Was uns die Pandemie zumutet. Eine Zwischenbilanz und ein Kommentar

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COVID-19: Sieben Dinge, die schwer zu ertragen sind

1.
Bislang 500.000 Todesopfer weltweit. Sie mögen in Frieden ruhen. Wir vergessen nicht, dass Ungezählte in ihrer letzten Stunde allein waren. Als sie zu Grabe getragen wurden, durften nur sehr wenige Menschen Abschied von ihnen nehmen. Feste können verschoben werden. Bestattungen nicht.

2.
Geschlossene Kitas und Schulen: Dass die Einrichtungen schließen mussten, um die Pandemie einzudämmen, erscheint im Rückblick nötig. Die wissenschaftliche Evaluation aller Maßnahmen der Corona-Bekämpfung wird zeigen, ob dies zum richtigen Zeitpunkt und im richtigen Maß geschah. Das können wir abwarten. Jetzt aber schon stellen sich Fragen nach den Folgen: Viele Kinder waren zu Hause Konflikten, erzieherischer Inkompetenz, ungefiltertem und unbegrenztem Medienkonsum, übergriffigem Verhalten, Gewalt oder noch Schlimmerem ausgesetzt. Dass der geschützte Raum von Schule und Kita mit den vertrauten Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern wegfiel, war für diese Kinder schlimm – manchmal sogar gefährlich.
In der Zeit der Schulschließung wurden zudem Mängel am System Schule deutlich, die es nach der Krise aufzuarbeiten gilt. Details habe ich in anderen Blogbeiträgen ausführlicher dargestellt.

17.04.2020: Corona, Digitalisierung und Professionalität: Warum das Echo auf das Home-Learning so durchwachsen war.
17.04.2020: Schulschließung und Kindeswohl: Warum es nicht richtig war, zunächst die Prüfungsjahrgänge zurück in die Schule zu holen.
10.05.2020: Distanzlernen: Was bedeuten Empfehlungen für das Lernen zu Hause für jüngere Schüler und für den Religionsunterricht?

3.
Es traf Menschen: Betriebe mussten schließen, Menschen wurden arbeitslos. Nicht nur „die Wirtschaft“ geriet aus dem Tritt. Es waren Friseure, Künstler, Freiberufler aller Art, Gastronomen, Hoteliers – sie und ihre Beschäftigten. Schulabgänger erhielten keinen Ausbildungsplatz, Betriebe stellten nur sehr zögerlich ein. In Deutschland, einem wohlhabenden Land mit sozialen Netzen wurde vieles, wenn auch nicht alles, aufgefangen. Aber in den meisten Ländern dieser Welt gibt es keine vergleichbare Absicherung.

4.
Schwarzseher hatten ihre große Stunde. Es ist traurig, dass diese Menschen Gehör finden. Sie sind Fake-Wahrsager und verfügen über keine Informationen, die nicht allen zugänglich wären. Als Pessimisten nehmen sie ihren Mitmenschen die Zuversicht und die Hoffnung – und damit die Energie, Herausforderungen zu meistern.

5.
Verschwörungstheoretiker und Realitätsverleugner: Sie sprechen von chinesischen Labors, fantasieren über angebliche Weltregierungen und verunglimpfen Menschen, die sich der medizinischen Forschung zur Entwicklung eines Impfstoffs verschrieben haben. Dass sich auch einige Kardinäle zu den falschen Propheten gesellt haben, ist nur eine Randnotiz. Denn Irrende gibt es immer und überall, aber manche bekommen mehr Gehör als andere.

6.
Die BILDzeitung hat sich unsäglich eingebracht. Denunziantentum, Populismus, Schlagzeilen um jeden Preis und Unwahrhaftigkeit – dein Name hat vier große Buchstaben. Aber das ist ja nichts Neues.

7.
COVID 19 ist nicht überstanden. In Europa werden schrittweise Lockerungen zugelassen. In Indien, Brasilien, Peru, Russland und auf dem afrikanischen Kontinent ist von Entspannung aber nichts zu spüren.


COVID-19: Fünf Einschränkungen, die wir hinnehmen können

1.
Masken: Für Klagen, dass Menschen ihre Maske stundenlang nicht abnehmen dürfen, habe ich Verständnis. Aber wer im öffentlichen Nahverkehr und beim Einkaufen zur eigenen Sicherheit und zu der seiner Mitmenschen eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen muss, kann das hinnehmen. Wenn Grundschüler im Klassenzimmer keine Straßenschuhe tragen dürfen, ist das auch keine Frage der Grundrechte.

2.
Abstandsregeln und die Kontaktbeschränkungen: Zugegebenermaßen ist die neue Körperlosigkeit für viele Menschen, auch für mich, eine Umstellung. Aber das war und ist zu verkraften. Menschen in Pflegeheimen durften wochenlang keinen Besuch empfangen, Kinder war es verboten, mit ihren Freunden zu spielen. Als in ganz Deutschland Spielplätze abgesperrt waren, war für jedermann ersichtlich, wer die schwerste Last zu tragen hatte.

