Beethoven war nicht der Hero, den die Nachwelt aus ihm machte.

Horst Heller CC BY
Die Blogbeiträge vom 16.12. und 17.12.2020 als PDF zum Download

Das Jubiläumsjahr des großen rheinländisch-Wiener Musikers ist fast zu Ende. Seine Musik ist weit seltener erklungen, als sie es im Jahr seines 250. Geburtstags verdient gehabt hätte und als es geplant war. Festivals wurden abgesagt,  Konzerte wurden verschoben. Doch manches erklang im virtuellen Raum. Neue Wege, die Beethoven noch nicht kannte, ermöglichen die Erinnerung an den 250. Geburtstag Beethovens auf andere Art. Er, der zeitlebens die Grenzen, die ihm das musikalische Format setzte, so weit verschob, wie es nur irgend möglich war, hätte diese Entwicklung begrüßt.

Dieser Beethoven-Beitrag beschäftigt sich mit seinen neun Sinfonien und mit so mancher Darstellung des Maestro, die der Autor bei einem Besuch in Bonn entdeckt hat.

Unser Beethoven-Bild ist geprägt von Joseph Stielers Portrait aus dem Jahr 1820. Doch Beethoven war in Wahrheit ein schwieriger Mensch, den vieles quälte. Seine labile Gesundheit schränkte ihn immer wieder ein. Mehrfach musste er wochenlang das Bett hüten. Er litt an der Gicht, hatte Verdauungsstörungen, war leberkrank und melancholisch. Er hatte – wie wohl alle Künstler – Schaffenskrisen, die ihn mürbe machten und in finanzielle Notlagen brachten. Mit seiner Schwägerin, der Mutter seines Neffen Karl, für den er eine Zeitlang die Vormundschaft erstritten hatte, lebte er im Dauerstreit. Am allermeisten aber litt er an seiner Taubheit, die schon in jungen Jahren einsetzte. Sie verstärkte sein Misstrauen, machte ihn depressiv und brachte ihn an den Rand eines Suizids.
Dabei war ein eigentlich ein froher Rheinländer, der Geselligkeit, Späße und Freundschaft schätzte. Er liebte Spaziergänge in der Natur, verfügte über eine umfassende klassische Bildung, konnte wunderbare Briefe schreiben und war immer wieder verliebt. Doch die Frau, die es mit ihm aushielt, war nicht zu finden oder wegen der Standesunterschiede für ihn als Bürgerlichen unerreichbar.

Markus Lüpertz hat im Jahr 2014 diesem zutiefst menschlichen Beethoven ein ehrliches Denkmal gesetzt. Es findet sich heute im Bonner Schlossgarten.

Tonmalerei galt als Todsünde des Komponierens. Beethoven war das egal. Für Götter gelten solche Regeln nicht. Beethovens Pastorale

Hatte der große Komponist wirklich schnöde Imitation von Naturgeräuschen betrieben? Hatte er das Plätschern eines Baches, ein herannahendes Gewitter sowie Blitz und Donner nachgeahmt? Das galt schon zur Zeit Beethovens als eine der Todsünden des Komponierens. Allenfalls war es gestattet, innere Gefühle musikalisch darzustellen, die die Begegnung mit der Natur in dem Menschen auslöste. So hat es auch nicht an Versuchen gefehlt, seine Pastorale als musikalische Darstellung von Emotionen zu deuten. Gaben doch die Titel einiger Sätze Anlass dazu: Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande, so ist der erste Satz überschrieben. Doch im zweiten Satz sind offenbar Vogelstimmen zu hören. Beethoven selbst hat die Worte „Nachtigall„, „Wachtel“ und „Kukuk“ in die Partitur eingetragen. Er wusste, dass ein Komponist, der etwas auf sich hält, keine Tonmalerei betreibt. Er wusste es – und tat es dennoch.

