Mein Süditalien. Menschen spazieren, telefonieren und lassen mich Anteil nehmen. Ich liebe es, dabei zu sein.

Horst Heller (CC BY)

Es ist früher Nachmittag. Ich sitze auf einer Bank am Lungomare, der befestigten Strandpromenade direkt am Meer. Die Menschen hier in Süditalien sind noch bei der Arbeit. Ich genieße es, für mich sein zu dürfen. Mein Blick schweift über den menschenleeren Strand auf das Meer. Seine dunklen Blautöne treffen am Horizont auf das helle Blau des Himmels. Die Sonne scheint mir auf die Schulter, doch jetzt im Mai ist das noch angenehm. In einigen Stunden wird diese sonnige Oase der Stille zu einem Ort der Begegnung werden. Jetzt aber ist außer einigen streunenden Hunden kein Lebewesen zu entdecken. Und doch höre ich eine aufgeregte Stimme mit hoher Lautstärke, jemand telefoniert. Ja, die Menschen hier lieben Kommunikation, auch wenn sie alleine sind. Es wird immer gerne miteinander gesprochen, von Autofenster zu Autofenster, am Cancello, dem Vorgartentürchen, und besonders gern bei einem Spaziergang. Das Smartphone ermöglicht es, auch allein nicht ist ohne Gesprächspartner zu sein. Die Bildtelefonie ist besonders beliebt, denn an Gigabyte besteht in Italien – im Gegensatz zu Deutschland – nie ein Mangel.

Telefongespräche führt man zudem gerne in Gesellschaft. Zwei Frauen treffen sich zum Walken, eine telefoniert. Ein betagtes Ehepaar macht ein paar Schritte am Lungomare. Sie telefoniert mit der Tochter, er hört zu. Zwei Brüder, die in einem Büro arbeiten, verbringen ihre Mittagspause im Gehen. Der ältere telefoniert. Damit der Jüngere (und auch ich) der Unterhaltung folgen kann, wird der Gesprächspartner laut gestellt. Im Teutonien geht man zum Telefonieren in ein Nebenzimmer, hier geht man auf die Straße – des besseren Netzempfamgs wegen – oder an den Lungomare. Wer hat denn festgelegt, dass Telefonieren Privatsache sei?

Familienspaziergänge auf dem Lungomare wirken auf unterkühlte Nordeuropäer wie eine Mischung aus Familienfeier und Urlaubsvorbereitung. Familienfeier, weil die Frauen schöne Schuhe tragen und die Männer ein frisch gebügeltes Hemd. Urlaubsvorbereitung, weil eine gewisse Aufregung herrscht. Zwei Jungen streiten laut, die Mutter telefoniert. Die Tochter tippt auf ihr Handy und beteiligt sich gleichzeitig am Familiengespräch. Die Kleinen rennen umher. Doch das geht gar nicht. Der Vater nimmt das Töchterchen auf den Arm und ermahnt es, er habe ihr doch schon hundertmal gesagt, sie solle nicht rennen. Erst als sie verspricht, schön piano zu laufen, darf sie wieder herunter. Nach drei Schritten ist alles vergessen. Warum soll sie nicht rennen? Ich glaube nicht, dass es wegen der Sorge um die gute Kleidung ist. Nein, die Antwort ist viel einfacher: Das Kind könnte sich wehtun. Und außerdem könnte es der nachlässigen Aufsicht der in Gespräche vertieften Eltern entkommen.

Am Sonntagmorgen sind die Spaziergänge am Meer anders. Es fehlen die Mütter und Großmütter. Sie sind zu Hause bei der Vorbereitung des Mittagessens. Männer stören dabei nur. Sie übernehmen in dieser Zeit die Kinderbetreuung, indem sie am Lungomare spazieren gehen – und dabei telefonieren. Früher hatten sie nach dem Essen noch die ehrenvolle Aufgabe, den Müll herauszutragen, aber seit in Süditalien die Mülltrennung angekommen ist, sieht man das weniger.

Arbeitskollegen treffen sich zum Rauchen am Lungomare, Männer zum Joggen, junge Frauen spazieren am Arm ihrer schwarzgekleideten Mutter. Liebespaare treffen sich dort, auch solche, die es noch werden wollen. Ein Mann fährt mit dem Fahrrad auf und ab. Er hat einen Player an die Lenkstange montiert, der amerikanische Countrymusik spielt. Die Menschen schauen sich an, lächeln – und lassen ihn gewähren. Er kommt täglich um diese Zeit. Jeder darf hier sein wie er mag. Nur dass einer auf der Bank sitzt und nicht spazieren will, das verstehen sie nicht. Warum ich denn nicht laufen mag, fragt mich einer und bleibt dafür stehen. Wir seien doch am Lungomare. Ich antworte, es gebe für mich nichts Schöneres, als hier auf der Bank zu sitzen. (Und Telefonieren ist nicht meine Leidenschaft. Aber das sage ich nicht.) Seine freundliche Antwort im Dialekt verstehe ich nicht. Ist vielleicht besser so.

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