LookUp statt Lockdown: Die evangelische Kirche will sich erneuern. Zehn Kommentare zu ihren elf optimistischen Leitsätzen

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Mehr Austritte, weniger Taufen, weniger Mitglieder, weniger Einnahmen. Das sind die kirchlichen Schlagzeilen dieses Sommers. Die Evangelischen werden weniger. Dieser Trend ist nicht neu, aber er hat sich in jüngster Zeit verstärkt und in der Pandemie einen Katalysator gefunden. Noch haben die 20 evangelischen Landeskirchen in Deutschland die Möglichkeit, ihre Struktur und ihr Erscheinungsbild zu gestalten. Sie können und müssen diesen Prozess selbst angehen. Kein Lehramt des Vatikans und keine Bischofssynode in Rom wird ihnen dafür Vorgaben machen.

Vor drei Jahren hat ein Z-Team (Z steht für Zukunft) im Auftrag der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) den Auftrag angenommen, Visionen und Perspektiven für die evangelische Kirche zu entwerfen. Das Ergebnis liegt nun in Form von elf Leitsätzen vor. Sie beschreiben die Herausforderungen mit Klarheit und Präzision, weichen kritischen Folgerungen nicht aus, bleiben aber an einigen Stellen vage und lassen wenigstens einen wichtigen Aspekt außer Acht. Auf ihrer Webseite hat die EKD aufgefordert, die Leitsätze zu diskutieren und zu kommentieren. Dieser Blogbeitrag kommt dieser Bitte nach und will ein Gesprächsbeitrag sein.

Evangelische Kirche in Deutschland, Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche (2020)

Zehn Kommentare
1. Die Krise ist da. Wir sollten die Situation nicht länger schönreden.
„Die Pandemie wird zur Metapher. … Wie begegnen wir der lähmenden Bedrohung eines unsichtbaren, potentiell tödlichen Virus? Wie kommen wir aus der Defensive des Rückzugs, des Lockdowns in die Offensive einer verantwortlichen und zugleich zuversichtlich gestaltenden Perspektive kirchlicher Gemeinschaft (S. 1, Z. 35-39)“?
COVID-19 könnte für die evangelische Kirche nicht nur zum Bild für eine schwere Bedrohung werden. Corona – so die Hoffnung der Leitsätze – könnte auch den Wendepunkt markieren, an dem eine umfassende Transformation des kirchlichen Lebens angestoßen wird. Es gilt, sich nicht länger ängstlich auf die Innenperspektive zu fokussieren, sondern nach vorne, „ins Weite“ – so das Motto des Papiers – zu sehen. Aus dem LockUp könnte ein LookUp werden. Kann das gelingen? Und wenn ja, wie?

2. Wir müssen endlich das Potential der Ökumene nutzen.
Auch „eine kleinere Kirche wird … öffentlich wirksam bleiben: Sie wird das aber mehr denn je nur in ökumenischer Verbundenheit tun können (S. 2, Z. 49 f.).“ Tatsächlich ist die ökumenische Annäherung das Gebot der Stunde. Hier ist nicht der Ort, die unterschiedlichen Lehrmeinungen, die es noch gibt, zu diskutieren. Längst sind die kulturellen Unterschiede der beiden Konfessionen prägender als jene. Bei den Protestanten bemühen sich Synoden, Räte, Vorsitzende oder Landesbischöfe um die öffentliche Wahrnehmung, auf katholischer Seite ist die Stimme der Kardinäle oder des Papstes hörbar. In der Unterschiedlichkeit beider Konfessionen steckt aber Potential. Wenn Heterogenität eine Chance ist, so gilt das auch für die Kooperation der Konfessionen.

