Klarheit, Wahrheit, Hoffnung und ein Fazit. Zu den optimistischen Leitsätzen der EKD (5/5)

Mehr Austritte, weniger Taufen, weniger Mitglieder, weniger Einnahmen. Das sind die kirchlichen Schlagzeilen dieses Sommers. Die Evangelischen werden weniger. Dieser Trend ist nicht neu, aber er hat sich in jüngster Zeit verstärkt und in der Pandemie einen Katalysator gefunden. Noch haben die 20 evangelischen Landeskirchen in Deutschland die Möglichkeit, ihre Struktur und ihr Erscheinungsbild zu gestalten. Sie können und müssen diesen Prozess selbst angehen. Kein Lehramt des Vatikans und keine Bischofssynode in Rom wird ihnen dafür Vorgaben machen.

Evangelische Kirche in Deutschland, Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche (2020)

Zehn Kommentare

1. Die Krise ist da. Wir sollten die Situation nicht länger schönreden.
2. Wir müssen endlich das Potential der Ökumene nutzen
.

3. Warum wir uns von dem Wort Mission verabschieden sollten

4. Kirchengemeinden, Pfarreien und alternative Formen der Beteiligung
5. Wer sich zur Kirche zugehörig fühlt


6. Kirchliche Bildungsarbeit als „Glaubensweitergabe“ – Der Schwachpunkt der EKD-Leitsätze

7. Klarheit, Wahrheit, Formelkompromisse und Blauäugigkeit. Das Papier hat weitere Stärken und Schwächen.

a. Wo die Leitsätze in dankenswerter Klarheit Wahres aussprechen
„Die Kirche wird zukünftig … mit deutlich weniger hauptamtlich Mitarbeitenden auskommen müssen. Dies wird sich nicht durch eine Verlagerung der Arbeit auf Ehrenamtliche kompensieren lassen (S. 8 f., Z. 358 ff.)“. Die Leitsätze halten fest, dass auch das Engagement Ehrenamtlicher Grenzen hat. Die Erfahrung auf allen Ebenen zeigt, dass nur wenige die Bereitschaft zeigen, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Und die sind oft schon anderweitig eingebunden. Ehrlichkeit und Realitätssin bewahren uns hier vor Illusionen.

b. Wo die Leitsätze vage bleiben
„Die Kirche ist herausgefordert, die eigene Komfortzone zu verlassen und dorthin zu gehen, wo diskutiert, gerungen und gestritten wird (S. 4, Z. 172 ff.).“ Ist das nicht eine Banalität? Wo befindet sich die Kirche denn noch in einer „Komfortzone“? Auf der Ebene, wo sie Menschen begegnet, ist das schon lange nicht mehr der Fall – und war es je anders?

c. Wo die Leitsätze eine Sprache sprechen, die nicht verstanden wird
An einigen Stellen wäre es hilfreich gewesen, den Text der Leitsätze noch einmal mit dem Blick einer nicht theologisch gebildeten und nicht kirchlich sozialisierten Öffentlichkeit zu lesen.
„Christus ist Urbild und Vorbild dieses Tuns für die Vielen (S. 4, Z. 156).“
Diese heilige Sprache Kanaans wird schon in der Gruppe der Treusten nicht mehr verstanden.
– „Das stellvertretende Handeln der Kirche dient dem Leben – geistlich, diakonisch und politisch (S. 4, Z. 163 f.)“. Wieso stellvertretend?
„Die mittlere Ebene nutzt Möglichkeiten, lokale und regionale Angebote stärker zu vernetzen (S. 6, Z. 239).“ Was bitte ist hier mit der „mittleren Ebene“ gemeint und was genau soll sie tun?

