Eine Ethik, die nicht nur fragt, was richtig, sondern auch was wichtig ist. Die Zehn Gebote im Unterricht – Religionspädagogische Überlegungen

Die zwei Tafeln des Dekalogs.
Glücklicherweise aufbewahrtes Erinnerungsstück der alten Synagoge St. Ingbert, heute Religionspädagogisches Zentrum

Horst Heller CC BY
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Dem Religionsunterricht wird immer wieder die Aufgabe zugeschrieben, die christlichen Werte zu vermitteln, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. Vor allem sind dabei solche Tugenden im Blick, die (angeblich) in der Vergangenheit Konsens waren, aber heute (ebenso angeblich) verloren gegangen sind. Dem Religionsunterricht wird aufgetragen, für den Kitt zu sorgen, der die auseinander driftenden Eisschollen der Gesellschaft zusammenhält. Mit anderen Worten: Es sei seine Aufgabe, gegen Windmühlenflügel zu kämpfen.

Ethische Bildung ist aber zweifelsfrei auch eine Aufgabe des Religionsunterrichts. Zweierlei wird aber bei dieser Zuweisung oft vergessen: Christliche Werte sind nicht nur bewahrender und konsensualer Natur. Sie können auch den Finger in eine Wunde legen (wie es die alttestamentlichen Propheten getan haben), sie können Routinen gegen den Strich bürsten und die Gesellschaft herausfordern. Und die Aneignung der gemeinschaftsdienlichen Werte geschieht nicht in der Form einer eindimensionalen Übernahme.

Der Zusammenhalt einer Gesellschaft hängt gewiss von gemeinsamen Werten ab. Wie kommt aber eine Gesellschaft zu einem sozialethischen Konsens, nach dem sich Gesetze und Verordnungen ausrichten und in dem sich auch die Bedürfnisse der Menschen wiederfinden? Dieser Blogbeitrag geht der Frage nach, welche Rolle die Zehn Gebote bei der angestrebten Konsensethik spielen können.

Die Zehn Gebote (fachsprachlich: Dekalog) ist eine Sammlung von Rechtsvorschriften, die sich ursprünglich an die jüdische Gemeinschaft nach ihrer Rückkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft richtete, wobei sich in den Einzelvorschriften auch Niederschläge aus noch früheren Zeiten finden. Adressaten der Zehn Gebote sind erwachsene, freie und rechtsfähige Männer einer ländlichen oder städtischen antiken Kultur, die ein wenig Land und vielleicht ein einfaches Haus besitzen.

Die Zehn Gebote haben viel mit Freiheit zu tun.
Das erste Gebot „Ich bin der Herr, der dich aus Ägypten herausgeführt hat …“ erinnert sie an die Geschichte der Befreiung ihrer Vorfahren, die auch noch für ihre Gesellschaft identitätsbildend ist. Ihre Ahnen, zu Sklavenarbeit gezwungen, verdanken ihre Befreiung und das Land, in dem sie nun wohnen dürfen, dem Eingreifen Gottes. Nun leben sie, wenn auch nicht in politischer Sicherheit, so doch in Freiheit. Sie können ihre religiösen, sozialen und familiären Traditionen pflegen. Die gewonnene Autonomie aber muss aber geschützt werden. Dazu ist die verpflichtende Verehrung des Gottes, dem sie ihre Befreiung verdanken, ebenso zentral wie die Beachtung von Regeln für das soziale Leben.

