Wie Theater im Fernsehen? Ein Dialog zu YouTube-Gottesdiensten und kirchlicher Medienkompetenz

CC BY Thomas Jakubowski und Horst Heller

Ausgangspunkt war ein Blogbeitrag von Horst Heller vom 14. Mai 2020, in dem er sich öffentlich die Frage stellte, warum ihn die YouTube-Gottesdienste nicht ansprachen. Thomas Jakubowski wurde auf diesen Beitrag aufmerksam und reagierte. Daraus entstand im Sommer 2020 ein Dialog in Schriftform zu der Frage, wie beide die Gottesdienste im Videoformat erlebten. Herausgekommen ist eine weitgehend gemeinsame, aber dennoch höchst persönliche Bestandsaufnahme.
Der folgende Dialog wird auch im Organ des Vereins der pfälzischen Pfarrerinnen und Pfarrer (www.pfarrerblatt.de) veröffentlicht.

PDF-Version dieses Dialogs

Lieber Thomas,
seit den Zeiten der Pandemie finden wir auf den einschlägigen Plattformen eine große Zahl digitaler Gottesdienste, zum Beispiel auf YouTube: Von einer einzigen Ausnahme abgesehen, hat mich bisher keiner gefesselt, angerührt oder bereichert. Liegt es am Gottesdienst, liegt es am Medium, liegt es an mir? Wie ist es dir diesbezüglich ergangen?

„Ich will die Kolleginnen und Kollegen, die die Gottesdienste hochgeladen haben, nicht angreifen, sondern mein Unbehagen ausdrücken.“

Lieber Horst,
mein erster Gedanke war: Die Kolleginnen und Kollegen nutzen nun auch die digitalen Medien und verhalten sich der heutigen Zeit angemessen. Ich erlebe bei jungen Menschen, wie wichtig ein Handy in dieser Zeit ist. Mit dem Smartphone wird gechattet, werden Video- und Audiobotschaften versendet, manchmal wird sogar damit telefoniert. Wie es eingesetzt wird, richtet sich nach den Wünschen des Senders und des Empfängers. Das ist ein dynamischer Prozess.
Bei den Gottesdiensten in Zeiten des staatlichen Gottesdienstverbotes wurde meist die Präsenzveranstaltung aufgezeichnet, ohne sich auf das Medium, die Form oder die Empfänger einzulassen. Das Ergebnis hat mich meist nicht angesprochen. Gut war, dass ich mich nicht darauf einlassen musste und ausschalten konnte, was bei einem Gottesdienst im Präsenzformat nicht möglich ist. Lag es an mir? Lag es am Medium oder an fehlender Medienkompetenz? Oder war es der Gottesdienst, der medial „rüberkam“?
Kolleginnen und Kollegen, die diese Gottesdienste hochgeladen haben, möchte ich weder kritisieren noch angreifen. Aber mein Unbehagen will ich deutlich machen. Ein Vergleich aus meiner Kindheit fällt mir ein: Die Fernsehübertragung einer Aufführung des Ohnsorg-Theaters. Beim „Theater in der Glotze“ fehlte mir der Aspekt des gemeinsamen Erlebens wie die Lacher (an der richtigen Stelle), wie wir sie auch aus einem vollbesetzten Kino kennen.
Was hat dich an den YouTube Gottesdiensten gestört oder was hat dir gefehlt?

Lieber Thomas,
zunächst eine Gegenfrage: Du sprichst die Medienkompetenz der Pfarrerinnen und Pfarrer an. Woran genau fehlt es deiner Meinung denn?
Deine Frage hat mich auf einen Gedanken gebracht: Ich könnte mir vorstellen, dass mir an Online-Gottesdiensten etwas fehlt, was ich auch an Präsenz-Gottesdiensten vermisse: Das Problem der YouTube-Gottesdiensten wäre nicht YouTube, sondern der Gottesdienst. Ist es vielleicht so, dass – von einigen technischen Fragen abgesehen – Online- und Präsenzgottesdienste die gleichen Qualitätsindikatoren haben? Dann müssten sich die Anbieter „nur“ fragen, ob der Gottesdienst auch im Präsenzformat attraktiv und einladend wäre. Nur die Latte liegt höher. Denn der virtuelle Besucher klickt weiter, wenn ihn das Angebot nicht überzeugt.

