„Nicht darüber reden. Es war eine schreckliche Zeit.“ Wie der Kniefall von Warschau mit einem Tabu brach.

CC BY Horst Heller
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In diesen Tagen jährt sich das Gedenken an Willy Brandts symbolischen Kniefall vor dem Denkmal des Aufstandes im Warschauer Ghetto zum 50. Mal. Er ist in der kollektiven Erinnerung weniger präsent als das berühmte deutsch-französische Treffen auf den Schlachtfeldern von Verdun, wo sich Francois Mitterrand und Helmut Kohl minutenlang die Hände hielten. Doch der Mut der Geste Brandts sollte nicht unterschätzt werden.

Ich erinnere mich noch an die Stimmung in den frühen 1970er Jahren, als die Regierung Brandt-Scheel die Konfrontationspolitik der Vorgängerregierungen durch das Motto „Wandel durch Annäherung“ zu ersetzen begann. Mit den kommunistischen Regierungen in Ostberlin, Warschau und Prag wurden Verträge geschlossen, die zunächst nur unbestimmt den beiderseitigen Wunsch nach Kooperation und Frieden festhielten. Es war ein vorsichtiges Signal einer Entspannung, das – hätten sich der Kalte Krieg als unüberwindbar und Stacheldraht und Mauer als undurchlässig erwiesen – in den Geschichtsbüchern als gut gemeinter, aber folgenloser Versuch der Verständigung notiert worden wäre.

Doch dieser erste Schritt eines Wandels durch Annäherung, damals als „Wandel durch Anbiederung“ verunglimpft, war umstritten. Viele Menschen, auch im Umkreis meiner Familie, hatten die Sorge, dass mit der Entspannungspolitik vermeintlich sichere Festungen verlassen und Positionen preisgeben würden. Dem Kommunismus dürfe man nicht die Hand reichen.

In dieser Stimmung reiste Willy Brandt im Spätjahr 1970 nach Polen. Der Besuch des Mahnmals am Warschauer Ghetto am 7. Dezember war zunächst nicht mehr als ein Pflichttermin. Dass er in einer Demutsgeste in Respekt vor den Opfern des Widerstands auf die Knie sank, war von niemandem erwartet worden und wurde nur von wenigen beobachtet. Zwei Mitglieder der Delegation hatten den Kranz niedergelegt. Der Bundeskanzler, von Außenminister Walter Scheel begleitet, ordnete zunächst rituell die Schleifen und trat dann einige Schritte zurück. Doch anstatt sich still zu verneigen, sank er langsam auf die Knie.

Im Abstand von 50 Jahren wirken die Bilder nicht wie eine spontane Geste des Augenblicks. Langsam geht der Bundeskanzler in die Knie, aber die Bewegung erfolgt kontrolliert. Auch im Knien ist seine Haltung aufrecht, Hand- und Kopfhaltung sind nicht die eines Büßers. Die gesamte Szene, in der der kein Wort gesprochen wird, wirkt schlicht und würdig zugleich. Sie drückt Scham über das Geschehene aus und erweist den Opfern von Verfolgung und Vernichtung ein erstes Mal Respekt. Der ernste Gesichtsausdruck lässt zudem vermuten, dass Brandt sich auch über die Wirkung dieses Symbols in der deutschen und europäischen Öffentlichkeit im Klaren war.

Der Kniefall von Warschau dauerte nur wenige Sekunden. Er war innerhalb der deutschen Delegation nicht besprochen gewesen. „Immer wieder bin ich gefragt worden, was es mit dieser Geste auf sich gehabt habe. Ob sie etwa geplant gewesen sei? Nein, das war sie nicht. Meine engen Mitarbeiter waren nicht weniger überrascht als jene Reporter und Fotografen, die neben mir standen. … Ich hatte nichts geplant, aber Schloß Wilanow, wo ich untergebracht war, in dem Gefühl verlassen, die Besonderheit des Gedenkens am Ghetto-Monument zum Ausdruck bringen zu müssen.“ So hielt er es später in seinen Memoiren fest.

