Ein Aufstand von 2100 Jahren ist Vorbild bis heute. Wirklich? Eine Entdeckung in Sizilien

Caltabellotta ist ein Städtchen unweit von Agrigento im Südwesten Siziliens. Es erhebt sich in Sichtweite des Meers bis fast in 1000 Meter Höhe und bietet für jede und jeden, die oder der sich die Mühe macht, durch die schmalen Gassen bis zur Kathedrale Maria Santissima Assunta emporzusteigen, ein einmaliges Panorama. Es reicht – bei gutem Wetter – bis zum Etna auf der anderen Seite der Insel. Der historische Name von Caltabellotta ist Triokala.

In der Nähe der Burg hat die Gemeinde eine Gedenktafel angebracht, die an ein über 2100 Jahre altes Ereignis erinnert. Im zweiten Sklavenkrieg, bei dem die Sklaven Siziliens für ihre Freiheit kämpften  – etwa 100 Jahre vor der unserer Zeitrechnung –  spielte die Gemeinde eine besondere Rolle. Die Inschrift hat mich zu einer Recherche veranlasst. Demnach hatte der Senat in Rom beschlossen, einen signifikanten Teil der Sklaven des Reichs freizulassen, doch die sizilianischen Behörden weigerten sich, dieser Weisung nachzukommen. Da erhoben sich im Südwesten der Insel mehrere kleine Gruppen und machten Athenion und Tryphon zu ihren Anführern. Aus einer Schar der zunächst nur 200 Getreuen wurde schnell ein Heer aus 30.000 Rebellen, die umherstreiften, Waffen erbeuteten und für ihren Aufstand warben. Die beiden Anführer wurden nacheinander zu Königen gewählt, residierten in Triokala und waren Feldherren der Aufständischen.

Die erste römische Reaktion war wenig erfolgreich, denn das Hauptquartier der Aufständischen war  schwer einzunehmen. Erst in einer Feldschlacht wurden die Sklaven von einem römischen Heer geschlagen. Sie zogen sich in ihre Festung nach Caltabellotta zurück, wo sie sich erneut verstärken konnten. Doch weitere Niederlagen folgten. Unter der Führung eines gewissen Satyros mussten die letzten 1.000 Rebellen in Triokala schließlich kapitulieren. Sie wurden gefangen genommen und nach Rom deportiert, wo sie in den berüchtigten Zirkusvorstellungen kämpfen sollten. Viele von ihnen, zogen es vor, sich selbst das Leben zu nehmen anstatt es im Kampf gegen die Raubtiere zu verlieren.

Die Einwohner von Caltabellotta wollten das Geschick der Sklaven-Rebellen, das mit den Namen ihrer Stadt verbunden ist, vor dem Vergessen bewahren. Sie schufen ein Mahnmal, das zum 2.100-jährigen Jubiläum im Jahr 2001 enthüllt wurde. Die Rebellen hätten, so ist dort zu lesen, eine der erhabensten Seiten im Buch der Menschheitsgeschichte geschrieben. Zur Akzeptanz dieser hohen Ehrung trug möglicherweise bei, dass die Sklavenkönige als Anführer eines Aufstands gegen den Kolonialismus Roms bezeichnet werden. Diese Benennung ist für die gegenwärtige politische Situation in Sizilien von besonderer Relevanz. Indem die Menschen von Caltabellotta den Rebellen ein ehrendes Andenken bewahren, regen sie auch an, nach ihrem Vorbild weiterhin der Zentralgewalt aus Rom zu widerstehen. Die Inschrift der Marmortafel lautet in deutscher Übersetzung:

„Während des zweiten Sklavenaufstands konzentrierten sich die Sklaven aus ganz Sizilien auf das Gebiet von Triokala und wählten diesen heiligen und unzugänglichen Ort als Hochburg für den Aufstand gegen den Kolonialismus in Rom. Damit schrieben sie eine erhabene Seite der Menschheitsgeschichte. Um Tryphon, Satyros und allen rebellischen Sklaven zu huldigen und gerecht zu werden, ehren die Bürger von Caltabellotta ihr historisches Gedächtnis.“

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