Warum musste Jesus sterben? Zwei Vorbemerkungen, zwei biblische Deutungen, zwei Irrwege, zwei didaktische Grundsätze

Vorbemerkung 1: Das Neue Testament gibt viele Antworten.
Das überrascht vielleicht. Das Neue Testament kennt aber nicht die eine systematisch-theologisch ausgearbeitete Deutung des Todes Jesu. Das ermutigt Religionslerngruppen, zu theologisieren und selbst nach eigenen Deutungen zu suchen.

Vorbemerkung 2: Jesu Tod löste nicht das Problem des Zornes Gottes, sondern die ersten Christinnen und Christen fanden eine theologische Antwort auf das Problem des Todes Jesu.
Auch für die Christusgläubigen des 1. Jahrhunderts war der Tod Jesu zunächst ein Problem. Warum musste ein Mensch, der durch seine Worte und Taten große Hoffnungen geweckt hatte, so schmerz- und schmachvoll sterben? Die naheliegende Antwort war: Gott hatte sich von ihm abgewendet. Durch die visionären Begegnungen mit dem Auferstandenen schied diese Deutung aber schlagartig aus. An ihre Stelle rückten Entdeckungen, die die Gläubigen beim Studium der Tora machten.
Entdeckendes Lernen in der Frage der Deutung des Todes Jesu: Das könnte auch der Weg des Religionsunterrichts sein.

Zwei Deutungen aus der Bibel – stellvertretend für viele andere
Deutung 1
: Einige Bibelstellen sprechen davon, dass der Tod Jesu, so ungerecht er auch war, eine Wohltat für die Menschen gewesen sei. Sie erinnern an das (vierte) Knecht-Gottes-Lied (Jes 53). In diesem prophetischen Text ist von einem Menschen die Rede, der als Märtyrer grausam getötet wurde. Warum ließ Gott das zu? Seine Zeitgenossen schlossen aus seinem Schicksal, dass er schuldig geworden sein musste. Der Prophet widersprach. „Die Strafe lag [deshalb] auf ihm, damit wir Frieden hätten (Jes 53,5).“ Der Leidende war kein Sünder, sondern ein Knecht Gottes, der ähnlich einem Blitzableiter Menschen vor Unheil bewahrte, indem er es auf sich zog.
Diese Deutung eines Märtyrertodes aus dem Alten Testament entdeckten die Christinnen und Christen und bezogen sie auf Jesus. So erklärt Philippus einem reisenden Afrikaner den Grund für den Tod Jesu: „Philippus … fing mit diesem Schriftwort [Jes 53,7 f.] an und predigte ihm das Evangelium von Jesus (Apg 8,35).“ Die Deutung, die in Jesus einen Märtyrer sieht, der die Strafe anderer auf sich nimmt, kommt auch in der Abendmahlsliturgie zum Ausdruck, die Paulus zititert: „Dies ist mein Leib für euch (1 Kor 11,24).“

Deutung 2: An anderer Stelle wird angedeutet, dass der Tod Jesu unvermeidbar, ja Gottes Wille gewesen sei: „Musste nicht der Christus dies alles erleiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen (Lk 24,26)?“ Eine tiefere Erklärung für diesen Plan Gottes enthüllt das Neue Testament aber an keiner Stelle. Gottes Handeln muss für Menschen nicht plausibel sein, sondern bleibt im guten Sinne geheimnisvoll.