Dafür kann es nur einen Grund geben. Er scherte sich nicht darum, was sich kompositorisch „gehörte“. Die Sonatenhauptsatzform ist nur mit viel Fantasie zu erkennen und der erste Satz der Sinfonie endet seltsam einfach, ganz ohne Forte-Akkorde. Die Sinfonie zählt nicht vier, sondern fünf Sätze, deren letzter ebenfalls seltsam verklingt. Beethoven war er nicht bereit, sich musikalischen Konventionen zu unterwerfen, wenn sie seiner Kompositionsidee entgegenstanden. Er konnte es sich leisten.

Meine Lieblingsstelle der Pastorale
… ist natürlich die zweimalige Imitation von drei Vogelstimmen gegen Ende des zweiten Satzes. „Frau Nachtigall trillert in der Flöte, die Wachtel schlägt in der Oboe, der Kuckuck ruft in der Klarinette“ (Büning S. 153).

Die Bamberger Sinfoniker unter der Leitung von Herbert Blomstedt

Quoting Beethoven – Was der Komponist selbst schreibt
Beethoven ist verärgert, dass die neu erschienenen Ausgaben der Sinfonien op. 67 und op. 68 sowie der Trios op. 70 voller Druckfehler sind. Wer trägt daran die Schuld? War seine Abschrift, die er dem Verlag geschickt hatte, fehlerhaft oder ist der Verlag verantwortlich? Am 22. November 1809 schreibt er zornig:

Ich schreibe ihnen endlich einmal. Nach der wilden Zerstörung einige Ruhe, nach allem … ausgestandenen Ungemach arbeitete ich einige Wochen hintereinander, dass es schien mehr für den Tod als für die Unsterblichkeit. Und so erhielt ich ihr Paket ohne Brief und sah es weiter nicht an. Erst vor einigen Tagen nahm ich es zur Hand, und ich mache ihnen recht lebhafte Vorwürfe. Warum [ist] die sehr schöne Auflage nicht ohne Inkorrektheit???? Warum nicht erst ein Exemplar zur Übersicht, wie ich schon oft verlangt? In jede Abschrift schleichen sich Fehler ein, die aber ein jeder geschickter Korrektor verbessern kann, obschon ich beinahe gewiss bin, dass es wenige oder gar keine in der Abschrift, die ich ihnen geschickt, gebe. Es ist unmöglich immer seine Handschrift [den Autografen] zu schicken, jedoch habe ich so genau die … Sinfonien durchgesehen, dass bei genauerer Korrektur auch nur wenig unbedeutende Fehler sein könnten. Etwas sehr ärgerlich bin ich deswegen…“ (Quelle)

Beethovens Pastorale und der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen
Künstler setzten ein Zeichen für den Klimaschutz: Das Beethoven Pastoral Project zur Versöhnung von Mensch und Natur:
https://www.bthvn2020.de/programm/beethoven-pastoral-project

Beethovens Allegretto der 7. Sinfonie und die Sprechhemmung des Königs

Am Ende von Tom Hoopers Oscar-prämiertem Film aus dem Jahre 2010, in der Colin Firth den britischen König George VI. spielt, erklingt der 2. Satz (Allegretto) aus Beethovens 7. Sinfonie.

