Noten im Religionsunterricht – ein Dilemma?

Immer wieder wird gefordert, dass sich der Religionsunterricht durch Notengebung selbst seines Kerns berauben würde. Religiöse Bildung in der geforderten Freiheit sei nicht möglich, wenn am Ende eine Bewertung und eine Zeugnisnote stünde. Der Religionsunterricht solle besser „notenfreie Zone“ sein.
Die folgenden 16 Thesen machen deutlich, dass auch Religionsunterricht in schulischen Kontexten Leistungen bewerten kann und soll. Dass er aber gut daran tun, die Wahrnehmung für die Vielfalt von Leistungen zu schulen sowie die Problematik bestimmter Prüfungsformate zu bedenken.

These 1: Der Religionsunterricht erwartet von den Schülerinnen und Schüler Leistung und fördert sie. Er kommt nicht ohne Leistungsbewertung aus.
Dafür gibt es mehrere Gründe:
– Der Religionsunterricht ist „ordentliches Lehrfach„: Er nimmt bei Notengebung und Versetzungsrelevanz keine Sonderrolle ein.
– Kompetenzorientierte Lehrpläne beschreiben Lernprozesse, bei denen der Lernzuwachs überprüfbar ist. Leistung ist sichtbar und kann beschrieben werden.
Feedback an die Lernenden: Leistungsbewertungen geben den Schülerinnen und Schülern die erforderliche Rückmeldung zu ihrer Leistungsentwicklung.
Feedback für die Lehrenden: Die Bewertung der Leistungen der Schülerinnen und Schüler sind wichtig für die Planung des weiteren Lernprozesses.

These 2: Die reformatorische Erkenntnis, dass der Mensch nicht allein an seinen Taten gemessen wird, widerspricht dem nicht.
Das Neue Testament bestreitet nicht den Sinn harter Arbeit und dass es auch einen Lohn dafür geben darf. Gegenüber Gott kann der Mensch nicht auf seine Leistung pochen. Deshalb wird im Religionsunterricht auch das Leistungsprinzip einer Gesellschaft, das in Gefahr steht, den Wert des Menschen an seiner Leistungsfähigkeit zu messen, kritisch reflektiert.

These 3: Die Pädagogik nimmt Leistungen in drei verschiedenen Bezugsgrößen wahr.
a. Wie verhält sich der individuelle Lernzuwachs der Lernenden zum bisherigen Leistungsniveau? Hat die Schülerin/ der Schüler große/ kleine/ gar keine Fortschritte gemacht (Subjektbezogene Leistungsnorm)?
b. Wie ist die Leistung im Blick auf die geforderte Aufgabe zu bewerten? Welche Pflichtinhalte beherrsche ich, welche Kompetenzen habe ich erworben (Sachbezogene Leistungsnorm)?
c. Wie ist die Leistung im Bezug zu den Leistungen anderer derselben Lerngruppe oder einer vergleichbaren Klasse zu bewerten? Diese Norm zählt im Notenspiegel, bei einem Ranking oder in Vergleichsarbeiten (VERA) (Sozialgruppenbezogene Leistungsnorm).

These 4: Bei gelingenden Lernprozessen zeigen Schülerinnen und Schüler gerne ihre Lernfortschritte – jede und jeder auf seine Weise
Eigentlich ist es nicht nötig, Schülerinnen und Schüler zu Leistungsnachweisen zu nötigen. Das ist nur für standardisierte Prüfungen erforderlich. Ein kompetenzorientierter Unterricht fragt sich nicht ausschließlich nach Reproduktion von Sachwissen.

These 5: Der Weg zu einer Notengebung ist ein Dreischritt: Leistung wahrnehmen, Leistung bewerten, Leistungsbewertung kommunizieren
a. Leistung wahrnehmen
Schülerinnen und Schüler zeigen in jeder Unterrichtsstunde Leistungswille und Leistungsfähigkeit, mal mehr, mal weniger, selten auch gar nicht. Dabei werden große Unterschiede sichtbar. Diese unterrichtlich erbrachte Leistung gilt es vorrangig zu beobachten und zu dokumentieren.
Die kontinuierliche Mitarbeit im Unterricht wird als Leistungsindikator oft unterschätzt. Das geschieht zum Beispiel, wenn die Klasse zur Aufmerksamkeit und zur Mitarbeit angespornt wird, „weil das auch im anstehenden Leistungsnachweis dran kommt“. Eine kontinuierliche Dokumentation der Mitarbeit ist besser als eine Vielzahl von Leistungsnachweisen.