In Sachen Ökumene gibt es aber seit vielen Jahren keine substanziellen Fortschritte. Die Protestanten haben selbst jahrhundertelang jede Aussöhnung mit dem „Gegner“ der Reformationszeit ausschlossen und deshalb keinen Grund zur Überheblichkeit. Doch seit Jahrzehnten stehen sie wie ein Bräutigam im Wohnzimmer der Braut, die Verlobungsringe in der Hand, und bitten um das Ja-Wort der Katholischen zu einer echten Gemeinschaft. Aber die Geliebte zögert. Erst muss sie mit ihren Schwestern reden, denn nur wenn die Familie zustimmt, wird sie (vielleicht) einwilligen. Von Zeit zu Zeit, sagt sie, könne man ja schon etwas Gemeinsames unternehmen, zum Beispiel am Pfingstmontag. Aber kommt sie nicht alleine besser durchs Leben? Überhaupt: Ist der Bräutigam denn würdig? Müsste er nicht eigentlich auf die Knie gehen? Mancherlei Fragen stellen sich ihr. Auch die, ob die Mutter einer Verlobung zweier so unterschiedlicher Partner überhaupt zustimmen wird.
Es ist ja nicht so, dass die beiden sich nicht mögen. Doch ihre Gespräche treten auf der Stelle. Der evangelische Bräutigam wartet geduldig. Er will ja kein anderes Mädchen. So gehen viele Jahre ins Land. Dann kommt die Pandemie. Der Mann schaut noch einmal auf die Verlobungsringe in seiner Hand. Kann Corona ein Wendepunkt sein? Wird das katholische Mädchen nun aufstehen und einen Schritt auf ihn zugehen?

In der Geschichte der Kirche gab es immer wieder Denkverbote, die sich im Rückblick als Irrtümer herausstellten. Ein pfälzisches Beispiel zeigt, wie wichtig es für eine Kirche sein kann, im richtigen Moment das Herz in die Hand zu nehmen. Als die Pfälzer Lutheraner und Reformierten, beide evangelische Landeskirchen des Rheinkreises, im Jahr 1818 nach schmerzlichen Erfahrungen der französischen Besetzung in einer Volksabstimmung einer vom bayerischen König genehmigten Kirchenfusion zustimmten, war das ein mutiger Schritt. Niemand konnte sicher sein, dass zwei über Jahrhunderte auf Abstand bedachte Kirchen zusammenwachsen könnten. Doch der Wille zur Gemeinsamkeit war stärker als der Zweifel. Sie wollten „muthig voranzuschreiten“.

Ein Vorschlag dieser Leitsätze nimmt dieses 200 Jahre alte Vorbild auf: „Neue Formen ökumenischer Gemeindearbeit bis hin zu ökumenischen, mehrkonfessionellen Gemeinden sind zu prüfen und zu entwickeln (S. 5, Z. 209 ff.)“. Mein Herz tut einen Sprung. Denn schon vor 1818 hatten einzelne Kirchengemeinden sich zu lokalen Unionen zusammengeschlossen. Im Jahr 2020 wird nun vorgeschlagen, einen solchen Weg zu prüfen und gegebenenfalls zu erproben. Die juristischen Hürden waren damals wie heute sicher hoch. Doch der Heilige Geist im Bund mit dem Willen „muthig voranzuschreiten“ ermöglichte revolutionäre Entscheidungen, die schon lange niemand mehr rückgängig machen will.

3. Warum wir uns von dem Wort Mission verabschieden sollten
„Bei der Klärung kirchlicher Zukunftsprozesse leitet uns die Frage, was der Kommunikation des Evangeliums … unter den sich verändernden Bedingungen dienlich ist und was nicht (S. 2, Z. 63 ff.).“ Wenn die Kirche öffentlich sichtbar tätig ist, müsse erkennbar bleiben, dass sie einen geistlichen Auftrag hat und dass ihr Handeln keinesfalls selbstbezogen oder auf den eigenen Vorteil bedacht ist.

