„Entscheidend ist, dass es ein einziges Buch ist.“ Warum wir die Unterscheidung zwischen Antijudaismus und Antisemitismus aufgeben sollten

In meiner Ausbildung habe ich zu unterscheiden gelernt. Antijudaismus und Antisemitismus sind zwei Paar Schuhe. Doch die Anschläge der jüngsten Zeit haben mich zum Nachdenken gebracht. Mein Vorschlag, diese Unterscheidung aufzugeben, ist schließlich aus der Beschäftigung mit der Frage entstanden, wie wir angemessen mit historischen antijüdischen Reliefs und Skulpturen umgehen. Doch der Reihe nach:

Die Unterscheidung vom Judentum gehörte von Anfang zum Selbstverständnis christlicher Gemeinden. Dabei gab und gibt es eine theologische Nähe zum Judentum: Jesus war ein Jude und sein Gott war der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Doch die christliche Identitätbildung geschah offenbar im Modus der Abgrenzung. Was es bedeutete, ein Christ zu sein, ließ sich leichter darlegen, wenn man die Unterschiede zum jüdischen Glauben betonte.

Antijüdische Ressentiments sind also sehr alt, aber nicht nur im antiken Christentum zu finden. Ihre christliche Spielart war ein theologisch motivierter religiöser Antijudaismus, von dem sich die Kirchen heute distanzieren. Im 19. Jahrhundert entstand ein politisch-nationalistisch gefärbter rassistischer Antisemitismus, dessen grausamste Konsequenz die millionenfache Tötung jüdischen Frauen, Männern und Kinder in den Vernichtungslagern war. Von diesem Völkermord abgesehen haben beide Formen des Judenhasses aber vieles gemeinsam. Sie lehnen die Gleichberechtigung der Juden ab, wenden sich gegen ihre Kultur und forderten oder betrieben immer wieder ihre Vertreibung oder Verfolgung. Einzig der theologische Antijudaismus ließ einen Weg zur Abwendung des Unheils zu, nämlich die Taufe. Der Preis des Friedens war also hoch, nämlich die Assimilation und damit die Aufgabe der religiösen Identität.

An der Kirche St. Marien in Wittenberg, der Predigtkirche Martin Luthers, befindet sich seit dem Hochmittelalter ein Sandsteinrelief, auf dem ein Rabbiner zu sehen ist, der den Schwanz eines Schweins anhebt. Weitere Menschen saugen an den Zitzen des Tieres. Die demütigende Botschaft dieser Darstellung ist klar: Während Christen in der Kirche die Sakramente Gottes genießen dürfen, befinden sich die Juden im Stall eines für Juden unreinen Tieres. Gehässige Darstellungen wie diese würdigten Juden herab und beleidigten sie. Vergleichbares findet sich überall in Europa, allein dreißig Mal in Deutschland.

Die evangelische Kirchengemeinde und der Stadtrat der Lutherstadt Wittenberg distanzieren sich von der Darstellung, lehnen aber einen Abbau bislang ab. Am 06.02.2020 wies das Oberlandesgericht in Naumburg eine Klage ab, die eine Abnahme der Sandsteinplastik verlangte. Schon im Mai 2019 hatte das Landgericht Dessau-Roßlau so geurteilt. Nun wird der Bundesgerichtshof ein endgültiges Urteil sprechen.

Das Mahnmal unterhalb der Schmähplastik an der Stadtkirche in Wittenberg wurde im November 1988 enthüllt.

Ein Grund für das Gericht, das Werk an seiner Stelle zu belassen, war, dass es heute Teil eines Mahnmals geworden sei. Tatsächlich findet sich auf dem Boden vor der Südostecke der Kirche, genau unterhalb des Schmähreliefs, ein Kunstwerk des Bildhauers Wieland Schmiedel mit einem Text von Jürgen Rennert. Es zeigt vier quadratische Bronzeplatten, uneben verlegt. Die Fugen ergeben ein Kreuzeszeichen. Der umlaufende Text lautet: „Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem Ha Mphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen.“

Mit dieser Inschrift ist die Verbindung zwischen der mittelalterlichen Schmähkunst und der Vernichtung der Juden durch das nationalsozialistische Gewaltregime herstellt. So sehr auch zwischen beidem zu unterscheiden ist, so hat doch der theologische Antijudaismus den nationalsozialistischen Antisemitismus vorbereitet und erst möglich gemacht. Die Jahrhunderte lang praktizierte Diskriminierung von Jüdinnen und Juden ermöglichte es, sie zur Zielscheibe des Rassismus zu machen. Weder die Taufe noch die vollständige Assimilation schützte sie jetzt noch vor Vertreibung, Verfolgung und Vernichtung.

