Auf der Bewahrung des Status quo liegt kein Segen. Sechs Gründe für die konfessionelle Kooperation als Normalform des Religionsunterrichts

Der Religionsunterricht nach den Grundsätzen der Konfessionen ist grundgesetzlich garantiert. Und doch ist er umstritten. In den sozialen Netzwerken hat der Druck zugenommen. Kritisiert wird, dass er ein Unterrichtsfach an öffentlichen Schulen ist. Religion solle Privatsache werden.

Die meisten Vorwürfe gegen den Religionsunterricht zielen auf eine Didaktik, die schon lange der Vergangenheit angehört. Religionsunterricht hat sich längst Fremdbestimmung und Überwältigung verabschiedet und fördert eine religiöse Bildung in Freiheit. Doch seine Rahmenbedingungen haben sich nochmals geändert. Globalisierung und Zuwanderung haben zu einer größeren religiösen Vielfalt in Deutschland geführt. Säkularisierung und eigene kirchliche Fehlentscheidungen haben die Zahl der Konfessionslosen deutlich anwachsen lassen. Diese Entwicklung ist längst in der Schule angekommen. Der Religionsunterricht ist nun gefordert, auf die gesellschaftlichen Veränderungen zu reagierten, ohne dafür seinen Markenkern zu opfern.

Für eine gemeinsame Verantwortung gibt es gute Gründe.

Die Kooperation der Kirchen im Religionsunterricht wird die Megatrends nicht stoppen. Doch eine mutige Zusammenarbeit, die über Konzeptpapiere, Denkschriften und vorsichtig tastende Erprobungsprojekte hinausgeht, muss jetzt bundesweit kommen, denn es gibt dafür gute Gründe:

Der ökumenische Horizont
Die katholische und evangelische Kirche haben einen großen Teil der Kontroversen aus der Reformationszeit beigelegt. Darüber hinaus haben sie im Sinne eines neuen Verständnisses von religiöser Wahrheit begonnen, den Reichtum der jeweils anderen Konfession wertzuschätzen und sich selbst als Suchende und Fragende nach der Wahrheit zu verstehen. Die wenigen kirchentrennenden Unterschiede sind für die Kooperation im Bildungsbereich nicht von Bedeutung. Priesteramt und Eucharistie berühren den Religionsunterricht nicht, selbst Wortgottesdienste können gemeinsam gefeiert werden.

Multireligiosität und Konfessionsfreiheit als neues Gegenüber
Eine durchgehende und unüberwindliche Trennung des Unterrichts in protestantische und katholische Lerngruppen ist ein Relikt aus der Zeit, in der die Konfessionalität als zentrales Unterscheidungsmerkmal von Familien und Regionen galt. Doch in Deutschland ist die Zahl der Konfessionslosen (32 Mio) längst größer als die Zahl der katholischen (22 Mio) oder der evangelischen (20 Mio) Christinnen und Christen. Der Religionsunterricht wird weit weniger von der anderen Konfession als von der zunehmenden Konfessionsfreiheit herausgefordert.

Kompetenzorientierung und die Rolle der Lehrperson
Die evangelische Religionspädagogik hat die Didaktik der „Evangelischen Unterweisung“ längst hinter sich gelassen. Der katholische Religionsunterricht verbreitet keine Dogmen mehr. Im Religionsunterricht können Fähigkeiten erworben werden. Wo Wissen gelehrt wird, steht es im Dienst des Kompetenzerwerbs. Dies verlangt eine Differenzierung, die sich nicht an den Grenzen der Konfessionszugehörigkeit der Schülerinnen und Schüler orientiert.
Damit hat sich auch die Rolle der Lehrkraft gewandelt. Sie ist nicht mehr Vermittlerin kirchlicher Lehre oder Zeugin für bestimmte Wahrheiten, sondern leitet religiöse Lernprozesse an. Dafür ist ihre höchstpersönliche religiöse Einstellung mitsamt ihrer möglichen Anfragen an die Kirche und Glauben hilfreicher als ein Verweis auf die kollektive Glaubenserfahrung der Kirche.

Konfessionsbewusst zu unterrichten bedeutet für Schülerinnen und Schüler, die eigene Konfession im Spiegel der anderen zu sehen.

Der pädagogische Wert heterogener Lerngruppen
Religionsunterricht will Schülerinnen und Schüler anleiten, über religiöse und spirituelle Fragen zu sprechen und vorläufig zu positionieren. Im Dialog mit anders Denkenden legen sie die eigene Meinung dar, nehmen aber auch die Perspektive des Gegenübers wahr. Dialog- und Pluralitätsfähigkeit können also in monokonfessionellen Lernarrangements weniger gut angebahnt werden. Die Mitarbeit von Schülerinnen und Schüler der anderen Konfession, ja auch von Konfessionslosen bietet eine doppelte Lernchance: Die andere Sicht auf Religion kommt authentisch, ggf. auch kindgerecht zu Wort. Und die eigene Konfession wird im Spiegel der anderen besser verständlich.

