Die Sinfonia grande, auf deren Deckblatt jemand heftig radiert haben muss: Beethovens Eroica

Das Geheimnis um das Deckblatt des Autographen, das mit verschiedenen Schreibwerkzeugen und unterschiedlichen Tinten beschriftet worden ist, und auf dem jemand (der Komponist selbst?) so nachdrücklich radiert hat, dass das Papier ein Loch aufweist, werden wir nicht enträtseln können. Denn hier sind Wahrheit und Legenden kaum noch zu unterscheiden. Hinter dem Rätsel um das Deckblatt verbirgt sich die Frage, wem die Sinfonie gewidmet war. Denn auf dem gedruckten Titel der Sinfonie hat der Komponist die rätselhafte Widmung „…per festiggiare il sovvenire di un grand Uomo“ aufbringen lassen und damit seinen Zeitgenossen Fragen aufgegeben. Wer war dieser grand Uomo, dieser große Mann? Möglicherweise war es Louis Ferdinand, Prinz von Preußen, Enkel des Königs Friedrich Wilhelm I. Er war Offizier der preußischen Armee, aber auch Komponist und Pianist und gehörte zu Beethovens Verehrern. Er starb 1806 auf dem Schlachtfeld von Saalfeld. Doch dass die Sinfonie dem preußischen Prinzen gewidmet ist, ist nicht sicher. Arturo Toscanini tippte auf Napoleon Bonaparte, andere auf Alexander des Großen, einiges spricht schließlich für den antiken Helden Prometheus. Der französische Konsul war zumindest eine Zeitlang Widmungsträger der Sinfonie, das bezeugen auch Briefe des Komponisten. Aber galt das auch später noch? Wir wissen es nicht, und es ist auch nicht wichtig.
Bedeutender ist da schon, dass diese Sinfonie ihrer Zeit voraus war. Zeitgenossen empfanden sich als genial, aber zu lang. Denn allein der erste Satz dauerte mehr als 15 Minuten. In der Zeit, in der die Eroica aufgeführt wurde, hätte Beethovens 1. Sinfonie zweimal gespielt werden können. Anderen erschien das Werk zu grell, zu bizarr, zu laut. Den zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotten, zwei Trompeten, drei Hörnern und der Pauke, zusammen 14 Instrumenten, standen bei der Uraufführung nur die gleichen Zahl von Streichern gegenüber. Die Sinfonie war also recht „bläserlastig.“ Dieses Klangbild war ungewöhnlich, ja revolutionär und erinnerte an die militärischen Auseinandersetzungen der Zeit.

Meine Lieblingsstelle der 3. Sinfonie
Auch der zweite Satz ist eine musikalische Erneuerung. Noch nie hatte ein Komponist einen Trauermarsch nach französischem Vorbild in eine Sinfonie eingefügt. Das Seitenthema der Marcia funebre steht in C-Dur.

Marcia funebre – der 2. Satz der Eroica – mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Claudio Abbado

Eine persönliche Erinnerung an diese Sinfonie
Sie stammt aus dem Musikunterricht meiner Schulzeit. Der Musiklehrer machte uns auf die Stelle aufmerksam, wo das Horn zwei Takte vor der Reprise schon das berühmte Thema des 1. Satzes reintoniert. Dem aufmerksamen Hörer, der die Sinfonie nicht kennt, könnte es erscheinen, als habe der Hornist zu früh eingesetzt. So erging es auch Ferdinand Ries, einem Wegbegleiter Beethovens. Er schreibt: „Bei der ersten Probe dieser Symphonie, die entsetzlich war, wo der Hornist aber recht eintrat, stand ich neben Beethoven, und im Glauben, es sei unrichtig, sagte ich: „Der verdammte Hornist! Kann der nicht zählen? Es klingt ja infam falsch!“ Ich glaube, ich war sehr nah daran, eine Ohrfeige zu erhalten.
Eine Höraufgabe: Achten Sie auf den nur scheinbar verfrühten Einsatz der Hörner, wenige Takte, bevor das gesamte Orchester mit der Reprise beginnt. Beethoven muss sich beim Komponieren köstlich amüsiert haben. Er liebte ja solche Späße.

