Distanzlernen: Was bedeuten die didaktischen Hinweise aus NRW für Religionslehrerinnen und Lehrer?

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Axel Krommer, Philippe Wampfler und Wanda Klee haben im Auftrag des Schulministeriums von Nordrhein-Westfalen didaktische Hinweise für Lehrerinnen und Lehrer für die pädagogische Arbeit in der Zeit der Schulschließungen erarbeitet. Sie wollen eine Hilfe für Lehrpersonen und Ausbildner sein und gliedern sich in sechs Orientierungspunkte. Der folgende Blogbeitrag, ein Gesprächsbeitrag, untersucht sie auf ihre Relevanz und didaktische Schlüssigkeit für den Religionsunterricht. Er versteht sich als Gesprächsbeitrag. Dabei geht er zunächst die sechs Orientierungspunkte durch und notiert dann fünf weiterführende Überlegungen.

Die sechs Orientierungspunkte von Krommer, Wampfler und Klee lauten:

  • So viel Empathie und Beziehungsarbeit wie möglich, so viele Tools und Apps wie nötig.
  • So viel Vertrauen und Freiheit wie möglich, so viel Kontrolle und Struktur wie nötig
  • So viel einfache Technik wie möglich, so viel neue Technik wie nötig
  • So viel asynchrone Kommunikation wie möglich, so viel synchrone wie nötig.
  • So viel offene Projektarbeit wie möglich, so viele kleinschrittige Übungen wie nötig
  • So viel Peer-Feedback wie möglich, so viel Feedback von Lehrenden wie nötig

Orientierungspunkt 1:
So viel Empathie und Beziehungsarbeit wie möglich, so viele Tools und Apps wie nötig“.

Dieser Grundsatz ist richtig, weil er auch für den Präsenzunterricht gilt. Unterrichten ist immer ein Begegnungsgeschehen. Für Religionsunterricht gilt dies im besonderen Maße. Tools und Apps, die in Zeiten des Distanzlernens Verwendung finden, müssen Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden ermöglichen, die sich nicht auf Inhalte beschränkt. Lernen bedarf eines störungsarmen Umfeldes. Emotionen der Krise, also Angst, Hoffnung, Sorge oder Einsamkeit müssen thematisiert werden können, denn Störungen haben Vorrang.

Je jünger die Schülerinnen und Schüler sind, desto mehr sind sie darauf angewiesen, dass die Lehrperson auch in der Distanz präsent ist. Telefonate, insbesondere Videotelefonate, sind hier besonders hilfreich. Sie können emotionale Stärkung, Stabilisierung, Trost, Zuspruch und Ermutigung geben. Dies kann individuell oder kollektiv geschehen. Fotos auf den Schulwebseiten, auf dem Lehrerkollegien ihre Schülerinnen und Schüler mit „Wir vermissen euch!“ grüßen, mögen kitschig erscheinen. Sie sind aber ein Zeichen der Verbundenheit, das viele Schülerinnen und Schüler brauchen.

Ein Problem in der Zeit der Krise sind Schülerinnen und Schülern, die aus unterschiedlichen Gründen auf wiederholte Versuche der Kontaktaufnahme nicht reagieren. Durch das Kontaktverbot war ein Hausbesuch gar nicht möglich. Schulsozialarbeit, Schulpsychologie und Schulseelsorge stoßen an Grenzen. Lernbegleitung ist so nicht möglich, Lernen vermutlich auch nicht. (siehe auch: Ulrike Hohmann-Lütvogt und Horst Heller: Kindeswohl und Schulschließung: Warum unsere Jüngsten jetzt eine Perspektive brauchen)

Eine zentrale Erkenntnis aus der Krise ist die Einsicht, dass der bisherige Unterricht nicht ohne Weiteres digital transformiert werden kann. Dies gilt auch für die Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden. Wenn die physikalische Nähe aus Gründen des Gesundheitsschutzes nicht gestattet werden kann, müssen digitale Räume diese Begegnung so weit wie es geht ermöglichen.

Orientierungspunkt 2:
So viel Vertrauen und Freiheit wie möglich, so viel Kontrolle und Struktur wie nötig.