In diesem Zusammenhang thematisieren die Leitsätze auch die missionarische Dimension kirchlichen Lebens. Mission solle „partnerschaftlicher, dialogischer und situativer (S. 4, Z 144)“ werden. Diesem Ziel ist grundsätzlich zuzustimmen. „Sprachfähigkeit“ in Dingen des Glaubens, „Dialogbereitschaft“ (S. 4, Z. 145) sowie Authentizität des Zeugnisses sind heue wichtiger denn je. Deshalb kann auch die Kommunikation der Kirche mit der nichtkirchlichen Welt keine Einweg-Kommunikation sein. Von der Kirche Angesprochene sollen mehr sein als Empfängerinnen und Empfänger einer Botschaft. In der Didaktik des Religionsunterrichts ist die Ausbildung von Sprachfähigkeit und Dialogkompetenz sowie die Bedeutung der Authentizität der Lehrperson längst Konsens, wenngleich leider noch nicht überall Praxis. Für die gottesdienstliche und Kasualpraxis stellen sich aber Fragen: Eine Predigt ist eine Rede. Interaktivität und Dialog müssen sich an anderer Stelle ereignen, damit die am Gottesdienst Teilnehmenden auch Hörerinnen und Hörer bleiben dürfen.

Die Frage muss erlaubt sein, ob ein solchermaßen auf Dialog angelegtes authentisches kirchliches Zeugnis noch Mission genannt werden sollte. Der Begriff ist in der christlichen Theologie tief verankert. Kirche, so ist zu lesen, sei immer missionarische Kirche. Doch wenn kirchliche Texte auch von Kirchenfernen und Kirchenkritischen verstanden werden wollen, müssen sie Begriffe vermeiden, die Missverständnissen Vorschub leisten. Mission wird heute mehr denn je mit dem Versuch assoziiert, Menschen anderer religiöser Überzeugung von der eigenen Wahrheit zu überzeugen. Ein Diskurs über die Einsichten, die das Gegenüber gewonnen hat, ist nicht vorgesehen. Eine zeitgemäße Missionstheologie hat sich zwar längst von diesen Vorstellungen verabschiedet. Wenn kirchliches Handeln künftig partnerschaftlicher, dialogischer und diskursorientiert sein soll, darf es aber – der Klarheit zuliebe – auf das (theologisch ursprünglich unverdächtige) Wort Mission verzichten.

4. Kirchengemeinden, Pfarreien und alternative Formen der Beteiligung
Es gilt, „die Liebe zum Gottesdienst in neuen und vielfältigen … Formen wachzuhalten (S. 6, Z. 243 f.)“. Mit dem Wort „wachhalten“ ist den Autoren des Papiers eine selbstkritisch-humorvolle Einsicht gelungen. Tatsächlich muss die Liebe zum Gottesdienst vielerorts wachgehalten, vielleicht sogar neu geweckt werden. Denn die Gottesdienste am Sonntag, die kirchlichen Segnungen zur Taufe, zur Trauung und zur Bestattung, noch immer die sichtbarsten Zeichen der Präsenz der Kirche in der Welt, sind in der Krise.

Erfreulicherweise erwähnt das Papier an dieser Stelle auch die neuen Formen der Kommunikation des Evangeliums. Kirchengemeinden haben längst auch digitale Angebote. Landeskirchen berufen Social Media Beauftragte. Der Ratsvorsitzende der EKD zeigt einmal wöchentlich in einer Videobotschaft sein Gesicht. Manchen Pfarrerinnen und -Pfarrern folgen mehr Menschen auf Instagram als ihre Kirchengemeinde Mitglieder hat. Die virtuellen Gemeinden (wenn man sie denn überhaupt so nennen kann) sind volatil, ihr Zugang ist niederschwellig. Ein Klick reicht aus, ihr beizutreten, ein Klick um sie wieder zu verlassen.

Die Kommunikation mit ihren Followern auf den Social Media Plattformen ist für die pastoralen Influencer zeitaufwändig und anstrengend. Sie erfordert aber vor allem eine Authentizität in einem bisher nicht gekannten Ausmaß. Die singularisierte Welt schätzt eben nicht das Standardisierte, sondern das Besondere, das Persönliche, das sich Unterscheidende. Wer nicht glaubwürdig Gefühle präsentieren kann, wird wenig Beachtung finden.

