150 Jahre Maria Montessori – Neun Aspekte ihrer Pädagogik, die mir auch für die Regelschule gefallen.

Maria Montessori (geboren vor 150 Jahren, am 31.08.1870) konzipierte eine Pädagogik, die sich von der ihrer Zeit fundamental unterschied. Als Ärztin und Wissenschaftlerin hatte sie einen anderen Blick auf Lern- und Erziehungsprozesse. In Montessori-Schulen werden sie in unterschiedlicher Konsequenz umgesetzt. Inzwischen haben viele ihrer pädagogischen Ideen Eingang in den pädagogischen Diskurs gefunden und sind anerkannt. Der folgende Beitrag überlegt, wie auch staatliche Schulen von ihnen profitieren könnten.

1. Autonomie und soziales Lernen
Lernen kann nur nachhaltig sein, wenn Schülerinnen und Schüler ihre individuellen Lernwege gehen dürfen. Maria Montessori sprach den Lernenden Freiheit zu. Jedes Kind sollte wählen dürfen, womit und was es arbeiten will. Es bestimmt, mit wem zusammen, wo und wie lange es sich mit dem selbst gewählten Material beschäfti. Da die Lernmaterialien aber jeweils nur einmal vorhanden sind, muss es seinen Freiarbeitsplan mit mindestens einem Mitschüler oder einer Mitschülerin abstimmen und sich mit dem begnügen, was im Augenblick zur Verfügung steht. Autonomie und soziales Lernen gehören zusammen.

2. Freiheit und Disziplin
Mit der Forderung nach Autonomie der Kinder widersprach Maria Montessori der Erziehungskultur ihrer Zeit, in der von den Lernenden Gehorsam und Unterordnung verlangt wurde. Heute wachsen Kinder und Jugendliche unter veränderten Bedingungen auf. Die Möglichkeiten für Kinder sind ungleich größer und überfordern manche von ihnen. Wie Freiheit einen Rahmen benötigt, braucht Lernen Rituale und Routinen. Feste Arbeitszeiten, ein gewohnter Arbeitsplatz und vereinbarte Grenzen schaffen Struktur. Eine nicht überladene Lernumgebung, klare Vorgaben zum Umgang mit Materialien und zum Wiederherstellen von Ordnung schaffen den notwendigen Rahmen für nachhaltiges Lernen. Sobald ein Verhalten für die Gruppe störend war, forderte auch sie die Erwachsenen zu entschiedener Intervention auf. Freiheit und Disziplin sind zwei Seiten einer Medaille.

3. Die Bedeutung des Haptischen
Die Hand, dieses genial feinfühlige und zugleich kraftvolle Körperteil, kann nicht nur Gegenstände drehen und wenden, es kann auch ihre Oberfläche ertasten und ihr Gewicht schätzen. Sie ist ein Medium des Lernens. Um Dinge zu begreifen, muss es möglich sein, sie anzufassen. Begreifen ereignet sich durch ein Ergreifen und Angreifen. Museen, in denen man nichts berühren darf, müssen noch dazulernen. Als Ärztin hatte Maria Montessori verstanden, dass es einen Zusammenhang zwischen Hirn und Hand gibt.

„Nichts anfassen!“ In vielen Museen ist das noch die Regel. Schade!

Diese Erkenntnis ist für das Lernen im digitalen Zeitalter von großer Bedeutung. Digitalität setzt auf Auge und Ohr. Sie kann 3D-Realität imaginieren, sie kann Vergangenheit und Gegenwart kombinieren und holt ferne Menschen ins Klassenzimmer. Sie ermöglicht Begegnungen, die die Grenzen von Zeit und Raum überwinden. Aber eines kann sie nicht: Sie kann die Hand als Lernwerkzeug nicht ersetzen.

