„Braucht kein Mensch! Braucht kein Mensch?“ oder: Der Abreisebahnhof, der Routenplaner und der Zielbahnhof der Lokomotive Kirche – ein Dialog

Die vier schweren Stahlräder der Lokomotive: Ein Bild für die vier Feststellungen am Ende dieses Beitrags. Welches benötigt eine Ertüchtigung am dringendsten?

Auf www.horstheller.de haben Thomas Jakubowski und Horst Heller in den ersten Monaten der Pandemie einen gemeinsam verfassten Beitrag zur Qualität der Online-Gottesdienste veröffentlicht. In ihrem digital geführten Dialog kamen sie schnell zur Frage der Qualität aller Gottesdienste. Sie warben für einen Wandel der kirchlichen Feedbackkultur und schlugen die Einrichtung von Qualitätszirkeln vor.

Nun haben sie diesen Dialog fortgesetzt. Sie beginnen bei der Kirchenmusik, kommen aber schnell zu den Grundfragen kirchlichen Lebens. Am Schluss des Beitrags vergleichen sie die Kirche mit den vier Rädern einer Lokomotive. Welches der Räder braucht am dringendsten Ertüchtigung?

Thomas Jakubowski: DIe Kirche hat nicht die Aufgabe, Erwartungen zu erfüllen.
Das Christentum ist keine Wohlfühlreligion, sondern ein Angebot, in der Nachfolge Jesu die frohe Botschaft in Tat, Wort und Haltung gegen eigene Widerstände und auch gegen die Mehrheitsmeinung zu verkündigen. Das haben wir im Blick auf die Predigt und die Liturgie des Gottesdienstes in unserem ersten Dialog ausführlich besprochen. Heute möchte ich zwei weitere Aspekte hinzufügen, nämlich die Kirchenmusik und die Digitalität. Zur Kirchenmusik kann ich nur betonen, dass die Auswahl von Liedern und Melodien für Gottesdienste, Kasualien und Andachten auch Teil eines Qualitätszirkel ist. Zum einen müssen Liedtexte geprüft werden, ob sie exklusiv, diskriminierend oder unverständlich sind. Zum anderen sollten Melodien nach ihrer Stimmung geprüft werden: Passt eine fröhliche Haltung zur Gesamtidee des Gottesdienstes? Der Schlussakkord im Orgelnachspiel ist da ganz wichtig. Da bin ich immer ganz gespannt, welches Geschenk ich durch den Organisten oder die Organistin erhalte. Ich habe schon wunderschöne Abrundungen erlebt, aber leider auch Kontrapunkte. Gerade in der Kirchenmusik kann ein Qualitätszirkel im Kleinen etabliert werden, der die Gestaltung mit Chorleitung, Instrumentalisten spannend und förderlich diskutiert.
Zur Digitalität und der barrierefreien Verkündigung möchte ich betonen, dass die neuen Möglichkeiten eine Chance der Rekalibrierung darstellen. Dies wird von der EKD in der Schrift „Digitale Freiheit“ mit Hilfe der Zehn Geboten bearbeitet. Da heißt es auf Seite 12: „Wie leben wir unter den Bedingungen der von Gott geschenkten Freiheit?“

Wenn die Menschen im Gottesdienst nicht finden, was sie spirituell, intellektuell, ästhetisch und in Form von Begegnungen brauchen, werden sie nicht mehr kommen.