Lieber Horst,
mit Medienkompetenz spreche ich das unausgewogene Verhältnis zwischen Person und Botschaft an. Beispielhaft mache ich es an der Größe des Gesichts und an der Darstellung der Person im Verhältnis zu dem Bildschirm. Wenn ich selbst die kleinste Haarsträhne erkennen kann, zieht diese Vergrößerung des Gesichts die Aufmerksamkeit auf sich. So nahe komme ich einer Predigerin oder einem Prediger, die oder der auf der Kanzel steht, normalerweise nicht. In einem Präsenzgottesdienst kann ich mein Predigtmanuskript so nutzen, dass es nicht auffällt. Im Video wirkt der Blick auf das Blatt wie eine Abwendung vom Zuschauer. Medienkompetenz bedeutet, um den richtigen Abstand zur Kamera und den richtigen Blick in die Kamera zu wissen. Medienkompetenz würde Klarheit schaffen, wann und in welcher Weise die Umgebung, das Kirchgebäude, Wald, Studierstube, Büro oder Kirchenvorplatz in einen Video-Gottesdienst eingebracht wird. Es gab und gibt Aspekte, bei denen ich Mut, Fleiß und Kreativität bewundere. Dennoch: Beispiele, die mich nicht überzeugten, haben überwogen. Mir gefallen diese Gottesdienste erst einmal nicht.
Ja, ein YouTube-Gottesdienst ist in erster Linie eine produzierte Konserve. Ein Sonntagsgottesdienst und das Medium scheinen schlecht zueinander zu passen. Ich muss am Sonntag rechtzeitig aufstehen. Ich muss mich rasieren, frisieren, Gesangbuch und Geld richten. Ich muss mich auf den Weg zur Kirche machen. Wenn die Glocken läuten, gehe ich aus dem Haus und freue mich meine Kollegin oder meinen Kollegen zu sehen, bzw. den Vikar oder die Vikarin. Nein, ein Gesangbuch brauche ich nicht, ich habe mein eigenes dabei. Ich sehe bekannte Menschen und nicke Ihnen zu. In der Kirchenbank bete ich und gehe in mich. Ich warte auf den Beginn des Gottesdienstes. Von den Gebeten lasse ich mich anrühren, bei den Lesungen denke und sinniere ich nach und in der Predigt versuche ich mich auf den Ductus zu konzentrieren. Die Lieder gefallen mir oder auch nicht. In all dem ist Bewegung.
Bei einer Filmkonserve gibt es kein Ankommen, keine Vorbereitung, kein Weg zurück nach Hause. Alles was geschieht, geschieht auch ohne mich. Ich bin kein Teil des Geschehens. Die Botschaft Jesu Christi soll aber etwas mit mir machen können. Ein Fernsehgottesdienst ist eine Alternative, aber er ist nicht das Original.
Eine Frage an dich: Wie müsste ein YouTube-Gottesdienst sein, damit er dich anspricht?

Liegt die Schwäche mancher Online-Andachten darin begründet, dass sie ein Gottesdienstmodell transportieren, das auch im Präsenzformat nicht mehr begeistert?

Lieber Thomas,
danke für deine detaillierten Antworten. Dann will ich auch mal gründlich sein. Ein Online-Gottesdienst der letzten Wochen hat mir gefallen. Es war ein Gottesdienst aus dem Berliner Dom, in dem eine Bach-Kantate aufgeführt wurde. Ich mag Bach, ich mag überhaupt Kirchenmusik, und ich kann mich begeistern, wenn auf hohem musikalischem Niveau musiziert wird. Bei diesem Gottesdienst war auch die Predigt gut, aber sie hatte weder den Stellenwert noch die Länge, die eine Ansprache in unseren Gottesdiensten hat. Der Gemeindegesang wurde von den Solisten der Kantate übernommen. Ich habe mich gefragt, ob ich diesen Gottesdienst auch gern live miterlebt hätte. Und die Antwort lautet: Eindeutig ja.
Ich habe einen jährlichen Lieblingsgottesdienst. Es ist der Karfreitags- oder Ostersonntagsgottesdienst in der Heimatstadt meiner Frau, den ich besuchen kann, weil ich in den Schulferien Urlaub nehmen muss und darf. Auch dieser Gottesdienst wird von einer Kantorei mitgestaltet, das zentrale Element ist aber die Predigt, an der der Pfarrer ganz offenbar lange gearbeitet hat. Ich lächle dort niemandem zu, denn ich kenne keine Menschenseele in dieser großen Stadtkirche. Ich bleibe ganz bewusst für mich allein mit meinen Gedanken und mit den Emotionen, mit der ich Worte und Musik in mich aufnehme. Ich muss an Jürgen Moltmann denken, der vor vielen Jahren in einer Vorlesung in Tübingen sagte: „Eine Funktion des Gottesdienstes ist: Mach mal Pause, trink Coca-Cola!“ Ich glaube, er meinte damit, dass wir in einem Gottesdienst auch Ruhe und Erholung finden können. Genau das genieße ich. Dabei sind für mich das gesprochene und von einem Chor gesungene Wort gleichermaßen hilfreich.
Ohne Zweifel hast du Recht, wenn du für die Durchführung von Onlinegottesdiensten zusätzliche Kompetenzen für erforderlich hältst. Deinen medienwissenschaftlichen Überlegungen stimme ich zu. Doch, auf meine letzte Antwort zurückkommend, frage ich: Liegt die Schwäche der Online-Andachten nicht darin begründet, dass sie ein Gottesdienstmodell transportieren, das auch im Präsenzformat oft nicht mehr begeistert – oder warum sonst bleiben so viele Plätze am Sonntagmorgen leer?

Lieber Horst,
ja, du sprichst einen heiklen Punkt an. Viele Menschen gehen in den Gottesdienst, weniger als früher, aber immer noch sehr viele treue Menschen halten diese Form der Verkündigung aufrecht. Diese Treue wird manchmal belohnt, aber auch oft strapaziert. Auch ein guter Gottesdienst braucht Medienkompetenz. Er muss der Gottesdienstteilnehmerin und dem Gottesdienstteilnehmer angemessen sein. Angemessenheit weist auf eine Überprüfung der Elemente des Gottesdienstes im Blick auf die jeweils anwesende gottesdienstliche Gemeinde hin. Schon vor 25 Jahren konnte ich einen Sonntagsgottesdienst nach Agende in der Kirchengemeinde weder im Kindergottesdienst noch im Pflegeheim unverändert übernehmen.
Aus meinem Arbeitsbereich ist mir die Barrierefreiheit wichtig: Zugänglichkeit, Hörsamkeit, Sichtbarkeit und Verständlichkeit. Wie siehst du das aus der Sicht der Pädagogik und als Gottesdiensteilnehmer?