Wenn Antisemitismus ein Buch wäre, dann bestünde es aus vielen Kapiteln. Eines der Kapitel, an dem auch Martin Luther mitgeschrieben hat, ist der kirchliche Antijudaismus. Weitere Kapitel erzählen die Geschichte des nationalistischen und des rassistischen Antisemitismus, des antizionistischen, des muslimischen sowie des Antisemitismus der Gegenwart, der rechtsextreme Wurzeln hat. Eines der dunkelsten Kapitel thematisiert den Vernichtungs-Antisemitismus des Nationalsozialismus. Ob auf dem Titel des Buches Antijudaismus oder Antisemitismus steht, ist letztlich nicht wichtig.

Entscheidend ist, dass es EIN Buch ist.

„Ich lehne es ab, eine Unterscheidung zu machen zwischen Antijudaismus … im Christentum und … dem rassistischen Antisemitismus [in der Neuzeit]. … Wir können auch das Kind von Anfang an Antijudaismus nennen. Aber was ich möchte, ist, dass wir für das Kind einen einheitlichen Namen haben, um nicht zu suggerieren, dass es etwas ganz Anderes geworden ist.“
(Peter Schäfer, bis 2019 Direktor des Jüdischen Museums Berlin)

Links:

Peter Schäfer: Wir werden Antisemitismus nie endgültig loswerden“ – Der frühere Leiter des Jüdischen Museums in Berlin im Gespräch mit Andreas Main
https://www.deutschlandfunk.de/judaist-peter-schaefer-wir-werden-antisemitismus-nie.886.de.html?dram:article_id=484681

MDR: Wittenberger „Judensau“-Plastik wird ein Fall für den Bundesgerichtshof in Karlsruhe https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/dessau/anhalt/klage-vor-bgh-antisemitisches-relief-judensau-stadtkirche-wittenberg-100.html

Reinhold Boschki: Antijudaismus, Antisemitismus – WiRelex
https://www.bibelwissenschaft.de/wirelex/das-wissenschaftlich-religionspaedagogische-lexikon/wirelex/sachwort/anzeigen/details/antijudaismus-antisemitismus/ch/ae0fcf0fcf1bfca7f56f25b990726bf2/

Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (SIG): Vom Antijudaismus zum Antisemitismus
https://www.swissjews.ch/de/wissen/factsheets/vom-antijudaismus-zum-antisemitismus/

Wikipeadia: Die Judensau
https://de.wikipedia.org/wiki/Judensau

Volker Boehme-Neßler: Die „Judensau“ bleibt?
https://www.heise.de/tp/features/Die-Judensau-bleibt-4437248.html

Lutherstadt Wittenberg: Mahnmal an der Stadtkirche
https://www.wittenberg.de/kultur-und-tourismus/qr-codes-stelen-des-tourist-leit-systems/mahnmal-an-der-stadtkirche-wittenberg-s06qr1.html

Weitere Blogbeiträge zum Thema auf www.horstheller.de

25.01.2020: Den Verfolgung Gesichter zuordnen und die „Stillen Helden“ ehren. Vier Erinnerungen.
05.04.2020: Warum wir Bonhoeffer nicht der neuen Rechten überlassen dürfen
19.07.2020: „Für oder gegen den Führer?“ – Ein Augenzeuge erzählt von den wenigen Stunden, in denen es noch Hoffnung gab, der Umsturz des 20. Juli 1944 könnte gelingen.
02.08.2020: Wir sind gleich. Wir müssen endlich anfangen, an diese Idee zu glauben. Eine Recherche zu Sarah und Yusra Mardini
08.09.2020: Warum wir die Unterscheidung zwischen Antijudaismus und Antisemitismus aufgeben sollten – Ein Vorschlag
08.11.2020: „Entscheidend ist, dass es ein Buch ist.“ Warum wir die Unterscheidung zwischen Antijudaismus und Antisemitismus aufgeben sollten – Ein Vorschlag