Horst Heller: Werden Erwartungen an den Gottesdienst nicht erfüllt, bleiben die Menschen weg.
Du hast zwei neue Themen eröffnet. Ich will gerne antworten und beginne bei der Theologie. Ein Gottesdienst darf nicht allein aus dem Blickwinkel eines kommunikativen Geschehens betrachtet werden. Pfarrperson und Gemeinde stehen gemeinsam unter dem Wort Gottes. Wenn das so ist, ist eine Evaluation umso wichtiger, ja eigentlich unverzichtbar: War das Wort Gottes unverfälscht, verständlich und lebensbezüglich zu hören? Wir werden sodann buchstabieren müssen, was das für Liturgie, Lieder, Gebete, Predigt und Orgelspiel bedeutet.
Du sagst: Ein Gottesdienst wird nicht dadurch zu einem Gottesdienst, indem er die Erwartungen erfüllt, die die Zuhörenden an ihn haben. Dem stimme ich ebenfalls zu. Und dennoch sind die Wünsche der Gemeindeglieder wichtig. Denn wenn sie dort nicht finden, was sie spirituell, intellektuell, ästhetisch und in Form von Begegnungen brauchen, dann werden sie nicht mehr kommen. Ohne Gemeinde aber gibt es keine Gemeinschaft unter dem Wort Gottes.
Noch ein Wort zu den Liedern und zur Orgel. Ich bin ja selbst ein großer Freund der Kirchenmusik und darf im Gottesdienst vertretungsweise auch mal die Orgel spielen. Da fällt mir schon auf, wie viele Lieder unserer Gesangbücher, auch aus neuerer Zeit, sprachlich und melodiös nicht ins 21. Jahrhundert passen. Seit März 2020 singen wir in unseren Gottesdiensten nicht mehr. Die spirituelle Dimension unserer Gottesdienste hat darunter aber nicht gelitten! Seien es Orgel-, Klavier- oder andere Instrumente, auch das Hören einer wunderbaren Melodie kann eine andächtige und berührende Stimmung erzeugen, die nicht durch Texte getrübt wird, die weder theologisch vermittelbar noch sprachlich in unserer Zeit angekommen sind.

Thomas Jakubowski: In der analogen Welt erreichte mich nur, was mich sowieso interessierte.
Der Text der Lieder und ihre Melodien sind auch Teil der Verkündigung. Daher ist auch auf die Stimmigkeit des Gesamtkonzeptes zu achten. An dieser Feststellung zeigt sich nochmals, wie wichtig Qualität, Fachberatung und Austausch sind. Für eine Trauung setze ich im Schnitt drei Treffen an, damit Erwartungen des Paares, Möglichkeiten der Umsetzung und die Verkündigung der frohen Botschaft zusammenspielen können. Der Aufwand lohnt sich.

Ich will nicht, dass die Predigt lediglich ein Loblied auf die Welt singt.

Zur Frage, ob Kirche und Gottesdienste Erwartungen erfüllen sollen: Negativ besetzt ist das Wort Erwartungen, wenn nur das gesagt wird, was bekannt ist und was den Hörer nicht stört. Gott als der je andere will uns aber stören, aufrütteln, aufwecken, zur Umkehr bewegen, Hoffnung begründen und den Heiligen Geist einpflanzen. Solange es die Erwartung des Hörers ist, von einer biblisch fundierten Predigt angesprochen zu werden, dann ist alles gut, dann erwartet er etwas Unerwartetes.
Ich will aber nicht, dass die kirchliche Verkündigung lediglich ein Loblied auf die Welt singt. Dies brauchen wir nicht, da die ganze Achtsamkeits-, Glücks- und Meditationsliteratur diesen Bedarf besser bedient. Als Christ will ich mehr. Ich will über die Grenze gehen können und dürfen. Dabei werde ich durch Gottes Wort gestärkt, getröstet und ermahnt zugleich.
Die große Kunst ist es nun, dabei die Chance neuer Medien zu nutzen. In der analogen Welt erreichte mich im Hören nur das, was mich sowieso interessierte. Nach dem Zwei-Sinnen-Prinzip der Barrierefreiheit können gedruckte Predigten eine gehörte Predigt ergänzen. Eine Videoandacht kann an einer Stelle gestoppt und in Teilen nochmals angehört werden. So können unangenehme Stellen und unverständliche Abschnitte Neues und Unerwartetes initiieren. Zwar könnte das Abspielgerät auch einfach ausgeschaltet werden. Aber das geschieht selbstbestimmt und autonom. Und die Befreiung von einem auferlegten Zwang entspricht doch unserem protestantischen Selbstverständnis, oder nicht?

