Matera, Movie, Menschenwürde. Ein neuer Passionsfilm legt den Finger in eine Wunde unserer Gesellschaft

Horst Heller (CC BY)
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Es gibt Gründe, diesen Film nicht zu empfehlen.
Gläubige, denen die biblische Passionsgeschichte viel bedeutet, könnten sich angesichts ihrer Verfremdung abwenden. Einige Szenen zeigen unkommentiert Gewalt und Rassismus. Das kann verstörend auf Zuschauerinnen und Zuschauer wirken. Gibt es dennoch Gründe, diesen Film anzusehen und ihn möglicherweise sogar unterrichtlich zu verwenden? Dieser Betrag geht dieser Frage nach.

Im Jahr 2019 wurde die süditalienische Stadt Matera in der süditalienischen Basilicata Kulturhauptstadt Europas. Der Rat der Stadt fragte den Schweizer Theatermacher Milo Rau an, in seiner Stadt einen Film zur Passion Christi zu drehen. Der Regisseur, für seine politischen Inszenierungen bekannt, sagte zu und besuchte die Stadt und ihre Umgebung. Die sonnenbeschienenen Gassen der Stadt, die Felsenkirchen und vor allem die berühmten Sassi, die in den Felsen gehauenen Wohnungen der historischen Altstadt, übersah er nicht. Für die Kulisse seines Filmprojekts suchte er aber nach einer anderen Location. Wenige Kilometer vom Zentrum des Weltkulturerbes entdeckte er eine verwahrloste Betonruine, Felandina genannt, die einer großen Zahl afrikanischer Migranten als primitive Unterkunft diente. Im Sommer arbeiteten die meisten von ihnen in glühend heißer Sonne und ohne Krankenversorgung auf den Tomaten- und Orangenplantagen der Umgebung. Für den Winter hatten die wenigsten von ihnen eine Perspektive. „Mein Jesusfilm kann nicht nostalgisch werden“, erläuterte der Regisseur den Bewohnern der Stadt am Anfang des Films. Und so verwebt „Das Neue Evangelium“ die Passion Christi mit dem Leiden der Flüchtlinge, dass es zunehmend schwieriger wird, beide Ebenen zu trennen.

Mit seinem Filmprojekt knüpfte Milo Rau an eine Tradition an, die mit Pier Paolo Pasolini im Jahr 1964 begonnen hatte. Dessen provokativer Jesusfilm „Das Evangelium nach Matthäus“ hatte sowohl Beifall als auch Hass geerntet. Hauptdarsteller war Enrique Irazoqui. Ihm gab Milo Rau 56 Jahre später in seiner Produktion die Rolle des Täufers Johannes. Auch Mel Gibsons „Die Passion Christi“ (2004) nutzte die Kulisse von Matera – mit Maia Morgenstern als Mutter Jesu. Milo Rau engagierte sie in seinem Film mit der gleichen Rolle. Die rumänische Schauspielerin und Theatermacherin füllt die Rolle beeindruckend aus.

Es ist unmöglich, diesen Film einzuordnen.
Er knüpft an das Genre der Passionsfilme an, dokumentiert den Kampf der Landarbeiter für Würde und Gerechtigkeit, enthält Interviews und zeigt Vorbereitungen, die der Regisseur vor Beginn der Dreharbeiten trifft. Mehrfach sind Proben, in denen Regieanweisungen gegeben werden, im Film enthalten.

Er beginnt mit einer Reminiszenz an Pasolini. Milo Rau besichtigt mit seinem Hauptdarsteller Yvan Sagnet die Spielstätten, in denen Jesus von Nazareth seine Jünger berufen hatte. Der Kameruner ist bereits vor über zehn Jahren nach Italien gekommen, hat dort als Erntehelfer gearbeitet und anschließend ein Studium absolviert. Heute ist er als Aktivist tätig und kämpft gegen Ungleichheit und Ausbeutung in seiner Wahlheimat. Die Zuschauer begleiten den Filmemacher sodann in die primitive Unterkunft der Migranten. Ohne Papiere sind sie in Rechtlosigkeit gefangen. Den Frauen bleibt nur das bittere Los, als Prostituierte zu arbeiten und dadurch Krankheiten und unerwünschte Schwangerschaften in Kauf zu nehmen. Zwei von ihnen kommen zu Wort. Sie kennen ihre Rechte und scheinen ihre Selbstachtung noch nicht verloren zu haben.

Der Aufstand der Würde
Unterdessen ruft der Hauptdarsteller – parallel zu den Dreharbeiten – zusammen mit einigen Mitstreitern eine „Rivolta della dignità“ aus. „Wir sind nicht nur Arbeiter, wir sind auch Menschen“, lautet seine Forderung. Ihm zur Seite stehen einige linke Aktivisten des Ortes. Die Vorbereitungen zu einer groß angelegten Straßensperrung, in Italien ein probates Mittel, um auf Missstände aufmerksam zu machen, werden ebenso dokumentiert wie die Besprechungen und die Pressearbeit des Komitees.

