Fünf Dinge, die sich Religionslehrerinnen und Religionslehrer vom Ethikunterricht wünschen

Der Religionsunterricht trainiert die religiöse Sprachfähigkeit, ermöglicht eine vorläufige Positionierung der Lernenden in religiösen Fragen und übt den Dialog mit Andersdenkenden ein. Glauben, Kirchenmitgliedschaft oder religiöse Praxis werden aber nicht vorausgesetzt. Allein die Bereitschaft, religiöse Fragen zu bedenken, sind erforderlich.

Der Religionsunterricht verschweigt nicht seine eigene Positionalität. Es ist ein Gebot der Transparenz, hat aber auch didaktische Gründe. Denn Dialoge benötigen ein Gegenüber, das einen eigenen Standpunkt einnimmt und bereit ist, ihn zur Diskussion zu stellen.

Der Religionsunterricht beschäftigt sich ernsthaft auch mit der Kritik an sich selbst und seinem Gegenstand, also mit historischen und gegenwärtigen Anfragen an Glauben und Kirche.

Entsprechendes wünschen sich Religionslehrerinnen und Religionslehrer auch vom Ethikunterricht.

  1. Ebenso wie der Religionsunterricht möge auch der Ethikunterricht ergebnisoffen angelegt sein. So wie der Religionsunterricht nicht ausschließt, dass Lernende am Ende ihrer Schullaufbahn alle Kompetenzen des Religionsunterrichts erworben haben, aber religiöse Einstellungen für sich selbst ablehnen, muss auch der Ethikunterricht ermöglichen, dass junge Menschen in den Fragen, die die Religionen stellen und die im Unterricht erarbeitet werden, existentiell Relevantes für sich entdecken.
  2. Das Fach Ethik darf Schülerinnen und Schülern das Welterbe der Religionen nicht vorenthalten. Religionen haben Gutes und Böses bewirkt. Neben einem unbestreitbaren Folgen der Religionen in
    der Geschichte haben sie sich auch Verdienste um Menschenwürde, Gerechtigkeit, Frieden und Verständigung erworben. Sie haben Ethos und Rechtsprechung menschenfreundlich beeinflusst. In der Musik, der Bildenen Kunst und der Architektur haben sie der Welt Großes geschenkt. Der Themenkreis Religionen darf deshalb im Ethikunterricht nicht einseitig oder manipulativ kritisch grundiert sein und die inhumanen Folgen atheistischer Ideologien nicht übergehen.
  3. Der Ethikunterricht muss in der Lage sein, religiöse Fragen zu bedenken, wenn Schülerinnen und Schüler sie stellen. Soweit für islamische, alevitische oder jüdische Schülerinnen und Schüler kein eigener Religionsunterricht erteilt wird, kann es der Ethikunterricht nicht unterlassen, sich mit den Fragen und Orientierungen seiner Schülerinnen und Schüler zu beschäftigen, auch wenn sie religiöser Natur sind. Er muss ihnen Wertschätzung entgegenbringen und in der Lage sein, einen unterrichtlichen Dialog zu organisieren. Eigene religionskritische Standpunkte der Lehrperson dürfen und sollen transparent und dialogbereit eingebracht werden.
  4. Bei der Beschäftigung mit Weltreligionen wünschen sich Religionslehrpersonen das Kompetenzniveau, das auch für den Religionsunterricht gilt. Keinesfalls darf der Ethikunterricht hinter dem Standard des interreligiösen Lernens zurückbleiben, der auch für den Religionsunterricht gilt. Die christliche Religion darf nicht mit Verweis auf den konfessionellen Religionsunterricht ausgelassen werden.
  5. Ethikunterricht darf keinesfalls die „billige Alternative“ sein. Er darf nicht dergestalt für sich werben, dass er weniger Denkanstrengungen und Lernbemühungen fordert als der Religionsunterricht. Als „bequemer Weg zu guten Noten“ würde er seine Bildungsaufgabe missachten.

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