„Dem Geheimnis auf der Spur.“ Zwei Sackgassen und sieben Vorschläge für aufbauendes Lernen zur Passionsgeschichte und zum Kreuz Jesu

Sackgasse 1: Ein klassischer synoptischer Vergleich
Eine tabellarische Gegenüberstellung der synoptischen und johanneischen Passions- und Osterüberlieferung lässt sich zwar gut abfragen, geht aber meilenweit an den Fragen der Schülerinnen und Schüler vorbei. Sensible Lehrpersonen nehmen an dieser Stelle auch die unausgesprochenen Fragen der Lerngruppe wahr, was denn der Sinn dieser Aufgabe sei. Synoptische Vergleiche liegen gedruckt und online vor. Sie selbst zu erstellen, ist relativ sinnfrei. Anders ist das, wenn sie der Entdeckung der Vielfalt neutestamentlicher Theologien dienen. Die vier Evangelisten, obgleich ihre Erzählungen einander ähneln, setzten doch unterschiedliche Akzente.

Sackgasse 2: Paulustexte lesen
Paulus spricht vom Kreuz nicht erzählend, sondern analytisch. Doch seine Worte bedürfen der Übersetzung: Was bedeuten es, dass Jesus „für uns zum Fluch geworden“ sei (Gal 3,13)? Was hilft uns der Satz des Paulus, dass Menschen in der Taufe „in Jesu Tod getauft“ und „mit ihm begraben“ seien (Rö 6,3 f.)? Im Unterricht – so fürchte ich – findet sich kein Weg von der Kreuzestheologie des Paulus zur Sprache der Schülerinnen und Schüler. Paulustexte zu lesen mag in anderen Lernbereichen zielführend sein, bei der Deutung des Todes Jesu öffnen sie keine Türen zu einem Lernweg. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Sieben unterrichtspraktische Ideen
Schuleingangsphase (1./2. Schuljahr): Ein affektiver Zugang ist empfehlenswert. In einer Erstbegegnung (1. Schuljahr) begleiten die Kinder einem Fantasievogel, der seinerseits Jesus folgt. Während der Passion Jesu verändert sich sein Gefieder. War es anfänglich farbenfroh, verdunkelt es sich nun. Am Karfreitag ist es schwarz. Die Farbe des Federkleids ist Ausdruck seiner Gefühle angesichts des Leidens Jesu. Am Ende der Geschichte fliegt der Vogel wieder farbenfroh und fröhlich durch die Luft. Der Grund dafür wird angedeutet. Die Kinder sind nun dem Symbol des Kreuzes begegnet und wissen, dass die Geschichte Jesu nicht traurig endet. Tiefergehende Reflexionen und Detailkenntnisse der Passion Jesu haben im Sinne aufbauenden Lernens noch Zeit.

In einem zweiten Schritt (2. Schuljahr) folgen die Schülerinnen und Schüler dem Jünger Simon, der von Jesus beauftragt wird, Petrus, ein Fels, zu sein. Dieser Ehrentitel ist Würde und Bürde zugleich. Immer öfter kann Simon-Petrus seinem Anspruch nicht gerecht werden. Seinen persönlichen Tiefpunkt erlebt er, als er im Hof hinter dem Gerichtsgebäude leugnet, Jesus zu kennen. Es ist seine Passion. Da wird er am See Genezareth ein zweites Mal berufen (Joh 21, 4 ff.). Und er versteht: Ein Neuanfang ist möglich. Aus seiner Perspektive erarbeiten die Schülerinnen und Schüler wichtige Elemente der Leidensgeschichte Jesu und eine erste Deutung. Ostern heißt für ihn: Er darf neu beginnen.

3. Schuljahr: Hatte in der Schuleingangsphase die Passion im Vordergrund gestanden, so ist es nun das Geheimnis der österlichen Begegnungen. Im Zentrum steht die Emmausgeschichte (Lk 24,13 ff.). Sie wird so erzählt, wie Lukas sie überliefert. Die Jünger erkennen den Herrn am Brotbrechen. Warum der Gekreuzigte lebt, der doch eben erst begraben worden ist, wird nicht erklärt. Es bleibt ein Geheimnis. Auch von den Frauen, die vom leeren Grab zurückkommen und den Leichnam nicht gefunden haben, wird nur am Rande erzählt. Das leere Grab bewirkt keinen Glauben. Einzig die große Freude über die Begegnung mit dem Auferstandenen ist fassbar. Jesus musste sterben, weil die „Heiligen Schriften“ das so angekündigt hatten. In dieser Unterrichtsreihe denken die Kinder über Gottes Wirken nach. Wie es sein kann, dass Jesus mit den Jüngern wanderte, sie ihn aber nicht erkannten? Auch das ist Thema einer religiösen Erkundung dieser Unterrichtsreihe.

