Beethoven hätte das digitale Format seiner Geburtstagsfeier begrüßt.

Horst Heller CC BY
Die Blogbeiträge vom 16.12. und 17.12.2020 als PDF zum Download

Das Jubiläumsjahr des großen rheinländisch-Wiener Musikers ist fast zu Ende. Seine Musik ist weit seltener erklungen, als sie es im Jahr seines 250. Geburtstags verdient gehabt hätte und als es geplant war. Festivals wurden abgesagt,  Konzerte wurden verschoben. Doch manches erklang im virtuellen Raum. Neue Wege, die Beethoven noch nicht kannte, ermöglichen die Erinnerung an den 250. Geburtstag Beethovens auf andere Art. Er, der zeitlebens die Grenzen, die ihm das musikalische Format setzte, so weit verschob, wie es nur irgend möglich war, hätte diese Entwicklung begrüßt.

Dieser Beethoven-Beitrag beschäftigt sich mit seinen neun Sinfonien und mit so mancher Darstellung des Maestro, die der Autor bei seinem Besuch in Bonn entdeckt hat.

„Noch 10 Minuten, dann sind wir (für heute) fertig.“ Das berühmte Beethoven-Protrait Joseph Stielers ist 200 Jahre alt geworden.

Joseph Stieler war einer der angesehensten Maler seiner Zeit. Die Darstellung Beethovens, die wie keine andere unser Bild des Komponisten geprägt hat, entstand in der Zeit von Februar bis April des Jahres 1820. Weil beide, Maler und Komponist, Notizen zur Entstehung des Gemäldes machten, ist seine Entstehung gut dokumentiert. Beethoven besuchte Stieler immer wieder in seinem Atelier und besprach viele Details des Projekts mit ihm: In welcher Pose sollte der Komponist abgebildet werden? In welcher Haltung konnte er auch längere Zeit stillsitzen? Aus welcher Richtung sollte das Licht auf die Szene fallen? Welche Kleidung sollte Beethoven tragen?

Als das Portrait vollendet war, wurde es schnell zur bekanntesten Darstellung des Komponisten. Sitzend hält er einen Stift und ein Notenmanuskript in den Händen. Die Augen des Komponisten schauen keineswegs auf das Blatt, obwohl er im Begriff zu sein scheint, Noten zu notieren. Sie richten sich vielmehr nach oben und blicken in die Richtung, aus der das Licht kommt. Damit knüpft Stieler an Heiligendarstellungen früherer Jahrhunderte an, die auch ihren Blick auf das Jenseitige richten. Die Gottesmänner und -frauen wenden sich ganz dem Göttlichen zu. So scheint den genialen Komponisten die Inspiration aus dem Himmel zu erreichen. Der Betrachter soll verstehen: Komponieren ist kein Handwerk am Schreibtisch oder am Klavier, sondern das Hören auf die Inspiration aus der Welt der Melodien.

Im Hintergrund ist ein Waldstück zu sehen. Es ist dunkel gehalten und soll den Blick nicht von der dargestellten Person lenken. Von Beethoven wissen wir, dass er ein Freund der Natur war und Spaziergänge am Nachmittag liebte. Er scheint am Rande einer Waldlichtung inmitten von grünem Pflanzen zu sitzen. Doch die Kleidung des Maestro passt nicht zu diesem Rahmen. Er trägt einen anthrazitfarbenen Hausmantel, der Hemdkragen ist weit geöffnet. Der rote Schal unterstreicht den legeren Kleidungsstil. Wollte sich ein Mann seiner Zeit portraitieren lassen, wählte er eigentlich ein anderes Hemd, ein weißes Halstuch und einen langen Mantel. Beethoven und Stieler entschieden sich aber für eine Home-Story, die vordergründig realistisch wirken sollte: Der große Beethoven notiert inmitten der Natur und im Hören auf die innere Stimme seine genialen musikalischen Einfälle. Gerade damit aber idealisiert das Gemälde den Komponisten. Der mühsame Kampf gegen das leere Blatt, die Verwendung seiner unzähligen Notizzettel, auf denen er Einfälle notiert hatte, und die unvermeidlichen Korrekturen und Verbesserungen werden nicht abgebildet. Und natürlich ist auch nicht zu erkennen, dass Beethoven im Jahr 1820 bereits vollständig ertaubt war und an einer Reihe weiterer Beschwerden litt.