b. Leistung bewerten
Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler werden in einer für Schülerinnen und Schüler verständlichen und transparenten Weise bewertet. Das kann in Form einer Verbalbeurteilung oder einer klassischen Noten- oder Punktebeurteilung geschehen. Beide Formen haben Vor- und Nachteile. Bewährt haben sich Kombinationen.
Nicht alle zeigen Leistung auf dieselbe Weise. Es ist also nicht erforderlich und auch nicht sinnvoll, für alle Schülerinnen und Schüler identische Formate anzuwenden. (Individualisierung, Inklusion)

c. Feedback kommunizieren
Feedback und Korrekturen sind zwei paar Schuhe. Bei Feedback reicht die Durchsicht eines Teils der gezeigten Arbeit oder ihre Korrektur unter einem ausgewählten Gesichtspunkt. Entscheidend ist, dass der Lernende durch die Rückmeldung einen Lernschritt weiter gehen kann. Feedback ist lernförderlich.
Eine Korrektur ist eine umfassende Berichtigung. Sie meldet den Schülerinnen und Schülern ihren Leistungsstand zurück. Dies muss nicht unbedingt schriftlich geschehen. Unverzichtbar aber sind
– die Wertschätzung für die Person
– die Klarheit der Bewertung
Transparenz der Kriterien.
Um zu erkennen, an welcher Stelle die Schülerin / der Schüler nacharbeiten kann, ist die Mitteilung eines reinen Notenstandes nicht hilfreich.

These 6: Die Schule verlangt in der Sekundarstufe zu viele Leistungsnachweise
Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe werden bis zum 100 mal im Schuljahr geprüft. Alle leiden darunter: Angst, Lernen vor allem für Leistungskontrollen, Korrekturmarathon. Auch bei der Einführung von alternativen Formaten (unterrichtspraktische Arbeit, Portfolio, Präsentation) ist auf das Verhältnis von einem angemessenen Aufwand für Lernende und Lehrende zu achten.

These 7: Die Mitteilung einer erreichten Roh-Punktzahl allein ist nicht lernförderlich
„Es wurden 21 von 28 Punkten erreicht.“ Um die Plausibilität der Note zu erhöhen, wird bei Leistungsnachweisen eine bestimmte Anzahl von Rohpunkten vergeben. In der Regel zeigt dann eine Tabelle das Verhältnis von Rohpunkten und Noten. Jede Schülerin/ jeder Schüler kann so nachvollziehen, ob seine Note gerechtfertigt ist. Doch dieses Verfahren schafft nur eine scheinbare Transparenz und formale Plausibilität. Warum die Leistung inhaltlich gut, befriedigend oder mangelhaft war, zeigt es nicht. Vor allem gibt es den Lernenden keine Hinweise, in welchen Bereichen und auf welche Weise sie nacharbeiten könnten (z. B.: Fleiß, Sachwissen, Sorgfalt, Gründlichkeit, bestimmte Themenbereiche). Das ist nur möglich, wenn die formale Bewertung durch eine kompetenzorientierte Formulierung erweitert wird.

These 8: Leistungen mit Smileys zu bewerten, ist bedenklich.
Emojis verknüpfen Leistungen der Schülerinnen und Schüler mit Gefühlen der Lehrperson. Eine gute Leistung lässt die Lehrperson freundlich lächeln, eine ausreichende Leistung nicht. Diese Form der Rückmeldung mag ein Ansporn sein. Sie stellt aber eine unzulässige Vermischung von objektiver Bewertung und persönlicher Zuwendung dar. Sie unterschätzt außerdem die Professionalität der Lehrkräfte. Wenn es schlechte Leistungen festzustellen gilt, geschieht dies nicht durch Entzug von Wertschätzung. Lehrpersonen begegnen auch schwachen Schülerinnen und Schülern mit Freundlichkeit.

These 9: Hausaufgaben sollen nicht bewertet werden.
Hausaufgaben haben Vorteile und bieten gewisse Chancen, sind aber mit Nachteilen verbunden. Dies gilt insbesondere, wenn sie bewertet werden. Leistungen, die vor allem oder sogar ausschließlich zu Hause erbracht worden sind, sollten gewürdigt und gewertschätzt werden. Als Leistung fließen sie in die Mitarbeit ein: Als eigenständiger Leistungsnachweis dürfen sie nicht gewertet werden. Zu unterschiedlich sind die Lernarrangements und Unterstützungssysteme (Eltern und Geschwister) zu Hause. Der oft beklagte Zusammenhang von Schulerfolg und sozialer Herkunft würde dadurch vertieft.