4. bis 6. Schuljahr
Diese Schuljahre sichern im Wesentlichen das Gelernte der ersten drei Schuljahre und vertiefen es. Zugänge, Methoden und Medien dafür können neben Erzählungen auch Bilder, eine Arie aus Bachs Johannespassion oder eine Visualisierung des Kirchenjahres sein. Eine schriftliche Fassung der theologischen Einschätzungen, die in der Grundschule bereits erarbeitet worden ist, ist jetzt vertiefend möglich.

7./8. Schuljahr
Empfehlenswert ist auch hier zunächst eine Sicherung des Erreichten, um es anschließend existentiell zu vertiefen. Die Schülerinnen und Schüler begegnen den biblischen Erzählungen, sie tun dies aber im Kontext eigener Erfahrungen von „Tod“ und „Auferstehung“ mitten in ihrem Leben. Kennen sie Situationen, in denen die Lösung eines großen Problems nur durch eine Niederlage möglich war? Impulsbilder können hier ebenso hilfreich sein wie Darstellungen der Kunstgeschichte. Ziel der Reflexionen ist die Frage nach Gott. Die Frage nach der Auferstehung Jesu von den Toten ist von der Gottesfrage nicht zu trennen.

9./10. Schuljahr
Traditionell gehört die Fragen nach dem eigenen Tod und das Sterben Nahestehender in diese Doppeljahrgangsstufe. Welche Deutungen gibt die Bibel (1 Kor 15,1 ff.), welche andere Religionen? Welche überzeugt?In Traditionell gehört die Fragen nach dem eigenen Tod und das Sterben Nahestehender in diese Doppeljahrgangsstufe. Welche Deutungen gibt die Bibel (1 Kor 15,1 ff.), welche andere Religionen? Welche überzeugt?In einem zweiten Schritt wird noch einmal das Kirchenjahr thematisiert. Die liturgischen Farben ermöglichen eine Deutung der Feste. Der Gründonnerstag ist weiß, der Karfreitag und der Karsamstag schwarz. Das Wissen zum Kirchenjahr wird reaktiviert. Weiß ist die Farbe der Christusfeste Weihnachten und Ostern. Warum aber ist der Totensonntag auch weiß (lt. EKD-Kalender optional)? Forschendes und entdeckendes Lernen ist hier gefragt. So finden Schülerinnen und Schüler heraus, dass die Deutung des eigenen Todes mit der Deutung des Osterfestes zusammenhängt.

Gymnasiale Oberstufe
In einem Bibel- oder Jesus Christus-Kurs beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler mit historischen, hermeneutischen und theologischen Fragen. Spätestens hier wird die Erkenntnis gesichert, dass die Passions- und Ostergeschichten einen theologischen Wert haben, auch wenn sie keine Augenzeugenberichte sind.

Horst Heller, Gedanken zur Passion Jesu aus religionspädagogischer Sicht www.horstheller.de

15.03.2020: „Für mich hätte er nicht sterben müssen.“ Warum die Lehre Jesu von der Nächstenliebe und seine Kreuzigung zusammengehören. Theologische und religionspädagogische Überlegungen 1/3
16.03.2020: „Warum musste Jesus sterben?“ Zwei Vorbemerkungen, zwei biblische Deutungen, zwei Irrwege und zwei didaktische Grundsätze für den Religionsunterricht. Theologische und religionspädagogische Überlegungen 2/3
17.03.2020: „Dem Geheimnis auf der Spur.“ Zwei Irrwege und sieben Vorschläge für aufbauendes Lernen zur Passionsgeschichte und zum Kreuz Jesu. Theologische und religionspädagogische Überlegungen 3/3

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Links und Literatur:
Johannes Heger, Passion und Auferstehung, bibeldidaktisch, Sekundarstufe https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/100041/
Christian Butt, Passion und Auferstehung bibeldidaktisch, Grundschule
https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/100040/
H. J. Frisch/ I. Gantschev: Der Chamäleonvogel. Eine Ostergeschichte für Kinder und ihre Eltern, Gütersloh
Webpräsenz des Religionspädagogischen Zentrums St. Ingbert www.rpz-igb.de –> Schularten