Horst Heller, Wer Erfolg haben will, muss herausstechen. Zu Andreas Reckwitz‘ Gesellschaft der Singularitäten – ein Blogbeitrag vom 12.11.2019 auf www.horstheller.de

Zurecht fordern die Leitsätze deshalb eine „Flexibilisierung und Individualisierung von Kasualien und christlicher Lebensbegleitung (S. 7, Z. 184 f.)“ als Konsequenz aus der Singularisierung unseres Lebens. Instagram ist sicher nicht die Zukunft der Kirche, aber das Medium zeigt beispielhaft, dass die Kirche lernen muss, im digitalen Raum überzeugender und medialer aufzutreten. Bislang diskutieren noch zu wenig kirchenleitende Personen bei Twitter. Es zeigen noch zu wenige Pfarrer ihr Gesicht in den Sozialen Medien. Es gibt nur wenige Bloggerinnen unter den Kirchenrätinnen. Evangelische Home Storys sind noch sehr selten.

Der Einwand, dass diese Formen kirchlicher Kommunikation nicht zum Wesenskern der Kirche passen würden, geht in die Irre. Wenn der parochiale Weg der Kirche ohne Alternativen wäre, dann bliebe das Evangelium eine Botschaft für eine analoge Welt, die die Herausforderungen der Singularisierung noch nicht begriffen hat. Die Zahl der Menschen, die sie so erreicht, würde weiter abnehmen. Während die Kirche in unzähligen Gremiensitzungen noch auf der Suche nach dem Weg aus der Krise ist, verändern sich längst die digitalen Landschaften. Experimentelle kirchliche Kommunikation und ihre Erprobung, Evaluation und Evolution sind allemal besser als Stillstand.

Die digitale Kirche ist längst Realität, doch die kirchlichen Strukturen sind analog. Bezirks-, Kreis- und Landessynoden bilden – mit wenigen Ausnahmen – noch die Realität der Parochien ab, auch wenn diese kaum überlebensfähig sind. In den solchermaßen zusammengesetzten Gremien werden Strukturentscheidungen getroffen. Hier wird über den Finanzrahmen entschieden, hier präsentieren sich Protagonistinnen und Protagonisten der Kirche, hier werden sie ihn höhere Ämter gewählt.

„Parochiale Strukturen werden ihre dominierende Stellung als Organisationsprinzip verlieren (S. 7, Z. 292 f.).“ Nur wenn die synodal-presbyteriale Struktur der Landeskirchen reformfähig ist, wird das LookUp, das Motto der EKD-Leitsätze, Realität werden. Die Reform, die der parochialen Struktur der Kirche eine Alternative zur Seite stellt, müsste aus dem Inneren der Synoden und Kirchenämter kommen. Die EKD-Leitsätze können sie nur anstoßen. Synoden und Konsistorien haben Aufgabe, den Wandel zu gestalten. Sie sind aufgefordert, ihre Entscheidungskompetenz zu nutzen.

5. Wer sich zur Kirche zugehörig fühlt
Schon heute lädt die Kirche Menschen zur Teilnahme und Mitwirkung ein, die ihr formal nicht angehören. Chöre, Reisegruppen und Gesprächsabende würden nicht zustande kommen oder ihr Ziel verfehlen, wären nicht alle unterschiedslos willkommen. „Die evangelische Kirche wird sich darauf einstellen müssen, dass offene Ablehnung, Gleichgültigkeit, aber auch Unkenntnis, Neugierde und eine vorsichtige Annäherung und Teilnahme ohne formelle Mitgliedschaft zunehmen (S. 7, Z. 309 ff.).“ Dass nicht alle Mitarbeitenden im Dienst der Kirchen ihr auch angehören müssen, ist gerichtlich bereits festgestellt worden. Aber auch innerhalb der Kirche hat ein Nachdenken begonnen. „Es bedarf jenseits der exklusiven Logik der Mitgliedschaft neuer organisatorischer Formen von Zugehörigkeit (S. 8, Z. 316 f.)“, mit dem Ziel, vielen Menschen eine Heimat in der Kirche anzubieten, auch wenn sie ihr aus welchen Gründen auch immer nicht beitreten wollen.