Je besser die Lehrperson ihre Lerngruppe kennt, desto mehr Freiheit kann sie dem oder der einzelnen lassen. Leben Schülerinnen und Schüler in einem Umfeld, dass für entdeckendes Lernen aufgeschlossen und anregend ist, werden sie selbst Lernaufgaben finden und diese bearbeiten. Eine Anregung und eine Ermutigung seitens der Lehrperson reichen dann als Anstoß oft aus. Wenn Schülerinnen und Schüler ihr Lernen selbstbestimmt gestalten können, darf die Stoffplanung der Lehrperson sie nicht daran hindern. Dies ist bei kompetenzorientierten Lehr- und Bildungsplänen in einem bestimmten Rahmen selbstverständlich und nimmt das Prinzip des exemplarischen Lernens ernst.

Zweifellos gibt es aber Kinder und Jugendliche, die ohne kleinschrittige Anleitung nichts Neues erschließen. Sie benötigen mehr Hinweise und konkretere Aufträge. Ein Problem der Arbeitsaufträge in der Zeit des Distanzlernens war und ist die Fülle von eindimensionalen und variantenarmen Aufgaben, die das in Orientierungspunkt 2 benannte Prinzip nicht beachten.

Stichwort Kontrollverlust: Ein guter Religionsunterricht kennt dieses Problem schon lange. Ist der Schüler oder die Schülerin selbst Lernexpertin oder Lernexperte, dann können Gedanken und Inhalte in eine Richtung gehen, die unterrichtlich nicht geplant war. Irrwege und Umwege können den Lernerfolg verhindern, aber auch neue Lernchancen beinhalten. Ob ein Eingreifen nötig ist, muss die Lehrperson entscheiden.

Die Rede vom Kontrollverlust ist aber nicht glücklich. Die Lehrperson kann nicht darauf verzichten, den Lernprozess anzustoßen, zu begleiten und gegebenenfalls durch Impulse zu steuern, ja zu korrigieren. Zielführender ist es, von „Freiheit und Vertrauen in die Lernenden“ zu sprechen. Die Religionsdidaktik weiß schon länger, dass das auch für den Präsenzunterricht gilt.

Schulen könnten in dieser Zeit geneigt sein, die inhaltlichen Vorgaben und formalen Anforderungen von Lehr- und Bildungsplänen sowie der schulischen Vorschriften „über die Zeit der Krise zu retten“, damit die Schülerinnen und Schülern möglichst wenig „Stoff“ versäumen. Ihre Mittel zum Zweck sind Arbeitsanweisungen, Kontrolle und Benotung (auch wenn sie eigentlich untersagt ist). Dies birgt eine doppelte Gefahr: Die Starken und Motivierten werden um die Chance gebracht, ihre Eigenverantwortlichkeit in der Zeit der Krise zu erproben und zu stärken. Viele andere hingegen – und dieser Aspekt fehlt bei Krommer, Wampfler und Klee – werden nur extrinsisch motiviert und nur formal mitgenommen. Sie bleiben zurück, weil sie in den Arbeitsaufträgen Lernchancen nicht erkennen und nicht wahrnehmen können. Das Fehlen des Präsenzunterrichts führt bei den Schwächeren dazu, dass Lernen kaum noch stattfindet. Ihnen zuliebe ist es erforderlich, in Zeiten des Distanzlernens die Orientierung an den gewohnten Vollzügen von Schule aufzugeben, auf die Kultur von Leistungsnachweisen zu verzichten, Prüfungs- und Versetzungsanforderungen hintanzustellen, um sie nicht zu verlieren. Das leider ist bei der schrittweisen Öffnung der Schulen zu wenig bedacht worden. Leave no one behind.

Orientierungspunkt 3:
So viel einfache Technik wie möglich, so viel neue Technik wie nötig.

Es sollten vorrangig webgestützte Programme genutzt werden, die nicht vorab installiert werden müssen. Im Namen der Bildungsgerechtigkeit darf der Lernerfolg nicht von der technische Ausstattung abhängen. Auch Bücher, Zeichnungen, Schreiben und kreative Aufträge sind sinnvoll, wenn sie den Lernenden entsprechen und didaktisch sinnvoll sind.

Andererseits müssen an dieser Stelle auch die Grenzen des Distanzlernens benannt werden. Für den Religionsunterricht der Grundschule sind Lernprozesse, die durch Lerngruppengespräche, durch Mitte- oder Bodenbilder oder andere analoge Materialien angestoßen werden, essentiell. Sie sind ebenso wie Sozialformenwechsel, Spiel und Interaktion auf den Präsenzunterricht angewiesen. Ob das Distanzlernen hier die Möglichkeiten wirklich erweitert?

Orientierungspunkt 4:
So viel asynchrone Kommunikation wie möglich, so viel synchrone wie nötig.