Hier erklingt das Allegretto aus Beethovens Siebter

Die Szene: Der König leidet an einer Störung des Redeflusses. Er stottert. Seine Therapie macht nur langsam Fortschritte. Doch als Großbritannien zwei Tage, nachdem Polen überfallen worden ist, dem Deutschen Reich den Krieg erklären muss, hält der Monarch die wichtigste Rundfunkansprache seines Lebens. Sein Sprechlehrer Logue hat mit ihm die Rede vorbereitet und begleitet ihn ins Studio.
Sie betreten den Senderaum. Als das rote Licht leuchtet, muss er beginnen. Doch der König schweigt. Die ersten Akkorde erklingen und verstummen wieder. Der König schweigt noch immer. Anzeichen von Resignation sind zu sehen.
Augenblicke später füllt eine sanfte Allegretto-Bewegung den Raum. Die Musik bleibt ruhig, doch sie nimmt langsam Fahrt auf. Da beginnt auch der König zu sprechen. Zunächst stockend, dann flüssiger. Während Logue ihn lautlos durch die schwierigen Stellen seines Manuskripts führt, entfaltet sich die melancholische Musik Beethovens, die an Intensität zunimmt und dann wieder nachlässt, genau wie der Duktus der Rede.
Dann erlischt das rote Licht im Studio. Die Ansprache ist geschafft. Auch die Musik ist zu Ende. Der König hat sein Volk erreicht und zugleich seinen Redestil gefunden. Wie die Pausen zur Musik gehören, gehören von nun an auch Unterbrechungen zu seinem Vortragstil. Musik und Ansprache sind eindringlich und einprägsam, ohne laut oder aggressiv zu werden.
Es brandet Beifall auf. Für wen? In erster Linie für den König, ein wenig vielleicht auch für Logue. Und nur für mich auch ein bisschen für Beethoven.

Meine Lieblingsstelle der 7. Sinfonie ist nicht dieses Allegretto (obwohl es auch für mich wunderbar klingt). Ich höre am liebsten den Beginn des 1. Satzes. Langsame Akkorde ziehen den Hörer in den Bann. Dann werden leise Tonleitern eingeflochten, deren erster Ton jeweils zweimal erklingt. Immer neue Instrumentengruppen übernehmen die musikalische Idee, bis sie vorübergehend zum bestimmenden Motiv wird.

Ein Konzert des Royal Concertgebouw Orchestra und der Leitung von Ivan Fischer

Quoting Beethoven – Was der Komponist selbst schreibt
Die Probe zur Aufführung seiner 7. und 8. Sinfonie in Wien war unerfreulich verlaufen. Viele der Musiker hatten enttäuschend gespielt, fand der Komponist. Besonders schlimm aber war für ihn die Performance des Cellisten Nikolaus Kraft.

Um das Konzert zu retten, benötigte Beethoven Hilfe. Sein Freund Nikokaus von Zmeskall war Jurist, Cellist und komponierte in seiner Freizeit. Er arbeitete in der ungarischen Hofkanzlei in Wien und hatte Einfluss. Beethoven hoffte, ihn an seinem Arbeitsplatz sprechen zu können, traf ihn jedoch nicht an. So schrieb er ihm am 22. April 1813 eine kurze Nachricht und bat um ein Gespräch:

Ich war schon bei ihnen, lieber Zmeskall, obschon ihr Bedienter sagte, dass Sie gar nicht in die Kanzlei gingen, so halte ich dieses für einen Irrtum. Wissen sie schon etwas, könnte ich sie sprechen? Wär’s mir lieb, besonders wegen gestern, und der besonders schlecht mitspielenden [Musiker], wobei Hr. Kraft Sohn obenan steht. Ganz Ihr Beethowen (Quelle)

Beethoven 7, mal anders:

Allegretto, bearbeitet für vier Gitarren von Nathan Aldhizer, vorgetragen vom Richmond Guitar Quartet: schön!
Roll over Beethoven, eine Kombination des Allegretto aus Beethoven 7. Sinfonie mit dem Rock’n Roll-Klassiker von Chuck Berry aus dem Jahre 1951, arrangiert von Marv Conan (2017). Es singt der Peace of Heart Choir unter der Leitung von Robert René Galván, aufgeführt 2018 im Bank Street College Auditorium, New York City: Geschmacksache!

Ein Denkmal des nationalen Überschwangs zu Beethovens 75. Geburtstag

Bereits wenige Jahre nach dem Todes des großen Komponisten setzten die Bemühungen ein, ihn zu einem Nationalsymbol Deutschlands zu machen.