Das Manuskript, das der Komponist in der Hand hält ist klar zu identifizieren. Es handelt sich um die Missa Solemnis, die Beethoven mindestens zeitweise für sein bestes Werk hielt. Auf der Seite, die vom Betrachter zu sehen ist, ist der Titel der Komposition zu lesen. Beethoven hatte – ausnahmsweise in Schönschrift – notiert, wie er sich diese Seite vorstellte. Stieler setzte das um und ahmte auch die Handschrift Beethovens nach. Auf der Seite, auf der Beethoven gerade zu schreiben ansetzt, sind die ersten Buchstaben des Wortes „Credo“ und ein Notensystem zu sehen. Vorzeichen finden sich dort nicht. Die erste Note ist ein C, nach der Art Beethovens mit einem Notenhals auf der „falschen“ Seite notiert. Dass das Credo der Missa Solemnis in einer schwer zu identifizierenden Tonart, keinesfalls aber in C-Dur steht, ist nur ein Detail und sei am Rande angemerkt.

Die Liebe des Malers zum Detail forderte dem eigenwilligen Maestro alles ab. Trotz eines anscheinend guten Einvernehmens erschien Beethoven mindestens zweimal nicht zur angekündigten Sitzung. Ein undatiertes Entschuldigungsschreiben ist erhalten: „Wertester Stieler, heute ist es unmöglich mich zu Ihnen zu begeben. Morgen werde ich aber Punkt elf Uhr bei Ihnen sein. Sie verzeihen schon. In Eile Ihr mit Hochachtung ergebenster Beethoven.“ Möglicherweise ist der Komponist kurz vor Fertigstellung des Portraits aber doch nicht mehr erschienen. Das erklärt vielleicht, warum seine Hände auf dem Gemälde wenig ausdrucksstark sind. Mit der glatten Haut und den lackierten Nägeln wirken wie die gepflegten Hände einer Frau.

Die Sinfonie, die mit dem Dominantseptakkord beginnt. Beethovens Erste, die charmante Provokateurin

Das hatte es noch nicht gegeben. Die Sinfonie Nr. 1 in C-Dur beginnt, als wäre die erste Seite der Partitur verloren gegangen, mit einem Forte-Akkord in der Dominante. Dieser löst sich nur zögerlich auf. So bleibt die Tonart des ersten Satzes zunächst im Unklaren. Der musikalisch Gebildete ahnt sie, aber sicher kann er erst sein, als das Thema mit der Tempobezeichnung Allegro con brio beginnt. Hier zitiert – oder parodiert – Beethoven eine revolutionäre Melodie, die im Umfeld Napoleons gespielt wurde, zum Beispiel von Rodolphe Kreutzer, dem Sologeiger in Napoleons Privatkapelle, dem er zwei Jahre später die berühmte Kreutzersonate widmen sollte.
Trotz dieser Provokationen, mit denen der junge Komponist die Hörgewohnheiten des Wiener Publikums strapazierte, wurde die Uraufführung am 2. April 1800 ein Erfolg. Beethoven hatte sie in der Musikalischen Akademie im k. u. k. Nationalhoftheater selbst geleitet. Die Leipziger Allgemeine Musikalische Zeitschrift schrieb: Das war wahrlich die interessanteste Akademie seit langer Zeit (zitiert nach Büning S. 103).

Höraufgabe:
Der Beginn des 4. Satzes: Er beginn Satz mit einigen mit äußerster Vorsicht gespielten und zunächst unvollständigen Adagio-Melodiebögen. Dann beginnt das Orchester zu tanzen: Allegro molto e vivace.

