Wer ist Lilly Ledbetter? – oder warum der Equal Pay Day in diesem Jahr noch vor uns liegt.

Im vergangenen Jahr erschien der erste Band von Barack Obamas Präsidentschaftserinnerungen. Er erzählt darin sehr persönlich von seinem Weg vom jungen Mann auf der Suche nach einer Identität bis hin zum 44. und ersten farbigen Präsidenten der USA. Besonders eindrücklich sind die Beschreibungen des Balanceaktes, seinen Idealen und Werten treu zu bleiben, als er unvermittelt auf der Weltbühne stand und Macht in seinen Händen hielt.

In den letzten Januartagen des Jahres 2009 – Obama ist erst wenige Tage im Amt – unterschreibt er das erste Gesetz seiner Administration. Es ist der Lilly Ledbetter Fair Pay Act, der es Betroffenen erleichtert, sich gegen die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern zu wehren. Das Gesetz war bereits in der Zeit zwischen den Wahlen (im November 2008) und seinem Amtsantritt am 20. Januar 2009 vorbereitet worden und wurde nun innerhalb weniger Tage von beiden Kammern des Kongresses beraten und beschlossen:

An meinem neunten Tag im Amt verlieh ich dem ersten Gesetzentwurf per Unterschrift Gesetzeskraft. [Er] … war nach Lilly Ledbetter, einer bescheidenen Frau aus Alabama benannt, die nach langjähriger Tätigkeit … entdeckt hatte, dass sie routinemäßig schlechter bezahlt wurde als ihre männlichen Kollegen. Wie bei Diskriminierungsfällen üblich, hätte das eigentlich eine todsichere Sache sein sollen, doch hatte der Supreme Court 2007, wider alle Vernunft, die Klage abgewiesen. Laut Richter Samuel Alito hätte Ledbetter … ihre Klage innerhalb von 180 Tagen nach der erstmalig auftretenden Diskriminierung einreichen müssen. Mit anderen Worten: sechs Monate nach ihrem ersten Gehaltsscheck und viele Jahre bevor ihr die ungleiche Bezahlung überhaupt auffiel. Über ein Jahr lang hatten die Republikaner im Senat Gegenmaßnahmen verhindert und Präsident Bush hatte zugesagt, sein Veto einzulegen, falls das Gesetz doch durchginge“ (Barack Obama, Ein verheißenes Land, München, 2020, S. 335)

Lilly Ledbetter arbeitete fast 20 Jahre in leitender Funktion bei Goodyear im US-Bundesstaat Alabama. Kurz vor ihrem Ruhestand erhielt sie einen anonymen Hinweis, dass sie weniger verdiene als männliche Kollegen in gleicher Position. Es ging um Gehaltsunterschiede in der Höhe zwischen 500 bis 1500 Dollar pro Monat. Sie verklagte ihren Arbeitgeber, um eine faire Entlohnung zu erreichen, und war auch zunächst erfolgreich. Doch höhere Instanzen und der Supreme Court wiesen die Klage ab. Die Klägerin hätte 180 Tage nach der ersten Gehaltszahlung Anzeige erstatten müssen, auch wenn sie die ungerechte Bezahlung zunächst nicht bemerkt hatte. Dass diese Ungerechtigkeit ihr mit jedem Gehaltsscheck von Neuem und somit monatlich widerfuhr, war juristisch nicht von Bedeutung. Erst als es nach den Wahlen eine demokratische Mehrheit im Kongress gab, konnte diese Ungerechtigkeit beseitigt werden. Seit Inkrafttreten des Gesetzes beginnt die 180 Tage Frist nun nach jeder diskriminierenden Lohnzahlung neu.

In Europa ist das Problem der ungleichen Bezahlung bekannt. Frauen verdienen auch bei uns weniger als Männer. Hierzulande ist dieser Missstand sogar stärker ausgeprägt als in den meisten anderen Ländern Europas.

Im Jahr 2008 wurde in Deutschland der erste Equal Pay Day begangen. Die Initiatorinnen übernahmen mit dem 15. April zunächst das Datum, an dem dieser Tag in den USA begangen wird. Seit 2009 wird das Datum jährlich neu anhand von Berechnungen des Statistischen Bundesamtes errechnet. Er findet immer an dem Tag statt, bis zu dem Frauen rechnerisch ohne Entlohnung arbeiten, wenn sie für den Rest des Jahres die gleichen Löhne wie ihre männlichen Kollegen erhalten würden. Je später dieser Tag liegt, desto größer ist also die Differenz. Im Jahr 2009 wurde für Deutschland der 20. März errechnet, der Lohnunterschied betrug 23 Prozent. In 2021 sind die Zahlen ein wenig erfreulicher. Frauen verdienen im Durchschnitt 19 Prozent weniger als Männer. Der Equal Pay Day ist somit der 10. März, er liegt also noch vor uns. Der Gender Pay Gap hat sich in 12 Jahren verkleinert, aber die Fortschritte sind, naja, überschaubar.

Die Ursachen liegen in den überkommenen Rollenvorstellungen, aber auch in verfestigten Unternehmenskulturen und in der geringeren Wertschätzung traditioneller Frauenberufe. Der Kampf für eine gerechtere Bezahlung geht nicht nur Frauen an, denn die Überwindung dieser Ungerechtigkeit würde auch für Männer mehr Freiheit bezüglich ihrer Rolle in Gesellschaft, Familie und Beruf bedeuten. Dann wäre die Entscheidung, wer zu Gunsten von Kindererziehung, Altenpflege oder Ehrenamt Auszeiten vom Berufsleben nimmt oder in Teilzeit arbeitet, mehr von den persönlichen Wünschen und Begabungen und weniger von der Höhe des jeweiligen Gehalts abhängig. Männer verlieren nichts, wenn Frauen bei gleicher Arbeit gleich viel verdienen wie sie. Im Gegenteil.

Wenn der Trend anhält, begehen wir vielleicht im kommenden Jahr den Gender Pay Day am 8. März, dem Internationalen Tag der Frau. Dann würde das Anliegen gerechter Entlohnung mit dem Kampf der Frauen für Gleichberechtigung und gleiche Teilhabe in allen Bereichen der Gesellschaft zusammenfallen.

Links:
Lilly Ledbetter: https://en.wikipedia.org/wiki/Lilly_Ledbetter
Informationen des Statistischen Bundesamtes zur Lohnentwicklung bei Frauen und Männern: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/12/PD20_484_621.html
Webseite des Initiative Equal Pay Day: https://www.equalpayday.de
Bundesministerium für Familie, Der erste Equal Pay Day 2009: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/alle-meldungen/equal-pay-day-2009–dossier-entgeltungleichheit-und-instrument-logib-d-vorgestellt/81632?view=DEFAULT

Blogbeiträge zu Barack Obamas Präsidentschaftserinnerungen auf www.horstheller.de
07.03.2021: Wer ist Lilly Ledbetter? Warum der Equal Pay Day noch vor uns liegt.
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