Corona, Digitalisierung und Professionalität. Warum das Echo auf Home Learning so durchwachsen ist.

PDF-Version dieses Artikels

1. Home-Learning ist nicht Home-Schooling
Vor Einführung der allgemeinen Schulpflicht war es üblich, dass Töchter und Söhne der Oberschicht von Privatlehrern unterrichtet wurden. Je nach Familientradition standen Staatskunde, Komposition, klassische Sprachen oder Militärkunde als Schwerpunkte auf dem Stundenplan. Die Lehrpersonen waren handverlesen und konnten gegebenenfalls auch entlassen werden. Der Hausunterricht litt so nicht an den Mängeln und Unwägbarkeiten der öffentlichen Schule. Und die Kontakte der Kinder und Jugendlichen blieben standesgemäß. Hätte es damals schon Anglizismen gegeben, hätte man diese Form der Schulbildung Home Schooling genannt.
Heute ist Unterricht zu Hause in der Regel nicht mehr gestattet. Was in der Coronakrise praktiziert wird, ist nicht Home Schooling, sondern Home Learning. Die Arbeitsaufträge werden durch die Lehrkräfte der öffentlichen Schule gegeben. Sie werden von den Schülerinnen und Schülern zu Hause erledigt. Home Learning ist kein Unterricht, sondern die Anfertigung von Hausaufgaben als Unterrichtsersatz. Ausnahmen bestätigen auch hier übrigens die Regel. Einigen Schulen gelang es, einige Stunden am Vormittag online zu unterrichten. Schülerinnen und Schüler konnten Rückfragen stellen. Wenn auf diese Weise eine unterrichtliche Erarbeitung gelang und Zeitfenster für fachliche Hilfe eingerichtet waren, ergaben Übungsaufgaben zu Hause Sinn.
Hier geht es um mehr als Worte. Die Aufgaben, die die Lehrerinnen und Lehrer stellen, sind nur dann Materialien zum Home Learning, wenn die Lernenden sie eigenständig erledigen können. Werden aber Eltern benötigt, die zunächst die Aufgaben selbst verstehen und die Materialien bereitstellen müssen, um dann ihre Kinder anzuleiten und zu beaufsichtigen, dann wird Home Learning doch zu Home Schooling.

2. Die Arbeit der Lehrkräfte in Zeiten der Schulschließung muss gewürdigt werden.
Der Aufwand für die Betreuung der Schülerinnen und Schüler in der Zeit der Krise ist nicht für alle gleich. Wer aber Arbeitsaufträge versendet, muss sie erarbeiten, durchsehen und korrigieren. Ein individuelles Feedback ist in der Regel schriftlich abzufassen. Dazu kommt der Kontakt mit den Lerngruppen per Telefon, Messenger oder auf Lernplattformen, denn Schülerinnen und Schüler wollen in Zeiten der Krise nicht allein gelassen werden. Sie haben das Anrecht auf ein Stück Normalität. Schulleitungen und Politiker haben es zum Glück nicht an Dank für diese Arbeit fehlen lassen. Schulen, die zusätzlich auch die Notbetreuung von Gruppen in den Schul- und Ferienzeiten sicherstellen müssen, sind besonders gefordert.

3. Bring your own device (BYOD)
Dieser Slogan wirbt dafür, auf die Anschaffung von Klassentablets zu verzichten und stattdessen die Endgeräte der Nutzer in die Netzwerke zu integrieren. Hintergrund ist, dass die Schülerinnen und Schülern zunächst lernen sollen, ihr eigenes Gerät kompetent und verantwortlich zu nutzen. Ungeplant hat dieser Grundsatz in der aktuellen Coronakrise seine Bewährungsprobe bekommen. In aller Regel müssen Lehrende und Lernende ihre privaten Computer, Smartphones, Flats und Accounts nutzen, um E-Mails zu erhalten und zu beantworten, zu telefonieren, zu chatten und die Lernplattformen zu besuchen (sofern letztere die massenhafte Nutzung verkraftet haben). Tablet-Klassen schafften übrigens eine diesbezügliche Chancengleichheit. Denn die Schülerinnen und Schüler mussten nicht die sehr unterschiedliche private Familienausstattung nutzen.

4. Home Learning: Das Echo ist durchwachsen.
Trotz großem Aufwand ist das Echo auf die Arbeitsaufträge nicht nur positiv. Grundsätzliches hat die Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina vom 13.04.2020 festgehalten: Das Lernen zu Hause ist für viele Kinder, Schülerinnen und Schüler weniger effektiv als das Lernen in Schulen. Mit dem „Shutdown“ werden drei wesentliche Funktionen der Schule außer Kraft gesetzt: a) die auf das Lernen bezogenen Strukturierung des Alltags, b) der das Lernen unterstützende und die gesellschaftliche Teilhabe einübende soziale Austausch mit Gleichaltrigen und Lehrkräften, c) die professionelle Rückmeldung auf Lernfortschritte. Die Krise führt somit insgesamt zu einem Rückgang der Betreuungs-, Lehr- und Lernleistungen. Zu befürchten ist auch, dass die Krise die in Deutschland ohnehin stark ausgeprägte soziale Ungleichheit in Bezug auf Zugänge zu Betreuung und Unterricht sowie in Bezug auf Lernleistungen und Bildungserfolge verstärkt.
Damit hat die Leopoldina auch auf pädagogische Aspekte hingewiesen, die bei der Diskussion über die Digitalisierung von Lernprozessen beachtet werden müssen. Aus didaktischer und pädagogischer Sicht sei hier zusätzlich angemerkt:

a. Fachdidaktische Aspekte
– Von wenigen Ausnahmen abgesehen hat an den Schulen kein Online-Unterricht stattgefunden. Unterrichtsbezogene Arbeitsaufträge, nämlich Vorbereitungen des künftigen Unterrichts (analog „vorbereitende Hausaufgaben“), Übungen oder Nachbereitungen und Vertiefungen des vergangenen Unterrichts, waren angesichts wochenlanger Schulschließungen schon nach kurzer Zeit kaum noch möglich.
– Manche der gestellten Arbeitsaufträge verlangen deshalb entweder die selbstständige Erschließung des Lernstoffs (Erarbeitung), bei der Nachfragen an Eltern gerichtet werden müssen oder knüpfen an bereits Erarbeitetes an, ohne dass eine neue Lernintention erkennbar ist.

b. Bildungswissenschaftliche Gründe
– Lernen verlangt Methoden- und Sozialformenwechsel, Pausen, eine Balance von Förderung und Forderung, individuelle Impulse, Spiel und Interaktion. Bei Arbeitsaufträgen, die individuell erledigt werden sollen, ist wenig davon möglich.
Digitales Lernen, von Seiten der Enthusiasten oft „zeitgemäße Bildung“ genannt, hat in der Krise Hochkonjunktur. Doch die didaktische Frage, welche Kompetenzen nur auf analogen Wegen, welche aber auch digital angebahnt werden, konnte ich der Zeit der Krise nicht beantwortet werden. Denn viele analoge Lernwege standen bzw. stehen nicht zur Verfügung.

c. Mediendidaktische Defizite
– Die nötige digitale Infrastruktur ist nicht in allen Familien ausreichend vorhanden. Nicht jede Familie verfügt über Computer, die sich für die Arbeit der Schülerinnen und Schüler eignen und kann dazu anleiten, sie sinnvoll zu verwenden. Familien mit mehreren Kindern müssen sich oft ein Endgerät teilen. Gleiches gilt für die Software inklusiv der erforderlichen Updates, den Internetanschluss mit guter Bandbreite und ausreichendem Volumen, abgeschlossene Registrierungen und vieles mehr.
– Wie steht es um die Medienkompetenz der Lernenden und der Lehrenden? Ist sie bereits in der Zeit vor der Schulschließung erworben worden? Rückfragen lassen zweifeln: Wie erstelle ich eine PDF? Was mache ich mit einem QR-Code? Ich habe noch nie eine PowerPoint-Präsentation erstellt. Wie geht das? Wie lautet mein Moodle-Passwort? Wie schütze ich mein Smartphone vor Missbrauch?

d. Home Learning und Leistungsbewertung: Eine Frage der Gerechtigkeit
– Manche Bundesländer haben eine Benotung der Home Learning Aufgaben untersagt, andere davon abgeraten. Der Grund: Es können nur Leistungen können bewertet werden, die im Zusammenhang mit dem Unterricht erbracht worden sind. Unterricht hat aber in der Zeit der Schulschließung gar nicht oder in ganz geringem Maß stattgefunden. Vielfach wurden die häuslichen Arbeitsaufträge aber dennoch bewertet.
– Wie oben beschrieben, ist Home Learning eine extensive Ausweitung der Hausaufgabenpflicht. Die Bewertung von Leistungen, die ausschließlich zu Hause erbracht worden sind, ist aber grundsätzlich problematisch, weil die Arbeitsbedingungen und die Unterstützungssysteme zu Hause höchst unterschiedlich sind. Die Hilfestellung durch Eltern und ältere Geschwister würde in jedem Fall mitbewertet. Beim Home Lerning wiegt das besonders schwer.
– Diese Gerechtigkeitslücke wird auch nicht geschlossen, wenn auf mangelhafte Noten verzichtet würde. Großzügigkeit löst das Problem unterschiedlicher Bedingungen nicht. Sie schafft im Gegenteil neue Probleme, insofern sie die Plausibilität und Schlüssigkeit der Notengebung insgesamt in Frage stellt.
– Die Ankündigung einer Bewertung („Dieser Arbeitsauftrag wird benotet.“) kann auch ein Hinweis auf die fehlende intrinsische Motivationskraft der Aufgabe sein und rät den Schülerinnen und Schülern ab, nach der Lernrelevanz des Arbeitsauftrags zu fragen („Ich muss es eh machen, es gibt eine Note.“).

e. Umfang und Aufwand für Schülerinnen und Schüler
Der Umfang der Arbeitsaufträge war sehr unterschiedlich. Oft wurde der notwendige Zeitaufwand unterschätzt. Die Folge war ein Missverhältnis von Lernzeit und Lernfortschritt.

f. Soziale und psychologische Probleme
Stabilisierung: Die Aufgaben, die Kinder und Jugendliche erledigen müssen, können helfen, ihren Tag zu strukturieren. Dafür bedarf es aber einer Koordination der Aufgaben aller Schulfächer. Schwierig, aber notwendig!
– Sind Eltern als Lernbegleiter gefordert, werden viele überfordert. Sie empfinden nicht die Unterstützung ihrer Kinder, sondern die praktizierte Form des Home Learnings als vermeidbare zusätzliche Belastung ihrer Familien in schwieriger Zeit.