Neue hybride Formen von Mitgliedschaft müssen auch mit neuen Formen der Mitbestimmung, der Zusammensetzung von gemeindeleitenden Gremien verbunden sein. Amtshandlungen an Menschen ohne Zugehörigkeit zur Kirche dürfen kein Tabu bleiben.

Zwei Beispiele aus den Leitsätzen sind bereits öffentlich diskutiert worden:
– Der Vorschlag einer Absenkung der Kirchensteuer für junge Menschen wurde kritisch, aber auch ein wenig besserwisserisch kommentiert. Es wurde angemerkt, nicht die Kirchensteuer sei das Problem, sondern die Bindung an die Kirche. Das allerdings ist eine Binsenweisheit.
– Über die Idee einer ChurchCard, die kirchensteuerzahlenden Menschen Vorteile einräumt, darf zwar geschmunzelt werden. Aber auch in der Kirche könnte sich langjährige Treue lohnen. Das Problem bei all diesen Vorschlägen wird sein, dass es in den nächsten Jahren finanziell nichts mehr zu verteilen gibt. Rabatte, welcher Art auch immer, müssen im Haushalt abbildbar sein.

6. Kirchliche Bildungsarbeit: Schwachpunkt und verpasste Chance
Ein bedauerliches und vermeidbares Missverständnis bezüglich der kirchlichen Bildungsarbeit liegt dem 2. Abschnitt (S. 3, Z 106 ff.) zugrunde. Er subsumiert die Bildungsanstrengungen der Kirche unter der Überschrift „Frömmigkeit“ und nennt sie eine „Weitergabe evangelischen Bildungswissens“ (S. 3, Z 106). Welch ein Fauxpas! Wollen diese Worte tatsächlich das evangelische Bildungsverständnis formulieren? Der aufmerksame Leser durchsucht die gesamte Veröffentlichung nach einer Beschreibung der Aufgabe des Religionsunterrichts im beschriebenen Transformationsprozess und findet ansonsten … nichts! Alles was die Leitsätze zum Thema Bildung zu sagen haben, ist in diesem Abschnitt notiert. Die kirchliche Bildungsverantwortung werde „sich stärker als bisher auf die Glaubensweitergabe (sic!) und die Stärkung des Zugehörigkeitsgefühls konzentrieren“ und „stärker jene im Blick behalten, die sie (sc.: die Kirche) unterstützen und sich ihr verbunden fühlen.“ (S. 4, Z. 137 f.) Für den Religionsunterricht an staatlichen Schulen sind diese Sätze unpassend, um es freundlich zu sagen. Würden sie zum Maßstab des kirchlichen Bildungshandelns, verließe die Kirche eine Position der Offenheit für die Menschen, die ihr nicht angehören oder ihr distanziert gegenüberstehen, die aber ihre Stimme hören wollen.

Der Abschnitt zur Bildung erinnert – abgesehen von seiner auffälligen Kürze und inhaltlichen Leere – an längst überwundene didaktische Konzepte und bleibt hinter den Grundsätzen, die die Leitsätze propagieren, deutlich zurück. Religionsunterricht hat konzeptionell auch die im Blick, die sich der Kirche nicht zugehörig fühlen. Wenn er – künftig vielleicht stärker als bisher – auch spirituelle Angebote machen muss, ist er dennoch kein Training für Frömmigkeit und keine Katechese. Der gesamte Abschnitt ist eine religionspädagogische Enttäuschung, wenig substantiell, konzeptionell rückwärtsgewandt und selbstbezogen. Es wäre gut gewesen, die Autorinnen und Autoren hätten Fachleute der kirchlichen Bildungsarbeit konsultiert.