Was gut ist und überzeugt, wird wahrgenommen, geschätzt und erhalten bleiben.

Lieber Thomas,
du sprichst von medialer Kompetenz. Ja, das brauchen wir für alle Art von Gottesdiensten. Bei Onlineformaten sind vielleicht nur zusätzliche Gestaltungsfähigkeiten gefragt. Haben wir zu wenig darüber nachgedacht, dass jeder Gottesdienst ein Auftritt in der Öffentlichkeit ist? Angesichts einer universellen Sichtbarkeit und Video-Gottesdiensten in digitalen Medien werden wir darauf aufmerksam. Das gilt nicht nur für Gottesdienste. Auch in Gemeindebriefen, bei der Medienarbeit, Unterricht, Verwaltung, Besprechungen, bei allem, was in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, sollten wir verstärkt an der Qualität arbeiten. Was gut ist und überzeugt, wird wahrgenommen, geschätzt und erhalten bleiben. Ein Predigtgottesdienst ist heute eine Wortmeldung unter Millionen. Damit Menschen dieses Angebot nutzen, benötigt er vier Dinge.

  • Gehalt: Es ist erkennbar, dass die Predigerin oder der Prediger eine „Mission“ hat.
  • Struktur: Die Zuhörerin und der Zuhörer werden auf dem Weg, den die Predigt geht, mitgenommen. Dies geschieht in Schritten, die sie in der Lage sind mitzugehen.
  • Authentizität: Was die Pfarrerin oder der Pfarrer sagt und tut, wird wahrgenommen als glaubhafte Erkenntnis, die ihr oder ihm auch selbst etwas bedeutet.
  • Lebensweltbezug: Die Fragen, die der Gottesdienst stellt, die Gedanken, über die er nachdenkt, rühren an Fragen und Gedanken, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch beschäftigen oder für die sie sich interessieren.

Interessant ist es für mich immer, dass für guten Unterricht ähnliche Maßstäbe gelten. Vielleicht hast du Einwände oder kennst weitere Kriterien?
Schließlich zur Barrierefreiheit. Es ist sehr wichtig, dass wir möglichst alle mitnehmen. Keiner darf aufgrund einer Einschränkung gehindert sein, einen Gottesdienst mitzufeiern. Für mich ist das zunächst eine Frage der Sprache, der Sprechweise und der Hör- und Sichtbarkeit. In der Pädagogik sprechen wir darüber hinaus von Differenzierung. Menschen sind unterschiedlich, alle Lernangebote müssen das berücksichtigen. Ein Gottesdienst muss da einen eigenen Weg finden, damit Menschen unterschiedlicher Prägung im Gottesdienst spirituell oder geistlich bereichert werden können.

Lieber Horst,
die Kriterien Gehalt, Struktur, Authentizität und Lebensweltbezug sind im Prinzip hinreichend und vollständig. Sie haben aber einen entscheidenden Nachteil: Wer beurteilt sie und wie werden sie überprüft? Da kommt der Qualitätszirkel ins Spiel. Ein Qualitätszirkel organisiert regelmäßig eine wechselseitige Rückmeldung. Menschen, die den Gottesdienst erleben und besuchen, können da mithelfen. Dabei geht es nicht um gut gemeinte Komplimente, sondern um weiterführende Hinweise. Freundlichkeiten wie „Das war ja auch ein schwerer Predigttext“ oder „Die Lieder waren schön“ führen eben nicht weiter.
Wir brauchen einen Kulturwandel des Feedbacks. Er führt dazu, dass wir lernen, uns einer ehrlichen Rückmeldung zu stellen, fehlertolerant zu sein und auch einen anderen Standpunkt zu respektieren, ohne beliebig zu werden. Dieser Wandel kann nicht verordnet werden.
Es ist eine hohe Kunst, im Gottesdienst zu spüren, ob die Botschaft ankommt. Dazu reicht es aus, nach Signalen zu schauen und zu hören. Und noch wichtiger ist es doch, dass klar ist, was wir da in der Kirche eigentlich machen: Verkündigung, Beten, Feiern, Zelebrieren, Schauspielen, Darbieten oder sich selbst darstellen? Wahrscheinlich sind diese Aspekte mehr oder weniger immer vorhanden, aber die Professionalität besteht doch darin, sich darüber klar zu sein, was wir da tun.
Barrierefreiheit bedeutet dabei für mich, dass ich alles dafür tue, dass die systembedingten Behinderungen der Sozialform möglichst zu keinem Handicap führen. Wenn es ein Handicap im Sinne einer sozial bedingten Behinderung ist, dann ist es meine Pflicht, sie zu beseitigen. Dies mache ich in den Bereichen Sehen, Hören, Gehen als Beratungsangebot seit vielen Jahren. Aber der Aspekt des Verstehens kann sehr gut an den von dir aufgeführten Kriterien festgemacht werden.
Wie könnte ein Qualitätszirkel aussehen? Wie wird so etwas in der Schule erreicht? Oder bin ich da zu formalistisch? Sollen wir Fragebogen austeilen?