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter der Leitung von Paavo Järvi

Quoting Beethoven – Der Komponist schreibt selbst
In einem Brief vom 15. Januar 1801 dient Beethoven seinem Verleger Franz Anton Hofmeister in Leipzig vier neue Werke an: das Klavierkonzert op. 19, das Septett op. 20, seine Sinfonie Nr. 1 op. 21 und die Klaviersonate op. 22. Für alle vier Werke erbittet er zusammen 70 Dukaten:
Was nun unsere eigentliche[n] Geschäfte anbelangt, weil sie es nun so wollen, so sei ihnen hiemit gedient, für jetzt trage ich ihnen folgende Sachen an: Septett, (wovon ich ihnen schon geschrieben) 20 Dukaten, Sinfonie 20 Dukaten, Concert 10 Dukaten, Große Solosonate 20 Dukaten … Ich glaube nicht, dass Ihnen dieses übertrieben scheint … Wenigstens habe ich mich bemüht, Ihnen so mäßig als möglich die Preise zu machen. Die ganze Summe wäre also 70 Dukaten für alle 4 Werke. Ich verstehe mich auf kein anderes Geld als Wiener Dukaten, wie sich das bei Ihnen Thaler und Gulden macht, das geht mich alles nichts an, weil ich wirklich ein schlechter Negociant und Rechner bin. (Quelle)

Beethoven 1, mal anders:

10 Bläser und 1 Kontrabass der University of Michigan Symphony Band interpretieren die 1. Sinfonie Beethovens. Absolut hörenswert! Aber wäre der Dirigent nicht verzichtbar gewesen?

„Der angestochene Lindwurm, der nicht ersterben will.“ Beethovens Zweite, die die Kritiker aufbrachte, ist heute zu Unrecht die graue Maus.

„So ein langes, vielstimmig lautes und opernhaft dramatisiertes Instrumentalstück hatte das Publikum noch nicht gehört.“ (Büning S. 67). Die Allgemeine Musikalische Zeitung („für die elegante Welt“) konnte sich mit diesem neuen Werk allerdings nicht anfreunden. Diese Sinfonie erinnere an ein crasses Ungeheuer, einen angestochenen Lindwurm, der nicht ersterben wolle und, selbst verblutend, im Finale noch mit dem aufgereckten Schweife vergeblich wüthend um sich schlage, so der Wiener Korrespondent der Zeitung (zitiert nach Büning S. 67).

Heute löst die D-Dur Sinfonie – wenn sie denn je einmal erklingt – kaum eine dramatische Empfindung aus. Aber haben wir Verständnis für Zeitgenossen Beethovens! Das Wiener Publikum kannte ja noch nicht den „Lindwurm“ 3. Sinfonie, die fast 60 Minuten dauert, noch nicht die (fälschlich) so genannte Schicksalssinfonie, die schon eher wüthend um sich schlägt, und schon gar nicht die 9. Sinfonie mit dem Schlusschor, die tatsächlich nicht sterben sollte. So ändern sich in 200 Jahren die Hörgewohnheiten!

Die Höraufgabe …
findet sich heute im 2. Satz, dem Larghetto. Die Bläser wiederholen das 1. Thema, das die Streicher zu Beginn des Satzes vorgetragen haben. Die Flöte wirft lockere Dreiklänge ein. Welche Worte beschreiben diese himmlische Leichtigkeit am besten?

Kammerorchester Basel unter der Leitung von Giovanni Antonini am 04.06.2016 im Stadtcasino Basel.