Auf dem Münsterplatz in Bonn steht dieses Denkmal, das 1845 zum 75. Todestag des großen Sohnes der Stadt errichtet wurde. Es zeigt den entrückten Komponisten ganz im Stile Joseph Stielers mit ernstem Gesicht, Löwenmähne, einem Stift in der einen und einem Manuskript in der anderen Hand. Sein Blick ist nach oben gerichtet, so als kämen die Inspirationen für seine Komposition direkt aus dem Himmel und nicht aus seinen unzähligen Skizzenbüchern, in denen er in harter Arbeit alle kompositorischen Ideen vorab festgehalten hatte.

Ein Berichterstatter zählt stolz auf, welche erlauchten Persönlichkeiten an der Beethoven-Feier teilnahmen und stellt dabei den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. und dessen „durchlauchtigste Gemahlin“ und Ihre Majestät, die Königin Victoria von Großbritannien heraus: „Höhepunkt des Festes“, schreibt er, „war ganz ohne Zweifel die Inaugurationsfeier des schönen Beethoven-Monuments auf dem Münsterplatz. Nach dem Hochamt im Münster fand die Enthüllung des Denkmals statt, das nach den Entwürfen von dem Dresdner Bildhauer Ernst Hähnel entworfen und von der Werkstatt Jacob Burgschmiet ausgeführt kunstvoll verfertigt worden war. Um elf Uhr wurden Ihre Majestäten unter Glockengeläut und Jubelrufen empfangen. Sie genehmigten und unterfertigten in der mit rotem Samt und Gold reichgeschmückten Königlichen Loge huldvollst die Urkunde, die in bleierner, hermetisch verschlossener Kapsel in den Sockel des Standbildes eingesenkt und vermauert wurde. Herr Professor Breidenstein hielt die Festansprache, während welcher, an der passenden Stelle, die deckende Hülle des Monumentes wie durch einen Zauberschlag plötzlich sank, und das höchst gelungene Kunstgebilde in überraschender Vollendung und gerade von den ersten Sonnenstrahlen dieses Tages fast magisch beleuchtet, sich den erwartungsvollen Blicken zeigte.“

Begleitet wurde die Enthüllungsfeierlichkeit von einem mehrtägigen Fest, bei dem Franz Liszt Regie übte. Liszt hatte sich mit der enormen Summe an den Gesamtkosten des Denkmals beteiligt. Als Veranstaltungsort entstand die erste Beethovenhalle.

Die Gute-Laune-Sinfonie zwischen den Titanen – Beethovens Achte

Die F-Dur Sinfonie, die unscheinbar zwischen den Giganten der Fünften, der Sechsten, der Siebten und der Neunten steht, ist zu Unrecht relativ unbekannt geblieben. Beethoven fand sie selbst besser als seine Siebte und ärgerte sich, dass die Kritik das anders sah. Auch bei der Uraufführung am 27. Februar 1814 blieb die Begeisterung aus.
Hatten die Konzertbesucher die Beethoven’schen Neuerungen satt, mit denen der Maestro sie regelmäßig herausforderte? Die 8. Sinfonie enthielt statt eines langsamen zweiten Satzes ein Allegretto Scherzando und verwendete eigentümliche Kompositionsmittel. Gewöhnungsbefürftig war auch der Schluss der Sinfonie: Der Schlussakkord erklang fast 40 mal, dann zitieren Holzbläser und Streicher im Wechsel noch einmal eines der Gute-Laune-Themen der Sinfonie, um das Werk mit weiteren 30 wuchtigen Orchesterschlägen abzuschließen.
Oder war es umgekehrt? War dem Publikum die F-Dur Sinfonie zu kurz, zu einfach, zu wenig dramatisch? Was die Aufführungsdauer angeht, kehrte Beethoven wieder zu den Dimensionen seiner 1. Sinfonie zurück.
Fast scheint es, als hätte Beethoven mit dieser Sinfonie tief Luft geholt. Bis zu seiner nächsten, der berühmten Neunten mit der Ode an die Freudesollten noch einmal 10 Jahre vergehen. Dieses sein letztes großes sinfonisches Werk würde dann weder zu kurz, noch zu einfach, noch zu wenig dramatisch ausfallen …

Meine Lieblingsstelle der 8. Sinfonie
ist das zweite und das dritte Thema des 1. Satzes. Ein besonderes „Ohrenmerk“ verdienen die Ritardandi.

