Die Uraufführung von Händels Messias am 13. April 1742 kam zwei Krankenhäusern zugute. Wer denkt da nicht an Corona?

Nicholas Sharratt, Tenor in der Cadogan Hall, London, 16. September 2012

Die Damen ohne Reifröcke, die Herren ohne Degen!“ Dieser Dresscode galt bei der Uraufführung von Händels Messiah am 13. April 1742 in Dublin. Die Veranstalter rechneten mit reichlich Publikum und baten deshalb, auf allzu raumgreifende Kleidung und gefährliche Accessoires zu verzichten. Social Distance war vor 278 Jahren nicht erforderlich. Das Konzert war mehr als ausverkauft.

In Zeiten der Corona-Krise ist es angebracht, daran zu erinnern, dass diese Uraufführung ein Benefizkonzert war, dessen Erlös unter anderem zwei Krankenhäusern zugute kam: dem Mercer’s Hospital in der Stephen’s Street and der Charitable Infirmary am Inns Quay. Zurück in England führte der Komponist sein Oratorium einmal im Jahr für einen guten Zweck auf. Die Einnahmen gingen jedes Mal an ein Kinderheim in London.

Seither ist Händels Messias ein Synonym für Wohltätigkeit. Bis heute gibt es in London eine Tradition, die sich Messiah from Scratch (frei übersetzt: Messias einfach so) nennt. 3000 Chorsängerinnen und -sänger führen im Really Big Chorus Händels Messiah in der Royal Albert Hall auf. Alle Zuhörer sind zugleich Mitwirkende. Profi-Sängerinnen und Sänger musizieren mit Laienchören – auch ohne Probe! Der Erlös ist einen guten Zweck bestimmt. Besonders schade, dass in 2020 dieses Ereignis nicht stattfinden darf.

Ungeschriebenes Gesetz beim Messiah from Scratch ist, dass beim Halleluja alle im Saal aufstehen. Das tat schon König George II., der das Oratorium 1750 in London hörte und fälschlicherweise dachte, dieser atemberaubende Chorsatz sei das Ende des Werks. Da irrte der König, aber vielleicht hatte er in diesem Moment das Gespür für ein Geheimnis des Messias.

Denn wie beim Messiah from Scratch führt diese Musik Publikum, Laien und Profis zusammen. Sie vereint Melodie und Wort, ja Religion und Unterhaltung. Dazu sagt Friedrich Schleiermacher (1806): „Darum müssen beide fest aneinanderhalten, Christentum und Musik, weil beide einander verklären und erheben. Wie Jesus in der Weihnachtsgeschichte vom Chor der Engel empfangen ward, so begleiten wir ihn mit Tönen und Gesang bis zum großen Halleluja der Himmelfahrt. Und eine Musik wie Händels Messias ist mir gleichsam eine compendiöse (zusammenfassende) Verkündung des gesamten Christentums.

Blogbeiträge zum Thema auf www.horstheller.de
20.11.2019: Darf der Erlöser auf der Opernbühne stehen? Warum Händels Messias in London zunächst die Gunst des Publikums nicht erhielt.
22.03.2020: „Gebt mir die Rechnung einer Wäscherei. Ich werde sie vertonen.“ Gedanken zum letzten großen Werk eines Komponisten, der auf Gottes Humor hoffte. Gioachino Rossini
05.05.2020: Warum der Schöpfergott nicht mit einem Kammerorchester gepriesen werden kann. Joseph Haydn und seine Schöpfung (5/6)
02.10.2020: Freude schöner Götterfunken. Bis 1990 verlief die innerdeutsche Grenzen genau in Takt 697 bei „diesem Kuss der ganzen Welt.“
27.11.2020: Weihnachtsoratorium, du fehlst mir! 12 Fragen an Johann Sebastian Bach Meisterwerk
17.12.2020: 250 Jahre Ludwig van Beethoven. Der Maestro hätte das digitale Format seiner Geburtstagsfeier begrüßt.
01.05.2021: „Ich weiß nicht was soll es bedeuten“. Wie die Ballade von der schönen Lore aus Bacharach ein Volkslied wurde.
16.05.2021: Wunderkind und Witwenzeit. Wenn der Weg zum Ruhm über viele Sorgen und Enttäuschungen führt. Gedanken am Grab von Clara Schumann
27.06.2021: „Das Lieben bringt groß Freud.“ Wir wissen viel über ein Lied, das die Tübinger Studenten sangen, aber wenig über den, dem wir es verdanken. Wer war Friedrich Silcher?
25.07.2021: Robert Schumanns „Holder, holder Frühling.“ Im Jahr 1849 gehörte Mut dazu, ein Frühlingslied zu vertonen.
29.08.2021: Atemmos in Birmingham. Bei seiner Uraufführung fand Mendelssohns Elias überwältigende Zustimmung. Doch welchen Preis musste der Komponist dafür bezahlen?
12.12.2021: Der Karneval der Tiere hat seinem Ruf runiniert. Vor 100 Jahren starb Camille Saint-Saëns, der weit mehr konnte, als Musik für Karnevalsfeiern zu schreiben.
19.12.2021: Fatto per la notte di Natale. Archangelo Corelli ist im Pantheon Rom begraben.
06.03.2022: „Innsbruck, ich muss dich lassen.“ Ein 500 Jahre altes Abschiedslied der Wandergesellen macht Karriere in der Kirche.