Die 95 Sätze, die Martin Luther weltbekannt machten. Tom und Ronni wollen alles über Martin Luther herausfinden (2/4)

Horst Heller (CC BY)
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Im Jahr 2021 jährt sich der Wormser Reichstag zum 500. Mal. Wäre nicht auch über die reformatorische Bewegung eines gewissen Martin Luther debattiert worden, würden wir von diesem Jahrestag kaum Notiz nehmen. In den Jahren, die auf dieses Ereignis folgten wurde aus dem Wittenberger Mönch, Pfarrer und Professor der wichtigste Reformator der Kirche und aus seinen Anhängern die evangelische Kirche. Sein Todestag am 18.02.1546 und das Jubiläum des Reichstags sind der Anlass, sich an seine Geschichte zu erinnern. Tom und Ronni war aufgefallen, dass es in ihrem Ort zwei Kirchen gibt. Und sie haben versucht herauszufinden, warum das so ist. Hier ist Teil 2 ihrer Geschichte:

Was sie uns schon erzählt haben:
Martin durfte nach seinem Schulabschluss die Universität besuchen. Als er einmal von einem Besuch bei seinen Eltern in der Nähe von Erfurt in ein Gewitter geriet, hatte er große Angst. Nicht nur um sein Leben, sondern auch vor der Strafe Gottes. Wenn ich das Unwetter überlebe, versprach er, werde ich ein Mönch. Sein Vater war sehr verärgert. Martin hatte großen Respekt vor seinem Vater, aber noch mehr fürchtete er sich, das Versprechen, das er Gott gegeben hatte, zu brechen. So konnte ihn niemand von seinem Entschluss abbringen.

Wenn Martin allein in seiner Klosterzelle saß, las er. Ist Gott wirklich so streng mit den Menschen und so zornig auf sie, wie er es von seinem Vater kannte? Er suchte die Antwort in seiner Bibel. Manche Stellen machten die Angst noch größer. Aber gab es eine Geschichte, die Jesus erzählt hatte: Ein Vater nimmt seinen Sohn wieder bei sich auf und macht ihm keine Vorwürfe, obwohl er Schlimmes angestellt und sein ganzes Geld verprasst hat. Vor diesem Vater muss sich kein Sohn fürchten.

Tom und Ronni kennen diese Geschichte aus dem Religionsunterricht. Sie wissen auch, dass sie von Gott und den Menschen erzählt. Der Sohn in der Geschichte hatte große Sorgen, ob sein Vater ihm vergeben würde. Aber bevor er die Entschuldigung hervorbringen konnte, die er sich überlegt hat, hat ihn sein Vater schon umarmt.

Martin kannte diese Geschichte. Aber erst, als er glauben und fühlen konnte, dass Gott auch ihn in die Arme schließt, da verschwand zum ersten Mal die Angst, und er war glücklich.

Die historische Wahrheit ist, dass Martin Luther den gnädigen Gott nicht entdeckte, als er ein Gleichnis aus dem Lukasevangelium las, sondern als er sich mit dem Römerbrief und den Psalmen beschäftigte. Um seine Lebenswende aber für Kinder nachvollziehbar zu machen, veranschaulicht der Erzähltext die Erkenntnis Luthers am Beispiel eines Textes, den sie bereits kennen, nämlich an der Parabel vom gütigen Vater. Entscheidend ist, dass Luther zu der befreienden Erkenntnis durch ein intensives Studium der Bibel gelangte. Gott droht und straft nicht, sondern kommt dem Menschen durch Vergebung, Annahme und Trost entgegen – wie der Vater seinem verlorenen Sohn.
Wann entdeckte Luther den gnädigen Gott in der Bibel? Geschah dies bereits vor der Veröffentlichung seiner Thesen? Diese thematisierten die Missstände der kirchlichen Bußpraxis, von seiner Suche nach den gnädigen Gott ist in ihnen nicht die Rede. Dennoch ist es möglich, dass er erste Einsichten seiner Rechtfertigungslehre schon vor 1517 gewann. Offen ist auch, ob dies plötzlich, als Durchbruch eines „Turmerlebnisses“ geschah, oder ob wir von einem Erkenntnisprozess ausgehen können, der sich über Jahre hinzog (Schilling, S. 147).

Martin beendete sein Studium und wurde Bibelgelehrter. Da hörte auch der Fürst des Landes, Kurfürst Friedrich, von ihm und ernannte ihn zum Professor an seiner Universität. So zog Martin nach Wittenberg. Am frühen Morgen unterrichtete er die Studenten, dann kehrte er in sein Studierzimmer in seinem Kloster gleich neben der Universität zurück.

Lutherstadt Wittenberg, Stadtkirche St. Marien.
Luthers Vorlesungen in der Universität fanden frühmorgens und 7 Uhr statt, ab dem Sommersemester 1516 am frühen Nachmittag um 13 Uhr. (Schilling, S. 145)

Einmal fasste Martin in 95 Sätzen zusammen, was ihm wichtig war. Die Kirche, so schrieb er, kann nicht so bleiben, wie sie ist. Vieles muss sich ändern.

Toms Mutter sagt auch, dass sich vieles in der Kirche ändern muss. Toms und Ronnis Väter dagegen interessieren sich nicht für die Kirche. Die Kinder wollen sie mal fragen, warum nicht. Ihnen selbst gefällt die Kirche eigentlich, aber sie gehen nur sehr selten hin, zum Beispiel mit der Schule. Sie wollen in der nächsten Videokonferenz mal ihre Religionslehrerinnen fragen, was sie meint.

Martin ließ die 95 Sätze drucken und schickte sie an den Bischof und an andere Bibelprofessoren in Deutschland. Von seinem Freund Philipp wissen wir, dass er sie am gleichen Tag, nämlich am Samstag, dem 31. Oktober 1517, als Plakat an die Kirchentür in Wittenberg anheftete. Am nächsten Tag war nämlich ein Feiertag, an dem alle Professoren den Gottesdienst besuchten. Sie konnten seine Thesen lesen und später mit ihm darüber diskutieren. So war der Plan.

Thesentür an der Schlosskirche in Wittenberg.

Der Thesenanschlag, das Narrativ der Reformation, ist unter Protestanten seltsam umstritten. Tom und Ronnis Recherchen können sich auf Schilling (S. 164 f.) berufen: Die Ablassthesen an der Kirchentür der Wittenberger Schlosskirche zu befestigen, wie es Melanchthon noch zu Lebzeiten Luthers berichtet, sei ein alltäglicher Vorgang für die Vorbereitung einer Disputation gewesen und deshalb durchaus plausibel. Allerdings habe Luther das Papier kaum selbst ausgehängt, sondern das eher durch den Hausmeister der Universität ausführen lassen. Und die schnelle Verbreitung der Thesen in Deutschland sei durch ihre Versendung begründet, nicht durch die geplante Disputation in Wittenberg.

Literatur:
Heinz Schilling, Martin Luther, Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Eine Biographie. München 2012

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