Netzwerke überwinden konfessionelle Grenzen
Die Vielfalt an religionspädagogischem Unterrichtsmaterial im Internet kann von den Kirchen nur zu kleinen Teilen wahrgenommen, geordnet, erprobt oder bewertet werden. Die Digitalisierung hat den Institutionen Grenzen aufgezeigt. Mit guten Gründen beteiligen sich die Kirchen (in Person ihrer Beauftragten) nun verstärkt an überkonfessionellen digitalen Netzwerken. Der Religionsunterricht, ein Kind der Kirche, hat begonnen, nicht mehr nur nach der „elterlichen“ Anleitung zu fragen, sondern sucht überall nach Anregung. Lehrpersonen, Communities und Institutionen brauchen einander aber. Das gemeinsame Ziel ist der Aufbau einer vernetzten religiösen Bildungsanstrengung, in der die Konfessionen und die konfessionsübergreifenden Netzwerke einander ergänzen.

Corona hat vieles verändert
Während der Pandemie der Jahre 2020 und 2021 fand in vielen Schulen monatelang kein Religionsunterricht statt. Die „Kernfächer“ hatten Vorrang, das einzige grundgesetzlich geschützte Fach war nicht mehr sakrosankt. Als es dann wieder erteilt wurde, verlangten die Hygienekonzepte der Schule durchweg den Unterricht im Klassenverband, oft sogar ohne die Möglichkeit der Abmeldung. Seither kann der überkonfessionelle Unterricht als erprobt, aber nicht überall als didaktisch reflektiert gelten. Zwar wurde vielfach der Beweis erbracht, dass in heterogenen Lerngruppen vielversprechende Lernprozesse möglich waren. Doch wurde der Religionsunterricht vielfach daran gehindert, seinen Markenkern zu zeigen: die Gottesfrage „Bitte nur ethische Themen!“ war die Vorgabe vieler Schulleitungen, die damit in die inhaltliche Gestaltungsbefugnis der Kirchen eingriffen.

Die konfessionelle Kooperation kann der Einstieg in ein modernes Format des Religionsunterrichts in der säkularen Welt sein.

Nach dem Ende der Pandemie wird es keine Rückkehr in den Status quo ante geben. Es gilt vielmehr, in den gewonnenen Erfahrungen den Auftakt zur Konzeption einer modernen Gestalt des Religionsunterrichts zu sehen und umgehend ans Werk zu gehen. Das Grundgesetz und die Landesverfassungen lassen den „Religionsgemeinschaften“ didaktischen und organisatorischen Spielraum, um christliche Inhalte in einer zunehmend säkularen, globalen und singularisierten Welt neu zu übersetzen.

Die erweitere Kooperation der Kirchen ist – wie oben bereits betont – nicht die Antwort des Religionsunterrichts auf Pandemie, Digitalisierung und Konfessionslosigkeit. Ein kooperativer Religionsunterricht begründet sich wie der konfessionelle aus der positiven Religionsfreiheit und gewährt selbstverständlich die negative Religionsfreiheit. Eine Abmeldung vom Religionsunterricht ist weiterhin möglich. Doch diese epochalen Veränderungen unterstreichen die Notwenigkeit der Zusammenarbeit. In der Pandemie wurden kooperative Handreichungen schmerzlich vermisst.

Die nächsten Schritte:

  • kurzfristig und mittelfristig
    1. Fortbildungen für Lehrkräfte mit den Ziel, die Chancen des Lernens in konfessionell heterogenen Lerngruppen zu entdecken.
    2. Die Implementierung der konfessionellen Kooperation in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung an den Hochschulen und in den Studienseminaren.
    3. Lernarrangements, in der sich Minderheiten phasenweise in eigenen Lerngruppen treffen können. Ein konfessionell-kooperativer Religionsunterricht ist zwar ökumenisch, aber nicht ökonomisch und verlangt von den Schulen immer wieder mal die Auflösung des Klassenverbands in konfessionelle Lerngruppen.
    4. Ein Verfahren, das die Qualität des Kooperationsprojektes evaluiert und sicherstellt, dass die Zusammenarbeit konfessionssensibel und konfessionsdifferent geschieht und Nivellierungen auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner vermieden werden.
  • langfristig:
    5. Eine nach-pandemische Religionsdidaktik, die Digitalität, Performanz, theologisierende und interreligiöse Diskurse sowie die Erprobung von Spiritualität integriert.

Die konfessionelle Trennung des Religionsunterrichts hatte jahrzehntelang ihr gutes Recht. Die gesellschaftlichen Veränderungen haben aber Auswirkungen auf die Schule. Es besteht Handlungsbedarf bei der Organisationsform des Unterrichts. Wir haben den Schuss gehört.

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