These 10: Digitale Leistungsbewertungen sind kein Ausweg
Sie machen Spaß. Der Wettbewerb fördert (möglicherweise) den Leistungswillen. Als Rückmeldung an die Schülerinnen und Schüler zu ihrem Wissensstand sind sie insoweit nützlich. Soweit sie vor allem aus Multiple Choice Aufgaben bestehen, sind sie aber nur klassisch-punktuelle Abfragen im digitalen Gewand. Zur kontinuierlichen Wahrnehmung von Leistung tragen sie nichts bei.

These 11: Prüfungen sind nur scheinbar objektive Leistungsnachweise
Punktuelle Leistungsformate überwiegen noch immer. Werden sie in schriftlicher Form erhoben, erfüllen sie (zumindest formal) das Gebot der Gleichbehandlung. Es stellen sich aber mehrere Fragen:

a. Die Leistung der Schülerinnen und Schüler ist von der Tagesform abhängig. Ein schlechter Tag kann über Versetzung entscheiden. Die zahlreichen Vorschriften in den Verordnungen lassen erkennen, dass auch die Schulordnungen das Problem des richtigen oder falschen Zeitpunktes und der Dosierung für punktuelle Leistungsnachweise kennen.

b. Es wird zwischen angekündigten und unangekündigten Leistungsnachweisen unterschieden. Beide Vorgehensweisen haben Vor- und Nachteile. Entscheidender als das ist es, dass Schülerinnen und Schüler mit den Formaten vertraut sind, mittels derer punktuelle Leistungen von ihnen verlangt werden, und dass sie wissen, welche Arbeitsaufträge (in der Stunde oder als Hausaufgaben) in eine Note einfließen.

c. Andeutungen („An eurer Stelle würde ich mir das mal gut anschauen…“) sind nicht empfehlenswert. Sie erfüllen nicht die Mindestanforderungen an Transparenz bezüglich des formalen Rahmens für punktuelle Leistungsnachweise und bewerten zu sehr, ob Schülerinnen und Schüler den „Wink mit dem Zaunpfahl“ verstanden haben.

These 12: Schriftliche Leistungsnachweise werden überschätzt.
Nur in der Schule und – in weit geringerem Maß – an der Universität müssen Leistungen überwiegend in schriftlicher Form erbracht werden. Im Berufsleben sind praktische und mündliche Formate dagegen die Regel. In der Primarstufe und der Sekundarstufe I ist eine Mindestzahl von schriftlichen Leistungsnachweisen in vielen Schulfächern vorgeschrieben, in der Sek II in praktisch allen Fächern. Leistungen, für die die Schriftform nicht vorgeschrieben ist, sollten eine praktische oder mündliche Form haben.

These 13: Der Mitarbeit kommt eine Schlüsselrolle bei der Leistungsbewertung zu
Mitarbeit ist weit mehr als die Anzahl der Meldungen im Unterricht. In die Mitarbeit fließen ein:
Anzahl und die Qualität der mündlichen Beiträge
– das Bereithalten der Materialien
– die Verlässlichkeit bei der Anfertigung von Hausaufgaben und deren Qualität
– das in der Arbeitsweise erkennbare Nachdenken
– das Weiterdenken über Unterrichtsinhalte
– die Erledigung von Arbeitsaufträgen.
Solcherlei Mitarbeits-Leistungen werden regelmäßig dokumentiert. Dabei ist es nicht erforderlich, über alle Schülerinnen und Schüler eine Dokumentation zu erstellen, die sämtliche Stunden umfasst. Eine detaillierte Notiz alle drei Wochen ist wertvoller als eine Summe von Pluspunkten, Minuspunkten oder Ähnlichem zu jeder Stunde.

Zusammenfassung: Drei Visionen einer Reform der Leistungsbewertung

These 14: Es wird vorrangig die im Unterricht gezeigte Leistung bewertet. Prüfungsformate ergänzen das Bild.

These 15: Neben den vorgeschriebenen Pflichtarbeiten sind solche Formate verzichtbar, die nur dazu dienen, Leistungen festzustellen.

These 16: Leistung wird kontinuierlich wahrgenommen. Punktuelle Leistungsfeststellungen bilden die Ausnahme.

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