Fahrzeug, Führerschein und Landkarte – Fünf Selbstverständlichkeiten des digitalen Lernens

CC BY Horst Heller

Wieder wird über Schulschließungen gesprochen. Für einen Teil der älteren Schülerinnen und Schüler sind digitale Lernangebote sicher eine Option. Für die Jüngeren und Schülerinnen und Schüler ohne bildungsaffines Elternhaus aber ist eine auch nur kurze Schulschließung keine gute Lösung. Und doch gibt es für beide Entscheidungen gute Gründe. Der Gesundheitsschutz für alle, die Förderung der Schülerinnen und Schüler und die soziale Situation der Familien sind allesamt hohe Werte, die es zu beachten gilt.

Ähnlich wie im Frühjahr dieses Jahres richten sich die Augen aller nun auf digitale Lernangebote, weil die Infektionslage vielerorts keine andere Wahl lässt. Distanzlernen in der Zeit der (partiellen) Schulschließung ist Bildung im Ausnahmezustand. Home Learning und Tele-Teaching eröffneten zweifellos neue Möglichkeiten, auch in der Pandemie. Doch die Qualitätskriterien für guten Unterricht gelten auch in der digitalen Bildung. Fünf Erinnerungen:

1. Lernen braucht einen Ort, denn es ereignet im Modus der Begegnung.
Die Zeit des Lockdown machte überdeutlich, dass die Schulen auch ein Ort der Begegnung sind. Das Schulgebäude, in dem Lernende und ihre Eltern sowie Lehrende miteinander kommunizieren, ist unverzichtbar. Nur wenn sich Lerngruppen regelmäßig physisch treffen, gelingen auch virtuelle Begegnungen. Klassenzimmer werden wieder mehr geschätzt und dürfen – wo dies noch nicht geschieht – künftig sorgfältiger gestaltet werden. Wenn einzelne Schülerinnen und Schüler (z. B. wegen Vulnerabilität) zu Hause bleiben müssen, ist es das oberste Gebot, ihre Teilnahme (in Echtzeit) am Unterrichtsgeschehen in der Schule digital zu ermöglichen.

2. „Fahrzeug“ und „Führerschein“: Bildungsgerechtigkeit erfordert Investitionen
Digitalität als Dimension des Lebens muss in der privaten und schulischen Ausstattung der Lehrenden und Lernenden bedacht werden. Dazu gehören Ausstattung, Wartung und Erneuerung von Hard- und Software („Fahrzeug“) und die Erarbeitung mediendidaktischer und medienethischer Fähigkeiten von Lernenden und Lehrenden („Führerschein“).
Ohne eine vergleichbare Ausstattung auch zu Hause gibt es keine Chancengleichheit im Distanzlernen.

3. „Landkarte“: Die Fülle der Materialien erfordert viel didaktische Denkarbeit bei der Unterrichtsvorbereitung
Noch überwiegen bei der Organisation und der Praxis des Distanzlernens Probleme und Mängel. Aber schon jetzt können Lernende und Lehrende die fast unendliche Fülle von Vorschlägen und Ideen nutzen. Wir stehen vor der schwierigen Aufgabe, die Materialien zu ordnen, Qualitätsindikatoren zu entwickeln und Lehrplanbezüge zu berücksichtigen. Die kompetenzorientierte Klärung der Lernintentionen und Hilfestellung bei der Planung von langfristig angelegten Lernwegen („Landkarte“) sind ebenso wichtig wie die Bereitsstellung von Materialien.

4. Der Lernerfolg ist sowohl vom Bemühen der Lernenden als auch von einer lernförderlichen Haltung der Lehrperson abhängig.
Lernen gelingt auch auf der Straße der Digitalität nicht ohne Anstrengung. Digitale Wege machen das Lernen methodisch vielfältiger, aber nicht weniger mühsam. Die Bereitschaft zu üben und kritische Rückmeldung als Chance zu begreifen sind auch im virtuellen Klassenzimmer Voraussetzung für Lernfortschritte.
Respekt, Freundlichkeit und Zuwendung der Lehrperson zu den Schülerinnen und Schülern sind (unbeschadet unterschiedlicher Lebensalter, Rollen und Aufgaben) Voraussetzungen, dass sich Kinder und Jugendliche auch auf schwierige Lernprozesse einlassen.
Werden solche Soft-Basics in der Zeit des Präsenzunterrichts praktiziert, eingeübt und eingefordert, haben sie gute Chancen, auch im Distanzlernen zur Geltung zu kommen.

5. Distanzlernen kann und muss mehr sein als die Ausweitung der Hausaufgabenpflicht.
Die Krise hat uns die Notwendigkeit digitaler Lernwege, die zu Hause zurückgelegt werden können, aber auch die Notwendigkeit von Präsenzunterricht deutlich vor Augen geführt. Unterrichtsgespräche bleiben dabei unverzichtbar. Ist Präsenzunterricht nicht möglich, müssen virtuelle Gespräche sie ersetzen. Wir brauchen eine Verzahnung von digitalen und analogen Lernprozessen.

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