Video-Gottesdienste im Internet – Ich versuche herauszufinden, warum sie mich nicht ansprechen.

Digitale Gottesdienste auf YouTube: Von einer einzigen Ausnahme abgesehen, hat mich bisher keiner gefesselt, angerührt oder bereichert. Liegt es am Gottesdienst, liegt es am Medium, liegt es am an mir?

Ich mache einen weiteren Selbstversuch und klicke auf das Video, das mir auf Facebook vorgeschlagen wird. YouTube öffnet sich. Die Kamera versucht den Blick des Besuchers in der Kirche nachzuahnen. Ein Kirchenfenster einer Dorfkirche ist zu sehen, dann ein geschmückter, aber verlassener Altar. Aus seiner Kirchenbank würde ich vielleicht auch die blassen Glasfenster und den Blumenschmuck auf dem Altar ansehen. Schließlich kommt ein bärtiger Pfarrer ins Bild. Vor, neben und hinter ihm leere Kirchenbänke. Es ist wie sonst, denke ich.

Dann beginnt der Gottesdienst. Form und Inhalt sind mir vertraut. Schriftlesung, Gebete und moderierende Worte, wie ich sie kenne. Sogar Sprechweise, kurze Pausen, Kopfhaltung und Gesten des Pfarrers sind „branchentypisch“. Die Musik und die Lieder kenne ich auch. Aber – trotzdem oder gerade deshalb? – will der Funke nicht zu mir überspringen. Ich fühle mich nicht als Teil der virtuellen Gemeinde. Warum gelingt es nicht? Ist das nur bei mir so?

Auf der Suche nach einer Antwort stelle ich mir sechs Fragen:

1. Für welche Zielgruppe ist das gotttesdienstliche Angebot gedacht?
Richtet er sich an die, die unter besseren Bedingungen in den 10 Uhr-Gottesdienst gekommen wären, die das Gebäude, die Liturgie und den Predigter mögen? Dann wäre klar, warum er mich nicht erreicht. Es ist ja nicht meine Kirchengemeinde.

2. Stellt der Gottesdienst keine existentiellen Fragen?
Wahlweise: Wäre die Predigt auch im Präsenzgottesdienst zu lang, zu unklar in ihrer Intention, zu weit entfernt von den Menschen, die ihr folgen? Wäre der Gottesdienst auch bei körperlicher Anwesenheit kein spirituelles Erlebnis, das anrührt, zum Nachdenken bringt, tröstet oder Gemeinschaft vermittel? Wüsste ich auch dann nicht, welche Message der Prediger heute mir übermitteln wollte? Dann läge es weder an mir noch am Medium.

3. Nimmt der Gottesdienst das Internet ernst?
Das Netz ermöglicht Interaktivität. Auf Facebook, Twitter und Instagram lassen sich in schneller Folge Kommentare und Bewertungen abgeben. Will der Online-Gottesdienst überhaupt ein kommunikatives Geschehen sein, oder soll ich ihn mir nur ansehen?

4. Hat der Gottesdienst eine persönliche Note?
Nur wer authentisch ist, wird im Internet wahrgenommen. Ware von der Stange gibt es tausendfach und geht unter. Sind die Worte des Predigers Gedanken, die zu einem unverwechselbaren Menschen passen, der da spricht, oder ist es egal, wer da vor dem Altar steht? Wenn der Absender beliebig ist, ist es dann nicht auch der Adressat?

5. Sind Video-Gottesdienste eine Kunstform, die ohne medienwissenschaftliche oder mediendidaktische Fachlichkeit immer öde bleiben wird?
Das ist nicht leicht zu beantworten. Eine Video-Event ohne Maske, ohne Licht- und Tonfachleute, ohne Drehbuch oder Regie geht eigentlich nicht. Aber hatte Rezo einen Regisseur?