Lieber Thomas,
wir kommen – ohne es zu merken – immer mehr zu Grundsatzfragen, die das gesamte kirchliche Leben betreffen, soweit es öffentlich ist.
Ein Qualitätszirkel, so wie ich sie verstehe, würde die freiwillige Rückmeldung an Kriterien orientieren. Mehrere Pfarrerinnen und Pfarrer bilden eine Gruppe und besuchen sich von Zeit zu Zeit im Gottesdienst. Um die Außensicht einzubinden, sind auch Vertreterinnen und Vertreter der Predigthörer, also Nicht-Geistliche, Teil dieses Zirkels. Es ist wichtig, dass der Kreis vertraulich und vertrauensvoll bleibt und dass eine gewisse Verbindlichkeit herrscht. Ob die Mitarbeit in diesem Zirkel an Voraussetzungen gebunden sein soll, ob sie Leitung und Moderation braucht, darüber muss ich noch nachdenken.
Ein Qualitätszirkel geht von den erlebten und sehr individuellen Eindrücken aus, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Zirkels im Gottesdienst der oder des anderen wahrgenommen haben. Zugleich bedenken sie aber auch die harten Kriterien, die gemeindliche Arbeit zu evaluieren. Ein Beispiel: Wenn die Konfirmierten nach ihrem Fest nicht mehr in den Gottesdienst kommen, lässt das Schlüsse zu. Wenn die Quote der Besucher eines Gottesdienstes innerhalb von fünf Jahren von 0,5 Prozent auf 1 Prozent steigt, dann sind das Indikatoren. Ein Qualitätszirkel zieht keine voreiligen Schlüsse, vermeidet Urteile, aber er ignoriert die Zahlen nicht.
Schließlich noch ein Aspekt, den ich aus meiner Arbeit kenne: Während ich das häufige, spontane und affektive Feedback der Grundschüler liebe, erlebe ich bezüglich der Sekundarstufe manchmal eine seltsam verzögerte Rückmeldung. An Tagen der Ehemaligen, in sozialen Netzwerken, per Mail oder bei zufälligen Begegnungen geben mir ehemalige Schülerinnen und Schüler manchmal eine Rückmeldung zu meiner Arbeit von vor vielen Jahren. Manchmal beziehen sie sich auf einzelne Stunden, Aktionen oder Themen, oft aber geben sie wieder, welche bleibenden Eindrücke meine gesamte Arbeit bei ihnen hinterlassen hat. Formulierungen, die mir in Erinnerung geblieben sind: „ein Vorbild …“, „dankbar für …“, „… meinen moralischen Kompass geprägt.“ Dass diese Wortmeldungen überwiegend positiv sind, darf nicht zu falschen Schlüssen verleiten. Für die Arbeit in einem Qualitätszirkel ist es aber dennoch wichtig, auch diese „verspäteten“ Rückmeldungen zu bedenken.

Wir brauchen ein Qualitätsprogramm und einen Kulturwandel des Feedback.

Lieber Horst,
ja, in der Krise kommt die ganze kirchliche Arbeit auf den Prüfstand. Ein Qualitätszirkel und eine Kommunikation mit den Adressaten halte ich für doppelt wichtig: Auf der einen Seite können Defizite und Stärken benannt werden. Auf der anderen Seite kann das unbestimmte Gefühl der Unzulänglichkeit menschlichen Handelns gegen eine gefährliche Neigung zum Narzissmus abgegrenzt werden. Manchmal habe ich das Gefühl, dass nichts in einem Gottesdienst rüberkam, aber ich höre nur freundliche Worte. Dies tut gut, aber es nicht stimmig, da trotz der netten Rückmeldung ein Bauchgefühl bleibt, dass da etwas nicht gelungen ist.
Einen Qualitätszirkel auf Gegenseitigkeit fände ich super, da diese Form des Miteinanders vor Besserwisserei und Verletzung schützen könnte. Reflexionstiefe ist möglich, wenn die persönliche Reife und das Streben nach Macht und Bedeutung entsprechend ausgebildet sind. Die Mitglieder wären eine Supervisionsgruppe im wahrsten Sinne des Wortes. Keine Hierarchie darf dieses Miteinander stören und beeinflussen. Daher bedarf es Regeln und Vereinbarungen, die vor einem Treffen festgehalten wurden und auch eingehalten werden.
Ein solches Miteinander ist eigentlich das Vorbild für jegliche macht- und gewaltfreie Kommunikation. Feedbackschleifen und die Rückfrage an unsere „Kunden“ zeigen die Erfolge unserer Arbeit, nicht quantitativ, sondern qualitativ. Das erinnert mich an den Grundsatz der „leichten“ und „einfachen“ Sprache in meinem Arbeitsbereich, Inklusion der Landeskirche. Es geht nicht um die Form oder den Inhalt, sondern um die Barrierefreiheit auf der Seite des Senders: Habe ich mir im Vorfeld Gedanken gemacht, was ich sagen will? Bin ich mir meiner eigenen Philosophie und meiner Glaubenssätze bewusst? Bei geht es nicht um falsch oder richtig, sondern um eine Haltung.
Kritik darf nicht abwertend oder verletzend sein, sondern muss konstruktiv und freundlich sein. So sind wir zu unseren Kollegen und Kolleginnen richtig unterwegs und werden auf einem guten Weg begleitet. Dann wird „ein Schuh daraus!“ Und diesen können wir auf dem Weg zum Nächsten gut gebrauchen, und für uns selbst auch.