Beide Tafeln der Gebote sind wichtig.
Diesem Fundament aus zwei Elementen entsprechen die zwei „Tafeln“ des Dekalogs. Die ersten Gebote formulieren Regeln für die Verehrung Gottes: Er, der nicht bildlich dargestellt werden kann, dürfe nicht mit Hilfe eines Bildnisses verehrt werden. Sein geheimnisvoller Name müsse heilig gehalten werden und dürfe nicht für Nichtiges missbraucht werden. Die Verehrung der Götter eines anderen Volkes müsse ausgeschlossen sein. Die zweite „Tafel“ legt gesellschaftliche Regeln fest, die dem Fortbestand der Gemeinschaft dienen. So werden der Mord, das Eindringen in eine bestehende Ehe, das Begehren fremden Eigentums und die Falschaussage vor Gericht sanktioniert. Das alles – und anderes mehr – würde die labile Ordnung der Gemeinschaft gefährden.

Einen verbindenden Charakter zwischen beiden Tafeln nimmt das Gebot der Heiligung des Sabbats ein. Diese Vorschrift hat sowohl einen gottesdienstlichen Charakter, denn „in sechs Tagen hat Gott, der Herr, die Erde geschaffen. Aber am siebten Tag ruhte er.“ Zugleich aber verschafft dieses Gebot den abhängig Beschäftigten, den Mägden, den Knechte und den Fremdarbeitern, ja sogar den Nutztieren einen arbeitsfreien Tag.

Die Freiheit braucht Schutz.
So hilfreich der Dekalog in seiner historischen Situation ist, so sehr wird aber auch deutlich: Die Situation der jüdischen Community in vorchristlicher Zeit hat mit der unserer Lerngruppen erstmal nichts gemein. Männlich ist nur die Hälfte der Lernenden, erwachsen, rechtsfähig, verheiratet und besitzend sind noch weniger. Und doch gibt es eine Gemeinsamkeit: Diesen ist es ebenso wichtig wie jenen, ihre Freiheit zu verteidigen und zu sichern, die sie gerade im Begriff sind, zu erlangen. Der Wunsch, ein gemeinschaftliches Leben in Freiheit zu führen, verbindet also die ursprünglichen Adressaten der Gebote mit unseren Schülerinnen und Schülern.

Welche Autorität messe ich selbst den Zehn Geboten zu?
Gemäß biblischer Überlieferung übergab Gott den Dekalog selbst – in Steintafeln gemeißelt – seinem Propheten Mose. So wurde er zum Kernstück zunächst der Tora, dann der Bibel. In nachbiblischer Zeit wurden die Gebote wichtigster Teil einer Regelsammlung und fanden Eingang in die Katechismen. So wurden sie zum Grundlagendokument einer christlichen und kirchlichen Ethik und beanspruchen – zumindest was die zweite Tafel betrifft – universelle Geltung.
Die Zehn Gebote der Bibel wollen also göttliche Offenbarung und zugleich kirchliche Lehre sein. Wie gehe ich unterrichtlich damit um?

Ethisches Lernen besteht nicht in der Übernahme überkommener Werte.
Die Beschäftigung mit den Zehn Geboten der Bibel kann nicht im Sinne einer einfachen Aneignungsdidaktik geschehen. Andererseits wäre es falsch, die Gebote nur als Anregung für eine humane Gestaltung der Gesellschaft zu empfehlen. Für die Wertebildung junger Menschen ist die Begegnung mit einem herausfordernden normativen ethischen Ansatz wie dem der Zehn Gebote unverzichtbar. Ohne die Auseinandersetzung mit diesem Anspruch ist die Ausbildung eigener Werte und Normen kaum möglich.

Die Zehn Gebote waren sehr einleuchtend. Sind sie es heute auch noch?
Für die historisch kritische Bibelforschung sind die Zehn Gebote das Ergebnis einer kollektiven Besinnung, die in Regeln angesichts konkreter gesellschaftlicher Entwicklungen mündet. Wie konnte gegenüber den Nachbarvölkern das Alleinstellungsmerkmal Israels unterstrichen werden? Durch Einhaltung des Sabbatgebotes! Was sicherte die Bewahrung des „Generationenvertrags“ zwischen den Jungen und Alten? Die Verehrung und Versorgung der alten Eltern! Welche Haltung schützte das bescheidene Eigentum, das nicht nur der Versorgung der Familie, sondern auch der Vorsorge für die Nachfahren diente? Das Gebot „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus …“