4. Lernen braucht Bewegung
Schon Platon lehrte beim Spazierengehen. Beim Wandern oder beim Wallfahren haben Menschen Einsichten gewonnen und Ideen entwickelt. Dennoch wird mancherorts noch immer von Schülerinnen und Schülern gefordert, in festen Reihen still zu sitzen. Heute wissen wir: Stillsitzen, das Ideal einer Pädagogik der Vergangenheit, ist dem Lernen abträglich. Bewegungslosigkeit ist nur gut für einen eindimensionalen Prozess der Instruktion nach dem Prinzip einer Vorlesung: Der kluge Gelehrte schöpft aus der Fülle seines Wissens und trägt vor, Lernende notieren sich so viel sie können und sind am Ende der Stunde um das klüger, was sie behalten haben. Bewegung und Gespräch wären dieser Form des Unterrichts abträglich.
Für echte Lernprozesse ist das Format des Vortrags aber höchsten eine „Exposition“. Nachhaltiges Lernen setzt auf Interaktion und Bewegung. Montessori-Kinder dürfen während der „Freien Arbeit“ ihren Arbeitsplatz selbst organisieren. Sie suchen sich einen Ort, an dem sie ihren Arbeitsteppich ausrollen, gehen zu den offenen Regalen, wählen Materialien und laufen zu ihrem Arbeitsplatz zurück. So oft wie möglich verlässt die Lerngruppe das Schulgebäude. Körperliche Bewegung setzt auch innerlich etwas in Bewegung.

5. Heterogenität als Chance
Maria Montessori setzte auf altersgemischte Lerngruppen von jeweils drei Jahrgängen. So können Kinder ein Jahr Lehrling, ein Jahr Geselle und ein Jahr Meister sein. Kein Kind muss in der gleichen Rolle verharren. Auch wenn es nur mit großen Anstrengungen seine Kompetenzen erweitern kann, erlebt es doch, wie es ist, einen Wissensvorprung zu haben und anderen helfen zu können.
Die Vorstellung, man könne als Lehrerperson alle Kinder einer Jahrgangsstufe mit einem passgenauen Angebot erreichen, hat sich längst als irrig erwiesen. Kinder, die sich an dem einen oder anderen Rand der Normalverteilungskurve befinden, leiden unter dieser Fehleinschätzung. Auch gleichaltrige Schülerinnen und Schüler benötigen unterschiedlich viel Zeit für die gleichen Lernschritte wie für ihre gesamte Schullaufbahn.
Viele Grundschulen haben verstanden, dass Schülerinnen und Schüler mal mehr, mal weniger Zeit brauchen und gestatten eine Verweildauer von einem bis drei Jahren in den ersten beiden Schuljahren. In jahrgangsgemischten Klassen wird das Wiederholen einer Jahrgangstufe weniger als Stigma empfunden und manchmal gar nicht bemerkt. Wenn es normal ist, dass im gleichen Raum an unterschiedlichen Aufgabenstellungen gearbeitet wird, bestehen die sozialen Kontakte zu den Mitschülerinnen und Mitschülern davon unbeeinflusst weiter. Es ist Zeit, diese Chance auch für die Sekundarstufe zu entdecken. Niemand ist ein Versager, niemand ein Überflieger. Es ist vielmehr normal, verschieden zu sein.

6. „Fehler sind unsere Gefährten.“
Ein sehr interessanter Gedanke: Wenn Erwachsene Fehler der Lernenden verbessern, folgen sie damit dem Impuls, die ihnen anvertrauten Kinder vor den Irrtümern zu bewahren, die sie selbst gemacht haben oder noch machen. Fremdkorrekturen sind aber nur der zweitbeste Weg. Das Ziel des Unterrichts muss es vielmehr sein, dass das Kind seine Lernergebnisse selbst überprüft, seine eigenen Fehler bemerkt und selbst verbessert. Dazu geht die Lehrperson mit dem Kind so viele Lernschritte zurück, bis es an den Punkt kommt, an dem es noch nicht irrte. Dann geht das Kind die Lernschritte von Neuem und wählt einen anderen, besseren Weg. „Hilf mir, es selbst zu tun. Mute mir Anstrengungen zu. Nur daraus kann ich lernen.“
Maria Montessori wollte, dass nicht das Urteil der Erwachsenen (auch dann, wenn es positiv ist!) Triebfeder für die Lernenden sei, sondern die innere Zufriedenheit, die entsteht, wenn ein Problem gelöst, eine Arbeit beendet, eine neue Fähigkeit erworben wurde.