Lieber Thomas,
einerseits sind wir uns völlig einig. Ein Supervisionszirkel, der nicht der Profilierung einzelner, aber auch nicht der bloßen (in kirchlichen Kontexten so häufig bemühten) Ermutigung dient, würde hier abhelfen. Ich unterstreiche auch gern, dass dienstliche Überordnung und Anweisungen hier eher schaden als nutzen. Ich muss aber noch einmal daran erinnern, dass es harte Arbeit ist, die Qualität der Predigt und der Gottesdienst-Performance zu verbessern: Wir brauchen dazu die Bereitschaft, harte Zahlen zur Kenntnis und kritisches Feedback von Nicht-Theologen ernst zu nehmen. Wir müssen Einsicht in eigene Schwächen und Grenzen lernen, auch bei Elementen unserer Arbeit, die wir bisher für unsere Stärken hielten. Schließlich geht es darum, auch als erfahrener Kollege oder erfahrene Kollegin noch etwas dazuzulernen. Deshalb habe ich dafür plädiert, dass in diesen Qualitätszirkel auch Nichttheologinnen und Nichttheologen gleichberechtigt teilnehmen. Sie nehmen zusammen mit Theologinnen und Theologen am Gottesdienst teil und melden zurück, was gut war und was nicht. Diese Form der gegenseitigen Unterstützung durch Kritik gibt es bei uns – bei aller Solidarität unter Kolleginnen und Kollegen – wohl nur selten. Ihre Kultur ist in der Kirche, wie ich finde, nicht üblich. Sie rührt an dem Selbstverständnis der Pfarrerinnen und Pfarrer.
Was die Kollegen betrifft, die YouTube-Gottesdienste produzieren, vermute ich (zum Teil weiß ich es), dass sie die Nutzer-Statistik lesen und versuchen, Schlüsse daraus zu ziehen. Auch hier wäre es angezeigt, ein Netzwerk aufzubauen und gemeinsam – im oben beschriebenen Verständnis eines Qualitätsprogramms – an der Evaluation und der Professionalisierung zu arbeiten.

Bei dem Wort Qualitätszirkel betone ich nicht das Wort Qualität, sondern das Wort Zirkel.

Lieber Horst,
zwei wichtige Hinweise lese ich aus deiner Reaktion heraus, die ich für absolut wichtig halte und die wesentlich sind: Rückmeldung mit harten Fakten und Rückmeldung von den Empfängern. Schon Martin Luther hat mit seinen Gedanken zum Priestertum aller Getauften nicht die Ehrenamtlichen und Nichttheologen aufgewertet, sondern die Bischöfe und Priester entmachtet und die sogenannten Laien in die Pflicht gerufen. Daher möchte ich dieses Grundprinzip der Reformation auf die heutige Zeit übertragen und einen Qualitätszirkel etablieren, welcher nicht die Pfarrerinnen und Pfarrer über Gebühr mit einem besonderen und unanfechtbaren Status ausstattet, sondern die Laien in die Pflicht ruft, sich zu Wort zu melden.
Ein netter Kommentar auf YouTube reicht als Feedback nicht aus. Auch hohe Zugriffszahlen sind noch kein Qualitätsindikator. Die Bewertungen von Produkten, Leistungen oder Hotels in Internet sind nicht selten gekauft und somit eine Form von Werbung. Vergleichsportale sind nicht objektiv, sondern spiegeln die freundliche Überweisung von Geldbeträgen, die die Reihenfolge und Kriterien der Bewertung beeinflusst. Bei dem Wort Qualitätszirkel betone ich nicht das Wort Qualität, sondern das Wort Zirkel, also die Kommunikation des Evangeliums. Nach Römer 10,17 kommt der Glaube ja aus der Predigt, doch die Predigt kommt ihrerseits aus dem Hören des Wortes Gottes. Wir haben es also mit einem interaktiven Geschehen zu tun.
Damit sind wir wieder bei den Videogottesdiensten. Ihre Zuhörerschaft bleibt weitestgehend stumm. In einem Präsenzformat aber kann man – ein gewisses Gespür vorausgesetzt – wahrnehmen, ob die Teilnahme eine Pflichtübung war oder ob der Gottesdienst aufregt, provoziert, anregt oder bereichert hat. Die Rückmeldungen der Empfängerinnen und Empfänger müssen also genau betrachtet werden. Sie sind nicht quantitativ zu erfassen.
Hier einige Fragen, die ich gerne anonym den Hörenden eines Gottesdienstes stellen würde:

  • Hat Ihnen der Gottesdienst gefallen?
  • Haben Sie etwas Neues erfahren?
  • Würden Sie aufgrund dieses Gottesdienstes (Singen, beten, bekennen, hören, Gemeinschaft) wiederkommen?
  • Können Sie den Gottesdienst empfehlen und würden sie einen Bekannten oder ein Familienmitglied das nächste Mal mit in den Gottesdienst nehmen?

Ein solches Feedback sollte in praktisch jedem Gottesdienst (gern auch online) abgefragt werden. Daraus könnten die richtigen Schlüsse gezogen werden. Wir brauchen dazu allerdings die Bereitschaft der „Konsumentinnen und Konsumenten“, diese Feedbackkultur aufzubauen und zu pflegen. Vielleicht fallen dir weitere Fragen ein? Oder hast du eine ganz andere Idee?

Lieber Thomas,
ich beginne mal bei den Fragen, mit denen du deinen Beitrag beendest und möchte sie – déformation professionelle – etwas modifizieren. Aus der Pädagogik weiß ich, dass Ja-Nein-Fragen nicht weiterhelfen. Deshalb einige Vorschläge, nichts für ungut:

  • Was haben Sie in diesem Gottesdienst Neues erfahren, oder: Was beschäftigt Sie jetzt noch?
  • Mit welchem Argument würden Sie einer Bekannten oder einem Bekannten empfehlen, einmal mitzukommen?
  • Nennen Sie zwei Dinge, die Ihnen in diesem Gottesdienst gefallen haben!
  • Nennen Sie zwei Dinge, die Ihnen nicht gefallen haben!