7. Klarheit, Wahrheit, Formelkompromisse und Blauäugigkeit. Das Papier hat weitere Stärken und Schwächen.

a. Wo die Leitsätze in dankenswerter Klarheit Wahres aussprechen
„Die Kirche wird zukünftig … mit deutlich weniger hauptamtlich Mitarbeitenden auskommen müssen. Dies wird sich nicht durch eine Verlagerung der Arbeit auf Ehrenamtliche kompensieren lassen (S. 8 f., Z. 358 ff.)“. Die Leitsätze halten fest, dass auch das Engagement Ehrenamtlicher Grenzen hat. Die Erfahrung auf allen Ebenen zeigt, dass nur wenige die Bereitschaft zeigen, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Und die sind oft schon anderweitig eingebunden. Ehrlichkeit und Realitätssin bewahren uns hier vor Illusionen.

b. Wo die Leitsätze vage bleiben
„Die Kirche ist herausgefordert, die eigene Komfortzone zu verlassen und dorthin zu gehen, wo diskutiert, gerungen und gestritten wird (S. 4, Z. 172 ff.).“ Ist das nicht eine Banalität? Wo befindet sich die Kirche denn noch in einer „Komfortzone“? Auf der Ebene, wo sie Menschen begegnet, ist das schon lange nicht mehr der Fall – und war es je anders?

c. Wo die Leitsätze eine Sprache sprechen, die nicht verstanden wird
An einigen Stellen wäre es hilfreich gewesen, den Text der Leitsätze noch einmal mit dem Blick einer nicht theologisch gebildeten und nicht kirchlich sozialisierten Öffentlichkeit zu lesen.
„Christus ist Urbild und Vorbild dieses Tuns für die Vielen (S. 4, Z. 156).“
Diese heilige Sprache Kanaans wird schon in der Gruppe der Treusten nicht mehr verstanden.
– „Das stellvertretende Handeln der Kirche dient dem Leben – geistlich, diakonisch und politisch (S. 4, Z. 163 f.)“. Wieso stellvertretend?
„Die mittlere Ebene nutzt Möglichkeiten, lokale und regionale Angebote stärker zu vernetzen (S. 6, Z. 239).“ Was bitte ist hier mit der „mittleren Ebene“ gemeint und was genau soll sie tun?

d. Wo die Leitsätze Formelkompromisse bemühen
In der Kirchenverwaltung „bedarf es koordinierter Lösungen und abgestimmter Verfahren auf allen Ebenen (S. 6 Z. 247 f.).“ Ginge es etwas konkreter? Was heißt das beispielsweise in Bezug auf die konfessionelle Kooperation?
„Es gilt so viel wie möglich gemeinsam zu tun, aber auch so viel wie nötig unterschiedlich sein zu lassen (S. 5, Z. 189 ff.).“ Dieser Satz findet sicher Zustimmung, aber er bleibt vage und es fehlt ihm jede Dynamik. Wie wäre es damit: „Es gilt, alles gemeinsam zu tun, was gemeinsam getan werden kann.“ Dann würden nicht nur Polizei-, Militär- und Gefängnisseelsorge gemeinsam ausgerichtet, wie im Papier vorgeschlagen. Dann würden simultan genutzte Kirchen zur Regel. Diakonie und Caritas würden aufgefordert, Fusionsgespräche zu führen – welche Provokation! Es würde ernst gemacht mit konfessioneller Kooperation im Unterricht. Nicht im Sinne einer langweiligen und oberflächlichen Religionskunde, sondern als von beiden Kirchen gemeinsam verantworteten Religionsunterricht, der Heterogenität als Lernchance sieht und dialogische Kompetenzen anbahnt. (Hier hat die Braut vor kurzer Zeit signalisiert, dass sie für mehr Gemeinsamkeit offen ist.) Ökumenische Gottesdienste zur Christvesper würden die konfessionelle Trennung am Heiligabend beenden – theologisch wäre das kein Problem!