Quoting Beethoven – Was der Komponist selbst schreibt (… in diesem Fall schreiben lässt)
Beethovens jüngerer Bruder Kaspar Karl kümmerte sich einige Jahre lang um die Geschäfte seines Bruders. Auch er war nach Wien umgezogen. Kaspar Karl hatte dem Leipziger Verlag drei Werke angeboten, darunter die 2. Sinfonie seines Bruders. Doch der Verleger wollte statt der geforderten 600 nur 500 Gulden zahlen und hatte an einer der drei Kompositionen gar kein Interesse. Aber für den Kaufmann galt hier: Alle drei oder keines. So ließ er den Verlag am 26. März 1803 wissen, dass er die fraglichen Werke nun an das Kunst- und Industrie-Comptoir in Wien verkauft habe. Kaspar Karl sag lag aber krankheitsbedingt im Bett und diktierte das Schreiben seinem Bruder Johann, dem jüngsten der Beethovenbrüder. Zwischen den Zeilen ist eine Spur verletzten Stolzes der Gebrüder Beethoven zu finden:
Nachdem ich Ihnen den äusserst mittelmäßigen Preis von 600 Gulden angesetzt habe und Ihnen dennoch diese Werke zu teuer waren …, so habe ich hieraus geschlossen, dass Sie … an Werken dieser Art überhäuft sein würden. … So habe ich daher diese 2 Werke einem ihrer H[erren] Kollegen um 700 Gulden überlassen.

Die Sinfonia grande, auf deren Deckblatt jemand heftig radiert haben muss: Beethovens Eroica

Das Geheimnis um das Deckblatt des Autographen, das mit verschiedenen Schreibwerkzeugen und unterschiedlichen Tinten beschriftet worden ist, und auf dem jemand (der Komponist selbst?) so nachdrücklich radiert hat, dass das Papier ein Loch aufweist, werden wir nicht enträtseln können. Denn hier sind Wahrheit und Legenden kaum noch zu unterscheiden. Hinter dem Rätsel um das Deckblatt verbirgt sich die Frage, wem die Sinfonie gewidmet war. Denn auf dem gedruckten Titel der Sinfonie hat der Komponist die rätselhafte Widmung „…per festiggiare il sovvenire di un grand Uomo“ aufbringen lassen und damit seinen Zeitgenossen Fragen aufgegeben. Wer war dieser grand Uomo, dieser große Mann? Möglicherweise war es Louis Ferdinand, Prinz von Preußen, Enkel des Königs Friedrich Wilhelm I. Er war Offizier der preußischen Armee, aber auch Komponist und Pianist und gehörte zu Beethovens Verehrern. Er starb 1806 auf dem Schlachtfeld von Saalfeld. Doch dass die Sinfonie dem preußischen Prinzen gewidmet ist, ist nicht sicher. Arturo Toscanini tippte auf Napoleon Bonaparte, andere auf Alexander des Großen, einiges spricht schließlich für den antiken Helden Prometheus. Der französische Konsul war zumindest eine Zeitlang Widmungsträger der Sinfonie, das bezeugen auch Briefe des Komponisten. Aber galt das auch später noch? Wir wissen es nicht, und es ist auch nicht wichtig.
Bedeutender ist da schon, dass diese Sinfonie ihrer Zeit voraus war. Zeitgenossen empfanden sie als genial, aber zu lang. Denn allein der erste Satz dauerte mehr als 15 Minuten. In der Zeit, in der die Eroica aufgeführt wurde, hätte Beethovens 1. Sinfonie zweimal gespielt werden können. Anderen erschien das Werk zu grell, zu bizarr, zu laut. Den zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotten, zwei Trompeten, drei Hörnern und der Pauke, zusammen 14 Instrumenten, standen bei der Uraufführung nur die gleiche Zahl von Streichern gegenüber. Die Sinfonie war also recht „bläserlastig.“ Dieses Klangbild war ungewöhnlich, ja revolutionär und erinnerte an die militärischen Auseinandersetzungen der Zeit.

Meine Lieblingsstelle der 3. Sinfonie
Auch der zweite Satz ist eine musikalische Erneuerung. Noch nie hatte ein Komponist einen Trauermarsch nach französischem Vorbild in eine Sinfonie eingefügt. Das Seitenthema der Marcia funebre steht in C-Dur.

