Wir müssen endlich das Potential der Ökumene nutzen! Zu den optimistischen Leitsätzen der EKD (1/5)

Mehr Austritte, weniger Taufen, weniger Mitglieder, weniger Einnahmen. Das sind die kirchlichen Schlagzeilen dieses Sommers. Die Evangelischen werden weniger. Dieser Trend ist nicht neu, aber er hat sich in jüngster Zeit verstärkt und in der Pandemie einen Katalysator gefunden. Noch haben die 20 evangelischen Landeskirchen in Deutschland die Möglichkeit, ihre Struktur und ihr Erscheinungsbild zu gestalten. Sie können und müssen diesen Prozess selbst angehen. Kein Lehramt des Vatikans und keine Bischofssynode in Rom wird ihnen dafür Vorgaben machen.

Vor drei Jahren hat ein Z-Team (Z steht für Zukunft) im Auftrag der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) den Auftrag angenommen, Visionen und Perspektiven für die evangelische Kirche zu entwerfen. Das Ergebnis liegt nun in Form von elf Leitsätzen vor. Sie beschreiben die Herausforderungen mit Klarheit und Präzision, weichen kritischen Folgerungen nicht aus, bleiben aber an einigen Stellen vage und lassen wenigstens einen wichtigen Aspekt außer Acht. Auf ihrer Webseite hat die EKD aufgefordert, die Leitsätze zu diskutieren und zu kommentieren. Dieser Blogbeitrag kommt dieser Bitte nach und will ein Gesprächsbeitrag sein.

Evangelische Kirche in Deutschland, Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche (2020)

Zehn Kommentare
1. Die Krise ist da. Wir sollten die Situation nicht länger schönreden.
„Die Pandemie wird zur Metapher. … Wie begegnen wir der lähmenden Bedrohung eines unsichtbaren, potentiell tödlichen Virus? Wie kommen wir aus der Defensive des Rückzugs, des Lockdowns in die Offensive einer verantwortlichen und zugleich zuversichtlich gestaltenden Perspektive kirchlicher Gemeinschaft (S. 1, Z. 35-39)“?
COVID-19 könnte für die evangelische Kirche nicht nur zum Bild für eine schwere Bedrohung werden. Corona – so die Hoffnung der Leitsätze – könnte auch den Wendepunkt markieren, an dem eine umfassende Transformation des kirchlichen Lebens angestoßen wird. Es gilt, sich nicht länger ängstlich auf die Innenperspektive zu fokussieren, sondern nach vorne, „ins Weite“ – so das Motto des Papiers – zu sehen. Aus dem LockUp könnte ein LookUp werden. Kann das gelingen? Und wenn ja, wie?

2. Wir müssen endlich das Potential der Ökumene nutzen.
Auch „eine kleinere Kirche wird … öffentlich wirksam bleiben: Sie wird das aber mehr denn je nur in ökumenischer Verbundenheit tun können (S. 2, Z. 49 f.).“ Tatsächlich ist die ökumenische Annäherung das Gebot der Stunde. Hier ist nicht der Ort, die unterschiedlichen Lehrmeinungen, die es noch gibt, zu diskutieren. Längst sind die kulturellen Unterschiede der beiden Konfessionen prägender als jene. Bei den Protestanten bemühen sich Synoden, Räte, Vorsitzende oder Landesbischöfe um die öffentliche Wahrnehmung, auf katholischer Seite ist die Stimme der Kardinäle oder des Papstes hörbar. In der Unterschiedlichkeit beider Konfessionen steckt aber Potential. Wenn Heterogenität eine Chance ist, so gilt das auch für die Kooperation der Konfessionen.