Ansonsten bin ich sehr bei dem, was du über die Gottesdienst-Feedback-Kultur sagst. Wenn wir den Wert von Gottesdiensten und Amtshandlungen an Likes und Rankings wie bei Gaststätten und Ferienwohnungen ablesen würden, dann gäben wir in der Tat Entscheidendes auf.
Andererseits würde ich Zugriffszahlen nicht unterschätzen. Ich denke dabei an die Gemeinden und ihrer Pfarrerinnen und Pfarrer, die ihre eigenen Gottesdienste im Präsenzformat als schlecht besuchte Veranstaltungen erleben. Ich bin mir sicher, dass es Kolleginnen, Kollegen und ihren Presbyterien Kummer bereitet, wenn die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Gottesdienst weiter zurückgeht.
Andererseits boomt die digitale Kirche, allerdings nicht mit der Übertragung von klassischen Online-Gottesdiensten – oder wenn doch, dann werden sie eingebettet in eine umfangreiche Performance. Der @pfarrerausplastik aus Stuttgart hat auf Instagram 5.000 Follower. Josephine Teske, einer Pfarrerin der Nordkirche (@seligkeitsdinge_) folgen 20.000 Menschen, die meisten sind jünger als wir. Das sind nur zwei von vielen Namen. Sie sind (außer an selbstgewählten und angekündigten „Auszeiten“) praktisch an keinem Tag offline. Sie arbeiten interaktiv, sind live auf Instagram oder auf YouTube anzutreffen, beantworten Fragen, predigen online, aber sehr persönlich, provozieren von Zeit zu Zeit und denken laut nach. Zu ihrer Performance-Verkündung gehören interessanterweise massenhaft Fotos und Videos von sich selbst. Sie teilen sehr Privates, oft auch ihre Liebe, manchmal sogar ihre (unkenntlich gemachten) eigenen Kinder. Ich schließe drei Dinge aus diesen Beobachtungen:

  • Zielgruppe: Sie wenden sich an Menschen, die ohne #digitalekirche nicht mehr mit der Kirche in Kontakt kommen würden. (So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass ich nicht allen von ihnen folge. Insbesondere Josephine spricht oft über Themen, die mich nicht anrühren. Sie hat Jüngere im Auge.)
  • Pfarrerbild: Ähnlich wie das Pfarrerbild früher, das seit einiger Zeit in Verruf gekommen ist, bringen sie sich und ihr privates Umfeld mit Haut und Haaren ein. (Diesmal ist das sogar wörtlich zu verstehen.)
  • Verschränkung: Sie erhoffen sich, dass ihre digitale Präsenz auch ihre Arbeit in der Kirchengemeinde befruchtet und thematisieren Fragen ihrer Vor-Ort-Arbeit auch in den Sozialen Medien.

Ich sehe die Gefahr, dass wir als Kirche überall mitmischen, das Alte zerstören und das Neue nicht können.

Lieber Horst,
ich merke, dass ich alt werde. Ich bin in Mannheim zur Welt gekommen und habe dort mit meinen Eltern in einem Kirchenkomplex gewohnt. Kindergarten, Kirche, Gemeindezentrum, Dienstwohnungen und Pfarrhaus waren ganz eng miteinander verknüpft. Mein Vater wurde in der Kirche konfirmiert, meine Eltern haben in der Kirche geheiratet und ich bin dort getauft. Dieser Komplex wurde vor einigen Jahren abgerissen. In diesen gewachsenen Strukturen bin ich aufgewachsen und denke immer noch.
Ja, es gibt weiter sehr teure Gebäude, die kaum genutzt werden und die Personaldecke wird dünner. So ist die Frage, ob wir mit dem digitalen Angebot Menschen erreichen und gleichzeitig unsere bisherige Struktur zerstören? Ich sehe die Gefahr, dass wir zu viel und zu unbedacht als Kirche überall mitmischen und damit das Alte zerstören und das Neue nicht können. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Resignation aufgrund der Realität und Aufbruch in eine neue Welt. Will ich als Kirche alle oder viele erreichen? Oder ist der kirchliche Anspruch eine qualitativ hochwertige und gesteuerte „Dienstleistung“ mit Seelsorge, Verkündigung, Begleitung und Unterweisung vielleicht auch überholt?
Die Spannung zwischen Alt und Neu beschäftigt die Kirche und das Bodenpersonal Gottes seit jeher. Daher sollten ehrliche und grundsätzliche Debatten über den Kurs des Christentums geführt werden. Online- vs. Präsenzgottesdienste machen das Dilemma deutlich, in welchem sich die Kirchengemeinden noch stärker als der Landeskirchenrat befinden.
Ich bleibe dabei, dass Klicks einer Seite und die bloße Anwesenheit von Menschen in einem Gottesdienst wenig aussagekräftig sind, zumindest nicht qualitativ. Vielleicht tragen die Debatten um die Gottesdienstverbote dazu bei, dass wir uns ehrlich fragen, was wir da eigentlich tun und dies auch untersuchen. Es muss ausgewertet werden, ob unsere bisherigen Aktivitäten als Kirche überhaupt noch zeitgemäß sind und bei den Menschen ankommen. Freizeitarbeit, Diakonie und Kirchenmusik sind gute Gründe bei der Kirche mitzumachen. Aber im Religionsunterricht, in der Konfirmandenarbeit, in den Gottesdiensten mit seinen Kasualien wird der Bedeutungsverlust des Christentums – nicht der Kirche – sichtbar.
Ich bin der Meinung, dass jeder Gottesdienst und jede Kasualie ein vernehmbarer Weckruf sein muss, damit wieder Menschen in die Gemeinschaft gerufen werden und dann aber auch kommen, ansonsten macht der Letzte das Licht im Pfarrhaus aus und schließt die Kirche zu. Dieser Ehrlichkeit sollten wir uns stellen. Die Landessynode diskutiert über die Symptome, nicht über die Ursachen.
Einen konkreten Vorschlag habe ich schon vor Jahren in der Landeskirche gemacht, der aber ungehört verhallt ist: Ich habe vorgeschlagen, dass die Pfarrstellenbewertung nicht an den gemeldeten Gemeindegliedern und Gebäuden gemessen werden sollte, sondern an den durchgeführten Gottesdiensten, Andachten, Kasualien, an der Anzahl der Besuche, am Religionsunterricht und der Konfirmandenarbeit. Diese Faktoren sollten in Bezug zu den Durchschnittszahlen der Landeskirche entsprechend gewertet werden.

