„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten.“ Wie aus der Ballade von der schönen Lore aus Bacharach ein Volkslied wurde

Ein kahler Schieferfelsen am Mittelrhein. Weiße Ausflugsschiffe fahren mit gedrosselter Geschwindigkeit an ihm vorbei. Aus den Lautsprechern an Deck ertönt knarzend ein altes Lied, das auch die asiatische Reisegesellschaft kennt, die gerade Kaffee bestellt hat. Gestern haben die Fernreisenden noch Selfies vor dem Schloss Neuschwanstein gemacht, heute suchen sie die Spitze des Felsens nach einen Mädchen ab, das sich dort mit einem goldenen Kamm die Haare pflegt, und morgen werden sie im Schwarzwald eine Kuckucksuhr kaufen. Dann haben sie die drei Orte besucht, die – wie man ihnen gesagt hat – wie nichts anderes für das romantische Deutschland stehen.

Dass der berühmte Felsen am Rhein so oft besucht wird, hat mit einer Geschichte von Liebe, Verführung, Zauberei und Tod zu tun. Ihre Popularität verdankt sie drei romantischen Künstlern, dem Schriftsteller Clemens Brentano, dem Dichter Heinrich Heine und dem Komponisten Friedrich Silcher. In einer Ballade aus dem Jahr 1800, die der in der Nähe von Koblenz geborene Brentano noch während seines Studiums verfasste, erzählt er die Geschichte des schönen Mädchens Lore Lay aus Bacharach, die von ihrem Geliebten verlassen worden ist. Ihr Schmerz ist so groß, dass sie über diesen Verlust zu einer Zauberin geworden ist, der alle Männer erliegen. Sie selbst ist unglücklich, denn den Einzigen, den sie liebt, konnte sie nicht verzaubern. Mit dem Schiff ist er abgereist.

Das Unglück der Männer von Bacharach ruft den Bischof auf den Plan. Doch anstatt die gefährliche junge Frau zu verurteilen, verliebt er sich selbst in sie: „Ich kann dich nicht verdammen, / bis du mir erst bekennt, / warum in diesen Flammen / mein eigen Herz schon brennt.“ Er befiehlt ihr schließlich, in ein Kloster zu gehen und beauftragt drei Ritter, sie dorthin zu begleiten: „Bringt sie ins Kloster hin! / Geh, Lore! – Gott befohlen / sei dein berückter Sinn. / Du sollst ein Nönnchen werden, / ein Nönnchen schwarz und weiß. / Bereite dich auf Erden / zu deines Todes Reis.’“

Lore ist einverstanden. Auf der Reise ins Kloster kommen das Mädchen und seine Begleiter am Loreley-Felsen vorbei. Sie bittet darum, noch einmal an dessen Spitze klettern zu dürfen. Als sie von oben ein Schiff passieren sieht, hofft die Unglückliche, dass ihr Geliebter zu ihr zurückkehrt. Voller Hoffnung steigt sie eilig herab, stürzt dabei in den Rhein und kommt tragisch ums Leben.

Der Fluss zwängt sich an dieser Stelle in einem engen Doppel-S durch das Mittelrheintal. Im 19. Jahrhundert war das Passieren des Felsens auch für erfahrene Schiffer eine Herausforderung. Die weißen Ausflugsschiffe haben damit kein Problem mehr. An Deck wird der Kaffee serviert. Die Reiseleiterin liest in mehreren Sprachen die Geschichte des Loreleyfelsens. Doch es ist nicht die der Ballade Brentanos. Die Legende, die sie erzählt, beruht auf einem weit berühmteren Gedicht, das Heinrich Heine im Jahr 1824 veröffentlichte. Seine Lore Ley (Er schreibt den Nachnamen nun mit „e“) sitzt allein auf dem Felsen. Aus Brentanos unglücklichem Mädchen ist eine böse Verführerin geworden, die durch das ostentative Kämmen ihres Haares und durch ihren Gesang die Rheinschiffer reihenweise in den Untergang treibt. War sie bei Brentano selbst im Rhein ertrunken, so sind es nun die Schiffe und ihre Besatzung, die durch ihre Schuld kentern.

Heines Gedicht war schon zu seinen Lebzeiten populär. Es wurde mehrfach vertont, auch von Clara Schumann. Die bekannteste Melodie, die auch aus den Lautsprechern des Rheinschiffes erklingt, ist die des schwäbischen Musikers und Pädagogen Friedrich Silcher. Mit seiner Komposition aus dem Jahr 1838 schuf der Sammler volkstümlicher Gesänge ein weltberühmtes Kunstlied, das längst zum Volkslied geworden ist.

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