Matera, Italy. The demonstration „La Rivolta della Dignita“ at Matera. In the center is Yvan Sagnet, human rights activist, who also plays Jesus in the Milo Rau movie. About the film project: In Matera, in southern Italy, where the great Jesus films from Pasolini to Gibson were shot, the director Milo Rau is staging a modern Passion of the Christ: “The New Gospel“. What would Jesus preach today? Who would his disciples be? Led by political activist Yvan Sagnet, a new Jesus movement is fighting for the rights of migrants who came to Europe across the Mediterranean to be enslaved on the tomato fields in southern Italy and to live in ghettos under inhumane conditions. Rau and his team return to the origins of the gospel and stage it as a passion play of an entire civilization. An authentically political as well as cinematic “New Gospel” emerges for the 21st century. A manifesto of solidarity with the poorest, a revolt for a more just, humane world.

Der Regisseur führt nun erste Proben durch. Dafür wechselt Yvan das Outfit. Er trägt nun ein naturfarbenes Gewand aus Wolle. Milo Rau kann auf Kostüme zurückgreifen, die in Matera – wie in vielen süditalienischen Städten – für die Prozession am Karfreitag vorgehalten und jährlich neu angefertigt werden. In der Kleiderkammer findet er Soldatenhelme, Ledergewänder, Folterpeitschen und das Kreuz Christi. Zunächst aber beruft Yvan in der Rolle des Jesus von Narazeth am Ufer des Jonischen Meeres die Jünger Simon, Andreas, Jakobus und Johannes. In der nächsten Szene ist er wieder der Kämpfer für Gerechtigkeit. Mit Hemd und Hose bekleidet fordert er die skeptischen Zuhörer auf, ihm zu folgen: „Ihr seid die Apostel, ihr seid die Jünger!“ Beide Erzählstränge haben auffällige Parallelitäten. Immer wieder changiert der Film zwischen der Dokumentation der Revolte und der Inszenierung der Passion. So erzählt ein Flüchtling von seiner nächtlichen Angst bei der Überquerung des Meeres, der bibelkundige Zuschauer assoziiert die neutestamentliche Wundererzählung der Rettung im Sturm.

Einmal den Erlöser beleidigen
„Das neue Evangelium“ dokumentiert vielfach auch das Making of und zeigt sowohl anrührende als auch erschütternde Szenen. Beim Casting der Statisten stellt sich heraus, dass Bewohner der Stadt für eine Produktion eines neuen James-Bond-Films bereits fest gebucht sind. Daniel Craigs Aston Martin soll durch die gleichen Gassen rasen, durch die eben noch Christus sein Kreuz trug.

Ein junger Mann soll seine Traurigkeit angesichts des Todes spielen. Er tut dies mit solcher Hingabe, dass sein anrührendes Bemühen fast schmerzt.

Ein etwa 40-jähriger katholischer Laienschauspieler aus Matera wünscht sich, einmal im Leben den Erlöser foltern zu dürfen. Für eine Probe vor den Stufen des Altars der Kathedrale zieht er sein T-Shirt aus und macht Liegestütze, um verschwitzt seine Rolle zu spielen. Minutenlang wird sodann gezeigt, wie er einen afrikanischen Jesus demütigen würde. Immer wieder schlägt er auf einen schwarzen Plastikstuhl ein. Die Beleidigungen, die er dabei ausstößt, sind unerträglich. Die Szene wird weder gerahmt noch kommentiert. Will der Regisseur auf diese Weise die Erniedrigung Jesu anschaulich machen? Will er den Rassismus unserer Tage brandmarken, der nur auf eine Filmrolle gewartet hat, um sich ausleben zu dürfen? Die Antwort bleibt offen. Offenbar überzeugt der Laienschauspieler das Team, denn wenig später, als der Film wieder zur Darstellung der Passion Jesu zurückkehrt, ist er als Folterknecht im historischen Kostüm zu sehen.

Auch der Bürgermeister des Ortes darf mitmachen. Er möchte Simon von Kyrene spielen und Jesus als humane Geste auf der Via Dolorosa für einige Schritte das Kreuz abnehmen. Dass sich der Bürgermeister, der für die skandalösen Zustände in seiner Stadt nicht ohne Mitverantwortung sein kann, als Wohltäter gerieren darf, wirkt ebenfalls befremdlich. Sie ist aber eine Metapher für die die selbst gewählte Blindheit der Konsumgesellschaft, die nach preiswerten Lebensmitteln verlangt, aber sich für deren Produktionsbedingungen nicht interessiert.

Während die Dreharbeiten weitergehen, kämpfen die afrikanischen Landarbeiter für den Erhalt der Felandina. Auch als menschenwürdige Unterkunft bietet sie wenigsten ein Nachtlager. Aus ihr vertrieben zu werden, würde bedeuten, gar nichts mehr zu haben. Doch der Widerstand hat keinen Erfolg. Bewaffnete Ordnungskräfte räumen die Halle und verbrennen, was sich in ihr befindet. Auf dem Schutt der Zerstörung und vor den rauchgeschwärzten Wänden lässt Milo Rau den Jesus seine Jünger versammeln und mit ihnen das letzte Abendmahl feiern.