Marcia funebre – der 2. Satz der Eroica – mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Claudio Abbado

Eine persönliche Erinnerung an diese Sinfonie
Sie stammt aus dem Musikunterricht meiner Schulzeit. Der Musiklehrer machte uns auf die Stelle aufmerksam, wo das Horn zwei Takte vor der Reprise schon das berühmte Thema des 1. Satzes reintoniert. Dem aufmerksamen Hörer, der die Sinfonie nicht kennt, könnte es erscheinen, als habe der Hornist zu früh eingesetzt. So erging es auch Ferdinand Ries, einem Wegbegleiter Beethovens. Er schreibt: „Bei der ersten Probe dieser Symphonie, die entsetzlich war, wo der Hornist aber recht eintrat, stand ich neben Beethoven, und im Glauben, es sei unrichtig, sagte ich: „Der verdammte Hornist! Kann der nicht zählen? Es klingt ja infam falsch!“ Ich glaube, ich war sehr nah daran, eine Ohrfeige zu erhalten.
Eine Höraufgabe: Achten Sie auf den nur scheinbar verfrühten Einsatz der Hörner, wenige Takte, bevor das gesamte Orchester mit der Reprise beginnt. Beethoven muss sich beim Komponieren köstlich amüsiert haben. Er liebte ja solche Späße.

Das hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada

Im Zuge der Recherche zu diesem Blogbeitrag habe ich diese Anekdote wiederentdeckt. (Quelle)

Quoting Beethoven – Was der Komponist schreibt
Beethoven hatte gehört, dass seine 3. Sinfonie von der Allgemeinen Musikalischen Zeitung, die in Leipzig von ebendem Verlag herausgegeben wurde, der auch einen Teil seiner Werke veröffentlichte, negativ rezensiert worden war. An seinen Verleger Härtel & Breitkopf schrieb er deshalb am 5. Juli 1806: Ich höre, dass Sie in der Musikalischen Zeitung so über die Sinfonie, die ich ihnen voriges Jahr geschickt, und die Sie mir wieder zurückgeschickt [haben], … losgezogen haben. Gelesen habe ich’s nicht. Wenn Sie glauben, dass Sie mir damit schaden, so irren Sie sich. Vielmehr bringen Sie Ihre Zeitung durch so etwas in Misskredit. (Quelle)

Beethoven 3, mal anders:

Eroica – eine musiktheatralische Inszenierung der 3. Symphonie von Beethoven des Aargauer Theaters Marie
Die Generation Gold sitzt hier nicht nur im Publikum. Neun Musikerinnen und Musiker konzertieren eine Bearbeitung der Sinfonie. Zwanzig Personen, alle über 60 Jahre alt, bilden einen Bewegungschor und interpretieren die Sinfonie durch Tanz, Gesang und Performance mitten im Publikum. Musikalische Leitung: Bo Wiget, Regie: Oliver Keller: ungewöhnlich.

War Beethovens Metronom in Reparatur? Das Rätsel um das teuflische Tempo im Schlusssatz von Beethovens Vierter

Lahmer Beginn, rasend schneller Schlusssatz. Diese Sinfonie ist eine Komposition der Extreme. Sie beginnt mit einer unfassbar langsamen Einleitung, um sich dann auf dem Umweg über einige Orchesterschläge zu einem einigermaßen „normalen“ Sinfoniethema zu bequemen. Dagegen kommt der Schlusssatz der Sinfomie teuflisch schnell daher, dass es Zweifel gab, ob die Metronomangabe (Halbe Note = 80 Schläge pro Minute) des Komponisten nicht ein Irrtum war. Denn immerhin hatte ihn der Maestro mit Allegro ma non troppo, nicht etwas mit Prestissimo überschrieben.

Der Anfang zu langsam, der Schluss zu schnell, das rief natürlich Kritiker auf den Plan. Carl Maria von Weber, ein Zeitgenosse Beethovens kleidete seine Ablehnung dieses unerhört Neuen in ein literarisches Gewand: In seinem Romanfragment Tonkünstlers Leben schreibt er: Als die Instrumente des Symphonieorchesters diese Noten zum ersten Mal hören, treten sie in den Streik.  Das Material selbst, Holz und Metall, protestiert. Kontrabass und Fagott, Flöte und Bratsche wollen fortan keine Klappe mehr rühren, keine Saite mehr spannen (zitiert nach Büning S. 39).

