner Linken die vier Evangelisten. An den beiden Außenseiten war der Ort für die Apostelfürsten Petrus und Paulus. Die Nischen blieben aber zunächst leer, der jungen Gemeinde fehlte das Geld. Erst 1880 wurden die ersten drei Ädikula mit den Figuren des Frankfurter Bildhauers Gustav Kaupert gefüllt: Die Gemeinde schrieb in ihrem Jahresbericht 1880:

„… Unser schönes, erhabenes Gottesdiensthaus, unsere Kirche zum Erlöser, hat eine weitere Ausschmückung erhalten. Es befinden sich in derselben bekanntlich 7 Nischen … Bisher standen sie leer und warteten der belebenden Bildwerke. Damit ist nun der Anfang gemacht. In der mittleren der 5 Chornischen schauen wir die erhabene Gestalt des Erlösers, die Seinen lehrend; zu seiner Rechten den Evangelisten Matthäus, zu seiner Linken den Evangelisten Markus, horchend auf die Worte des Lebens, sie aufzeichnend zu ewigem Gedächtnis. … Sie sind ein Werk des Professors der Bildhauerkunst Kaupert in Frankfurt a. M., der auch die beiden letzten Evangelisten anfertigen wird, … Selbstverständlich konnte die Gemeinde, auch in Gemeinschaft mit der Militär-Gemeinde, die bedeutenden Kosten für die reiche Ausschmückung der Kirche nicht aufbringen. Wir verdanken sie dem frommen Kunstsinn unserer Könige, des in Gott ruhenden Friedrich Wilhelm IV. und unseres regierenden Kaisers und König Wilhelm I.“ (Quelle)

Sieben Jahre später konnten die beiden Evangelisten Lukas und Johannes angeschafft und aufgestellt werden. Ein Protokoll berichtet von einer Sitzung des Presbyteriums am 18. Juni 1888:

„Es wird angeregt, ob es schicklich sei, dem Herrn Minister für das Geschenk der beiden Statuen der Apostel Lukas und Johannes durch den Herrn Regierungspräsidenten den Dank der Gemeinde abstatten zu lassen. Man beschließt ein Dankschreiben, welches von den drei Pfarrern im Namen des Presbyteriums und der gemischten Kirchenkommission unterschrieben werden soll, abzusenden.“ (Quelle)

Erst im Jahr 1900 wurden schließlich die beiden noch verbliebenen äußeren Nischen mit den Aposteln Petrus und Paulus gefüllt. 44 Jahre benötigte die Gemeinde also, um die Ädilula zu füllen – dem Kunstsinn ihrer Zeit entsprechend. Niemand ahnte, dass die sieben Skulpturen weitere 44 Jahre unbeschädigt an ihren Plätzen stehen würden.

Ein Luftangriff in der Mittagszeit des 14. August 1944 setzte das Dach der Basilika in Flammen. Eine Augenzeugin berichtete:

„Eigentlich ist der Brand hier an unserer Kirche zunächst einmal gar nicht so schlimm gewesen. Die Bomben hatten sich lediglich im Dachstuhl verfangen und das Holz in Brand gesetzt. Wenn man mit Wasser so hoch gekommen wäre, dann hätte man das Gebäude retten können.“ (Quelle)

Ein Feuerwehrmann erinnerte sich:

„Unser Wasserstrahl reichte gerade einmal zur Hälfte die Mauern hinauf. Wir mussten hilflos zusehen, wie sich der Brand immer weiter ausbreitete. Wir konnten ja nichts machen. Und das trockene Zedernholz des Dachstuhls … brannte wie Zunder.“ (Quelle)

Die Basilika brannte vollständig aus. Die Kirche des Erlösers lag in Schutt und Asche. Doch die wertvollen Statuen standen noch an ihrem Platz.

Nach dem Krieg entschied sich das neu gegründete Land Rheinland-Pfalz, nun Eigentümer der Basilika, das Gebäude instand zu setzen. Die Gemeinde sollte ihr Gotteshaus zurückerhalten. Die Altarwand aus dem 19. Jahrhundert, für die frühere Generationen große Opfer gebracht hatten, entsprach nicht mehr dem Geschmack der Zeit. Sie wurde abgerissen. Die Statuen wurden dabei zerstört. Nur die Köpfe des Erlösers und der vier Evangelisten fanden Gnade und wurden eingelagert.