Horst Heller: Ich möchte im Gottesdienst angeregt und angerührt werden.
Zunächst zwei Kommentare zu den praktischen Aspekten deines letzten Dialogbeitrags: Ich will hoffen, dass meine einfachen Künste auf der Orgelbank deinem Anspruch für die Kirchenmusik entsprechen. Und: Für eine kirchliche Trauung drei Vorgespräche? Respekt für diesen Aufwand! Was haben die beiden (ernstgemeinten!) Repliken miteinander zu tun? Sie betonen, wie wichtig Qualität und innere Stimmigkeit beim Gottesdienst ist – und wie herausfordernd es für Menschen ist, die ihn sonntäglich gestalten dürfen und müssen.

Im Gottesdienst möchte ich weder eine Strafpredigt hören noch mich langweilen.

Zum Wort Gottes im Gottesdienst: Ja, es will nicht gefallen, nicht bestätigen, was ich schon wusste. Es will herausfordern, den Weg zur Korrektur und zu einer Neuorientierung aufzeigen. Doch es darf auch den Zweifler stärken, der Niedergeschlagenen Mut machen, dem Traurigen Hoffnung schenken. Im Gottesdienst möchte ich weder eine Strafpredigt hören, die mich wöchentlich zur Bekehrung auffordert, noch möchte ich mich langweilen. Ich bin dankbar, wenn ich am Sonntagmorgen durch Worte, Sinneseindrücke oder Begegnungen angerührt und bewegt werde. Das ist meine Erwartung und ich möchte, dass sie erfüllt wird.

Thomas Jakubowski: Es muss besser gehen.
Jetzt wird es spannend und sehr konkret, aber leider auch ein wenig peinlich. Ich habe erklärt, dass ich mich oft und intensiv mit den Brautleuten treffe. Dieses Beispiel ist ein Qualitätsmerkmal und kein Hinweis auf Quantität. Ich treffe mich mit den Brautleuten zweimal zur Besprechung und einmal in der Kirche. Damit gebe ich uns die Chance, dass wir uns zumindest ein wenig kennenlernen. Insbesondere der Termin vor Ort bedeutet eine Chance für eine kleine Kirchenkunde. Ich betone das deswegen, weil viele kirchliche Trauungen und andere Kasualien sehr unpersönlich sind. Dies schreibe ich nicht nur vom Hörensagen, sondern als leidgeprüfter Besucher von Kasualgottesdiensten. Keine Namen, manchmal sogar der falsche, nichts Persönliches oder zu viel davon, die christliche Botschaft an der Gottesdienstgemeinde vorbeigetragen: Es muss besser gehen, sonst rennen unsere Kirchenmitglieder in Scharen zu den freien Anbietern. Und da gibt es richtig gute Performer. Jede Kasualie bedeutet eine Chance für die Kirche, die mehr oder weniger genutzt wird. Auch das Orgelspiel gehört dazu. Dabei geht es nicht um eine Virtuosität, sondern um ein Gespür für Stimmungen. Ich habe es mehrfach erlebt, dass das Orgelnachspiel mich nach einem ansprechenden Gottesdienst in die Welt hinausgetrieben hat: laut, unharmonisch, depressiv und unangemessen! Evangelium, Liturgie, Predigt, Andacht und Kirchenmusik bilden eine Einheit. Wenn eines dieser Elemente nicht anregt, sondern aufregt, wird es schwierig oder kontraproduktiv.

Das Ziel ist ein Dialog zwischen Text und Hörer. Dabei sind wir Brückenbauer. Aber wie gelingt das?

Emotional, ästhetisch oder intellektuell sollen wir bewegen und bewegt werden. Ich gebe dir da recht. Wir wollen bewegen, auch aufregen, nicht aus der Kirche heraustreiben. Der Unterschied ist entscheidend. Ich habe in den letzten 30 Jahren bestimmt so manchen abgeschreckt und aufgeregt, wenn auch nicht mit Absicht. Ich höre genau hin und frage unverblümt nach. Meist erhalte ich konstruktive Kritik. Ab und zu wird sogar ein Dialog daraus. Ja, das Gemüt soll bewegt und angeregt werden. Das Ziel ist ein Dialog zwischen Text und Hörer. Dabei sind wir Brückenbauer. Aber wie gelingt das?

