Der Mann mit der Peitsche – Ein antikes Mosaik stellt unangenehme Fragen an mich selbst.

Von Palermo erreicht man das UNESCO-Weltkulturerbe mit dem Auto in zwei Stunden. Die Villa Romana del Casale liegt einige Kilometer außerhalb des Ortes Piazza Armerina. Einem Erdrutsch vor 800 Jahren ist es zu verdanken, dass die einzigartigen Mosaiken einer großen antiken Villa bis zum heutigen Tag bestens erhalten geblieben sind. Über drei Millionen Steinchen wurden in einem weitläufigen Gebäudeensemble sorgfältig verlegt. Sie schmücken vor allem die Fußböden von Umkleide- und Baderäume, der Küche, der Gästezimmer und Aufenthaltsräume. Gemeinschaftliche Toiletten, jeweils getrennt für Frauen und Männer sind ebenso zu besichtigen wie kleine Altäre, ein Schwimmbad und der große Empfangssaal, die sogenannte Basilika, in der der Herr und die Herrin Untergebene, Gäste und Freunde empfingen. In Nicht-Pandemiezeiten ist die Villa Romana ein Anziehungspunkt für Touristen. Viele kommen, um sich von den „Bikini-Mädchen“ verzaubern zu lassen. In einem Zimmer, das möglicherweise als Fitnessraum für Frauen gedient hat, sind auffällig schlanke Mädchen dargestellt, die (vielleicht im Rahmen eines Wettkampfes) laufen, springen und werfen. Eine von ihnen hat den Contest gewonnen und als Siegerin einen Kranz und einen Palmzweig erhalten.

„Frauensport in knapper Kleidung ist also keine Erfindung unserer Tage“, denke ich, als ich diesen Raum verlasse und weiß doch, dass sicher unzählige Besucher vor mir bereits dieses naheliegende Fazit gezogen haben. Doch kurz darauf zieht mich eine andere Szene in den Bann und beschäftigt mich bis heute. In einem der größten Mosaiken, fälschlicherweise als Große Jagd bezeichnet, wird dargestellt, wie ein Aufseher einen Sklaven mit der Peitsche schlägt. Der Geschlagene zeigt durch Körperhaltung und Gestik, wie er sich vor der Gerte fürchtet.

Ein Sklave wird von seinem Aufseher geschlagen. Ausschnitt eines Fußbodenmosaiks in der Villa Romana Del Casale, Piazza Armerina, Sizilien

Die dargestellte Züchtigung gehört zu einer Hafenszene in Nordafrika. Soldaten haben, von Sklaven unterstützt, Wildtiere gefangen und sind dabei, sie auf Schiffe zu verladen. Die Großwildsafari zielt darauf ab, die Tiere lebend nach Rom oder in andere Zentren des Reiches zu verbringen, um sie dort in Arenen auftreten zu lassen oder sich anderweitig an ihnen zu erfreuen. Dazu wird ein Leopard in eine Falle gelockt. Eine Antilope und ein Wildschwein werden gefangen. Andere Teile des Mosaiks zeigen das traurige Schicksal, das einem Elefanten, einem Tiger, einem Nashorn, einem Dromedar und einem Vogelstrauß widerfährt.

Der Frevel ist nicht möglich ohne Gewalt gegen Tiere und Menschen. Sklaven werden für jeden Schritt dieser verwerflichen Safari gebraucht. Sie leisten (nicht nur hier) die schwerste und gefährlichste Arbeit, und wenn sie vollendet ist, obliegt es ihnen, die Galeere in die Heimat zu rudern.

Ich frage mich:

  • Welche Menschen empfanden Vergnügen dabei, Tiere auf grausame Weise aus ihrer natürlichen Umgebung zu entführen, um sie im Theater gegeneinander oder gegen rechtlose Sklaven kämpfen zu lassen?
  • Welche Menschen empfanden Freude dabei, in ihrem „Wohnzimmer“ ein Bild zu sehen, auf dem ein rechtloser Sklave von einem Aufseher geschlagen wird, und zeigten diese Darstellung mit Stolz den Gästen des Hauses? Welche Menschen empfanden Glück bei einem Unterhaltungsprogramm, in dessen Vorbereitung und Durchführung das Quälen von Menschen und Tieren einen festen Platz hatte?
  • Was können wir Heutige von einer Kultur lernen, die für eine Rechtsordnung gelobt wird, die für freie Mitglieder der Gesellschaft Maßstäbe setzte, die bis heute geachtet werden, den Unfreien hingegen die elementarsten Rechtsgüter vorenthielt?

Meine Antworten will ich geben und sie schmerzen:

Das gefügelte Wort von der „spätrömischen Dekadenz“ ist seit einigen Jahre zur Metapher für eine luxuriöse Lebensweise einiger weniger geworden. Auch wenn inzwischen deutlich ist, dass es sich hier um ein Klischee handelt: Eine humane Gesellschaft kennt keine Sklaverei und schmückt sich schon gar nicht mit ihr. Die Hochschätzung der klassischen römischen Kultur kann ich deshalb nicht teilen.

Doch die wohlfeile Verurteilung einer Oberschichtfamilie aus dem vierten Jahrhundert greift zu kurz. Ein Heer von Textilarbeiterinnen, die für geringste Löhne und ohne ausreichenden Gesundheitsschutz arbeiten, sind keine Sklaven, aber auch kein Ausdruck einer humanen globalen Gesellschaft. Moderne Massentierhaltung, seit Jahrzehnten vielfach und umfassend dokumentiert, ist wissentliches Quälen von Lebenwesen. Sie dient allein dem Wunsch, billige Lebensmittel zum niedrigen Preis zu konsumieren.

Migrantinnen und Migranten, die aus Gründen der Armut nach Europa einreisen – in einen Kontinent, den wohlgemerkt vor etwas mehr als hundert Jahren über zwei Millionen Auswanderer (in 20 Jahren) nach Amerika verlassen haben, um dort in Freiheit ihre Chance für ein besseres Leben zu ergreifen – werden als „illegale Einwanderer“ denunziert. Flüchtlingslager, in denen Kinder ohne Strom, Wasser, Heizung, gesundheitliche Versorgung und ohne Perspektive leben müssen, sind eine Schande für den Kontinent, der in der Welt Demokratie und Menschenrechte propagiert.

Ein ehrlicher Blick auf den eigenen ökologischen Fußabdruck und den unserer Gesellschaft schließlich zeigt, dass unsere Lebensweise nicht nur zahllose Mitmenschen benachteiligt und unzähligen Tieren Schaden zufügt, sondern dass wir täglich Geld von dem Konto abheben, das unseren Kindern und Enkeln gehört. Die Ausbeutung von Bodenschätzen, die Vernichtung von Lebensräumen der Tiere und Pflanzen und die Gleichgültigkeit, mit der wir die Veränderung von Atmosphäre und Klima hinnehmen, stellen Fragen an uns, nicht an die Menschen der Antike. Es ist wohlfeil, sich über die Unmenschlichkeit des Mannes mit der Peitsche zu erregen, ohne sich selbst auf die Anklagebank zu setzen.

Der unbekannte Adlige, der in der Villa in Piazza Armerina sein luxuriöses Leben genoss, unterscheidet sich nur in einem Punkt von mir selbst: Er schmückte sein Haus mit dem Leid von Menschen und Tieren. Ich hingegeben klicke weg, schalte um oder blättere weiter. Man wird schon bald von der „postmodernen Dekadenz“ sprechen.

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