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Ein Bekannter aus dem Freundeskreis meiner Eltern, ein Angehöriger der Kriegsgeneration und aus leidvoller Erfahrung ein entschiedener Antikommunist, der jede politische Meinung daran maß, ob sie das Feindbild des Kommunismus ausreichend abbildete, hatte zum Kniefall von Warschau und zu den sog. Ostverträgen eine Meinung, die ich nicht vergessen habe. Er wisse ja auch nicht, sagte er mir einmal nach einem Gottesdienst, ob es richtig sei, das Tor zum Osten so weit zu öffnen.

Dieser Satz steht stellvertretend für die Angst der Zeit vor Veränderung. Es schien potentiell gefährlich auszuloten, ob es eine Chance für Kooperation gab. So verständlich das vielleicht angesichts der Unversöhnlichkeit der beiden Blöcke erschien, es hatte eine problematische Konsequenz: Ein ehrlicher Blick auf die eigene Vergangenheit war nicht möglich. Das Eingeständnis, dass Deutsche Krieg und Vernichtung über Polen und ganz Europa gebracht hatten, kam in den Augen vieler einer Verharmlosung der Verbrechen des Stalinismus gleich. Der Kalte Krieg engte politische Handlungsspielräume ein und trübte den Blick auf die eigene Geschichte. „Nicht darüber reden, es war eine schreckliche Zeit.“ Dieser Satz meiner Großmutter ist mir ebenfalls in Erinnerung geblieben.

Ganz in diesem Sinn kommentierte der damalige BILD-Chefredakteur Peter Boenisch am Tag nach dem Kniefall den Bundeskanzler: „Niemand, auch nicht Brandt, kann die Verbrechen der Nazis wegknien. … Dieses katholische Volk weiß, dass man nur vor Gott kniet. Und da kommt ein vermutlich aus der Kirche ausgetretener Sozialist aus dem Westen und beugt sein Knie. Das rührt das Volk. Aber rührt es auch die Opfer des Stalinismus? Sie mussten knien, weil sie einen Gewehrkolben ins Kreuz bekommen.“ Quelle

Der Kommentar verkennt, dass der Bundeskanzler angesichts deutscher Schuld historische Verantwortung übernommen hatte. Er unterstellt ihm Schwäche und beschuldigt ihn der Nachsicht mit den Verbrechen der Gegner. Nach bekannter BILD-Manier wird der Bundeskanzler auch persönlich angegriffen, er sei ein „Sozialist“ (kein Sozialdemokrat!) und „vermutlich“ aus der Kirche ausgetreten. Die Schuld, die er distanzierend „Unrecht der Nazis“ nennt, könne nicht „weggekniet“ werden. Dieses Wort ist bis heute schändlich. Schuld kann eingestanden, sie kann auch vergeben, aber niemals ungeschehen gemacht werden. Das war ja gerade nicht die Absicht Brandts.

Axel Springer, der damalige Verleger der BILD-Zeitung, beschuldigte Brandt in seinen Zeitungen gar, ein Viertel deutschen Vaterlands weggeschenkt zu haben. Hatte er recht? Einer der Lehrer meiner Gymnasialzeit, den ich ansonsten nicht schätzte, weil er versuchte, seine Schüler politisch zu beeinflussen, zeigte uns den Wortlaut der umstrittenen Ostverträge. Dass in der Entspannungspolitik Türen zu weit geöffnet oder längst verlorene Teile des deutschen Reiches verschenkt würden, war dem Vertragstext wirklich nicht zu entnehmen.

48 Prozent der Deutschen, so ermittelte es der Spiegel damals, hielten Brandts Geste für übertrieben. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich mir mit 13 Jahren schon eine eigene politische Meinung bilden konnte. Heute aber bin dankbar für die Geste der Demut und halte den ein Leben lang umstrittenen Politiker schon allein deshalb in Ehren.

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