3.
Einschränkung beim Urlaub: Fernreisen, Flugreisen und Kreuzfahrten waren untersagt. Kommt, Leute, das war nicht schlimm, jedenfalls nicht für uns reisefreudige Europäer. Für Regionen, in denen ein (sanfter) Tourismus die einzige Einnahmequelle ist, ist der Schaden aber groß.

4.
Flickenteppich Deutschland: Nicht alle Bundesländer marschierten im Gleichschritt. Darin habe ich nie ein Problem gesehen. Wenn in Gütersloh besondere Maßnahmen notwendig werden, dann müssen nicht alle Landkreise das mitvollziehen. Tönnies ist nicht überall.

5.
Keine Konzerte, keine Museumsbesuche, keine Gottesdienste: Über die betroffenen Künstlerinnen und Künstler habe ich schon gesprochen. Zunächst waren religiöse Versammlungen ganz verboten, dann „nur“ noch der Gemeinde- und Chorgesang. Christen hatten keine Gottesdienste an Karfreitag und an Ostern, die weltweite muslimische Community feierte den ungewöhnlichsten Ramadan seit Jahrzehnten. Doch die Maßnahmen waren unvermeidlich. Wo sie wissentlich missachtet wurden, zeigten sich die Folgen für alle sichtbar und gefährlich. Wem die Gesundheit seiner Mitmenschen am Herzen lag, der konnte diese vorübergehenden Beschränkungen akzeptieren.


COVID-19: Drei Gewinner der Pandemie, denen ich das von Herzen gönne

1.
Die Natur, die Atmosphäre, das Klima: Dienstreisen wurden untersagt, Das Home-Office trat an die Stelle des klimatisierten Großraumbüros, Flugzeuge blieben am Boden. Wie viel Kohlendioxid im Frühjahr 2020 eingespart wurde, wird vielleicht einmal ausgerechnet. (Ich fürchte, die Größenordnung ist nicht signifikant.) Wer sich in Zeiten der partiellen Ausgangsbeschränkungen dennoch auf die Straße begab, konnte ahnen, dass die Tierwelt einen Teil der Stadt zurückeroberte. Das irrtümlich Homo sapiens sapiens genannte Wesen, das sich so unverschämt in dem Lebensraum breitmacht, der doch der ganzen Kreatur gehört, durfte nicht raus. Es blieb mit seinen stählernen, stinkenden und lärmenden Vehikeln zu Hause. Ein Feiertag für die Schöpfung. Wieviel Nachhaltigkeit wird das haben?

2.
Demokratien mit offener Diskussionskultur: Die Gesellschaften, die den Rat der Wissenschaft einholten und die Bürgerrechte achteten, sind ebenfalls Gewinner. Sie zeigten, dass sie in der Lage waren, Eingriffe in Freiheitsrechte zu erklären und gerichtlich überprüfen zu lassen. Autokraten, Poser und Populisten, die in ihrem Land die Zügel in der Hand halten, zeigten hingegen überwiegend, dass sie es nicht können. In vielen Gesellschaften, die weder das Expertentum der Betroffenen noch einen freien Journalismus zulassen, haben die Machthabenden die Krise falsch eingeschätzt. Wo die oppositionellen Strukturen fehlten, die die Entscheider auf ihre Fehler aufmerksam hätten machen können, wurden sogar die freie Meinungsäußerung und Demonstrationen unterbunden.
Liberale Gesellschaften sind vielfach besser durch die Krise gekommen. Und wo dies nicht der Fall war, gibt es nun die Möglichkeit, verzögerte oder falsche Entscheidungen offen zu diskutieren, um aus ihnen zu lernen. Ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem Zuhören und die Kontrolle der Macht (noch) eine Selbstverständlichkeit sind.

3.
Die Solidarität: Der Rechtspopulismus, der gesellschaftliche Herausforderungen monokausal erklärt, nach Schuldigen statt nach Lösungen sucht und im Wochenrhythmus den Untergang des Abendlandes ausruft, konnte nichts zur Lösung der Krise beitragen. Er steht nun ohne Unterhosen da. Die Pandemie war weder den Einwanderern noch den Altparteien anzulasten. Deshalb tut die AfD zurzeit, was alle tun, wenn der Schleier gefallen ist und der Zauber nicht mehr wirkt: Sie beschäftigt sich mit sich selbst und streitet.
Vielleicht bringt die Pandemie sogar den blondierten Egomanen aus New York zu Fall, wenn ihm im November eine ausreichend große Anzahl von Wählerinnen und Wählern die Tür des Weißen Hauses weist. Und hoffentlich geht er dann wirklich und widmet sich wieder dem kleinen weißen Ball, um ihn in einem Rasenloch unterzubringen. Dabei kann er nicht viel anrichten.

Blogbeitrag zum Thema auf www.horstheller.de
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25.04.2020: Schulschließung und Kindeswohl – Warum unsere Jüngsten jetzt eine Perspektive brauchen
10.05.2020: „Distanzlernen“ – Was bedeuten die Hinweise aus NRW für den Religionsunterricht?
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