Meine Vermutung: Das Metronom war keinesfalls in der Werkstatt. Beethoven hatte sowohl das langsame Tempo des Beginns als auch das hohe Tempo des Schlusses genau so komponiert. In allen seinen Sinfonien reizte er die Spielräume, die ihm die musikalische Form gab, bis an ihre Grenzen aus, um sie in seiner letzten großen Sinfonie schließlich ganz zu sprengen.

Meine Lieblingsstelle der 4. Sinfonie
Im zweiten Satz führen die Streicher das erste Thema des zweiten Satzes ein. Wenig später wird es von den Bläsern wiederholt. Diese Stelle ist wunderschön. Unmöglich zu sagen, welche Instrumentengruppe sie schöner spielt …

West-Eastern Divan Orchestra unter der Leitung von Daniel Barenboim

Eine persönliche Erinnerung an diese Sinfonie
ist eine Aufführung in der Festhalle Pirmasens mit dem Euroclassic Festival Orchester unter der Leitung von Antje Weithaas, die das Orchester von ersten Pult aus leitete (Play and Conduct)

Quoting Beethoven – Was der Komponist selbst schreibt
Beethoven, der Europäer: Im April 1807 bot Beethoven sechs neue Werke, darunter seine 4. Sinfonie, drei Verlegern in Wien, Paris und London gleichzeitig an. Er legte fest, dass sie in allen Ländern an ein und dem selben Tag veröffentlicht werden sollten. Er befürchtete nämlich zu Recht, dass sich andernfalls schnell illegal erworbene Raubdrucke seiner Werke auf dem Markt finden würden, die ihn um den Lohn seiner Arbeit gebracht hätten. Am 26. April 1807 schrieb er an Ignaz und Camille Pleyel in Paris:
Ich trage Ihnen den Verlag [das Verlegen] dieser Werke für Paris an, und mache Ihnen, um durch schriftliches Handeln die Sache nicht in die Länge zu ziehen, gleich den sehr billigen Preis von 1200 Gulden … Was den Tag der Herausgabe betrifft, so glaube ich für die 3 Werke der ersten Kolonne [die Coriolan-Ouvertüre, sein Violinkonzert und seine 4. Sinfonie] den 1. September, und für die der zweiten Kolonne [darunter sein 4. Klavierkonzert und zwei Streichquartette] den 1. Oktober d. J. bestimmen zu können.
(Quelle)

Beethoven 4, mal anders:

Cyprien Katsaris, Auszug aus dem letzten Satz der 4. Sinfonie. Er spielt ohne „Tempolimit“, ganz so, wie Beethoven es wollte.

Dadada-daaaa! Das berühmteste Motiv der Musikgeschichte erklang wenige Tage vor dem Weihnachtsfest 1808 zum ersten Mal: Beethovens Fünfte

Wer nur wenige Kompositionen klassischer Musik kennt, der hat aber doch die Melodien der Air von Bach, den Beginn von Mozarts 40. Sinfonie und das Dadada-daaaa! von Beethovens Fünfter auf den Lippen.

Dass sie den Namen Schicksalssinfonie erhalten hat, geht auf eine Überlieferung zurück, die wahrscheinlich keinen historischen Wahrheitsgehalt hat. Sie ist es nicht wert, hier erzählt zu werden. Denn Beethovens Fünfte hatte es nie nötig, durch Marketing ein bestimmtes Image verpasst zu bekommen.

