War Beethovens Metronom in Reparatur? Das Rätsel um das teuflische Tempo im Schlusssatz von Beethovens Vierter

Lahmer Beginn, rasend schneller Schlusssatz. Diese Sinfonie ist eine Komposition der Extreme. Sie beginnt mit einer unfassbar langsamen Einleitung, um sich dann auf dem Umweg über einige Orchesterschläge zu einem einigermaßen „normalen“ Sinfoniethema zu bequemen. Dagegen kommt der Schlusssatz der Sinfomie teuflisch schnell daher, dass es Zweifel gab, ob die Metronomangabe (Halbe Note = 80 Schläge pro Minute) des Komponisten nicht ein Irrtum war. Denn immerhin hatte ihn der Maestro mit Allegro ma non troppo, nicht etwas mit Prestissimo überschrieben.

Der Anfang zu langsam, der Schluss zu schnell, das rief natürlich Kritiker auf den Plan. Carl Maria von Weber, ein Zeitgenosse Beethovens kleidete seine Ablehnung dieses unerhört Neuen in ein literarisches Gewand: In seinem Romanfragment Tonkünstlers Leben schreibt er: Als die Instrumente des Symphonieorchesters diese Noten zum ersten Mal hören, treten sie in den Streik.  Das Material selbst, Holz und Metall, protestiert. Kontrabass und Fagott, Flöte und Bratsche wollen fortan keine Klappe mehr rühren, keine Saite mehr spannen (zitiert nach Büning S. 39).

Meine Vermutung: Das Metronom war keinesfalls in der Werkstatt. Beethoven hatte sowohl das langsame Tempo des Beginns als auch das hohe Tempo des Schlusses genau so komponiert. In allen seinen Sinfonien reizte er die Spielräume, die ihm die musikalische Form gab, bis an ihre Grenzen aus, um sie in seiner letzten großen Sinfonie schließlich ganz zu sprengen.

Meine Lieblingsstelle der 4. Sinfonie
Im zweiten Satz führen die Streicher das erste Thema des zweiten Satzes ein. Wenig später wird es von den Bläsern wiederholt. Diese Stelle ist wunderschön. Unmöglich zu sagen, welche Instrumentengruppe sie schöner spielt …

West-Eastern Divan Orchestra unter der Leitung von Daniel Barenboim

Eine persönliche Erinnerung an diese Sinfonie
ist eine Aufführung in der Festhalle Pirmasens mit dem Euroclassic Festival Orchester unter der Leitung von Antje Weithaas, die das Orchester von ersten Pult aus leitete (Play and Conduct)

Quoting Beethoven – Was der Komponist selbst schreibt
Beethoven, der Europäer: Im April 1807 bot Beethoven sechs neue Werke, darunter seine 4. Sinfonie, drei Verlegern in Wien, Paris und London gleichzeitig an. Er legte fest, dass sie in allen Ländern an ein und dem selben Tag veröffentlicht werden sollten. Er befürchtete nämlich zu Recht, dass sich andernfalls schnell illegal erworbene Raubdrucke seiner Werke auf dem Markt finden würden, die ihn um den Lohn seiner Arbeit gebracht hätten. Am 26. April 1807 schrieb er an Ignaz und Camille Pleyel in Paris:
Ich trage Ihnen den Verlag [das Verlegen] dieser Werke für Paris an, und mache Ihnen, um durch schriftliches Handeln die Sache nicht in die Länge zu ziehen, gleich den sehr billigen Preis von 1200 Gulden … Was den Tag der Herausgabe betrifft, so glaube ich für die 3 Werke der ersten Kolonne [die Coriolan-Ouvertüre, sein Violinkonzert und seine 4. Sinfonie] den 1. September, und für die der zweiten Kolonne [darunter sein 4. Klavierkonzert und zwei Streichquartette] den 1. Oktober d. J. bestimmen zu können.
(Quelle)

Beethoven 4 mal anders
Cyprien Katsaris interpretiert die gesamte Sinfonie auf dem Flügel.

Cyprien Katsaris, Auszug aus dem letzten Satz der 4. Sinfonie. Er spielt ohne musikalisches „Tempolimit“, ganz so, wie Beethoven es wollte.

Literatur
Eleonore Büning, Sprechen wir über Beethoven. Ein Musikverführer, Salzburg und München 2018
Michael Ladenburger, Beethoven zum Vergnügen. Ditzingen 2020

Mein Beethovenjahr auf www.horstheller.de
01.03.2020: The King’s Speech und die Sprechhemmungen des Königs: Beethovens Siebte – Mein Beethovenjahr 1/12
29.03.2020: Die Sinfonie, die mit einem Dominantseptakkord beginnt. Beethovens Erste – eine charmante Provokateurin – Mein Beethovenjahr 2/12
24.05.2020: Tonmalerei galt als Todsünde des Komponierens. Beethoven war das egal. Für Götter galten solche Regeln nicht. Beethovens Sechste, die Pastorale – Mein Beethovenjahr 3/12
28.06.2020: Die Gute-Laune-Sinfonie zwischen den Titanen: Beethovens Achte – Mein Beethovenjahr 4/12
23.08.2020: Die „Sinfonia grande“, auf deren Deckblatt jemand heftig radiert haben muss: Beethovens Eroica – Mein Beethovenjahr 5/12
16.09.2020: „Noch 10 Minuten, dann sind wir fertig.“ Das Beethoven-Portrait Joseph Stielers wirkt bis heute nach. Mein Beethovenjahr 6/12
04.10.2020: Freude schöner Götterfunken: Bis 1990 verlief die innerdeutsche Grenze genau bei Takt 697 der Ode an die Freude. Beethovens Neunte – Mein Beethovenjahr 7/12
18.10.2020: „Der angestochene Lindwurm, der nicht ersterben wollte.“ Die Sinfonie, die das Publikum erschreckte, gilt heute als graue Maus – zu Unrecht: Beethoven Zweite – Mein Beethovenjahr 8/12
13.12.2020: War Beethovens Metronom in Reparatur? Das Rätsel um das teuflische Tempo im Schlusssatz von Beethovens Vierter – Mein Beethovenjahr 9/12
16.12.2020: Beethoven hätte das digitale Format seiner Geburtstagsfeier begrüßt. Wer die musikalische Form bis an ihre Grenzen ausdehnt, hätte auch Freude an Konzerten im Internet gehabt. – Mein Beethovenjahr 10/12
17.12.2020: Beethoven war nicht der Hero, den die Nachwelt aus ihm gemacht hat. Mehr zu Beethoven-Darstellungen zu seinen Sinfonien – Mein Beethovenjahr 11/12
20.12.2020: Da – da – da – daaaa! Das vielleicht bekannteste Motiv der Musikgeschichte erklang wenige Tage vor dem Weihnachtsfest 1808 zum ersten Mal: Beethovens Fünfte – Mein Beethovenjahr 12/12