Giraffen, Termiten und der Paralamentarische Rat: Wenn das Gebäude eines Museums mir mehr erzählt als seine Exponate

Wer das Naturkunde und Forschungsmuseum Alexander Koenig an der Bonner Museumsmeile besucht, ist zunächst irritiert von der großen Zahl ausgestopfter Tiere im Lichthof des Museums. Lebensgroße Giraffen und das Skelett eines indischen Elefanten begrüßen den Besucher. Nachgebaute Termitenhügel türmen sich im Sand auf, bunte Vögel sitzen auf Baumimitationen, umgefallenes Totholz liegt auf dem Boden. Die Exponate sind Jahrzehnte alt. Selbstverständlich darf nichts angerührt werden. Die Ausstellung wirkt museumspädagogisch, als hätte sie ihre besten Jahre hinter sich. Doch dann wird der Betrachter auf die Architektur des 1912 erbauten Hauptgebäudes aufmerksam. Der lichtdurchflutete Innenhof des Museums ist von einer großen gläsernen Kuppel bedeckt. Die afrikanische Savannenlandschaft will so gar nicht zu diesem Ambiente passen.

Eine kleine Ausstellung in einem Seitentrakt erinnert daran, dass vor 70 Jahren die Löwen und Gazellen für eine Versammlung weggeräumt werden mussten, die am 1. September 1948 im Atrium des Museums stattfand. Wo gerade noch wilde Tiere gelegen hatten, nahmen nun Parlamentarier auf unbequemen Holzstühlen Platz. Der Parlamentarische Rat war geboren. Weitere Abgeordnete der Länder, Mitglieder der Landesregierungen, Vertreter der westlichen Besatzungsmächte und Ehrengäste sorgten dafür, dass die große Halle vollständig gefüllt war. Es war der Startschuss für die Arbeit am Bonner Grundgesetz. Von den Grundrechten und dem freiheitlichen Geist dieser Verfassung profitiert unsere Gesellschaft bis heute.

Für die anschließenden Arbeitssitzungen des Rates wählte die Versammlung die Räume der Pädagogischen Akademie, die später zur Pädagogischen Hochschule wurde. Doch für die feierliche Eröffnung im Museum mussten die Exponate in die oberen Stockwerke getragen werden. Nur die Giraffen waren zu groß. Sie wurden sorgfältig hinter den Vorhängen versteckt.

Nur wenigen Frauen war es gestattet, an der Erarbeitung einer neuen Verfassung für die Bundesrepublik mitzuwirken. Vier von 65 Mitgliedern waren Frauen. Es waren Dr. Elisabeth Selbert (SPD), Friederike Nadig (SPD), Dr. Helene Weber (CDU) und Helene Wessel (Zentrum).

61 „Väter der Verfassung“, aber es gab auch vier „Mütter“.

Das Haus der Geschichte, das in den 1980er Jahre gegründete Museum zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, ist nur wenige Minuten Fußweg vom Museum Alexander Koenig entfernt. Auch hier wird des Parlamentarischen Rats gedacht. Dazu ist eine Seite aus der Berliner Neuen Zeitung vom 25. September 1948 zu sehen. Sie zeigt die Mitglieder des Parlamentarischen Rats mit Namen und Bild. Ein Kommentar des Museums macht darauf aufmerksam, dass die wenigen Frauen, die von den Länderparlamenten für die Mitarbeit in der verfassungsgebenden Versammlung ausgewählt worden waren, durch die Überschrift auch noch unsichtbar gemacht werden.

Einer der vier Mütter des Grundgesetzes, Elisabeth Selbert (SPD), haben wir es zu verdanken, dass die Gleichberechtigung von Frau und Mann heute uneingeschränkten Verfassungsrang hat. Die promovierte hessische Anwältin und Notarin kämpfte im Spätjahr 1948 den Kampf ihres Lebens gegen unendlich zähe Widerstände.

Elisabeth Selbert, eine der Mütter des Grundgesetzes, ohne die ein wichtiges Grundrecht kein Teil des Bonner Grundgesetzes geworden wäre

Als am 17. Januar 1949 nach zwei Niederlagen die entscheidende dritte Abstimmung im Hauptausschuss des Parlamentarischen Rats gewonnen war, hielt sie am darauffolgenden Tag eine bewegende Radioansprache, der bis heute anzumerken ist, wie viel Muts es bedurfte, sich für die Gleichwertigkeit der Geschlechter einzusetzen. (Quelle)

Meine verehrten Hörerinnen und Hörer, der gestrige Tag, an dem im Hauptausschuss des Parlamentarischen Rates in Bonn dank der Initiative der Sozialdemokraten die Gleichberechtigung der Frau in die Verfassung aufgenommen worden ist, ist in der Tat eine Wende für die deutschen Frauen der Westzonen. Lächeln Sie nicht, es ist nicht ein falsches Pathos einer Frauenrechtlerin, das mich so sprechen lässt. Ich bin Jurist (sic!) und unpathetisch, und ich bin Frau und Mutter und zu frauenrechtlerischen Dingen gar nicht geeignet. Ich spreche aus dem Empfinden einer Sozialistin heraus, die nach jahrzehntelangem Kampf um diese Gleichberechtigung nun das Ziel erreicht hat. … Nur in einer Synthese männlicher und weiblicher Eigenart, aufgebaut auf dieser Gleichberechtigung von Mann und Frau, sehe ich den Fortschritt im politischen, staatlichen und überstaatlichen Leben – und auch in der Ehe als der kleinsten Zelle des Gemeinschaftslebens, einer Gemeinschaft, die aufgebaut ist auf der Zusammenkunft zweier gleichberechtigter Menschen, die sich unter eine höhere Einheit stellen.

Schließlich wurde im Parlamentarischen Rat abgestimmt. Die Abgeordneten beschlossen die neue Verfassung mit großer Mehrheit bei 12 Gegenstimmen. Gegen das Grundgesetz stimmten die jeweils zwei Abgeordneten der KPD, des Zentrums und der DP sowie sechs der acht CSU-Abgeordneten.

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