„Sei barmherzig!“ Warum Empathie keine Frage des Glaubens ist.

Horst Heller (CC BY)

„Seid barmherzig, wie auch euer himmlischer Vater barmherzig ist (Lk 6,36)“! Selten war die Jahreslosung so unzweideutig in ihrer Aussage, selten aber verband sie zugleich Menschen unterschiedlicher religiöser oder geistiger Orientierung. Das Wort Barmherzigkeit, wiewohl aus der Alltagssprache schon fast verschwunden, hat mit Herzlichkeit, Mitleid und emotionaler Nähe, aber vielleicht auch mit Verzeihen zu tun. „Barmherzigkeit ist ein Gefühl, das für andere das Beste will“ (Bernd Siggelkow).

Für mich steht Barmherzigkeit für dankbares Empfangen, für empathisches Empfinden und für tätige Hilfe.

Dankbares Empfangen: Wessen Corona-App auf grün steht, wer bislang gesund geblieben oder wieder gesund geworden ist, wer seine Arbeit nicht verloren hat, wer seine Heimat nicht verlassen musste, wem seine Fehler nicht angerechnet worden sind, der hat eigentlich gute Gründe, andern gegenüber barmherzig zu sein. (Ich weiß: Nicht selten ist es leider umkehrt: Menschen, die sich selbst  in prekären Situationen befinden, kümmern sich hingebungsvoll um Nachbarn und Bedürftige. Unzählige andere, die allen Grund zur Dankbarkeit haben, tun das nicht. So ist das leider, aber diese Jahreslosung zeigt mir: Barmherzigkeit will erfahren und anschließend weitergegeben werden.)

Empathisches Empfinden: Mich erinnert die Aufforderung der Barmherzigkeit an den Samariter, der den Überfallenen auf der Straße einfach nicht liegen lassen kann. Der Anblick des Hilfsbedürftigen lässt ihn nicht kalt. Er öffnet die Augen, er öffnet sein Herz, er öffnet sein Portemonnaie. Seine emotionale Offenheit mündet in …

… tätige Hilfe: Wem das Leid der Menschen in den Flüchtlingslager Bosniens und Griechenlands nicht egal ist, wer sich noch einen Rest Empathie bewahrt hat, der wird Friedrich Merz widersprechen, der dieser Tage zum Elend der Flüchtlingslager in Europa sagte: „Diese humanitäre Katastrophe lässt sich allerdings nicht dadurch lösen, dass wir sagen: Kommt alle nach Deutschland. Dieser Weg ist nicht mehr geöffnet“ (Quelle). Was daran konservativ und christlich sein soll, wird sich mir nie erschließen. Es ist das Gegenteil von Barmherzigkeit, es ist kaltherzig, hartherzig, grausam, mitleidlos und zeigt ein Herz aus Stein.

Schließlich erinnert mich das Wort der Barmherzigkeit an unsere muslimischen Mitgläubigen. Für sie ist die Mahnung zur Barmherzigkeit so zentral wie für uns Christinnen und Christen das Gebot der Nächstenliebe.

Der Samariter lehrt uns übrigens, dass es für Barmherzigkeit nicht eines bestimmten Glaubens, ja nicht einmal einer religiösen Orientierung bedarf. Nicht nur moralische Instanzen und Vorbilder können Barmherzigkeit üben, sondern „einfache Menschen, die barmherzig werden wollen, also Menschen wie du und ich“ (Andreas Reinert). Eigene Schwächen zu haben und sie anzuerkennen ist für Barmherzigkeit sogar förderlich. Sie macht die Zuwendung zum Mitmenschen ehrlicher, das Mitleid echt.

Blogbeiträge zur Jahreslosung auf www.horstheller.de
09.01.2020
: „Sei barmherzig!“ Warum Empathie keine Frage des Glaubens ist.
10.02.2021
: Embrace your Limitations! Wer seine eigene Unvollkommenheit bejaht, ist barmherziger mit den Fehlern anderer
14.03.2021
: Im Namen der Barmherzigkeit. Hans Küng sollte die Missio Canonica zurückerhalten. Ein Appell.
wird fortgesetzt.