Wir versuchen gerade, die Krise zu überstehen, um danach wieder an das angeblich Bewährte, aber in Wahrheit in die Jahre Gekommene anzuknüpfen.

Lieber Thomas,
ich bin auch in Mannheim geboren und kenne die frühere Neckarstadt ein wenig, obwohl wir in Ludwigshafen wohnten. Du bist in dieser Gegend groß geworden, die schon viele Jahrzehnte multireligiös ist. Und dennoch hast du da eine Kirchlichkeit erlebt, die es heute in Städten nur noch wenig gibt, die aber deinen Lebensweg bis heute prägt. Ja, so ähnlich kam ich auch zum Theologiestudium. Und auch andere hatten ähnliche kirchliche „Heimaten“ in ihrer Jugendzeit. Was ihnen damals Kirche bedeutete, haben sie als Ideal kirchlicher Existenz auch im Berufsleben nicht aufgegeben. Diese lebendigen kirchlichen parochialen „Inseln“, wo sie noch existieren, sollten wir nicht geringschätzen und schon gar nicht zerstören, darin stimme ich dir zu. Aber dass es diese Gebäude in der modernen Neckarstadt heute nicht mehr gibt, ist doch irgendwie symptomatisch.
Wenn junge Menschen noch Zugänge zur Kirche haben, dann sind sie vielfältig. Es gibt Menschen, denen der Religionsunterricht die einzige Stelle ist, wo sie der Kirche begegnen, zum Beispiel in der Berufsschule. Ein anderer nutzt die Sozialen Medien, bei denen die parochiale Struktur nicht mehr zählt. Wir haben diesbezüglich Experten in unserer Kirche, aber soweit ich sehe, bekommen sie weniger Respons aus der Gruppe der Jugendlichen.
Die YouTube-Gottesdienste, bei denen unser Dialog begann, sind der Versuch, die Klientel, die wir hauptsächlich in unseren Gottesdiensten antreffen, nämlich die Golden Ager, bei der Stange zu halten. Wir versäumen gerade, die Krise als Chance zur Reform zu sehen, wie es andernorts passiert, sondern versuchen, sie zu überstehen, ohne zu viele zu verlieren und möglichst bald wieder an das angeblich Bewährte, aber in Wahrheit in die Jahre Gekommene anzuknüpfen.
Zu den Klicks und Ratings haben wir, glaube ich, alles gesagt und sind uns auch weitgehend einig: Sie sagen nichts über die Qualität aus, aber ohne Wert ist eine Quantifizierung der Reichweite unserer kirchlichen Arbeit auch nicht. So wie es traurig ist, wenn im Gottesdienst nur noch eine einstellige Zahl von Menschen sitzt, ist es auch ein Signal, wenn Blogs nicht gelesen, Videos nicht angeschaut und Posts nicht geliked werden. Als Jesus predigte, wählte er auch Orte und Zeiten, wo sich eine große Menschenmenge versammelte.
Einen konkreten Vorschlag möchte ich auch machen, der vielleicht aus dem falschen Entweder-Oder von Präsenzveranstaltungen und Online-Videos herausführt. Wie wäre es, wenn wir ganz selbstverständlich Gottesdienste und Andachten als Veranstaltungen streamen würden? Jede und jeder könnte dann entscheiden, einem Gottesdienst entweder kohlenstofflich oder online beizuwohnen. Das würden diese Gemeindegottesdienste aufwerten, es wäre ein sichtbares Zeichen, dass wir die Zeichen der digitalen Zeit verstanden hätten. Und es würde unseren Gottesdiensten sicher guttun, weil uns klarer vor Augen stünde, dass wir an die Welt gewiesen sind – und nicht an die wenigen Treuen, die noch zu uns kommen.