d. Wo die Leitsätze Formelkompromisse bemühen
In der Kirchenverwaltung „bedarf es koordinierter Lösungen und abgestimmter Verfahren auf allen Ebenen (S. 6 Z. 247 f.).“ Ginge es etwas konkreter? Was heißt das beispielsweise in Bezug auf die konfessionelle Kooperation?
„Es gilt so viel wie möglich gemeinsam zu tun, aber auch so viel wie nötig unterschiedlich sein zu lassen (S. 5, Z. 189 ff.).“ Dieser Satz findet sicher Zustimmung, aber er bleibt vage und es fehlt ihm jede Dynamik. Wie wäre es damit: „Es gilt, alles gemeinsam zu tun, was gemeinsam getan werden kann.“ Dann würden nicht nur Polizei-, Militär- und Gefängnisseelsorge gemeinsam ausgerichtet, wie im Papier vorgeschlagen. Dann würden simultan genutzte Kirchen zur Regel. Diakonie und Caritas würden aufgefordert, Fusionsgespräche zu führen – welche Provokation! Es würde ernst gemacht mit konfessioneller Kooperation im Unterricht. Nicht im Sinne einer langweiligen und oberflächlichen Religionskunde, sondern als von beiden Kirchen gemeinsam verantworteten Religionsunterricht, der Heterogenität als Lernchance sieht und dialogische Kompetenzen anbahnt. (Hier hat die Braut vor kurzer Zeit signalisiert, dass sie für mehr Gemeinsamkeit offen ist.) Ökumenische Gottesdienste zur Christvesper würden die konfessionelle Trennung am Heiligabend beenden – theologisch wäre das kein Problem!

e. Wo die Leitsätze blauäugig sind
„Dabei verschärft der Paradigmenwechsel hin zu einer innovationsorientierten, dynamischeren und verschlankten Organisationsstruktur der Kirche … die Ansprüche an das gesamtkirchliche Leitungs- und Steuerungshandeln (S. 10, Z. 422 ff.).“ „Versäulte Strukturen werden abgebaut, eine besonnene Entbürokratisierung durchgesetzt und das Gremienwesen entschlackt (S. 11, Z. 453 f.).“ „Einsparungsgewinne in Höhe von 15% der ursprünglichen Verwaltungskosten tragen bei zur Finanzierung innovativer Projekte (S. 11, Z. 457).“
Diese Sätze verfehlen die Realität kirchlicher Verwaltung. Diese ist jetzt schon grenzwertig ausgedünnt. Einsparungen durch Abbau von kirchlicher Bürokratie sind eine Schimäre. Ein Umbau kostet zunächst Geld, Einsparungen werden, wenn überhaupt, erst nach Jahren sichtbar und dann vom weiteren Rückgang der Einnahmen aufgezehrt.
„Ca. 10 Prozent der kirchlichen Haushalte sollten als geistliches Risikokapital … zur Verfügung gestellt werden.“ Die Kirchenfinanzen werden in kürzester Zeit so knapp sein, dass schon die Finanzierung der kirchengesetzlich verpflichtenden Basisaufgaben schwierig sein wird. An „Risikokapital“ ist dann nicht mehr zu denken.

8. Die Aufgabenverteilung zwischen EKD und Landeskirchen
Für Außenstehende ist es schwer zu verstehen. Aber für die Diskussion um die strukturelle Weiterentwicklung der evangelischen Kirchen in Deutschland ist die Frage des Verhältnisses der EKD zu ihren zwanzig Gliedkirchen zentral. Die Aufgabenverteilung zwischen „Dachverband“ und „Mitgliedern“ war und ist eigentlich klar geregelt. Die EKD greift nicht in die Rechte der Landeskirchen ein, ist aber als Impulsgeberin und Ansprechpartnerin für die Bundesregierung und als Plattform für gemeinsame Projekte unverzichtbar. Benachbarte Landeskirchen begleiten ihre Arbeit mit Aufmerksamkeit, Freundschaft und Respekt, arbeiten aber nur sehr eingeschränkt zusammen, es sei denn, eine von ihnen wäre zu klein, um alle Aufgaben zu erledigen.

Im Osten und Norden Deutschlands hat es in der Vergangenheit Fusionen mehrerer Landeskirchen gegeben. Sie waren möglicherweise unvermeidlich, aber doch schmerzhaft und stellten Identifizierungen in Frage. Vor weiteren Zusammenschlüssen muss deshalb die Frage beantwortet werden, ob die Anstrengungen und die erwarteten Reibungsverluste durch Einsparungen und durch einen Gewinn an Authentizität und Professionalität kirchlicher Arbeit aufgewogen werden. Überdies ist das Potential für Fusionen vielleicht schon ausgeschöpft. Gelingende gemeinsame Wege müssen immer von beiden (oder allen drei) Partnern gewünscht werden. Eine Landeskirche, die betriebswirtschaftlich vor einer Insolvenz steht, würde zudem nur schwer eine Partnerin finden.