7. Die Idee der „Vorbereiteten Umgebung“
Montessori-Material besticht durch klare Grundfarben, einfache Formen und durchdachte Funktionalität. Es ist in langer Entwicklungs- und Erprobungsarbeit entstanden. Diese Materialien gehören zur Vorbereiteten Umgebung der Montessori-Schulen. Der Raum, in dem das Kind lernt, ist sorgfältig eingerichtet. Lernende können alle Materialien selbst aus Schränken und Regalen herausnehmen und stellen sie auch an ihren Platz zurück. Alle Gegenstände sind von Kindern leicht zu bewegen.
Mit dem Begriff der Vorbereiteten Umgebung meinte Maria Montessori aber mehr. Sie stellte fest, dass Schulen aussehen wie Häuser der Erwachsenen, obwohl sie doch dazu erbaut sind, damit Kinder in ihnen lernen. Die Garderoben sind zwar niedrig, in den Klassensälen befinden sich kindgerechte Sitzmöbel und auch die Toiletten sind an die Körpergröße der Kleinen angepasst. Aber Fenster- und Türgriffe, die Höhe der Fensterbänke haben keine Kindergröße, das Schulhaus ist kein Haus für Kinder.
Im Zeitalter des digitalen Lernens gilt es, auch neue Lernwege zu bedenken. Die Umgebung vorzubereiten schließt aus, die Lernenden mit der unübersichtlichen und für die Welt der Erwachsenen geschaffenen digitalen Technik alleine zu lassen. Digitale Technik pädagogisch verantwortlich einzusetzen bedeutet, eine lernförderliche, ästhetische und altersgerechte digitale Medienvielfalt bereit zu halten.

8. Die Lehrperson ist für jede und jeden Einzelne da.
Die Idee der vorbereiteten Umgebung schließt interessanterweise auch die Person der Lehrkraft ein, denn Maria Montessori denkt das Lernen konsequent vom Kind aus. Die Lehrperson ist die Expertin für das Lernen, regt zu Lernprozessen an, beobachtet, ermuntert und unterstützt. Im Unterschied zur üblichen Praxis an Schulen ist Maria Montessori überzeugt, dass sie nicht nur für die Gesamtgruppe da ist, sondern dass jedes Kind das Recht auf individuelle Zuwendung der Lehrperson hat. Sie ist Beraterin und Unterstützerin für jedes einzelne Kind. Das Kind lernt aber, dass diese Lernbegleitung nicht immer sofort und nicht unbegrenzt lange möglich ist.

9. Eine friedliche Gesellschaft
Friedenserziehung bedeutete für Maria Montessori mehr als den Verzicht auf Schimpfwörter und die Übung in gewaltfreier Kooperation in Klassensaal. In ihrer friedenspädagogischen Arbeit sah sie die Chance, tiefer liegende Ursachen für die fehlende Friedfertigkeit von Menschen zu überwinden und hoffte auf eine nachhaltige politische Wirkung ihrer erzieherischen Arbeit. Deswegen warb sie dafür, dass Lehrerinnen und Lehrer unbeschadet der unterschiedlichen Aufgaben, Rechte und Positionen jede Überlegenheitsattitüde gegenüber den Schülerinnen und Schülern ablegten. „Ich halte es für möglich, eine neue Gesellschaft vorauszusehen, in der der Mensch fähiger sein wird, weil man Vertrauen in ihn setzte, als er ein Kind war.“
Das Lebensziel ihrer pädagogischen Arbeit hat Maria Montessori als Bitte an alle Kinder auf ihren Grabstein aufbringen lassen. Ihre Worte zeugen sowohl von dem Respekt, den sie für Kinder empfand, als auch von dem hohen Stellenwert, den die Friedenserziehung für sie einnahm: „Io prego i cari bambini, che possono tutto, di unirsi a me per la costruzione della pace negli uomini e nel mondo. – Ich bitte die lieben Kinder, die alles können, mit mir zusammen für den Aufbau des Friedens zwischen den Menschen und in der Welt zu arbeiten.

Blogbeiträge zum Thema auf www.horstheller.de
01.01.2020: Religionsunterricht in einer digitalen Welt: Vier unbestreitbare Einsichten, fünf neue Erkenntnisse, sechs Fragen an die Enthusiasten, sieben Herausforderungen
12.04.2020: Händels Messias und die Pandemie: Die Uraufführung des Oratoriums kam zwei Krankenhäusern zugute. Wer denkt da nicht an Corona?
25.04.2020: Schulschließung und Kindeswohl – Warum unsere Jüngsten jetzt eine Perspektive brauchen
10.05.2020: „Distanzlernen“ – Was bedeuten die Hinweise aus NRW für den Religionsunterricht?
23.06.2020: Was uns die Pandemie zumutet. Was schlimm ist, was nicht so schlimm ist
09.08.2020: Noten im Religionsunterricht – Ein Dilemma? 16 Thesen
06.09.2020: Digitalität und religiöse Bildung – Aspekte einer digitalen Religionsdidaktik