Das West-Eastern Divan Orchestra unter der Leitung von Daniel Barenboim

Quoting Beethoven – Was der Komponist schreibt (in diesem Fall: schreiben lässt, weil er der englischen Sprache nicht mächtig ist):
Johann von Häring, ein Geschäftsmann mit guten Kontakten nach Großbritannien, schreibt zwischen dem 16. und 19. März auf Beethovens Bitte und in seiner Anwesenheit an George Thomas Smart in London, weil der Komponist seit langer Zeit vergeblich auf eine Antwort des königlichen Hofs wartete. Er hatte eines seiner Werke dem Prinzregenten George gewidmet. Dieser hatte aber nicht geantwortet. Beethoven möchte weitere Werke in London veröffentlichen, darunter auch seine 8. Sinfonie.
Er kann den Brief nicht selbst schreiben. Da er aber auch völlig taub ist, kann er sich auch die deutsche Übersetzung der englischen Fassung seines Briefes nicht vorlesen lassen. So finden sich in dem Schreiben, das ansonsten ganz im Sinne des Komponisten abgefasst ist, einige Zeilen, die ihm wohl nicht recht gewesen wären: He talks continually of going to England, but I am afraid that his deafness, seemingly encreasing, does not allow him the execution of this favorite idea. (Quelle)

Beethoven 8, mal anders

Eine Bearbeitung der Sinfonie für Klavier von Franz Liszt, vorgetragen von Cyprien Katsaris

Freude schöner Götterfunken: Bis 1990 verlief die innerdeutsche Grenze genau in Takt 697 bei „diesem Kuss der ganzen Welt“.

Sie wurde gespielt, als in Berlin die Mauer fiel. Sie erklang erneut am Vorabend der deutschen Einheit. In einer Fassung von Herbert von Karajan ist sie die offizielle Hymne der Europäischen Union. Sie steht für Europa, für Frieden und Verständigung.

Dabei ist die Originalpartitur der Sinfonie ein Sinnbild für die jahrzehntelange Zerrissenheit Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Handschrift der Sinfonie aus der Feder Beethovens war bis zum 2. Weltkrieg in der Alten Bibliothek in Berlin aufbewahrt worden. Um das Risiko einer Beschädigung durch Bombenangriffe zu verringern, wurde die Handschrift 1941 gesplittet und an drei verschiedene Orte verbracht. Dort überstand alles unbeschädigt den Krieg. Später sollte in Berlin wieder zusammengefügt werden, was zusammen gehörte. Aber zwei Teile befanden sich nun im Osten der Stadt, ein Teil im Westen. Die innerdeutsche Grenze verlief genau bei Takt 697, in dem die Altstimmen singen: „… diesen Kuss der ganzen Welt.“

Mit dem Fall der Mauer wurden nicht nur die beiden Teile Berlins wieder zusammengeführt, sondern auch der Autograph der Ode an die Freude. Im Jahr 2001 wurde er in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen.

Vielleicht handelt es sich bei der Beethovens 9. Sinfonie um die berühmteste Komposition aller Zeiten. Da verwundert es vielleicht, dass das Werk von der zeitgenössischen Kritik sehr unterschiedlich rezensiert wurde. Carl Maria von Weber, ein Zeitgenosse Beethovens, war einer der Kritiker:

Hört das Rezept dieser neuen Symphonie, das ich soeben von Wien erhalten, schreibt er, und urteilt danach: Erstens, ein langsames Tempo, voll kurzer abgerissener Ideen, wo ja keine mit der anderen Zusammenhang haben darf. Alle Viertelstunden drei oder vier Noten! … Dann ein dumpfer Paukenwirbel und mysteriöse Bratschensätze, … endlich … ein wütendes Tempo, in welchen aber hauptsächlich dafür gesorgt sein muss, dass kein Hauptgedanke hervortritt.