„Wo zwei oder drei ein seinem Namen versammelt sind…“
Beide Ebenen sind kunstvoll und provokativ miteinanderverwoben. Die Tempelreinigung wird in einen Supermarkt verlegt. In der Lebensmittelabteilung eines Einkaufszentrums zertreten die Afrikaner die Konserven mit den Füßen, für deren Inhalt sie ausgebeutet werden. Dabei tragen sie noch die Kostüme des Films. Vor den Augen der entsetzen Kunden spritzt das Tomatenmark über den Boden. Als Jesus kurz darauf gefangen genommen wird, fahren die Soldaten mit einem Fiat vor. Die Menschen, die Petrus fragen, ob er nicht selbst einer derer gewesen sei, die mit Jesus gekämpft hätten, sind Passanten, spielende Kinder oder Touristen. Schließlich werden die Verurteilung Jesu, sein Weg auf der Via Dolorosa, seine Kreuzigung und sein Tod gezeigt. Eine Schauspielerin, eben noch im Kostüm ihrer Rolle, trägt nun Sportkleidung und filmt die Szene mit ihrem Smartphone. Gegen Ende des Films deutet ein Priester auf den Hauptdarsteller und ruft unter dem Beifall der Gläubigen in die Menge: „Wenn zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, dann ist er mitten unter uns.“ Und er umarmt Yvan lange und geht vor ihm auf die Knie. Inszenierung und Dokumentation sind nun eins geworden.

Wie der Kampf der Landarbeiter um ihre Unterkunft endet auch das Leben Jesu mit einer Niederlage. Doch mit einem „Cut“ wird der Zuschauer aus der Kunstwelt in die Realität zurückgeholt. Das Kreuz wird wieder abgebaut, Yvan wird abgenommen und erfreut sich in der nächsten Szene bester Gesundheit, als er durch die Fußgängerzone von Matera spaziert und mit den Passanten scherzt. Dann betritt er noch einmal den Supermarkt, in dem er Aufruhr gestiftet hatte, und zeigt auf neue Tomatenkonserven, die mit dem Gütesiegel NO CAP versehen sind. Sie entstammen nicht mehr dem kriminellen System, das die Mafia auf den Feldern und in den Ghettos Süditaliens eingerichtet hat. Auch ein neues Wohnheim wird gezeigt, eine einfache, aber menschenwürdige Unterbringung für die Landarbeiter.

„Es ist eine Übersetzung des Neuen Testaments ins Heute, gleichzeitig ein Bibelfilm und eine Kampangne.“ Der Regisseur Milo Rau im Interview

Passt der Kampf Yvans zur Predigt des Jesus von Nazareth?
Die Fragen, die der Religionsunterricht an diesen Film stellen kann, beziehen sich auf die Verknüpfung der Passion Jesu mit dem Schicksal der Armen des Films. Ist es angemessen, sinnvoll oder hilfreich, die Frage der weltweiten Gerechtigkeit mit dem Tod Jesu zu verknüpfen? Berufen sich die Aufständischen zu Recht auf Jesus? (Der Abspann offenbart, dass mehrere Darsteller Muslime sind.) Hat Gott auch in Bezug auf diese Menschen eine Vorliebe für die Armen? Welche Rolle soll und kann die Kirche im Kampf für Gerechtigkeit und Würde übernehmen? Zahlreiche Szenen, so auch die oben beschriebene Probe einer Folterszene, werden in einer Kirche gedreht. Warum ist das so?

Wer diesen Film ansieht, muss sich auch mit einer zentralen Ursache vieler gesellschaftlicher Probleme der Gegenwart auseinandersetzen. Nicht nur die schlimmen Beleidigungen in der genannten Szene machen das deutlich, auch die verstörenden Sprechchöre, die dem Statthalter Pontius Pilatus entgegenschallen, lassen dem unvoreingenommenen Zuschauer das Blut gefrieren. Das Wort fällt nicht, doch hier muss es genannt werden: Rassismus. Eine Gesellschaft, die Zuwanderern ihre elementare Menschenrechte verweigert, ist rassistisch.

Es gibt also viele Gründe, diesen Film anzuschauen und ihn auch für unterrichtliche Kontexte zu nutzen. In letzterem Fall sollte die Lehrperson jedoch auf die genannten provokativen Szenen ebenso vorbereitet sein wie auf emotionale Erschütterungen, die auch bei älteren Schülerinnen, Schülern und Erwachsenen nicht ausbleiben werden.

Der Film liegt nur in seiner Originalsprache vor. Die Dialoge werden in italienischer, englischer oder französischer Sprache geführt und sind mit Untertiteln versehen. Er kann vorerst nur gestreamt werden. Der „Eintritt“ kommt einem Kino zugut, das der Käufer frei wählten kann.

Rezensionen
Dorothea Marcus, Milo Raus radikaler Blick auf die Bibel, Deutschlandfunk Kultur
Christine Dössel, Passion für Gerechtigkeit, Süddeutsche Zeitung
Philipp Jedicke, „Das Neue Evangelium“ von Milo Rau kommt ins Kino, Deutsche Welle
Nils Erich, Jesus, der Aktivist. Zeit online.

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