„Ich glaube eigentlich nicht an Wunder, aber mir sind im meinem Leben schon einige widerfahren.“ Ein Plädoyer für eine aufmerksame Spurensuche

Horst Heller (CC BY)
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„Welchen Wundern sind Sie in Ihrem Leben schon mal begegnet?“ Die Frage richtete vor einigen Jahren der Referent einer Tagung an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer und forderte sie auf, ihre Antworten zu notieren Es „wunderte“ mich, dass fast alle, ohne lange zu überlegen, anfingen zu schreiben und ihre Erinnerungen bereitwillig teilten. Der eine erzählte von einer Genesung nach schwerer Krankheit, die andere von der Geburt ihrer Tochter, der dritte von einem unverhofften Wiedersehen.

Die Tagung wandte sich dann anderen Fragen zu, aber ein Satz dieses Morgens ist mir in Erinnerung geblieben. „Ich glaube eigentlich nicht an Wunder, aber in meinen Leben sind mir schon einige widerfahren.“

Wie kommt es, dass so viele von Wundern in ihrem Leben erzählten können?

Über diesen Satz denke ich immer wieder nach. Wenn dem Glauben zugetraut wird, dass er „Berge versetzen“ kann (1 Kor 13,2), dann ist das metaphorisch zu verstehen. Naturwunder ereignen sich nicht. Doch was im ersten Moment wie ein Widerspruch aussieht, ist bei näherem Hinsehen keiner.

Ein Gedankenexperiment: Stellen wir uns einen Moment vor, Gott würde in den Lauf der Welt eingreifen. Müssten dafür Berge weichen, Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden? Keineswegs. Wenn Gott handelt, muss das die Gesetzmäßigkeiten der Welt nicht berühren. Doch wenn sein Eingreifen nicht spektakulär ist, wenn unsere Berechnungen, Beobachtungen und logische Herleitungen nicht auf Außergewöhnliches schließen lassen, könnte Gott dann nicht seine Hand im Spiel gehabt haben? Würden wir dann überhaupt wahrnehmen?

Dass ein Flugzeug abstürzt, wenn die Technik völlig versagt, ist leider unvermeidlich. Von einem Wunder, dass die Schwerkraft aussetzt, hat noch nie jemand gehört. Nehmen wir an, dass ein Mensch, nennen wir ihn Eric, mit diesem Flugzeug reisen wollte. Beim Check-In musste er aber feststellen, dass sein Ausweis abgelaufen war. Er hatte nicht daran gedacht, rechtzeitig neue Dokumente zu beantragen. Seine Vergesslichkeit rettete ihm das Leben.

Eric denkt nach. War das ein Wunder? Er will unbedingt herauszufinden, wer oder was ihn vor dem tödlichen Absturz bewahrt hat. Ein glücklicher Zufall oder ein höherer Plan? Warum wurde er gerettet? Wäre er auf der Tagung gewesen, hätte er notieren können: „Ich glaube eigentlich nicht an Gott. Aber ich bin überzeugt, dass an diesem Tag eine fürsorgende Macht die Hand über mich gehalten hat.“ Diese Fürsorge (nennen wir sie einmal Gott) setzte kein Naturgesetz außer Kraft. Gott handelte nicht, niemand tat etwas, selbst Eric nicht. Im Gegenteil: Er hatte etwas unterlassen.

Wenn in Erics Vergesslichkeit Spuren Gottes sichtbar werden, dann könnte alles im Leben ein Wunder sein. Oder ein Zufall.

„Ich glaube nicht an Gott, aber manchmal denke ich, dass er mich bewahrt hat.“ Auch dieser Satz muss kein Unsinn sein. Ob es Gott gibt, können wir nicht wissen. Es ist überhaupt müßig, darüber zu diskutieren, ob eine Dimension außerhalb unserer Dimensionen existiert. Wenn sich dieses Unbekannte nicht empirisch fassen lässt, ist seine „Existenz“ (schon dieses Wort könnte falsch sein) nicht nur spekulativ, sie ist auch nicht relevant. Aber wenn Eric zu dem Schluss käme, dass „es“ (nennen wir es wieder Gott) ihn vor Schaden bewahrt, ja vor dem Tod gerettet hat, vielleicht um ihn an ein noch unbekanntes Ziel zu begleiten, ändert das sein Leben. Ich finde es nicht unvernünftig, darauf zu vertrauen, dass meine Mitmenschen und ich, ja die ganze Schöpfung in den Gedanken dieses einen Gottes eine Rolle spielen, dass seine „Welt“ und meine Welt sich überschneiden und dass ich deshalb manchmal unvermittelt fühlen kann, dass er mir nah ist und dass er mich begleitet und segnet.

Die Frage nach Wundern in meinem Leben stellt sich mir also als Aufforderung zu einer achtsamen Spurensuche. Das Kleinste und Unscheinbarste in meinem Leben könnte ein Wunder sein.

Ich selbst hatte übrigens bei dieser Tagung Schwierigkeiten, etwas Wunderbares zu Papier zu bringen. Aber seither sind ein paar Jahre vergangen und in meinem Kopf spricht der Referent der Tagung weiter zu mir: Er fragt mich: „Hast du schon mal unverdientes Glück gehabt?“ „Ja“, antworte ich. „Bist du schon einmal aus dem Staunen nicht herausgekommen?“ „Ja.“ „Hast du schon einmal etwas wiedergefunden und hättest dafür die ganze Welt umarmen können?“ „Ja.“ „Hast du mal Musik gehört, von der du fühltest, dass sie nur für dich erklingt?“ „Ja.“ „Hast du schon mal die Nähe Gottes in einem kurzen Moment gefühlt?“

Die Frage nach Wundern in meinem Leben stellt sich mir als Aufforderung zu einer Spurensuche.

„Ja“, antwortet es in mir. „Aber sind das Wunder?“ „Das liegt an dir“, antwortete er mir. Das entscheidest du selbst. Du kannst glauben, solche Ereignisse seien Zufall oder Glück. Oder du kannst das ganze Leben als wunderbares Geschenk ansehen, in dem sich auch Unerwartetes und Unverdientes ereignet. Was erscheint dir plausibler?

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