Meine Lieblingsstelle der 9. Sinfonie
Nein, nicht der Schlusschor! Die grandiose Melodie ist zwar die Europa-Hymne geworden und steht für Werte, die mir wichtig sind. Aber musikalisch ist der Schlusschor eher nichts Besonderes. Meine Lieblingsstelle findet sich im Scherzo. Hier unterbricht die Pauke viermal einigermaßen aggressiv die Spielfreude aller anderen Instrumente. Auch im Folgenden spielt sie eine zentrale Rolle. Am Ende des Satzes darf sie noch einige Male den Störenfried spielen.

Eine Aufnahme der Neunten Sinfonie Oslo Philharmonic in der in Oslo Concert Hall mit Oslo Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Klaus Mäkelä vom 4. Januar 2013

Quoting Beethoven – Was der Komponist selbst schreibt
Zwischen dem 23. und 26. März 1825 kündigt Ferdinand Wolanek, der Kopist der 9. Sinfonie, seinen Dienst bei Beethoven und schickt ihm die unvollständige Arbeit zurück. Über die Gründe lässt der Brief, trotz wohl gesetzter Worte, keine Zweifel: Es war die schlechte Behandlung durch den Maestro.

Herrn Ludwig v. Beethoven! Da ich mit dem Einsetzen des Finale in Partitur zu Ostern erst fertig werden kann, und Sie Selbiges um diese Zeit nicht mehr benötigen …, so übersende ich nebst dem bereits Angefangen die sämtlichen Stimmen zu Ihrer gefälligen Disposition. Dankbar bleibe ich für die erwiesene Ehre Ihrer mir zugekommenen Beschäftigung verpflichtet; was ferner das … misshellige Betragen gegen mich betrifft, so kann ich es lächlend nur als eine angenommene Gemütsaufwallung ansehen. … Ich ersuche nur, mich mit jenen gemeinen Copiatursubjekten nicht zu vermengen, die selbst bei sklavischer Behandlung sich glücklich preisen, ihre Existenz behaupten zu können. Nehmen Sie die Versicherung, dass … ich nie Ursache hatte, meines Betragens willen vor Ihnen erröten zu müssen.
Mit Hochachtung ergebener Ferd. Wolanek


Dass der Vorwurf des übellaunigen Verhaltens gegenüber Bediensteten nicht aus der Luft gegriffen war, zeigt die Reaktion auf dieses Kündigungsschreiben. Beethoven streicht den Brief Wolaneks mit zwei wütenden Strichen durch und kritzelt mit riesigen Buchstaben die Worte Dummer eingebildeter eselhafter Kerl. … Einem solchen Lumpenkerl … wird man noch Komplimente machen. Man zieht ihn statt dessen bei seinen eselhaften Ohren.
Auf der Rückseite entwirft er ein Antwortschreiben, dass er aber wohl nicht abgeschickt hat:
Schreib-Sudler! Dummer Kerl! Korrigieren Sie Ihre durch Unwissenheit, Übermut, Eigendünkel und Dummheit gemachten Fehler. Dies schickt sich besser, als mich belehren zu wollen. Denn das ist gerade, als wenn die Sau die Minerva lehren wollte. Beethoven
Es war schon gestern und noch früher beschlossen, Sie nicht mehr für mich schreiben zu machen.
(Quelle)

Beethoven 9, mal anders:

Die Neunte Sinfonie getanzt. Ein Projekt mit dem Béjart Ballet Lausanne und dem Tokyo Ballet unter der Leitung von Maurice Béjart: beeindruckend
Die Ode an die Freude mit 10.000 Sängerinnen und Sängern. Nicht immer schön, aber ein wertvolles Symbol für Frieden und Verständigung
Beethoven-Flashmobs gibt es in 2020 unzählig viele. Aber dieser in der Zeughaus-Mensa in Heidelberg mit dem Collegium Musicum Heidelberg ist besonders gut gelungen.