Asynchrone Kommunikation, z. B. über E-Mail, gibt den Gesprächspartnern Zeit zu antworten, ermöglicht Freiheit in der Arbeitsplanung für Lernende und Lehrende und ist dazu technisch weniger aufwändig. Andererseits ist zu bedenken, dass emotionale Nähe und Empathie eines Formats bedürfen, das unmittelbare und zeitnahe Reaktionen ermöglicht. Für jüngere Schülerinnen und Schüler ist synchrone Kommunikation zu bestimmten Zeitpunkten sehr wichtig. Sie ersetzt notdürftig die Begegnung mit Mitschülerinnen, Mitschülern und der Lehrperson.

Orientierungspunkt 5:
So viel offene Projektarbeit wie möglich, so viele kleinschrittige Übungen wie nötig.

Dieser Punkt kritisiert die Monotonie der Arbeitsblattaufgaben, die das Home Learning dominieren. Stattdessen werden fächerübergreifende projektartige Lernvorschläge empfohlen. Sie dienen als Anregungen für kreative und starke Schülerinnen und Schüler, die die Abwesenheit der Zwänge des Schulalltags zu nutzen wissen. Sie setzen allerdings Medien- und Sprachkompetenzen sowie einiges an Übung voraus. Schwächere Schülerinnen und Schüler hingegen sind damit schnell überfordert. Ihnen ist zwar auch mit dem Ausfüllen von Arbeitsblättern nur wenig geholfen, aber diese strukturieren doch ihren Tag und halten sie dazu an, nicht nichts zu tun.

Orientierungspunkt 6:
So viel Peer-Feedback wie möglich, so viel Feedback von Lehrenden wie nötig.

Verspätungen bei der Abgabe von Arbeitsaufträgen sollten zunächst als Anlass für eine Nachfrage und zur Klärung möglicher Lernhindernisse gesehen werden. Notendruck ist schon im Präsenzunterricht höchstens zweite Wahl. Beim Distanzlernen kann er prekäre Situationen der Schülerinnen und Schüler verschärfen.

Die Frage der Leistungsbewertung steht bei vielen weiterführenden Schulen – wie im Präsenzunterricht, so auch in Zeiten des Distanzlernens – unangemessen hoch im Kurs. Auch nach der Rückkehr einzelner Jahrgänge in die Schule ist mancherorts das Bestreben zu erkennen, ausgefallene Leistungsnachweise nachzuholen. Punktuelles Lernen auf Prüfungen und ein Korrekturmarathon sind die Folge. Das ist nicht nötig, denn der Grundsatz der pädagogischen Verantwortung der Lehrkraft bei der Erteilung der Note hat in der Zeit der Krise eine besondere Bedeutung. Die Freiräume, die der formale Rahmen gibt, muss (mindestens) ausgeschöpft werden.

Dass Prüfungsjahrgänge zuerst in die Schule zurückkehren dürfen, lässt sich leider erkennen, dass die Abschlüsse einzelner Jahrgangsstufen für wichtiger erachtet werden als das Bildungsinteresse aller. Notabene: Wenn zwei Wochen Unterricht in der Schule von vielen weiteren Wochen ohne Präsenzunterricht abgelöst werden, kann von einer Prüfungsvorbereitung nicht die Rede sein.

Feedback und Korrektur sind unterschiedliche Dinge. Eine lückenlose und detaillierte Durchsicht des gesamten Arbeitsergebnisses (Korrektur) ist nicht erforderlich. Sinnvoll und eher möglich sind aber die Würdigung und Wertschätzung des Arbeitsergebnissess, die Rückmeldung auf eine Auswahl der abgegebenen Arbeiten und die Spiegelung der Eindrücke, die die Lehrperson während des Entstehungsprozesses gewonnen hat. (Feedback).

Wie weit ein Peer-Feedback durch die Lerngruppe wirklich möglich ist und insbesondere die Schwächeren ermutigen kann, bleibt der Erprobung vorbehalten. Wenn sich die im Papier genannten Wirkungen einstellen, würde die Lehrperson entlastet und die Kommunikation unter den Lernenden gestärkt. Auch hier haben die Autoren aber offenbar vor allem ältere Schülerinnen und Schüler im Blick.

