„Heilige Anna, hilf mir! Ich will ein Mönch werden.“ Tom und Ronni wollen alles über Martin Luther herausfinden (1/4).

Horst Heller (CC BY)
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Im Jahr 2021 jährt sich der Wormser Reichstag zum 500. Mal. Im Januar 1521 kamen die deutschen Fürsten mit dem jungen Kaiser Karl zusammen, um wichtige Frage von nationalem Interesse zu beraten. Wäre nicht auch über die reformatorische Bewegung eines gewissen Martin Luther und seiner Mitstreiter debattiert worden, würden wir von diesem Jubiläum wohl kaum Notiz nehmen. In den Jahren, die auf dieses Ereignis folgten, wurde aus dem Wittenberger Mönch, Pfarrer und Professor der wichtigste Reformator der Kirche und aus seinen Anhängern die evangelische Kirche. Sein Todestag vor 475 Jahren, am 18.02.1546, und das Jubiläum des Reichstags sind der Anlass, sich an seine Geschichte zu erinnern. Tom und Ronni haben versucht, das Wichtigste zusammenzutragen. Vielleicht ist es sogar möglich, aus ihrem Blick in die Vergangenheit Anstöße für die Gestaltung der Gegenwart und Zukunft der evangelischen Kirche zu gewinnen.

Von Ronnis Fenster kann man über die ganze Stadt sehen. Heute ist Tom bei ihm zu Besuch. Die beiden stehen am Fenster und zählen die Hausdächer. Es gibt rote Ziegeldächer, graue Flachdächer — und die beiden Kirchen. „Warum gibt es zwei Kirchen in unserer Stadt?“, fragt Tom. „Ich glaube, das hat mit Martin Luther zu tun“, sagt Ronni. „Echt?“ Tom glaubt ihm nicht. Ronni ist sich sicher, doch mehr weiß er auch nicht. Seine Eltern sind nicht zu Hause. Auch Toms Mutter ist nicht da. Telefonisch dürfen sie sie nur im Notfall stören. Der Computer von Ronnis Schwester ist kaputt, aber das Tablet funktioniert. Also suchen sie nach Martin Luther im Internet. Sie finden auch ein dickes Buch mit Bildern aus Sachsen-Anhalt und Thüringen. Später fragen sie in der Videokonferenz ihrer Klasse Ronnis Pfarrerin und Toms Religionslehrer. Schließlich haben sie alles herausgefunden. Hier ist ihre Geschichte:

Martin Luther lebte vor 500 Jahren. Seine Eltern hießen Hans und Margarete. Martin hatte mehrere Geschwister. In der Familie mussten alle hart arbeiten, aber die Familie war nicht arm. Martin und seine Geschwister wurden sehr streng erzogen. Manchmal bekamen sie auch Schläge. Wenn Martin etwas ausgefressen hatte, hatte er immer sehr große Angst vor Strafe.
In der Schule musste Martin lateinisch sprechen. Wenn der Lehrer im Raum war, war Deutsch verboten. Wenn ein Schüler trotzdem deutsch sprach, wurde er ausgelacht oder geschlagen. Auch die Erwachsenen hatten Angst. Sie fürchteten sich vor Krankheiten, vor dem Tod und vor der Strafe Gottes.

Aus Luthers Kindheit und zu seiner Schulzeit haben wir nur wenige Information. Diese aber sind hilfreich, um die allgegenwärtige Angst der Zeit zu verstehen. Dieses Gefühl ist vielen Menschen, die in der heutigen Zeit in einem demokratischen Staat leben dürfen, glücklicherweise fremd geworden. Für Kinder und Erwachsene des 16. Jahrhunderts war es aber die Luft, die sie täglich atmeten. Auch wenn sich heute liberale und demokratische Erziehungsstile in Elternhäusern und Schulen weitgehend durchgesetzt haben, sind die Erzählungen von überharten Bestrafungen durch den Vater oder strenge Lehrer für die Kinder geeignet, um eine Idee von dem Lebensgefühl zu bekommen, das Martin ins Kloster führte.

Michelangelo malte die Fresken der Sixitinischen Kapelle in der Zeit von 1536 bis 1541, also zu Lebenszeiten Luthers. Es ist aber ausgeschlossen, dass Luther sie kannte, da er nach seiner Romreise im Jahr 1510 nicht mehr nach Rom zurückkehrte.

