„Das Lieben bringt groß Freud.“ Wir kennen dieses Volkslied – und wissen wenig über den, dem wir es verdanken.

Das Lieben bringt groß’ Freud’,
das wissen alle Leut.
Weiß mir ein schönes Schätzelein,
mit zwei schwarzbraunen Äugelein,
das mir, das mir, das mir mein Herz erfreut.

Ein junger Mann schickt seinem Mädchen ein „Sträußelein“ aus Rosmarin und Nelken. Sie versteht, was er ihr damit sagen will: Er wird sie heiraten, doch sie muss sich noch gedulden. Das ist die Geschichte, die ein Volkslied erzählt, das 1827 zum ersten Mal im Druck erschien.

Wer es gedichtet hat, ist unbekannt. Aber vor 200 Jahren, als es der schwäbische Musikpädagoge und Musikwissenschaftler Friedrich Silcher in seine Editon der „Volkslieder für vier Stimmen“ aufnahm, war es in seiner Heimat bereits bekannt.

Ein Brieflein schrieb sie mir,
ich soll treu ihr bleiben,
drauf schickt ich ihr ein Sträußelein,
schön Rosmarin, brauns Nägelein,
sie sollt, sie sollt, sie sollt mein eigen sein.

Friedrich Silcher (1798-1860)

Friedrich Silcher, ein Zeitgenosse von Franz Schubert, war der Sohn eines Schullehrers und wurde im Jahr der französischen Revolution 1789 geboren. Wie sein Vater war auch er Dorfschullehrer. In seiner Ausbildung wurde ihm attestiert, er sei ein „begabter Jüngling mit trefflichem musikalischem Talent.“ Er erhielt Unterricht in Klavier, Orgel, Harmonie- und Kompositionslehre und begegnete dem Komponisten Karl-Maria von Weber und dem Schweizer Reformpädagogen Johann Heinrich Pestalozzi.

Silcher interessierte sich für volkstümliche Lieder, die nicht nur in den Akademien und an den Höfen, sondern auch in den Küchen und auf den Märkten gesungen wurden. Als er 28-jährig zum ersten Musikdirektor der Universität Tübingen und zugleich zum Musiklehrer am Tübinger „Stift“ ernannt worden war, in dem die württembergischen Theologiestudenten wohnten, begann er, diese Lieder zu sammeln. Er editierte das mündlich überlieferte Liedgut und komponierte leichte und mittelschwere Chorsätze. Diese übte er mit seiner Akademischen Liedertafel ein und gestaltete so Empfänge und Veranstaltungen der Universität. Die angehenden Akademiker waren somit die ersten, die die Volkslieder in einem vierstimmigen Chorsatz aufführten. Man kann sich sehr gut vorstellen, dass sie vor allem „Das Lieben bringt groß Freud“ mit Inbrunst sangen, denn die Sehnsucht nach ihrer Liebsten, die sie erst heiraten durften, wenn sie ihr Studium abgeschlossen und für eine Familie sorgen konnten, kannten sie sehr gut.

Mein eigen soll sie sein,
keinem andern mehr als mein.
Und so leben wir in Freud’ und Leid,
bis dass der Tod uns beide scheidt.
Dann ade, dann ade, ade, mein Schatz, leb wohl!

„Das Lieben bringt groß Freud'“ – gesungen vom Männerchor der BASF. So ähnlich wird das Lied in der Akademischen Liedertafel geklungen haben

Auch Soldaten, die sich fern der Heimat nach ihrem Mädchen sehnten, liebten das Lied, wie das Freiburger Zentrum für populäre Kultur und Musik herausgefunden hat.

Als Silcher im Jahr 1860 71-jährig hochgeehrt starb, hatte er über 140 Lieder herausgegeben, aber auch heute kaum noch bekannte Kammermusik und zwei große Orchesterouvertüren komponiert. Zu Textvorlagen romantischer Dichter seiner Zeit schuf er selbst volkstümliche Melodien. Manche von ihnen wurden selbst Volkslieder. Er ist der Komponist des Weihnachtslieds „Alle Jahre wieder“ (Text: Wilhelm Hey), schrieb die Noten zu dem Eichendorff-Klassiker „In einem kühlen Grunde“ und vertonte Heinrich Heines „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten.“ Auch bekannte Kirchenliedermelodien stammen von ihm. So bekannt und beliebt diese Lieder heute auch sind, die wenigsten kennen oder wissen etwas über ihren Schöpfer. Oder wem fällt bei „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ und bei „So nimm denn meine Hände“ auf Anhieb der Name des schwäbischen Komponisten Friedrich Silcher ein?

„Entschuldigen Sie! Eine Frage: Kennen Sie Friedrich Silcher?“ Der erste Teil dieses Videos des Silcher.Museums Weinstadt-Schnait ist eine kurzweilige Darstellung von Leben und Werk des schwäbischen Musikpädagogen

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