Schulschließung und Kindeswohl – Warum unsere Jüngsten jetzt eine Perspektive brauchen. Ein Plädoyer

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Längt sind nicht alle hygienischen und gesundheitsvorsorglichen Fragen gelöst. Aber Anfang Mai werden versuchsweise die Schulen wieder geöffnet. Um das Abflachen der Kurve (Flatten the Curve) nicht zu gefährden, ist entschieden worden, dass der Schulbetrieb nur in kleinen Schritten wieder aufgenommen wird. Die Auswirkungen sollen abgewartet und dann ausgewertet werden. So weit, so überzeugend.

Aber für welche Altersgruppe werden die Schulen als erste geöffnet?
In allen Bundesländern werden die Klassen, die vor einem Abschluss oder vor einem Übergang stehen, als erste wieder Präsenzunterricht erhalten. Es soll keine Abschlüsse „zweiter Klasse“, kein „Notabitur“ geben. Die Klassen 4, 10 und die Abiturjahrgänge gehen also als erstes wieder in die Schule. In einem zweiten Schritt sollen die Klassen 9 und 11 wieder beschult werden. Von jüngeren Schülerinnen und Schülern, insbesondere den Klassen 1 bis 3 und 5 bis 6 ist bisher nicht die Rede.

Niemand weiß, wie lange die Schulen noch einen Notbetrieb leisten müssen. Wenn bis zu den Sommerferien oder – hoffentlich nicht! – darüber hinaus kein Unterricht gemäß Stundentafel stattfinden kann, ist der Mangel möglichst gerecht auf die Schularten und Schulstufen zu verteilen. Keinesfalls wäre es hinzunehmen, dass einzelne Jahrgänge vor den Sommerferien gar nicht mehr in die Schule zurückkehren.

Es ist nicht gerecht, bei der Rückkehr zur schulischen Normalität einige wenige auf Kosten vieler anderer zu bevorzugen. Acht Aspekte der Verantwortung für unsere Jüngsten:

Erstens: Ältere Schüler profitieren mehr von Tele-Teaching als Jüngere.
Dass die Prüfungsjahrgänge vorrangig wieder unterrichtet werden, ist nicht alternativlos. Im Vorfeld war erörtert worden war, dass ältere Schülerinnen und Schüler von online gestütztem Lernen mehr profitieren als jüngere. Kinder benötigen den Präsenzunterricht dringlicher als Jugendliche und junge Erwachsene. Bildung ist zudem wichtiger als Prüfungen.

Zweitens: „Ihr fehlt mir so!“ – Schule und Emotionen
Fragt man Schülerinnen und Schüler, wie es ihnen geht, so sind die Antworten der Grundschülerinnen und Grundschüler eindeutig: Das gewohnte Schulleben, die anderen Kinder, die Pädagoginnen und Pädagogen, die in dieser Phase oft noch wichtige Bezugspersonen sind, fehlen ihnen sehr. „Wann ist Corona weg?“, „Wann darf ich wieder in die Schule?“, „Ich vermisse euch so!“ Gerade die jüngeren Kinder wiederholen diese Sätze inzwischen mantra-artig. Emotional brauchen die Kleinen die Schule mehr als alle anderen.
In höheren Klassen sind die Antworten vielstimmiger. Nicht alle vermissen die Schule, nicht allen fehlt sie so sehr wie den „Kleinen.“ Jugendliche nutzen soziale Medien und bleiben so trotz räumlicher Distanz in engem Kontakt mit ihrer Peergroup. Videokonferenzen, Gruppenchats mit den Freunden, Apps wie Houseparty und Instagram machen es möglich, trotz Pandemie gemeinsam Zeit zu verbringen, Spaß zu haben, sich auszutauschen und zu präsentieren. Und sie sind ein Ventil, um Probleme, Ärger und Ängste mit Menschen zu teilen, die nicht zum engsten Familienzirkel gehören!