Gute und böse Menschen liebten und lieben Beethoven zu allen Zeiten. Deshalb kann der Komponist auch nichts dafür, dass die Nationalsozialisten seine Sinfonien besonders schätzten. Vier der fünf am häufigsten aufgeführten sinfonischen Werke in den Jahren 1941 bis 1943 (wenn man die Spielpläne der Häuser als Maßstab nehmen darf) waren Beethovenwerke. Die nationalsozialistische Kulturpolitik (wenn sie denn diesen Namen überhaupt verdient hat) sah in Beethovens Musik die musikalische Verkörperung des deutschen Heldentums. Die 5. Sinfonie war wohl deshalb doppelt so häufig angesetzt wie in den Jahren zuvor. Pech nur, dass diese Rechnung ohne den Komponisten gemacht worden war. Denn Beethovens Fünfte war ist und keine Hommage an den deutschen Nationalismus, sondern eher eine musikalische Verarbeitung von Motiven der Französischen Revolution. Und mit der wollten die Nazis ja nichts zu tun haben.

Meine Lieblingsstelle der 5. Sinfonie
Mein Favorit sind nicht die ersten vier Töne der Sinfonie, obwohl dieser auftaktiger Beginn revolutionär ist: Eine Fermate bereits im 2. Takt einer Sinfonie! Ein Unisono-Motiv, das zunächst die Tonart offen lässt: Ist es c-Moll? Ist es Es-Dur? Es spräche vieles für diesen berühmten Beginn des ersten Satzes. Doch ich habe mich für das Fugato im dritten Satz, dem Scherzo, entschieden, das das übliche Trio an dieser Stelle ersetzt. Die Celli beginnen, die Violinen beteiligen sich, dann wirken auch die Bläser mit.

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter der Leitung von Paavo Jarvi

Quoting Beethoven – Was der Komponist selbst schreibt
In einem kurzen Schreiben von 4. März 1809 an seinem Verleger in Leipzig kündigt Beethoven kleine Korrekturen seiner Sinfonien fünf und sechs an. Er habe sie ja noch nicht gehört gehabt, als er sie zur Veröffentlichung versendet habe. Außerdem fragt er, ob der Verlag Interesse an einer Bearbeitung für zwei Klaviere habe. Die Metaphern, die er in diesem Schreiben verwendet, sprechen dafür, dass er – zumindest in dieser Zeit – nicht von Selbstzweifeln geplagt war

Sie erhalten Morgen eine Anzeige von kleinen Verbesserungen, welche ich während der Aufführung der Sinfonien machte. Als ich sie ihnen gab, hatte ich noch keine davon gehört – und man muss nicht so göttlich sein wollen, etwas hier oder da in seinen Schöpfungen zu verbessern. Hr. Stein [möglicherweise Friedrich Stein, ein Pianist] trägt Ihnen an, die Sinfonien zu 2 Klavier zu übersetzen. Schreiben sie mir, ob sie das wollen … und honorieren wollen? Ich empfehle mich Ihnen bestens und bin in Eile
Ihr ergebenster Freund LvBthwn (Quelle)

Beethoven 5 mal anders:

Schon Beethoven hielt das für möglich: eine Bearbeitung seiner 5. Sinfonie für Klavier zu vier Händen, hier inszeniert vom Scott Brothers Duo (2012)
Das Allegro con brio, bearbeitet und auf der Orgel vorgetragen von Thomas Heywood auf der Grand Concert Orgel in der Melboune Town Hall: sehr empfehlenswert!
Beethoven als Rockmusik. Bearbeitungen dieser Art haben eine lange Tradition: Enjoy!
Beethoven Moves: Ein Projekt, an dem ehemalige Kindersoldaten und Straßenkinder aus Kolumbien gemeinsam mit dem Beethoven Orchester und Jugendlichen aus Bonn und Umgebung Erfahrungen zu Gewalt, Ausgrenzung und Freiheit interpretieren.
Beethovens Fünfte als Fußballreportage: Nicht nur ein toller Spaß, sondern auch ganz nah an der musikalischen Struktur des 1. Satzes

Teil 2 dieses Beitrags:Beethoven war nicht der Hero, den die Nachwelt aus ihm gemacht hat.“

Literatur:
Eleonore Büning, Sprechen wir über Beethoven. Ein Musikverführer, Salzburg und München 2018
Clemency Burton-Hill, Ein Jahr voller Wunder. Klassische Musik für jeden Tag, Zürich 2019
Michael Ladenburger, Beethoven zum Vergnügen. Ditzingen 2020

Weitere Lese- und Hörtipps:
Die Wahrheit über die „Schicksalssinfonie“ (Deutsche Welle)
Beethoven im Dritten Reich (Den Propaganda-Begriff verwende ich nicht gerne, doch der Titel der Bachelor-Arbeit von Moritz Hoffmann über die Beethoven-Rezeption in der Zeit des Nationalsozialismus lautet so – und die Arbeit ist lesenwert.)