6. Sind mediale Gottesdienste nur ein Video?
Schwere Frage: War die Aufzeichnung in dem Moment ein Gottesdienst, als sie produziert wurde? Wird sie zu einem Gottesdienst, wenn sie angesehen wird? Muss das live geschehen?
Ein Antwortversuch: Es liegt im Auge des Betrachters. Alles kann ein Gottesdienst sein, wenn es für mich zu seinem solchen wird. Aber nur dann. (Dann läge es also doch an mir.)

Ein Blick in die Zukunft:
Die Pandemie kann neue Horizonte eröffnen. Viele haben verstanden, dass Kommunikation und Begegnung auch digital gelingen kann. Inzwischen sind in einem strengen hygienischen Regime auch gottesdienstliche Feiern in den Kirchen wieder möglich. Gibt es dennoch eine Zukunft für digitale Gottesdienste? Für die Zukunft stellen sich mir vier weitere Fragen:

7. Möglichst schnell zurück zum Vertrauten?
Das Echo auf die Video-Gottesdienste, das die Prediger erreicht habe, sei überwiegend positiv gewesen, so war es zu lesen. Wenn das stimmt, müssten die Gemeinden ja nicht eilends zu vertrauten Präsenz-Gottesdiensten zurückzukehren. Oder war die Resonanz auf „Home Services“ doch nicht so positiv?

8. Kann das jeder – und muss jeder alles machen?
Fernseh- und Radiogottesdienste gibt es schon lange. Sie benötigen eine monatelange Vorbereitungszeit. Wird dieses Angebot dauerhaft durch weitere Online-Formate ergänzt, wird es nötig sein, geistlich, sprachlich und technisch professionellere Angebote zu entwickeln. Wird es möglich sein, dass sie nicht wie die Gottesdienste am Sonntagmorgen zu gleicher Zeit und mit ähnlicher Form in vielen Dorf- und Stadtkirchen um die gleiche Klientel konkurrieren?

9. Sind Predigten in der digitalen Welt ein No Go?
Ansprachen ohne Interaktivität passen eigentlich nicht zum Internet. Müssen wir die Liturgie eines Gottesdienstes dem digitalen Medium anpassen?
Meine Idee für eine Antwort: Ja, das wird nötig sein. Und nein, gute Predigten haben auch online ihren Wert, aber die Latte liegt (noch) höher.
Ein Exkurs dazu: Die Rede von Bundespräsident Steinmeier am 11. April hat gezeigt, dass Ansprachen auch im Zeitalter der digitalen Transformation wirken können. Menschen haben sie zitiert und miteinander darüber gesprochen. Steinmeiers Sprache war geschliffen, aber verständlich. Sie appellierte, war aber nicht moralisch. Die Rede war ermutigend und verzichtete auf Belehrung. Der Redner wirkte authentisch, ohne Menschen auszuschließen. Er sprach Junge, Alte, Kranke, Gesunde, Arbeiter und Intellektuelle gleichermaßen an und wurde doch nicht unkonkret oder unpersönlich. Predigerinnen und Prediger könnten von ihm lernen, finde ich.

10. Werden die Kirchen aufhören, ihre selbst gestellten Fragen nicht zu beantworten?
Eine wahre Begebenheit in meiner Stadt: Gottesdienste waren noch untersagt, doch es gab eine Ausnahme. Sie erinnerte an Autokinos früherer Jahre. Die Gottesdienstbesucher parkten auf einem großen Platz mitten in der Stadt. Wort und Musik kamen aus dem Radio. Aussteigen war untersagt. Ein Hupkonzert am Ende dankte den Mitwirkenden.
Drive-In-Gottesdienste werden kaum zum Programm der kommenden Jahre gehören. Warum erzähle ich dennoch davon? Dieser Gottesdienst am Sonntagmorgen war ökumenisch. Lernen die Kirchen in der Krise, wozu sie da sind? Überspringen sie die Hürden, die sie sich selbst in den Weg gestellt haben – oder räumen sie sie vielleicht endlich weg? Geht da noch was?