Lieber Horst,
dann sind wir wohl auf die Zielgerade eingebogen. Ein Online-Gottesdienst auf Youtube kann dann nur ein qualitativ hochwertiger Livestream sein, der auch einfach bewertet werden kann. Also kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-Als-auch. Eine Produktion für das Word-Wide-Web braucht das physische Publikum, so wie dem Präsenzgottesdienst die Aufzeichnung gut tun würde. Die Besonderheit bleibt aber die präsentische Qualität und das Spüren des Raumes. Die Option müsste flächendeckend ermöglicht und die Gemeinden dafür fit gemacht werden. Dabei möchte ich die Diskussion umkehren und einen neuen Vorschlag machen. Warum bieten wir nicht an jedem Sonntag einen guten Online-Gottesdienst in unseren Kirchen an? Ich ziehe gut gemachte digitale Angebote der Eile vor, die wir Pfarrerinnen und Pfarrer uns sonntags oft antun. Am vergangenen Sonntag hatte ich zwei Gottesdienste, aber in beiden Veranstaltungen waren akustische, technische und atmosphärische Defizite, die einer virtuellen Aktion zu meistern gewesen wären. Vielleicht stehen wir tatsächlich vor einer Zeitenwende. Das ist spannend!
Trotzdem träume ich von einem interaktiven Gottesdienst mit einer neuen Form der Partizipation. Und dennoch, Qualität, Quantität und die Präsenz in der Fläche: sichtbar, hörbar und gegenständlich sollten zumindest berücksichtig werden.
Wie wäre es mit einem Schlusswort?

Lieber Thomas,
ja, irgendwie sind wir zu einem Ergebnis gekommen. Ich schreibe mal auf, was für mich der Ertrag unseres Dialogs ist.

  • „Alter Wein passt nicht in neue Schläuche.“ Wir haben festgestellt, dass sich die analogen Formate kirchlicher Gottesdienste nicht ohne „Umformungen“ in digitale Gewänder kleiden lassen. Zu einem Gottesdienst gehört nicht nur das Geschehen im Altarraum der Kirche, sondern auch das Hingehen, das Ankommen und Verabschieden, ja, das Erleben. Das alles kann ein Gottesdienst im digitalen Format nur sehr schlecht abbilden.
  • Dafür bietet aber der Online-Gottesdienst andere Vorteile. Er kann mehr Menschen erreichen, bietet Möglichkeiten der Vernetzung, es wäre einfach möglich, ein Video einzuspielen. Das Internet bietet bidirektionale Kommunikation und Interaktivität.
  • Pfarrerinnen und Pfarrer benötigen mediendidaktische Bildung, um sich nicht bei ihren Versuchen in der Welt der Online-Videos zu blamieren. In der Regel sind wir also auf Menschen angewiesen, die darauf achten, dass die mediale Wirkung des Gottesdienstes nicht völlig ausbleibt und in die gewünschte Richtung geht.
  • Nicht ganz einig, glaube ich, sind wir uns in der Frage geworden, ob die vielfach wenig überzeugende Performance auf YouTube auch daran liegt, dass schon das analoge Format des Präsenzgottesdienstes nicht mehr überzeugte.
  • Wir hatten dann überlegt, dass wir für analoge wie digitale Formate Qualitätsprogramme brauchen. Dein Anliegen war es, dabei nicht nur das Wort Qualität, sondern auch das Wort Zirkel zu betonen. Denn Gottesdienste werden nicht dadurch spiritueller, einladender und nachhaltiger, dass sich die Dienstaufsicht einschaltet. Das geht nur in einem sachorientierten Austausch zwischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern öffentlicher kirchlicher Veranstaltungen und denen, die diese vorbereiten und verantworten. Einig sind wir uns auch darin geworden, dass wir in der Kirche unsere Fähigkeit verbessern müssen, einander konstruktiv zu unterstützen. Das schließt eben auch sehr kritische Rückfragen und die Bereitschaft, ein kritisches Feedback anzunehmen und positiv zu nutzen.
  • Schließlich haben wir festgehalten, dass wir uns von den falschen Alternativen verabschieden dürfen. Wir brauchen angesichts der großen Vielfalt unter den Menschen, die nach uns fragen, auch eine große Vielfalt der Angebote. Menschen stehen der Kirche unterschiedlich nah, haben nicht die gleichen Erwartungen. Sie sind jung oder alt, sie sind Mitglieder der Kirche oder nicht, sie suchen einen Gesprächspartner oder wollen sich „nur mal umsehen“. Unsere Angebote dürfen und sollen dies im Blick haben und stehen deshalb weder in Konkurrenz zueinander noch unverbunden nebeneinander. Insta-Pfarrer sind fest in ihrer Parochie eingebunden. Und unsere Präsenzgottesdienste am Sonntagmorgen sind auch dann öffentlich, wenn sie nicht im Internet gestreamt werden. Aber sie würden ohne Zweifel gewinnen, wenn wir uns das vorstellten – und es ab und zu auch wirklich tun.

Blogbeiträge zum Thema auf www.horstheller.de,
27.10.2019: Ecclesia semper reformanda. Ein Leitbild für die evangelische Kirche, das mir gefällt
05.04.2020: Zum 75. Todestag von Dietrich Bonhoeffer. Warum wir ihn nicht den neuen Rechten überlassen dürfen
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23.06.2020: Was uns die Pandemie zumutet. Was schlimm ist und was nicht schlimm ist. Eine Zwischenbilanz und ein Kommentar
02.07.2020: Warum der Religionsunterricht auch in Zeiten der Pandemie konfessionell sein muss. Was das bedeutet und was das nicht bedeutet
15.08.2020: LookUp statt LockDown – Die evangelische Kirche will sich erneuern. 10 Kommentar zu ihren 11 optimistischen Leitsätzen: Wir haben nicht mehr viel Zeit für Reformen.
20.09.2020: Wie Theater im Fernsehen? Ein Dialog zu YouTube-Gottesdiensten und kirchlicher Medienkompetenz
25.10.2020: Wibrandis Rosenblatt, oder der lange übersehene Anteil der Frauen an der Reformation