Tom und Ronni wundern sich: Wieso mussten sie sich vor Gott fürchten? Das können sie nicht verstehen. Da finden sie ein Bild. Es heißt „Das Weltgericht“. Der italienische Maler hieß Michelangelo und lebte zu Martins Zeit. Es zeigt, wie Gott Menschen bestraft. Ein junger Mann im unteren Teil des Bildes hält sich die Augen zu. „Oh weh, der hat große Angst vor Gott“, denkt Tom.

Martin war ein guter Schüler. Als er die Schule beendet hatte, erlaubte ihm sein Vater, in Erfurt zu studieren. Von Mansfeld, wo er wohnte, war das ein weiter Weg. Wenn Martin seine Eltern besuchte, ging er zu Fuß. Das dauerte mehrere Tage. An einem Mittwoch im Juli wurde Martin auf seinem Rückweg nach Erfurt von einem Sommergewitter überrascht. Wir wissen nicht, wie viele Male Martin von diesem Tag erzählt hat. Einmal aber, als er beim Essen mit Gästen davon erzählte, schrieb es einer der Studenten auf, die bei ihm eingeladen waren. Deshalb kennen wir diese Geschichte. „Ich wanderte und war schon nicht mehr weit von Erfurt, der Stadt, in der ich studierte. Es donnerte furchtbar. Plötzlich schlug der Blitz direkt neben mir ein. Ich fiel zu Boden und bekam eine Riesenangst. Muss ich jetzt sterben? ‚Heilige Anna, hilf mir! Wenn ich am Leben bleibe, dann werde ich ins Kloster gehen.’“

Tom findet in einem der Bücher ein Foto des Gedenksteins, der an dieses Gewitter erinnert.

Die Schilderung dieses Erlebnisses in Stotternheim stammt aus einer Tischrede Luthers des Jahres 1539 (Schilling, S. 77). In Unterrichtsmaterialien wird dieses Erlebnis manchmal als Legende bezeichnet. Das ist insofern zutreffend, als er das Erlebnis des knapp 20-Jährigen im Licht seiner späteren reformatorischen Entdeckung deutet. Als Anlass, um ins Kloster zu gehen, hat die Schilderung allerdings historischen Wert, auch wenn Luther bereits vorher Zweifel an seinem Jurastudium hegte.

Stotternheim ist heute ein Vorort von Erfurt. Der Lutherstein wurde 1917 etwas außerhalb des Ortskerns errichtet. Die genaue Stelle ist frei gewählt, die Aufschrift semantisch und theologisch nicht gelungen: Geweihte Erde / Wendepunkt der Reformation / In einem Blitz vom Himmel / wurde dem jungen Luther / hier der Weg gewiesen.

Martin blieb unverletzt. Er war entschlossen, sich an sein Versprechen zu halten. Als sein Vater hörte, dass er nicht wieder an die Universität zurückkehren wollte, wurde er zornig. Auch seine Freunde versuchten, ihn umzustimmen. Doch Martin blieb dabei, verabschiedete sich von ihnen und klopfte an der Klostertür in Erfurt. Nur zwei Bücher nahm er mit, denn er hatte erfahren, dass er in diesem Kloster lesen und studieren durfte. Die Mönche gaben ihm ein langes schwarzes Gewand, eine Kutte, schnitten ihm die Haare kurz und erklärten ihm die Regeln: Er durfte kein Geld besitzen, musste täglich Gebete verrichten, hart arbeiten und immer dem Abt des Klosters gehorsam sein. Martin war einverstanden. Er fürchtete sich vor Gottes Strafe, wenn er nicht alles streng einhielt. Das Leben im Kloster war hart. Aber Martin fand einen Freund. Er hieß Johann und war älter als er.

Johann von Staupitz war Generalvikar des Augustinerordens und wurde Luthers Seelsorger und sein väterlicher Freund. In dem Erfurter Kloster herrschte einerseits eine strenge mönchische Disziplin, andererseits aber eine Gelehrsamkeit, die das Leben in der Stadt selbstbewusst mitgestaltete.

Literatur:
Heinz Schilling, Martin Luther, Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Eine Biographie. München 2021

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