Auf den Besucher von heute wirkt der wiederhergestellte Kirchenraum im der Tat wie von Fremdkörpern befreit. In der Tat war der klassizistische Altar eine fragwürdige Ausgestaltung dieses antiken Denkmals. Doch rechtfertigte das nicht die Zerstörung der Kunstwerken, die Jahrzehnte in dieser Kirche gestanden hatten.

Anlässlich des 150. Jubiläums der ersten Kirchweihe wurde beschlossen, diese Missachtung zu korrigieren. Die fünf erhaltenen Köpfe wurden restauriert und auf Marmorstelen an der Seitenwand der Kirche aufgestellt. Eine Gedenktafel stellt klar, dass im Übereifer einer Kirchenrenovierung Fehler geschehen waren:

„Den Feuersturm der Zerstörung im 14. August 1944 überstanden die Statuen weitgehend unbeschädigt. … [Sie] standen noch in Ädikula-Nischen. 1953 – während der Wiederaufbauarbeiten – liegen die Statuen dann auf dem Boden, zersplittert in viele Bruchteile. Schließlich beschließt das Presbyterium: Die Köpfe werden eingelagert, der Rest kommt zu Bauschutt. So werden die Statuen zum Symbol für die Geringschätzung, die den Kunstwerken des 19. Jahrhunderts in der Nachkriegszeit entgegengebracht wurde. Die „neue“ Basilika sollte von der künstlerischen Neuschöpfung des 19. Jahrhunderts konsequent „gereinigt“ werden. (Quelle)

2001 erfolgte eine Restaurierung der Köpfe. Ihre Aufstellung zum 150. Jahrestag der Einweihung der Kirche … im Jahr 2006 erinnert zeichenhaft an jene erste Kirche, die 1944 in Schutt und Asche versank.“

Dieser Teil der Geschichte der Konstantinsbasilika ist in mehrfacher Weise lehrreich und mahnt zur Bescheidenheit. Für den Autor dieser Zeilen ist die Kirche des Erlösers – auch dank dieser Einsichten – das lohnenswerteste Ziel in der Stadt Trier, deren weltliche und sakrale Gebäude ein Stück Weltgeschichte erzählen.

Blogbeiträge zum Thema auf www.horstheller.de
19.01.2020: Der Zorn des Propheten. Eine Anklage, Michelangelos Jona in den Mund gelegt, und eine Erkenntnis, die er gewinnt.
05.04.2020: Warum wir Bonhoeffer nicht der neuen Rechten überlassen dürfen
08.11.2020: „Entscheidend ist, dass es ein Buch ist.“ Warum wir die Unterscheidung zwischen Antijudaismus und Antisemitismus aufgeben sollten – Ein Vorschlag
21.11.2020: Die Suche nach Gott – oder: Wer von uns beiden ist weise?
28.03.2021: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Ein unsäglicher Erziehungratgeber lehrte Eltern, ihrer Intuition zu misstrauen und ist für unzählige Tränen verantwortlich.
18.04.2021: „Ich glaube nicht an Wunder, aber mir sind schon einige widerfahren. Ein Plädoyer für eine aufmerksame Spurensuche
09.05.2021: „Von Politik verstehe ich nicht viel. Sophie Scholl zeigt, dass auch ein vermeintlich unpolitischer Mensch in der Lage ist, für das Recht einzutreten.
04.07.2021: Auf der Bewahrung des Status quo liegt kein Segen. Sechs Gründe für die konfessionelle Kooperation als Normalfall des Religionsunterrichts
16.07.2021: Maria Magdalena. Ihre Rehabilitierung ist überfällig.
08.08.2021: Zweimal 44 Jahre. Wie eine antike Palastaula von Kunstwerken des 19. Jahrhunderts befreit wurde und vier Marmorköpfe der Evangelisten dabei fast zerstört worden wären.
15.08.2021: „Nicht nur ethische Themen, bitte!“ Vier Megatrends und zwölf Zukunftsaufgaben des nachpandemischen Religionsunterrichts2
2.08.2021: Rut und Noomi: 2 Frauen, 5 Episoden, 8 Einsichten. Eine biblische Geschichte von Leid, Klugheit und Solidarität