Tonmalerei galt als Todsünde des Komponierens. Beethoven war das egal. Für Götter gelten solche Regeln nicht. Beethovens Pastorale

Hatte der große Komponist wirklich schnöde Imitation von Naturgeräuschen betrieben? Hatte er das Plätschern eines Baches, ein herannahendes Gewitter sowie Blitz und Donner nachgeahmt? Das galt schon zur Zeit Beethovens als eine der Todsünden des Komponierens. Allenfalls war es gestattet, innere Gefühle musikalisch darzustellen, die die Begegnung mit der Natur in dem Menschen auslöste. So hat es auch nicht an Versuchen gefehlt, seine Pastorale als musikalische Darstellung von Emotionen zu deuten. Gaben doch die Titel einiger Sätze Anlass dazu: Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande , so ist der erste Satz überschrieben. Doch im zweiten Satz sind offenbar Vogelstimmen zu hören. Beethoven selbst hat die Worte „Nachtigall„, „Wachtel“ und „Kukuk“ in die Partitur eingetragen. Er wusste, dass ein Komponist, der etwas auf sich hält, keine Tonmalerei betreibt. Er wusste es – und tat es dennoch.

Dafür kann es nur einen Grund geben. Er scherte sich nicht darum, was sich kompositorisch „gehörte“. Die Sonatenhauptsatzform ist nur mit viel Fantasie zu erkennen und der erste Satz der Sinfonie endet seltsam einfach, ganz ohne Forte-Akkorde. Die Sinfonie zählt nicht vier, sondern fünf Sätze, deren letzter ebenfalls seltsam verklingt. Beethoven war er nicht bereit, sich musikalischen Konventionen zu unterwerfen, wenn sie seiner Kompositionsidee entgegenstanden. Er konnte es sich leisten.

Meine Lieblingsstelle der Pastorale
… ist natürlich die zweimalige Imitation von drei Vogelstimmen gegen Ende des zweiten Satzes. „Frau Nachtigall trillert in der Flöte, die Wachtel schlägt in der Oboe, der Kuckuck ruft in der Klarinette“ (Büning S. 153).

Die Bamberger Sinfoniker unter der Leitung von Herbert Blomstedt

Quoting Beethoven – Was der Komponist selbst schreibt
Beethoven ist verärgert, dass die neu erschienenen Ausgaben der Sinfonien op. 67 und op. 68 sowie der Trios op. 70 voller Druckfehler sind. Wer trägt daran die Schuld? War seine Abschrift, die er dem Verlag geschickt hatte, fehlerhaft oder ist der Verlag verantwortlich? Am 22. November 1809 schreibt er zornig:

Ich schreibe ihnen endlich einmal. Nach der wilden Zerstörung einige Ruhe, nach allem … ausgestandenen Ungemach arbeitete ich einige Wochen hintereinander, dass es schien mehr für den Tod als für die Unsterblichkeit. Und so erhielt ich ihr Paket ohne Brief und sah es weiter nicht an. Erst vor einigen Tagen nahm ich es zur Hand, und ich mache ihnen recht lebhafte Vorwürfe. Warum [ist] die sehr schöne Auflage nicht ohne Inkorrektheit???? Warum nicht erst ein Exemplar zur Übersicht, wie ich schon oft verlangt? In jede Abschrift schleichen sich Fehler ein, die aber ein jeder geschickter Korrektor verbessern kann, obschon ich beinahe gewiss bin, dass es wenige oder gar keine in der Abschrift, die ich ihnen geschickt, gebe. Es ist unmöglich immer seine Handschrift [den Autografen] zu schicken, jedoch habe ich so genau die … Sinfonien durchgesehen, dass bei genauerer Korrektur auch nur wenig unbedeutende Fehler sein könnten. Etwas sehr ärgerlich bin ich deswegen…“ (Quelle)

Beethovens Pastorale und der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen
Künstler setzten ein Zeichen für den Klimaschutz: Das Beethoven Pastoral Project zur Versöhnung von Mensch und Natur:
https://www.bthvn2020.de/programm/beethoven-pastoral-project

Literatur
Eleonore Büning, Sprechen wir über Beethoven. Ein Musikverführer, Salzburg und München 2018
Michael Ladenberger (Hg), Beethoven zum Vergnügen. Ditzingen 2020

Mein Beethovenjahr auf www.horstheller.de

01.03.2020: The King’s Speech und die Sprechhemmungen des Königs: Beethovens Siebte -Mein Beethovenjahr (1/9)

29.03.2020: Die Sinfonie, die mit einem Dominantseptakkord beginnt. Beethovens Erste – eine charmante Provokateurin – Mein Beethovenjahr 2/9

24.05.2020: Tonmalerei galt als Todsünde des Komponierens. Beethoven war das egal. Für Götter galten solche Regeln nicht. Beethovens Sechste, die Pastorale – Mein Beethovenjahr 3/9

28.06.2020: Die Gute-Laune-Sinfonie zwischen den Titanen: Beethovens Achte – Mein Beethovenjahr 4/9

23.08.2020: Die „Sinfonia grande“, auf deren Deckblatt jemand heftig radiert haben muss: Beethovens Eroica – Mein Beethovenjahr 5/9

16.09.2020: „Noch 10 Minuten, dann sind wir fertig.“ Das Beethoven-Portrait Joseph Stielers wirkt bis heute nach.

04.10.2020: Freude schöner Götterfunken: Bis 1990 verlief die innerdeutsche Grenze genau bei Takt 697 der Ode an die Freude. Beethovens Neunte – Mein Beethovenjahr 6/9

18.10.2020: „Der angestochene Lindwurm, der nicht ersterben wollte.“ Die Sinfonie, die das Publikum erschreckte, gilt heute als graue Maus – zu Unrecht: Beethoven Zweite – Mein Beethovenjahr 7/9

15.11.2020: War Beethovens Metronom in Reparatur? Das Rätsel um das teuflische Tempo im Schlusssatz von Beethovens Vierter – Mein Beethovenjahr 8/9

20.12.2020: Da – da – da – daaaa! Das vielleicht bekannteste Motiv der Musikgeschichte erklang wenige Tage vor dem Weihnachtsfest 1808 zum ersten Mal: Beethovens Fünfte – Mein Beethovenjahr 9/9