Blogbeiträge zum Thema auf www.horstheller.de
16.12.2020: Beethoven hätte das digitale Format seiner Geburtstagsfeier begrüßt
17.12.2020: Beethoven war nicht der Hero, den die Nachwelt aus ihm gemacht hat.

27.12.2020: Warum der Schöpfergott nicht mit einem Kammerorchester gepriesen werden kann.
20.11.2019: Darf der Erlöser auf der Opernbühne stehen? Warum Händels Messias die Anerkennung beim Publikum zunächst nicht erfuhr.
20.03.2020: Gebt mir die Rechnung einer Wäscherei, ich werde sie für euch vertonen. Gedanken zu Rossinis letzem Werk, bei dem er auf Gottes Humor hoffte.
12.04.2020: Händels Messias und die Pandemie: Die Uraufführung des Oratoriums kam zwei Krankenhäusern zugute. Wer denkt da nicht an Corona?
07.06.2020: Ein ungleiches Liebespaar der Anike und die Gefahr des Vulkans. Händels Acis und Galatea
26.07.2020: „Wenn du ihn sehen könntest…“ Wie Johann Sebastian Bach dirigierte
02.10.2020: Freude schöner Götterfunken. Bis 1990 verlief die innerdeutsche Grenzen genau in Takt 697 bei „diesen Kuss der ganzen Welt.“
29.11.2020: Weihnachtsoratorium, du fehlst mir. Zwölf Fragen an Bachs berühmteste Komposition

Mein Beethovenjahr auf www.horstheller.de
01.03.2020: The King’s Speech und die Sprechhemmungen des Königs: Beethovens Siebte – Mein Beethovenjahr (1/9)
29.03.2020: Die Sinfonie, die mit einem Dominantseptakkord beginnt. Beethovens Erste – eine charmante Provokateurin – Mein Beethovenjahr 2/9
24.05.2020: Tonmalerei galt als Todsünde des Komponierens. Beethoven war das egal. Für Götter galten solche Regeln nicht. Beethovens Sechste, die Pastorale – Mein Beethovenjahr 3/9
28.06.2020: Die Gute-Laune-Sinfonie zwischen den Titanen: Beethovens Achte – Mein Beethovenjahr 4/9
23.08.2020: Die „Sinfonia grande“, auf deren Deckblatt jemand heftig radiert haben muss: Beethovens Eroica – Mein Beethovenjahr 5/9
16.09.2020: „Noch 10 Minuten, dann sind wir fertig.“ Das Beethoven-Portrait Joseph Stielers wirkt bis heute nach.
04.10.2020: Freude schöner Götterfunken: Bis 1990 verlief die innerdeutsche Grenze genau bei Takt 697 der Ode an die Freude. Beethovens Neunte – Mein Beethovenjahr 6/9
18.10.2020: „Der angestochene Lindwurm, der nicht ersterben wollte.“ Die Sinfonie, die das Publikum erschreckte, gilt heute als graue Maus – zu Unrecht: Beethoven Zweite – Mein Beethovenjahr 7/9
12.12.2020: War Beethovens Metronom in Reparatur? Das Rätsel um das teuflische Tempo im Schlusssatz von Beethovens Vierter – Mein Beethovenjahr 8/9
20.12.2020: Da – da – da – daaaa! Das vielleicht bekannteste Motiv der Musikgeschichte erklang wenige Tage vor dem Weihnachtsfest 1808 zum ersten Mal: Beethovens Fünfte – Mein Beethovenjahr 9/9