Horst Heller: Wir können gut sein – oder versagen.
Hier klingt der Cantus Firmus unseres ersten Dialogs an. Nicht nur im Sonntagsgottesdienst, sondern auch in Kasualgottesdiensten können wir gut sein – oder versagen. Warum suchen sich Brautleute eine oder einen Geistlichen, die oder den sie kennen? Weil sie überzeugt sind, nur mit ihr oder ihm eine persönliche Feier erleben zu können. Wer sich wie du viel Zeit nimmt, darf darauf hoffen, dass er die anspricht, die in der Kirche versammelt sind. Wenn es Menschen sind, die nicht regelmäßig an Gottesdiensten teilnehmen, bieten Kasualien unendlich viel Chancen, die genutzt oder vertan werden können. Das sagtest du schon, und du hast Recht. Soweit ist es allerdings noch eine Binsenweisheit.
Nun wissen wir aber auch, dass ein Gottesdienst auch Verkündigung ist und insofern eine andere Aufgabe hat, als sie einer freien Traurednerin oder einem freien Trauredner obliegt. Das Wort Gottes soll am Tag der Tauffeier, der kirchlichen Trauung oder des Abschieds von einem lieben Menschen so ausgelegt werden, dass es die Menschen verstehen, dass es sie tröstet, ihnen Wegleitung oder Ermutigung, Hilfe oder Deutung gibt. Dabei sind die beiden Antipoden gleichermaßen wichtig: Das Wort Gottes als Autorität, unter dem auch die Predigerin oder der Prediger steht, und die Lebenssituation, in der die Hörerinnen und Hörer sich gerade befinden.

Thomas Jakubowski: Qualität im Gottesdienst ist dialogisch, ambivalent, kritisch und anspruchsvoll.
Ich muss nun gegen die Loyalität gegenüber dem Bibeltext argumentieren, sonst zerreißt es mich. Die Heilige Schrift bedeutet für mich, dass ich im Dialog auch kritisch und kontrovers sein muss. Manche Bibelstellen sind eine Zumutung und bleiben es. Die bösen Kommentare gegenüber Menschen mit Behinderungen oder kranken Menschen, deren Leiden als Strafe Gottes interpretiert werden, die Stellung der Frau in der antiken paganen Gesellschaft oder die Verurteilung von Homosexualität sprechen gegen Grundsätze der Predigt Jesu. Ja, es gibt ein Evangelium innerhalb der Bibel und dies suche ich immer wieder in den Texten der Bibel, auch manchmal gegen die Bibel. In meinen Studien zur Inklusion und Interkulturalität an der Uni Mainz in den letzten Monaten wurde mir vor allem auch der Exodus und die Eroberung Israels aus der Perspektive der Ureinwohner Mittel- und Nordamerikas neu bewusst. Die biblischen Geschichten kochen keinen Glücksbrei, sondern erzählen Geschichten aus dem Leben. Hier begleitet uns Gott, auch im Leiden, im Sterben und danach. Dies ist eine Zumutung. Ich muss sie nicht rhetorisch nivellieren, sondern in den jeweiligen Kontext stellen, emotional, ästhetisch oder intellektuell, damit es die Menschen bewegt bzw. bewegen kann.
Predigt, sei sie analog oder digital, soll bewegen und nicht Menschen ruhigstellen. Aber wie gelingt das in der Schule? Auch im Religionsunterricht sollen wir die Schülerinnen und Schüler für das Evangelium öffnen, ohne ihnen einen langweiligen Werbetext für Kirchenmitgliedschaft zu präsentieren. Qualität im Gottesdienst ist dialogisch, ambivalent, kritisch, anspruchsvoll und eben nicht einfach. Dies gilt doch bestimmt auch für den Religionsunterricht, oder? 

Was Paulus den Römern einige Jahrzehnte nach Christi Geburt sagen wollte, ist völlig uninteressant, wenn seine Worte nicht auch noch zu uns sprechen.