Drittens: Schule, nicht nur Lern-, sondern auch Lebensraum
Denn für die „Kleinen“ ist die Schule mehr als ein Ort der Wissensvermittlung. Sie ist ein Ort der Begegnung, an dem sie Kinder und Erwachsene treffen, die einen wichtigen Teil des Tages mit ihnen verbringen. Die Schule strukturiert ihren Tag. Ihr Klassenraum ist ein Stück Heimat. Dort ist ihr Platz.

Viertens: Es geht um mehr als um Lehrplaninhalte
Der öffentliche Diskurs sieht das Hauptproblem der Schulschließungen beim „Lernstoff“. Haben die Schülerinnen und Schüler genug Unterricht, um die vorgeschriebenen Lehrplaninhalte zu bewältigen? Dieses Problem existiert, aber für alle gleichermaßen. Doch Bildung ist weit mehr. In der Schule findet Wertebildung statt, sie lehrt soziale und kommunikative Kompetenzen wie Rücksichtnahme und Empathie, übt Konfliktlösungsstrategien, fördert Engagement, Zielstrebigkeit, Konzentration, Gemeinschaftssinn, aber auch Abgrenzung und Selbstfindung. Für viele der jüngeren Schülerinnen und Schüler sind das lebenswichtige Kompetenzen, die – selbstredend – nicht digitalisiert angebahnt werden können.

Fünftens: Die soziale Schere
In Deutschland ist die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft noch immer viel zu groß. Home Learning, die Verlagerung des Lernens in die Familien, verstärkt diesen Trend. Die Bildungspolitik hat eine Verantwortung dafür, dass sich dieses Problem in der Krise nicht veschärft.

Sechstens: Kindeswohlgefährdung und die Schule als Schutzraum
Alle Familien geben ihr Bestes, um Kinder in dieser Zeit zu begleiten und zu beschützen. Doch viele Kinder sind zu Hause Konflikten, erzieherischer Inkompetenz, ungefiltertem und unbegrenztem Medienkonsum, übergriffigem Verhalten, Gewalt oder noch Schlimmerem ausgesetzt. Dass der geschützte Raum der Schule mit den vertrauten Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern wegfällt, ist für diese Kinder schlimm – manchmal sogar gefährlich.

Siebtens: Regeln und Rituale
Die Grundschule pflegt schülerfreundliche Rituale. In den Klassen werden Regeln gründlich besprochen, damit Kinder ihren Sinn zu verstehen. Es ist nicht wahr, dass die „Kleinen“ bezüglich der Einhaltung von Hygienemaßnahmen weniger diszipliniert sind als Ältere. Ausnahmen von der Regel lassen sich in allen Klassenstufen finden, auch bei Erwachsenen.

Achtens: Wo ist die Lobby für die Jüngsten?
Obwohl Eltern- und Lehrerverbände in der Regel nicht einzelne Schularten vertreten, orientieren auch viele aktuelle Voten und öffentliche Äußerungen an den Belangen der gymnasialen Bildung und an Prüfungs- und Versetzungsfragen. Ihr Recht auf Schulbildung im oben dargestellten umfassenden Sinn können die jüngsten unter unseren Schülerinnen und Schülern nicht selbst einfordern. Sie bräuchten eine starke Lobby. Aber die haben sie nicht.

Auch und gerade in der Krise: Bildungsgerechtigkeit
Alle Fachleute gehen davon aus, dass notwendige gesellschaftliche und soziale Einschränkungen noch mehrere Monate nötig sein werden. Eine gerechte Verteilung der Nachteile braucht Übereinkünfte. Die Politik hat sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten darum gekümmert. Sie kann es – wenig überraschend – nicht allen recht machen. Doch Bildung ist systemrelevant, vor allem in dem beschriebenen umfassenden Sinn.
Unsere Jüngsten brauchen jetzt eine Perspektive. Leave no one behind!

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