In Sachen Ökumene gibt es aber seit vielen Jahren keine substanziellen Fortschritte. Die Protestanten haben selbst jahrhundertelang jede Aussöhnung mit dem „Gegner“ der Reformationszeit ausschlossen und deshalb keinen Grund zur Überheblichkeit. Doch seit Jahrzehnten stehen sie wie ein Bräutigam im Wohnzimmer der Braut, die Verlobungsringe in der Hand, und bitten um das Ja-Wort der Katholischen zu einer echten Gemeinschaft. Aber die Geliebte zögert. Erst muss sie mit ihren Schwestern reden, denn nur wenn die Familie zustimmt, wird sie (vielleicht) einwilligen. Von Zeit zu Zeit, sagt sie, könne man ja schon etwas Gemeinsames unternehmen, zum Beispiel am Pfingstmontag. Aber kommt sie nicht alleine besser durchs Leben? Überhaupt: Ist der Bräutigam denn würdig? Müsste er nicht eigentlich auf die Knie gehen? Mancherlei Fragen stellen sich ihr. Auch die, ob die Mutter einer Verlobung zweier so unterschiedlicher Partner überhaupt zustimmen wird.
Es ist ja nicht so, dass die beiden sich nicht mögen. Doch ihre Gespräche treten auf der Stelle. Der evangelische Bräutigam wartet geduldig. Er will ja kein anderes Mädchen. So gehen viele Jahre ins Land. Dann kommt die Pandemie. Der Mann schaut noch einmal auf die Verlobungsringe in seiner Hand. Kann Corona ein Wendepunkt sein? Wird das katholische Mädchen nun aufstehen und einen Schritt auf ihn zugehen?

In der Geschichte der Kirche gab es immer wieder Denkverbote, die sich im Rückblick als Irrtümer herausstellten. Ein pfälzisches Beispiel zeigt, wie wichtig es für eine Kirche sein kann, im richtigen Moment das Herz in die Hand zu nehmen. Als die Pfälzer Lutheraner und Reformierten, beide evangelische Landeskirchen des Rheinkreises, im Jahr 1818 nach schmerzlichen Erfahrungen der französischen Besetzung in einer Volksabstimmung einer vom bayerischen König genehmigten Kirchenfusion zustimmten, war das ein mutiger Schritt. Niemand konnte sicher sein, dass zwei über Jahrhunderte auf Abstand bedachte Kirchen zusammenwachsen könnten. Doch der Wille zur Gemeinsamkeit war stärker als der Zweifel. Sie wollten „muthig voranzuschreiten“.

Ein Vorschlag dieser Leitsätze nimmt dieses 200 Jahre alte Vorbild auf: „Neue Formen ökumenischer Gemeindearbeit bis hin zu ökumenischen, mehrkonfessionellen Gemeinden sind zu prüfen und zu entwickeln (S. 5, Z. 209 ff.)“. Mein Herz tut einen Sprung. Denn schon vor 1818 hatten einzelne Kirchengemeinden sich zu lokalen Unionen zusammengeschlossen. Im Jahr 2020 wird nun vorgeschlagen, einen solchen Weg zu prüfen und gegebenenfalls zu erproben. Die juristischen Hürden waren damals wie heute sicher hoch. Doch der Heilige Geist im Bund mit dem Willen „muthig voranzuschreiten“ ermöglichte revolutionäre Entscheidungen, die schon lange niemand mehr rückgängig machen will.

Horst Heller: LookUp statt LockDown – Die evangelische Kirche will sich erneuern. 10 Kommentar zu ihren 11 optimistischen Leitsätzen

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Elemente
25.08.2020:
1. Die Krise ist da. Wir sollten die Situation nicht länger schönreden.
2. Wir müssen endlich das Potential der Ökumene nutzen.


26.08.2020
3. Warum wir uns von dem Wort Mission verabschieden sollten


27.08.2020
4. Kirchengemeinden, Pfarreien und alternative Formen der Beteiligung
5. Wer sich zur Kirche zugehörig fühlt


28.08.2020
6. Kirchliche Bildungsarbeit: Schwachpunkt und verpasste Chance


29.08.2020
7. Klarheit, Wahrheit, Formelkompromisse und Blauäugigkeit. Das Papier hat weitere Stärken und Schwächen.
8. Die Aufgabenverteilung zwischen EKD und Landeskirchen
9. Weniger, aber das Wichtige tun
10. Ein Fazit und eine Hoffnung

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