Horst Heller: Alle religiösen Fragen müssen für das Leben in irgendeiner Weise relevant sein.
Was du zur Relevanz der Exodusgeschichte für Menschen schreibst, die selbst Vertriebene, Verfolgte und Verachtete sind, zeigt, wie wichtig es ist, dass eine biblische Geschichte in die Grunderfahrungen eines Individuums oder einer Gemeinschaft hineinwirkt. Eine historische Analyse der Frühgeschichte des Volkes Israel gehört vielleicht in einen Bibelabend. Eine Predigt möchte eine biblische Erzählung oder einen Paulusbrief in die Befindlichkeit der Menschen hinein auslegen. Was Paulus den Römern einige Jahrzehnte nach Christi Geburt sagen wollte, ist völlig uninteressant, wenn seine Worte nicht – in anderer Weise – auch noch zu uns sprechen. Ich gestehe, dass ich auch nicht immer diesem Anspruch gerecht werde, aber wehe, wenn es uns gar nicht mehr oder kaum noch gelingt, wenn wir aufhören, es zu versuchen.
Der Religionsunterricht ist übrigens keine Predigt, er soll Schülerinnen und Schüler nicht in erster Linie „öffnen für das Evangelium“, sondern sie anleiten, ihre eigene Existenz im Licht des Glaubens neu zu sehen, besser zu verstehen, tiefer zu durchdringen. Alle religiösen Fragen, die zu durchdenken wir den Schülerinnen und Schülern zumuten, müssen für ihr Leben in irgendeiner Weise relevant sein. Die Suche nach (vorläufigen) Antworten auf die Gottesfrage, die Beschäftigung mit Jesus, mit der Bergpredigt und mit Martin Luther hat entweder etwas mit ihnen zu tun – oder sie hat im Unterricht nichts verloren. Wenn ich an keiner Stelle die Bedeutung der Beschäftigung mit der Gnade, der Sünde, der Vergebung und des Gebetes plausibel machen kann, habe ich im Religionsunterricht über kurz oder lang verloren: „Braucht kein Mensch.“
Ich glaube, dass dieses wichtige Kriterium des Lebensweltbezugs aller Unterrichtsinhalte letztlich auch für das gottesdienstliche Handeln gilt. Im Religionsunterricht melden sich die Schülerinnen und Schüler ab, wenn sie nicht erkennen können, dass die religiösen Themen sie selbst betreffen. Das geht unter Umständen ganz zügig. In der Kirchengemeinde geschieht es letztlich auch, wenn auch zögerlicher und zeitlich versetzt. Wir sind gerade Zeuginnen und Zeugen dieser Entwicklung. „Braucht kein Mensch.“

Jeder muss sich an dem bunten Kasten der Qualitätssicherung auch bedienen.

Thomas Jakubowski: Es ist unsere Expertise, auf andere Menschen, andere Positionen und neue Perspektiven hinzuweisen.
Braucht kein Mensch! Braucht kein Mensch? Braucht überhaupt jemand Kirche und den kirchlichen Auftrag? Im Jahr 2020 gab es die Diskussion über die Systemrelevanz der Kirche. Im Jahr 2021 wird diskutiert über Querdenker, Impfgegner und Privilegien der Geimpften und Genesen. Ich kann nur betonen, dass die kirchlichen Dienste und die biblische Verkündigung wichtiger denn je sind. Ich kann aber niemanden zwingen. Aber es ist möglich, dass in Kirchen und in Klassenräumen der Bezug hergestellt wird und die Hoffnung der christlichen Botschaft spürbar wird. Dazu gibt es vielfältige Ansätze und Möglichkeiten, die ich in ihrer Vielzahl super finde. Es gibt nur eine Forderung: Jeder und jede muss sich an dem bunten Kasten der Qualitätssicherung auch bedienen. Predigtgesprächskreise, Gebetsgruppen, Supervision, Bibelstudium, Bibelkommentare und anderes helfen uns dabei, das Dreieck von Sender, Hörer und biblischer Botschaft immer wieder abzuschreiten.
Die Spannung zwischen der menschlichen Hybris beim Turmbau zu Babel und dem Miteinander an Pfingsten zeigt es doch wunderbar: Es geht um Kommunikation im Gottesdienst, in der Schule, zwischen Menschen und vor allem in der Gesellschaft. Wir werden als Christen mehr denn je gebraucht, da es doch unsere Expertise ist, auf andere Menschen, andere Positionen und neue Perspektiven hinzuweisen. Wenn die Menschen das nicht mehr brauchen, dann Gute Nacht! Aufwachen, Aufwecken und den Ruf zur Umkehr zu Gott und zu den Menschen in die Welt tragen, dies ist die Aufgabe aller Christinnen und Christen.

