Die Lokomotive und ihre Fahrt zum Bildungziel – ein Gleichnis

Eine Dampflokomotive zieht einige bunte Wagen über Hügel und durch Täler, vorbei an kleinen Seen, Dörfern und Städtchen. Die überwiegend jungen Reisenden schauen durch die geöffneten Fenster. Wanderer bleiben stehen. Sie freuen sich mit denen, die in diesem Zug fahren und denken an die Zeit, in der sie selbst in diesen Wagen reisen durften.

Die Wagen des Zuges sind noch immer ziemlich einfach ausgestattet. Von großem Komfort sind kann nicht die Rede sein. Die Segnungen moderner Kommunikation sind zwar versprochen, aber in den meisten Wagen funktioniert noch wenig. Dennoch sind die Reisenden in den altmodischen Großraumwagen meistens guter Laune. Sie fahren gerne mit ihrem Zug, denn das Zusammensein macht ihnen Vergnügen. Dabei sind sich die wenigsten unter ihnen bewusst, wie wichtig diese Reise für ihr ganzes Leben ist.

Von Zeit zu Zeit hält der Zug an und die jungen Passagiere erkunden die Umgebung. Sie entdecken Neues, versuchen zu verstehen, was sie sehen, und reden mit Menschen, die sie am Bahnhof antreffen. Dann pfeift die Lokomotive, die Passagiere steigen ein, einige gern, einige unwillig. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Die Reise geht weiter. In den Abteilen spricht man lebhaft über den letzten Halt.

Nur wenige nehmen wahr, welche Anstrengung die Zugreise für die Lokomotive bedeutet. Sie zieht sehr gleichmäßig ohne Ruckeln und bestimmt die Reisegeschwindigkeit, die nicht zu niedrig und nicht zu hoch sein darf. Sie wählt die Haltepunkte aus und achtet darauf, dass niemand zurückbleibt. Wenn es aufwärts geht, fährt sie unter Volldampf, aber man sieht ihr die Anstrengung nicht an.

Von Zeit zu Zeit aber hat die Eisenbahn einen längeren Halt nötig, die zu ihrem Glück auch im Fahrplan vorgesehen sind. Die Zugmaschine ist nicht gebaut, um ununterbrochen unter Volllast zu arbeiten, und auch die Wagen des Zuges benötigen manchmal kleine Reparaturen.

Die Lok fährt dann auf ein Nebengleis, öffnet vorsichtig die Ventile und verringert den Druck im Kessel. Langsam, ganz langsam kühlt sie ab. Diese Zeit der Schonung ist unentbehrlich für Ventile und Dichtungen, sie verlängert ihre Lebensdauer. Bahnexperten nennen diese regelmäßigen kurzen Unterbrechungen des Dauerbetriebes Schulferien.

Es soll schon Bahn-Manager gegeben haben, die über eine Erhöhung der Reisegeschwindigkeit oder eine Verkürzung die Zughalte nachgedacht haben. Sie wollten die Effizienz der Arbeit der Lokomotive erhöhen und schneller ans Ziel kommen. Aber diese Menschen haben wohl nie einen Zug gefahren und sie verstehen nichts von Lokomotiven. Auch eine Kanone muss erst abkühlen, bevor man sie neu lädt.

Die meisten Menschen aber, seien sie nun Passagiere oder Wanderer am Wegesrand, wissen, was die Lokomotive leistet. Ist sie mit ihren Wagen am Ziel angekommen, applaudieren sie ihr und loben ihre Zuverlässigkeit, ihre Ausdauer, ihre Klugheit und ihre Schönheit.

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