Das hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada

Im Zuge der Recherche zu diesem Blogbeitrag habe ich diese Anekdote wieder entdeckt. (Quelle)

Quoting Beethoven – Was der Komponist schreibt
Beethoven hatte gehört, dass seine 3. Sinfonie von der Allgemeinen Musikalischen Zeitung, die in Leipzig von ebendem Verlag heraufgegeben wurde, der auch einen Teil seiner Werke veröffentlichte, negativ rezensiert worden war. An seinen Verleger Härtel & Breitkopf schrieb er deshalb am 5. Juli 1806: Ich höre, dass Sie in der Musikalischen Zeitung so über die Sinfonie, die ich ihnen voriges Jahr geschickt, und die Sie mir wieder zurückgeschickt [haben], … losgezogen haben. Gelesen habe ich’s nicht. Wenn Sie glauben, dass Sie mir damit schaden, so irren Sie sich. Vielmehr bringen Sie Ihre Zeitung durch so etwas in Misskredit. (Quelle)

Beethovens Eroica mal anders
Die Generation Gold sitzt nicht nur im Publikum. Neun Musikerinnen und Musiker konzertieren eine Bearbeitung der Sinfonie. Zwanzig Personen, alle über 60 Jahre alt, bilden einen Bewegungschor und interpretieren die Sinfonie durch Tanz, Gesang und Performance mitten im Publikum. Musikalische Leitung: Bo Wiget, Regie: Oliver Keller.
https://www.theatermarie.ch/projekte/archiv/eroica-2017ungewöhnlich.

Literatur
Eleonore Büning
, Sprechen wir über Beethoven. Ein Musikverführer, Salzburg und München 2018
Michael Ladenberger (Hg), Beethoven zum Vergnügen. Ditzingen 2020

Mein Beethovenjahr auf www.horstheller.de

01.03.2020: The King’s Speech und die Sprechhemmungen des Königs: Beethovens Siebte – Mein Beethovenjahr (1/9)

29.03.2020: Die Sinfonie, die mit einem Dominantseptakkord beginnt. Beethovens Erste – eine charmante Provokateurin – Mein Beethovenjahr 2/9

24.05.2020: Tonmalerei galt als Todsünde des Komponierens. Beethoven war das egal. Für Götter galten solche Regeln nicht. Beethovens Sechste, die Pastorale – Mein Beethovenjahr 3/9

28.06.2020: Die Gute-Laune-Sinfonie zwischen den Titanen: Beethovens Achte – Mein Beethovenjahr 4/9

23.08.2020: Die „Sinfonia grande“, auf deren Deckblatt jemand heftig radiert haben muss: Beethovens Eroica – Mein Beethovenjahr 5/9

16.09.2020: „Noch 10 Minuten, dann sind wir fertig.“ Das Beethoven-Portrait Joseph Stielers wirkt bis heute nach.

04.10.2020: Freude schöner Götterfunken: Bis 1990 verlief die innerdeutsche Grenze genau bei Takt 697 der Ode an die Freude. Beethovens Neunte – Mein Beethovenjahr 6/9

18.10.2020: „Der angestochene Lindwurm, der nicht ersterben wollte.“ Die Sinfonie, die das Publikum erschreckte, gilt heute als graue Maus – zu Unrecht: Beethoven Zweite – Mein Beethovenjahr 7/9

15.11.2020: War Beethovens Metronom in Reparatur? Das Rätsel um das teuflische Tempo im Schlusssatz von Beethovens Vierter – Mein Beethovenjahr 8/9

20.12.2020: Da – da – da – daaaa! Das vielleicht bekannteste Motiv der Musikgeschichte erklang wenige Tage vor dem Weihnachtsfest 1808 zum ersten Mal: Beethovens Fünfte – Mein Beethovenjahr 9/9