Die Gebote entstanden also aus dem gleichen Grund, weshalb sich alle Gesellschaften Gesetze gaben und bis heute geben: nämlich aus der Einsicht in die Notwendigkeit des Schutzes der Freiheit und die Ermöglichung von Zukunft. Darüber zu reflektieren sind auch Schülerinnen und Schüler in der Lage. Sie können nachvollziehen, dass es Regeln bedarf, um Gemeinwesen und Grundrechte zu schützen. Eine Schülerin, die über das Gebot „Du sollst nicht begehren!“ nachdachte, brachte es auf „ihren“ Punkt: „Wenn man sich entscheidet, etwas was man nicht bekommen kann, auch nicht zu wollen, so ist man frei und kann besser leben.“

Brauchen wir weitere Gebote?
Ist erst im Unterricht deutlich geworden, dass der Dekalog zugleich als göttliche Weisung und als Ergebnis eines gesellschaftlichen Prozesses angesehen werden kann, dann ist es möglich, den Dekalog auf seine Relevanz für heutige Erfahrungen zu durchleuchten und zu prüfen. Weitere Gebote und Regeln sind dann vielleicht nötig. Es fällt ja auf, dass im Dekalog nicht alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens angesprochen werden. Die Rücksicht auf die Schwachen, die soziale Verantwortung für die Armen und die Gastfreundschaft gegenüber Fremden sind im Dekalog ebenso wenig thematisiert wie ein Grundrecht, das vor Versklavung, Bevormundung und Ungerechtigkeit schützt. Es sind offenbar nur solche Regeln festgehalten, deren Einhaltung in Frage standen und sichergestellt werden mussten.

Voraussetzung um über die Relevanz des Dekalogs für heute nachzudenken, ist eine wenigstens rudimentäre Kenntnis der Fragen, die sich für Menschen unserer Zeit stellen. Welche Herausforderungen der Gegenwart erfordern ethische Maßstäbe? Was können die Gebote des Dekalogs beitragen? Für die Gegenwart ist eine Ethik von Bedeutung, die nicht nur danach fragt, was richtig, sondern auch, was wichtig ist. Schon Kinder können anfangen, darüber nachzudenken. Für Jugendliche und Erwachsene gilt: Anstatt sich darauf zu beschränken, den Wortlaut der Gebote zu zitieren und ihre ursprüngliche Intention wiederzugeben, entdecken Schülerinnen und Schüler auf diesem Weg die Relevanz biblischer Normen neu für sich selbst und für die Gesellschaft, in der sie leben.

Vielleicht beginnen sie, die Werte zu leben, die sie selbst als hilfreich, gemeinschaftsdienlich und human erkannt haben. Und so kann der Religionsunterricht am Ende doch zu den Ziel kommen, das die Gesellschaft von ihm erwartet: christliche Werte zu vermitteln.

Literatur:
Rudolf Englert: Posttraditionaler Umgang mit Tradition. Was soll das heißen?
Hans Mendl/Oliver Reis: Zwischen Ehtik und Moral
Hanns Illge: Der Dekalog in aktualisierenden Katechismusformeln rekonstruiert
alle in: Büttner, Mendl, Reis, Roose (Hg): Religion lernen, Jahrbuch für konstruktivistische Religionsdidaktik, Band 4: Ethik
Friedrich Schweitzer: religiöse Bildung ohne Ethik? Zur ethischen Dimension des Religionsunterrichts, in: Englert/Kohler-Spiegel/Naurath/Schröder/Schweitzer: Ethisches Lernen. Jahrbund der Religionspädagogik, Band 31, 2015
Jürgen Ebach: Die Freiheit bewahren – der Dekalog, in: Zimmermann/Lenhard, Was tun? Ethische Fragestellungen im Religionsunterricht

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