Das Papier schlägt deshalb vor, die Verhältnisse zwischen Gliedkirchen und „Dachverband“ auf den Prüfstand zu stellen. Falls die Hannoveraner Zentrale das Profil der evangelischen Kirchen in bestimmten Bereichen besser schärfen kann, dann soll sie das übernehmen. Aber auch die Gliedkirchen untereinander könnten Synergien nützen und nach dem Prinzip „Stärken stärken“ (S. 12, Z. 513)“ stellvertretend gemeinsame Aufgaben übernehmen.

9. Weniger, aber das Wichtige tun
„Es braucht die Entschlossenheit zu Abschieden (S. 14, Z. 587).“ Der Leser ist gespannt. Der Handlungsdruck ist hoch. Ein Rückbau wird nötig sein. Welche Bereiche werden betroffen sein?
Die Leitsätze nennen ein formales Kriterium: „Arbeitsbereiche, die nicht im Sinn des gemeinschaftlichen Zeugnisses wirken, werden aufgegeben (S. 8, Z. 352 ff.).“ Konkretes sucht der Leser vergeblich. Das ist einerseits verständlich. Denn die EKD kann für die Gliedkirchen nicht nur keine Entscheidungen treffen, sie will auch keine ungebetenen Ratschläge geben.

Aber hätten nicht die Alternativen beschrieben werden können? Zum Beispiel:
– Sollten Großgemeinden an die Stelle kleiner gewachsener Strukturen treten, wie es in katholischen Bistümern versucht wird?
– Soll alles rückgebaut werden, was nicht unmittelbar an die Kirchengemeinde angebunden ist? Dieser Prozess hat bereits begonnen, aber die Leitsätze empfehlen keine Fortsetzung.
– Sollen sich Gemeinden aus der Kita-Arbeit zurückziehen?
– Sollen Diakonie oder Gemeinden ihr Engagement in der Fläche zugunsten von überregionalen, beispielhaften oder digitalen Angeboten abbauen?

Das Papier nimmt Zuflucht zu einem Kriterium, das nicht weiterhilft. „Unverbunden agierende, selbstbezügliche Institutionen und Arbeitsbereiche auf allen kirchlichen Ebenen werden aufgegeben (S. 6, Z. 265 ff.).“ Wer würde zugeben, dass seine kirchliche Arbeit „selbstbezüglich“ und mit anderen Arbeitsfeldern „unverbunden“ ist?

10. Ein Fazit und eine Hoffnung
Die Leitsätze fordern die Kirche auf, ihre Fähigkeit zu schnellerem und flexibleren „NGO-ähnlichem Vorgehen (S. 11, Z. 467)“ zu erkennen und auszubauen. Das fordert viel von den kirchlichen Gremien. Bisher haben sie oft versucht, das Joch der Konsolidierung auf viele Schultern zu legen. Doch die Option der Kürzungen nach der Methode „Rasenmäher“ ist ausgeschöpft. Werden die Lasten nun denen aufgebürdet, die in den Synoden weniger vertreten sind? Oder ist die parochiale Struktur reformierbar?

Reformen brauchen Diskurse, bei denen unterschiedliche Visionen miteinander ringen. Keiner der Vorschläge allein wird die Krise überwinden. Aber die Pandemie markiert die Option einer Weichenstellung, die noch vieler Konkretisierungen bedarf. Werden die Kirchen die „Traditionsbestände kirchlichen Handelns und kirchlicher Strukturen unvoreingenommen … durchmustern und sich … fragen, … was dabei hilft, den Blick nach vorne zu richten (S. 13, Z. 574 f.)?“

Die Hoffnung bleibt. „Muthig voranschreiten!“

Horst Heller: LookUp statt LockDown – Die evangelische Kirche will sich erneuern. 10 Kommentar zu ihren 11 optimistischen Leitsätzen

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Elemente
25.08.2020:
1. Die Krise ist da. Wir sollten die Situation nicht länger schönreden.
2. Wir müssen endlich das Potential der Ökumene nutzen
.

26.08.2020
3. Warum wir uns von dem Wort Mission verabschieden sollten


27.08.2020
4. Kirchengemeinden, Pfarreien und alternative Formen der Beteiligung
5. Wer sich zur Kirche zugehörig fühlt


28.08.2020
6. Kirchliche Bildungsarbeit: Schwachpunkt und verpasste Chance


29.08.2020
7. Klarheit, Wahrheit, Formelkompromisse und Blauäugigkeit. Das Papier hat weitere Stärken und Schwächen.
8. Die Aufgabenverteilung zwischen EKD und Landeskirchen
9. Weniger, aber das Wichtige tun
10. Ein Fazit und eine Hoffnung

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