e. Wo die Leitsätze blauäugig sind
„Dabei verschärft der Paradigmenwechsel hin zu einer innovationsorientierten, dynamischeren und verschlankten Organisationsstruktur der Kirche … die Ansprüche an das gesamtkirchliche Leitungs- und Steuerungshandeln (S. 10, Z. 422 ff.).“ „Versäulte Strukturen werden abgebaut, eine besonnene Entbürokratisierung durchgesetzt und das Gremienwesen entschlackt (S. 11, Z. 453 f.).“ „Einsparungsgewinne in Höhe von 15% der ursprünglichen Verwaltungskosten tragen bei zur Finanzierung innovativer Projekte (S. 11, Z. 457).“
Diese Sätze verfehlen die Realität kirchlicher Verwaltung. Diese ist jetzt schon grenzwertig ausgedünnt. Einsparungen durch Abbau von kirchlicher Bürokratie sind eine Schimäre. Ein Umbau kostet zunächst Geld, Einsparungen werden, wenn überhaupt, erst nach Jahren sichtbar und dann vom weiteren Rückgang der Einnahmen aufgezehrt.
„Ca. 10 Prozent der kirchlichen Haushalte sollten als geistliches Risikokapital … zur Verfügung gestellt werden.“ Die Kirchenfinanzen werden in kürzester Zeit so knapp sein, dass schon die Finanzierung der kirchengesetzlich verpflichtenden Basisaufgaben schwierig sein wird. An „Risikokapital“ ist dann nicht mehr zu denken.

8. Die Aufgabenverteilung zwischen EKD und Landeskirchen
Für Außenstehende ist es schwer zu verstehen. Aber für die Diskussion um die strukturelle Weiterentwicklung der evangelischen Kirchen in Deutschland ist die Frage des Verhältnisses der EKD zu ihren zwanzig Gliedkirchen zentral. Die Aufgabenverteilung zwischen „Dachverband“ und „Mitgliedern“ war und ist eigentlich klar geregelt. Die EKD greift nicht in die Rechte der Landeskirchen ein, ist aber als Impulsgeberin und Ansprechpartnerin für die Bundesregierung und als Plattform für gemeinsame Projekte unverzichtbar. Benachbarte Landeskirchen begleiten ihre Arbeit mit Aufmerksamkeit, Freundschaft und Respekt, arbeiten aber nur sehr eingeschränkt zusammen, es sei denn, eine von ihnen wäre zu klein, um alle Aufgaben zu erledigen.

Im Osten und Norden Deutschlands hat es in der Vergangenheit Fusionen mehrerer Landeskirchen gegeben. Sie waren möglicherweise unvermeidlich, aber doch schmerzhaft und stellten Identifizierungen in Frage. Vor weiteren Zusammenschlüssen muss deshalb die Frage beantwortet werden, ob die Anstrengungen und die erwarteten Reibungsverluste durch Einsparungen und durch einen Gewinn an Authentizität und Professionalität kirchlicher Arbeit aufgewogen werden. Überdies ist das Potential für Fusionen vielleicht schon ausgeschöpft. Gelingende gemeinsame Wege müssen immer von beiden (oder allen drei) Partnern gewünscht werden. Eine Landeskirche, die betriebswirtschaftlich vor einer Insolvenz steht, würde zudem nur schwer eine Partnerin finden.

Das Papier schlägt deshalb vor, die Verhältnisse zwischen Gliedkirchen und „Dachverband“ auf den Prüfstand zu stellen. Falls die Hannoveraner Zentrale das Profil der evangelischen Kirchen in bestimmten Bereichen besser schärfen kann, dann soll sie das übernehmen. Aber auch die Gliedkirchen untereinander könnten Synergien nützen und nach dem Prinzip „Stärken stärken“ (S. 12, Z. 513)“ stellvertretend gemeinsame Aufgaben übernehmen.

