„So sei gegrüßt viel tausendmal, holder, holder Frühling!“ Als Robert Schumann dieses Gedicht vertonte, war das ein politisches Statement.

Eine Bronzebüste von Charlotte Sommer-Landgraf erinnert an Robert Schumanns Zeit in Dresden. Es findet sich in der Grünanlage, die den Zwinger umgibt.

Als Robert Schumann im Sommer 1849 in Dresden das Frühlingsgedicht von Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) aus dem Jahr 1844 vertonte, motivierten ihn nicht allein die blühenden Bäume und die wärmende Frühjahrssonne dazu. Es war ein Spiel mit einer politischen Idee seiner Zeit, vielleicht auch ein Bekenntnis. Der erfahrene Musikschriftsteller Schumann wusste, wessen Gedicht da vor ihm lag. Der Verfasser dieser scheinbar unpolitischen Zeilen war vor wenigen Jahren seines Lehrstuhls an der Universität in Breslau enthoben worden, denn seine progressive Gesinnung war dem preußischen Kultusministerium ein Dorn im Auge. Ende des Jahres 1843 wurde dem missliebigen Professor zudem die Staatsbürgerschaft aberkannt und sein Pensionsanspruch gestrichen. Ohne Einkünfte musste er Preußen verlassen. Auf einem Rittergut in Mecklenburg fand er zunächst Zuflucht.

Wie andere Literaten seiner Zeit verlangte Hoffmann von Fallersleben demokratische Rechte, Pressefreiheit, eine Verfassung und ein Ende der Kleinstaaterei. Die absolutistischen Herrscher repräsentierten in seinen Augen den Winter der Tyrannei. Die Revolution des Jahres 1848 und die Nationalversammlung in der Paulskirche begrüßte er überschwänglich als den lang ersehnten Frühling. Auch in Sachsen herrschte eine Stimmung der Revolution.

Und Frühling ward es aller Orten,
und Frühling ward es auch für mich,
und Blumen blühten in der Heimat,
und jede rief: wir grüßen dich!

Hoffmann von Fallerslebens Gedichte beschrieben vordergründig die Freude an der erwachenden Natur. Doch die Zensur durchschaute die Metaphorik seiner Sprache, verbot seine Gedichte und bekämpfte die Bestrebung nach Freiheit, Gleichheit und Demokratie. So behielt die Restauration zunächst die Oberhand. Die Versammlung in der Paulskirche löste sich im Frühjahr 1849 auf, die Hoffnungen des Vormärz zerstoben, von den Truppen der Fürsten auseinandergetrieben. Hoffmann von Fallersleben dichtete 1849 ein weiteres Mal, diesmal traurige und trotzige Zeilen.

Es war einmal ein Frühling, so schön, so wunderbar,
wie er so schön noch niemals der Welt erschienen war.
Der Frühling kehret wieder, der Wald wird wieder grün,
doch an dem Baum der Freiheit will keine Blüte blühn.

Im selben Jahr erreichten die revolutionären Truppen auch die Residenzstadt Dresden. Schumann und seine Familie brachten sich in Sicherheit. Am 10. Mai kehrten Clara und er mit den Kindern zurück in ihre Wohnung. Dann aber vertonte Schumann ein Gedicht des in Ungnade gefallen Hochschullehrers und brachte damit seine Sympathie für dessen Ideale zum Ausdruck. Schumann, stets auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen und Formaten, die in seine neue Zeit passten, war offen für den politischen Frühling seiner Zeit. Er wusste was er tat, und auch sein Publikum in Sachsen verstand, was er meinte, wenn sein Lied den Frühling bat, „recht lang in unserm Tal“ zu bleiben:

So sei gegrüßt viel tausendmal, holder, holder Frühling!
Willkommen hier in unserm Tal, holder, holder Frühling
Holder Frühling, überall
grüßen wir dich froh mit Sang und Schall, mit Sang und Schall
.

Du kommst, und froh ist alle Welt, holder, holder Frühling!
Es freut sich Wiese, Wald und Feld, holder, holder Frühling!
Jubel tönt dir überall.
Dich begrüßet Lerch´ und Nachtigall, und Nachtigall.


So sei gegrüßt vielausendmal, holder, holder Frühling!

O bleib recht lang´ in unserm Tal, holder, holder Frühling!
Kehr in alle Herzen ein,
Lass doch alle mit uns fröhlich sein, ja fröhlich sein!

Hoffmann von Fallersleben (1844)

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