Warum der Religionsunterricht auch in Zeiten der Pandemie konfessionell sein muss. (Was das bedeutet und was das nicht bedeutet)

Wer ist Gott, was ist der Mensch? Was kommt nach dem Tod? Religionsunterricht will nicht vor allem Sachwissen anhäufen, obwohl es da schon einiges gäbe: Bibelkunde, der historische Jesus, Kirchengeschichte, christliche Theologie, andere Religionen und vieles mehr. Doch wichtige Inhalte des Religionsunterrichts entziehen sich dem kognitiven Begreifen. Sie liegen außerhalb dessen, worüber Menschen verfügen könnte. Über die großen Fragen des Lebens nachzudenken ist das Kernanliegendes Religionsunterricht. Denn sie sind Lebensfragen.

Erkenne dich selbst! Eine der großen Fragen, denen der Religionsunterricht nachgeht

Religionsunterricht: Keine Lösungen von gestern für Fragen von heute
Die Religionslehrperson versteht sich dabei nicht (wie vielleicht vor 60 Jahren noch) als jemand, der bereits alle Antworten kennt. Schon gar nicht schreibt der Unterricht – wie fälschlicherweise immer wieder gemutmaßt wird – Lösungen von gestern für Probleme von heute vor. Vielmehr stößt er ergebnisoffene Prozesse an, in denen Schülerinnen und Schüler nach eigenen Antworten auf die Fragen nach Sinn, Hoffnung, Glück und Gott zu suchen. Diese immer vorläufigen Positionen bringt er miteinander und mit anderen Konzepten ins Gespräch.

Die Lehrperson: positional, authentisch, dialogisch
Die Religionslehrperson ist in diesen Fragen nicht neutral, sie bezieht auf der Grundlage eines christlichen Menschenbilds und eines evangelischen Bildungsverständnisses Position, nicht als Vertreterin oder Vertreter einer kirchlichen Lehre, sondern authentisch und reflektiert mit eigener Meinung. Sie verschweigt ihre konfessionelle Verwurzelung nicht, sie ist aber jederzeit dialogorientiert. Unterrichtsgespräche, die unterschiedliche Positionen miteinander ins Gespräch bringen, gelingen besser, wenn auch die Lehrperson einen Standpunkt hat und ihn einbringt.

Konfessionalität muss nicht immer konfessionelle Trennung heißen
Organisatorisch bedeutet das, dass der Religionsunterricht (zurzeit noch) in konfessioneller Trennung organisiert ist. Für die Zukunft kann ich mir vorstellen, dass das Dialogische besser angebahnt werden kann, wenn die Lerngruppen nicht in allen Jahrgangsstufen konfessionell getrennt sind. Aber auch in anderem Format wird der Religionsunterricht immer ein konfessioneller Unterricht sein müssen, zumal auch Landesverfassungen und Grundgesetz (einzelne Bundesländer ausgenommen) anderes nicht zulassen. Ein allgemeiner Religionskundeunterricht, der sich den Religionen von außen nähert, strukturell, konzeptionell und performativ nicht in das eintauchen will, was Glaubende empfinden, wird zu einer individuellen Positionierung der Schülerinnen und Schüler kaum anleiten können. Sachwissen kann sehr langweilig sein, wenn es nichts mit mir zu tun hat…

Toleranz und Respekt
Ein guter Religionsunterricht respektiert andere Meinungen, ja er fördert diese Vielfalt sogar. Es ist für ihn kein Problem, wenn Schülerinnen und Schüler sich nicht mit religiösen Fragen beschäftigen wollen. Für diese Gruppe muss deshalb ein Unterricht im Fach Allgemeine Ethik eingerichtet werden. Es ist sinnvoll, dass dieser sich auch mit Religionen beschäftigt, aber der Zugang ist ein anderer. Religionsunterricht und Ethikunterricht dürfen und sollen sich voneinander unterscheiden.

Konfessionalität in Zeiten von Corona
Die Pandemie hat auch dem Religionsunterricht einige Opfer abverlangt, die er in Solidarität – vor allem mit anderen kleinen Fächern – getragen hat. Für das neue Schuljahr ist eine weitgehende Rückkehr zur Normalität angekündigt. Konfessioneller Religionsunterricht sollte deshalb wieder an allen Schulen in getrennten Lerngruppen stattfinden, an denen die personellen Ressourcen dafür gegeben sind. In Jahrgängen, in denen dies aufgrund von personellen Engpässen aufgrund der Corona-Krise nicht möglich ist, können katholische und evangelische Schülerinnen und Schüler von einer katholischen oder evangelischen Religionslehrkraft unterrichtet werden. Eine organisierte und erweiterte Kooperation der beiden Konfessionen, die den Religionsunterricht in einzelnen Jahrgangsstufen anders organisiert, wird damit nicht vorweggenommen. Zusätzlich werden Lerngruppen im Fach Allgemeine Ethik gebildet.

Alle Planungen stehen zudem unter dem Vorbehalt, dass sie sich an der Realität des Spätsommers und des Herbstes messen lassen müssen.

Konfessionell-kooperativer Religionsuntericht: Er möge bald kommen.
Eine gut vorbereitete konfessionelle Kooperation zwischen den Kirchen, die auch gemeinsame Lerngruppen ermöglicht … Ich warte sehnsüchtig darauf.

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