9. Weniger, aber das Wichtige tun
„Es braucht die Entschlossenheit zu Abschieden (S. 14, Z. 587).“ Der Leser ist gespannt. Der Handlungsdruck ist hoch. Ein Rückbau wird nötig sein. Welche Bereiche werden betroffen sein?
Die Leitsätze nennen ein formales Kriterium: „Arbeitsbereiche, die nicht im Sinn des gemeinschaftlichen Zeugnisses wirken, werden aufgegeben (S. 8, Z. 352 ff.).“ Konkretes sucht der Leser vergeblich. Das ist einerseits verständlich. Denn die EKD kann für die Gliedkirchen nicht nur keine Entscheidungen treffen, sie will auch keine ungebetenen Ratschläge geben.

Aber hätten nicht die Alternativen beschrieben werden können? Zum Beispiel:
– Sollten Großgemeinden an die Stelle kleiner gewachsener Strukturen treten, wie es in katholischen Bistümern versucht wird?
– Soll alles rückgebaut werden, was nicht unmittelbar an die Kirchengemeinde angebunden ist? Dieser Prozess hat bereits begonnen, aber die Leitsätze empfehlen keine Fortsetzung.
– Sollen sich Gemeinden aus der Kita-Arbeit zurückziehen?
– Sollen Diakonie oder Gemeinden ihr Engagement in der Fläche zugunsten von überregionalen, beispielhaften oder digitalen Angeboten abbauen?

Das Papier nimmt Zuflucht zu einem Kriterium, das nicht weiterhilft. „Unverbunden agierende, selbstbezügliche Institutionen und Arbeitsbereiche auf allen kirchlichen Ebenen werden aufgegeben (S. 6, Z. 265 ff.).“ Wer würde zugeben, dass seine kirchliche Arbeit „selbstbezüglich“ und mit anderen Arbeitsfeldern „unverbunden“ ist?

10. Ein Fazit und eine Hoffnung
Die Leitsätze fordern die Kirche auf, ihre Fähigkeit zu schnellerem und flexiblerem „NGO-ähnlichem Vorgehen (S. 11, Z. 467)“ zu erkennen und auszubauen. Das fordert von den kirchlichen Gremien die Einleitung eines Paradigmenwechsels. Bisher haben sie oft versucht, das Joch der Konsolidierung auf viele Schultern zu legen, um möglichst wenige gewachsene Strukturen zu zerstören. Doch die Option der Kürzungen nach der Methode „Rasenmäher“ ist ausgeschöpft. Werden die Lasten nun denen aufgebürdet, die in den Synoden weniger vertreten sind? Oder ist die parochiale Struktur reformierbar?

Reformen brauchen Diskurse, bei denen unterschiedliche Visionen miteinander ringen. Keiner der Vorschläge allein wird die Krise überwinden. Aber die Pandemie markiert die Option einer Weichenstellung, die noch vieler Konkretisierungen bedarf. Werden die Kirchen die „Traditionsbestände kirchlichen Handelns und kirchlicher Strukturen unvoreingenommen … durchmustern und sich … fragen, … was dabei hilft, den Blick nach vorne zu richten (S. 13, Z. 574 f.)?“

Die Hoffnung bleibt. „Muthig voranschreiten!“

Horst Heller: LookUp statt LockDown – Die evangelische Kirche will sich erneuern. 10 Kommentar zu ihren 11 optimistischen Leitsätzen

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Elemente dieses Beitrags
1. Die Krise ist da. Wir sollten die Situation nicht länger schönreden.

2. Wir müssen endlich das Potential der Ökumene nutzen
.

3. Warum wir uns von dem Wort Mission verabschieden sollten

4. Kirchengemeinden, Pfarreien und alternative Formen der Beteiligung

5. Wer sich zur Kirche zugehörig fühlt


6. Kirchliche Bildungsarbeit als „Glaubensweitergabe“ – Der Schwachpunkt der EKD-Leitsätze

7. Klarheit, Wahrheit, Formelkompromisse und Blauäugigkeit. Das Papier hat weitere Stärken und Schwächen.

8. Die Aufgabenverteilung zwischen EKD und Landeskirchen

9. Weniger, aber das Wichtige tun

10. Ein Fazit und eine Hoffnung

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