Teil 1 dieses Beitrags:Beethoven hätte das digitale Format seiner Geburtstagsfeier begrüßt.

Literatur
Eleonore Büning, Sprechen wir über Beethoven. Ein Musikverführer, Salzburg und München 2018
Clemency Burton-Hill, Ein Jahr voller Wunder. Klassische Musik für jeden Tag, Zürich 2019
Michael Ladenberger (Hg), Beethoven zum Vergnügen. Ditzingen 2020

Blogbeiträge zum Thema auf www.horstheller.de
16.12.2020: Beethoven hätte das digitale Format seiner Geburtstagsfeier begrüßt
17.12.2020: Beethoven war nicht der Hero, den die Nachwelt aus ihm gemacht hat.

20.11.2019: Darf der Erlöser auf der Opernbühne stehen? Warum Händels Messias die Anerkennung beim Publikum zunächst nicht erfuhr.
20.03.2020: Gebt mir die Rechnung einer Wäscherei, ich werde sie für euch vertonen. Gedanken zu Rossinis letzem Werk, bei dem er auf Gottes Humor hoffte.
12.04.2020: Händels Messias und die Pandemie: Die Uraufführung des Oratoriums kam zwei Krankenhäusern zugute. Wer denkt da nicht an Corona?
07.06.2020: Ein ungleiches Liebespaar der Anike und die Gefahr des Vulkans. Händels Acis und Galatea
26.07.2020: „Wenn du ihn sehen könntest…“ Wie Johann Sebastian Bach dirigierte
02.10.2020: Freude schöner Götterfunken. Bis 1990 verlief die innerdeutsche Grenzen genau in Takt 697 bei „diesen Kuss der ganzen Welt.“
29.11.2020: Weihnachtsoratorium, du fehlst mir. Zwölf Fragen an Bachs berühmteste Komposition

Mein Beethovenjahr auf www.horstheller.de
01.03.2020: The King’s Speech und die Sprechhemmungen des Königs: Beethovens Siebte -Mein Beethovenjahr (1/9)
29.03.2020: Die Sinfonie, die mit einem Dominantseptakkord beginnt. Beethovens Erste – eine charmante Provokateurin – Mein Beethovenjahr 2/9
24.05.2020: Tonmalerei galt als Todsünde des Komponierens. Beethoven war das egal. Für Götter galten solche Regeln nicht. Beethovens Sechste, die Pastorale – Mein Beethovenjahr 3/9
28.06.2020: Die Gute-Laune-Sinfonie zwischen den Titanen: Beethovens Achte – Mein Beethovenjahr 4/9
23.08.2020: Die „Sinfonia grande“, auf deren Deckblatt jemand heftig radiert haben muss: Beethovens Eroica – Mein Beethovenjahr 5/9
16.09.2020: „Noch 10 Minuten, dann sind wir fertig.“ Das Beethoven-Portrait Joseph Stielers wirkt bis heute nach.
02.10.2020: Freude schöner Götterfunken: Bis 1990 verlief die innerdeutsche Grenze genau bei Takt 697 der Ode an die Freude. Beethovens Neunte – Mein Beethovenjahr 6/9
18.10.2020: „Der angestochene Lindwurm, der nicht ersterben wollte.“ Die Sinfonie, die das Publikum erschreckte, gilt heute als graue Maus – zu Unrecht: Beethoven Zweite – Mein Beethovenjahr 7/9
12.12.2020: War Beethovens Metronom in Reparatur? Das Rätsel um das teuflische Tempo im Schlusssatz von Beethovens Vierter – Mein Beethovenjahr 8/9
20.12.2020: Da – da – da – daaaa! Das vielleicht bekannteste Motiv der Musikgeschichte erklang wenige Tage vor dem Weihnachtsfest 1808 zum ersten Mal: Beethovens Fünfte – Mein Beethovenjahr 9/9