Die Lokomotive Kirche bewegt sich auf vielfältigen Gleisen durch die Welt. Der Abreisebahnhof ist das Evangelium, die Lebenswelt der Menschen der Zielbahnhof. Die Medienkompetenz ist die Routenplanung.

Horst Heller: Die vier Räder der Lokomotive Kirche – Welches benötigt Ertüchtigung??
Halten wir fest: Wir beide finden, dass „die kirchlichen Dienste und die biblische Verkündigung wichtiger denn je ist.“ Dieser Satz ist mir vertraut, er wird auch in meinem Metier, dem Religionsunterricht, oft wiederholt: Die Pandemie habe uns an die Grenzen der Machbarkeit geführt, habe Kinder, Jugendliche und Erwachsene vor die Sinnfrage gestellt. Der Religionsunterricht sei ein Ort des Nachdenkens über die Geschenke des Lebens. Deshalb seien die religiösen und kirchlichen Angebote „existenzrelevant“.
Halten wir weiter fest: Dieses Nachdenken bedarf einer Kommunikation im Dreieck zwischen der Theologie, der Rezipientin oder dem Rezipienten und dem Evangelium selbst. Diese Kommunikation ist keine Einbahnstraße, sondern findet in mehrdirektionaler Interaktivität statt. Das bedeutet: Der Redner wird zugleich zum Hörer, die Ratsuchende wird zur Ratgeberin, die Theologin und der Prediger werden zu Suchenden und Fragenden, stehen also redend auf der Kanzel und sitzen zugleich hörend in Reihe Eins der Kirche, ihr Kinn zum Nachdenken in die Handinnenfläche gestützt.
Halten wir drittens fest: Jede und jeder, die oder der der Relevanz des Evangeliums auf die Spur kommen will, wendet den Bibeltext hin und her und sucht (allein und mit anderen zusammen) danach, wo und wie er in unser Leben hineinspricht. Hat sie oder er etwas gefunden, werden andere ihre oder seine gewonnen Einsichten darauf abklopfen, ob sie im Alltag des Gegenübers und in seiner Kirche einen Niederschlag finden, ob das, was er sagt oder tut, aus der Botschaft der Bibel inspiriert ist oder ob es andere – weltlichere – Motive gibt, die ihr oder sein Leben in Wahrheit bestimmen. Erst dann werden sie prüfen, ob die Kombination von christlichen Worten und gelebten Lebenseinstellungen auch das eigene Leben bewegen kann.
Halten wir schließlich fest: Nach der Pandemie brauchen wir eine Vielfalt von Formen, das Evangelium zu kommunizieren. Wenn die Kirche eine Lokomotive ist, die sich auf vielfältigen Gleisen durch die Welt bewegt, muss das Evangelium der Abreisebahnhof und die Lebenswelt der Menschen der Zielbahnhof sein. Und sie muss souverän mit dem Medium umgehen, das sie nutzt. Die Medienkompetenz ist ihr Routenplan.
Um das Bild ausnahmsweise einmal überzustrapazieren: Wenn diese vier Feststellungen die schweren Stahlräder der Lokomotive Kirche sind, die in den letzten Jahren einige Pferdestärken eingebüßt und einige Anhänger verloren hat … Welches dieser vier Räder benötigt eine Ertüchtigung am dringendsten?

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