5. Was nun geschehen sollte. Fünf Forderungen
a. Kurzfristig:
– Es ist wichtig, mit der Wiederaufnahme des Unterrichts vor allem die vielfältigen Erfahrungen im Unterricht zur Sprache zu bringen, die die Schülerinnen und Schüler in der Zeit der Schulschließungen gemacht haben. Ein Vorschlag.
– Sollten auch traumatisierende Erfahrungen dabei sein, ist eine seelsorgerliche oder psychologische Hilfe erforderlich.

b. Mittelfristig:
– Die Lernkultur des Home Learning aus der Zeit der Krise muss kritisch unter die Lupe genommen werden. Die Erfahrungen von Eltern, die selbst Lehrerinnen und Lehrer sind, sind hier besonders gefragt.
– Aus den defizitären Erfahrungen in der Zeit der Coronakrise gilt es zu lernen. Die Mittel, die für die Digitalisierung zur Verfügung gestellt werden, müssen ausgegeben werden. Das Primat der Pädagogik ist dabei zu beachten. Vorrangig ist eine ausreichende Grundausstattung der Schulen: Netzabdeckung, Lernplattformen, Mindestausstattung mit Hard- und Software.

c. Langfristig
Die Unterrichtskultur gehört auf den Prüfstand. Welche Rolle spielen Hausaufgaben? Wie lässt sich die Abhängigkeit von sozialer Herkunft und Lernerfolg verringern, ohne eine nutzlose Debatte über Schulstrukturen anzuzetteln?

6. Corona, Home Learning und Digitalisierung. Zusammenfassende und weiterfragende Thesen
a. Die Professionalität der Lehrperson ist unverzichtbar.
Die Verlagerung des Lernens in die Familie ist eine in der Zeit der Krise nötige, aber unvollkommene Lösung.

b. Arbeitsaufträge ersetzen keinen Unterricht.
Schule kann nicht darauf verzichten, dass Lerngruppen auch physikalisch zusammenkommen. Das Unterrichtsgespräch ist ein unverzichtbarer Lernanlass. Virtuelle Gespräche können dies nur sehr unvollkommen leisten.

c. Home Learning ist die Ausweitung der Hausaufgabenpflicht.
Die Gütekriterien für gute Hausaufgaben gelten auch für die Arbeitsaufträge des Home Learning.

d. Digitalisierung muss vorangetrieben werden.
Dazu gehören sowohl die Ausstattung, Wartung und Erneuerung von Hard- und Software als auch die Erarbeitung mediendidaktischer und medienethischer Fähigkeiten von Lernenden und Lehrenden. Es müssen nicht Tabletklassen sein, wenn auf andere Weise die digitale Chancengleichheit gewahrt wird.

e. Wir brauchen ein Konzept pädagogischer Digitalität.
Die Krise hat die Notwendigkeit digitaler Lernwege, aber auch die Notwendigkeit von Präsenzunterricht deutlich vor Augen geführt. Es bedarf einer Klärung, in welcher Weise digitale Lernwege und analoge Methoden einander bedürfen und ergänzen. Dies muss auch fachdidaktisch geklärt werden.

f. Die Krise ist eine Bewährungsprobe für unser Bildungswesen.
Sie wird bestanden, wenn in und nach der Krise das Kind, die/der Jugendliche und die jungen Menschen und ihr Wohlergehen und ihr Bildungswunsch an erster Stelle steht. Es wäre verheerend, würde die Schule nach Ende der Schließungen unvermittelt zur Tagesordnung übergehen oder gar (wegen schulrechtlicher Vorschriften) Leistungsnachweise, die keine Abschlussprüfungen sind, mit Hochdruck nachholen. Es gilt das Versprechen, dass Schülerinnen und Schüler keine unbilligen Nachteile aus der Schulschließung haben sollen. Erste Hinweise aus den Bildungsministerien lassen da hoffen.

Weitere Blogbeiträge zum Thema:
Religionsunterricht in einer digitalen Welt – Vier Einsichten, fünf Erkenntnisse, sechs Fragen und sieben Herausforderungen
Schulschließung und Kindeswohl – Warum die Jüngsten jetzt ein Perspektive brauchen. Ein Plädoyer
Distanzlernen – Was bedeuten die didaktischen Hinweise aus NRW für den Religionsunterricht?

Linktipp: Eine erste repräsentative Umfrage zum Fernunterricht (sic!): https://deutsches-schulportal.de/unterricht/das-deutsche-schulbarometer-spezial-corona-krise/
Danke an Viera Pirker