Zur Würdigung der Orientierungshilfe
Das Papier versucht, die Chancen, die in der Verlagerung des Lernens in die häusliche Umgebung entstehen, zu benennen. Es will die Augen für die Chancen öffnen, die in der Krise liegen. In optimistischer Weise blickt es auf die neuen und digitalen Lernchancen. Die Begrenzungen, die durch den Verzicht auf Präsenzunterricht entstehen, sind nicht Thema des Papiers. Einige Aspekte aus der Sicht des Religionsunterrichts:

Aspekt 1: Tele-Teaching und Leistungsbewertung
Die Orientierungshilfe nennt das schulische Arbeiten zu Hause Distanzlernen und vermeidet konsequent den Begriff Unterricht. Die Frage, ob Home Learning überhaupt Unterricht ist, bleibt damit in der Schwebe. Das Land Baden-Württemberg und das Saarland haben sich entschieden: Arbeitsaufträge in der Zeit der Corona-Krise sind kein Unterricht. Die Leistungen, die dabei erbracht werden, sollen pädagogisch gewürdigt, dürfen aber nicht benotet werden. Auch dürfen sie nicht Voraussetzungen für künftige Lernschritte sein. Zweifellos kann Fernunterricht künftig die schulische Bildung ergänzen, wie es heute bereits im Hochschulbereich geschieht. Für Kinder und jüngere Jugendliche sind aber Präsenzphasen unabdingbar. Für den Religionsunterricht gilt das in besonderer Weise.

Aspekt 2: Aufbauendes Lernen und Übungen
Der Religionsunterricht lebt von einem über viele Schuljahre organisierten aufbauenden Lernen. Dass hingegen relativ wenig geübt werden muss, stellt das Distanzlernen und die Arbeitsaufträge vor besondere Herausforderungen. Insofern ist der Religionsunterricht mehr als andere Fächer auf ein Konzept angewiesen, das für das häusliche Lernen sinnvolle, relevante, plausible und angemessene Lernvorschläge macht.

Aspekt 3: Es geht um eine Haltung
Wie im Präsenzunterricht ist erfolgreiches Lernen weniger von Methoden, Sozialformen, Apps und Materialien als vielmehr von Haltungen der Lehrperson abhängig. Dieser Aspekt wird in dem Papier wiederholt angesprochen, kommt aber insgesamt zu kurz. Respekt, Freundschaft und Verbundenheit (auch angesichts unterschiedlicher Lebensalter, Rollen und Aufgaben) sowie eine menschliche Zugewandheit sind die Voraussetzung, dass sich Kinder und Jugendliche auch auf schwierige Lernprozesse einlassen. Die Erfahrung, dass auch eigene Lern(um-)wege zugelassen werden, fördert ihre Kreativität in der Krise und motiviert. Werden solche Soft-Basics in der Zeit des Präsenzunterrichts praktiziert, eingeübt und eingefordert, haben sie gute Chancen, auch in der Zeit des Distanzlernen zur Geltung zu kommen.

Aspekt 4: Wir leben im pädagogischen Ausnahmezustand
Zentral erscheint es, die Krisenhaftigkeit der gegenwärtigen Situation nicht zu unterschlagen. Das Lernen zu Hause findet nicht deshalb statt, weil die digitalen Mittel diesen Weg ermöglichen, sondern weil die Infektionsgefahr den Lerngruppen keine andere Wahl lässt. Das eröffnet zwar neue Chancen, aber Pädagoginnen, Pädagogen, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler spüren es überdeutlich: Distanzlernen, Tele-Teaching, Fernunterricht oder Home Learning – wie man es auch immer bezeichnet – können guten Unterricht in der Schule nicht ersetzen.

Aspekt 5: Die Jüngeren in den Blick nehmen
Leider bedenken Krommer, Wampfler und Klee die Emotionalität der Lebens- und Lernrealität jüngerer Schülerinnen und Schülern in der Krise zu wenig. Kinder lernen viel stärker als Ältere in unmittelbarer Kommunikation mit ihrer Lehrperson. Für sie ist die Schule zudem ein Lebensraum, der ihnen nun fehlt. Altersgerechte Kommunikationsmittel stehen ihnen weder zum Lernen noch zur Ablenkung zur Verfügung.

Axel Krommer, Philippe Wampfler, Wanda Klee: DISTANZLERNEN. Didaktische Hinweise für Lehrerinnen und Lehrer und Seminarausbilderinnen und Seminarausbilder
https://www.schulministerium.nrw.de/docs/Recht/Schulgesundheitsrecht/Infektionsschutz/300-Coronavirus/Coronavirus_Impulse_Distanzlernen/Impulspapier_Lernen-auf-Distanz.pdf

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