Zwei Irrwege, die theologiegeschichtlich bedeutsam, aber sehr problematisch sind.
Irrweg 1: Die Satisfaktionstheorie
So unterschiedlich auch die neutestamentlichen Antworten ausfallen (von denen es, wie oben erwähnt, noch mehr gibt), stimmen doch alle biblischen Bücher in einem überein: Nirgends findet sich in der Bibel die Vorstellung, dass der Gottessohn mit seinem Leiden und Sterben ein Opfer gebracht habe, das der Gottvater verlangt habe, um dessen Zorn Gottes zu stillen. Dennoch hat diese theologische Lehre in der Kirchengeschichte größte Wirksamkeit entfaltet.
Die Grausamkeit dieser Vorstellung wird auch dann nicht gemildert, wenn – theologisch korrekt – betont wird, dass Gott dieses Opfer ja nicht einer dritten Person abverlangt, sondern es selbst auf sich genommen habe. Nicht seinen Sohn schickt er an das Kreuz, sondern er selbst nimmt Menschengestalt an und nimmt den schlimmsten Tod auf sich, der vSo unterschiedlich auch die neutestamentlichen Antworten ausfallen (von denen es, wie oben erwähnt, noch mehr gibt), stimmen doch alle biblischen Bücher in einem überein: Nirgends findet sich in der Bibel die Vorstellung, dass der Gottessohn mit seinem Leiden und Sterben ein Opfer gebracht habe, das der Gottvater verlangt habe, um dessen Zorn Gottes zu stillen. Dennoch hat diese theologische Lehre in der Kirchengeschichte größte Wirksamkeit entfaltet.
Die Grausamkeit dieser Vorstellung wird auch dann nicht gemildert, wenn – theologisch korrekt – betont wird, dass Gott dieses Opfer ja nicht einer dritten Person abverlangt, sondern es selbst auf sich genommen habe. Nicht seinen Sohn schickt er an das Kreuz, sondern er selbst nimmt Menschengestalt an und nimmt den schlimmsten Tod auf sich, der vorstellbar ist. Dieses geheimnisvolle Wiedergutmachungsdenken wäre (nur) im Rahmen der Trinitätslehre plausibel, derzufolge Vater, Sohn und Geist nicht drei, sondern ein Gott sind. Die Vorstellung, dass schwere Schuld nur durch Blutvergießen zu sühnen sei, wird damit aber nicht überwunden.
Über das geistliche Liedgut ist diese Lehre auch in unseren Gottesdiensten präsent. Besonders anschaulich besingt sie die zweite Strophe des Liedes „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“: „Die Straf‘ ist schwer, der Zorn ist groß, du kannst und sollst sie machen los durch Sterben und durch Bluten.“ Auch Schülerinnen und Schülern ist diese Erklärung des Todes Jesu übrigens geläufig – nicht selten als einzige theologische Deutung, die sie kennen.
Es bedarf nicht vieler Worte, um die Problematik dieser Theorie zu veranschaulichen. Sie verrechtlicht die Beziehung Gottes zu den Menschen und knüpft seine Gnade an ein Menschenopfer, noch dazu das seines einzigen Sohnes. Am schwersten wiegt aber der Widerspruch zum Gottesbild der Bibel. Dass Gott „gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte (Jona 4,2)“ ist, wird viele Male betont. Theologisch, liturgisch und religionspädagogisch gilt es hier, Abschied von Vertrautem zu nehmen. Die Liebe Gottes zu den Menschen ist nicht abhängig davon, dass Jesus stirbt.

Irrweg 2: Die barocke Mystik
In mehreren Kirchenliedern wird die Vorstellung besungen, dass es „meine Sünden“ gewesen seien, die Jesus ans Kreuz gebracht hätten. Am eindrücklichsten geschieht dies in der vierten Strophe des Liedes „O Haupt voll Blut und Wunden“ (EG 85). Dort ist zu lesen: „Nun was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last. Ich hab‘ es selbst verschuldet, was du getragen hast.“ Für Menschen des 21. Jahrhunderts – und wahrscheinlich nicht nur für sie – hat diese Deutung keinerlei Plausibilität. Wie können Sünden der Gegenwart Ursache einer Hinrichtung in der Antike sein? Die gewöhnungsbedürftige mystische Annäherung an den Tod Jesu, die in dem genannten Lied sehr ausdrucksstark besungen wird, und diese „Selbstanzeige“ sind problematisch. Aus pädagogischer Sicht ist auch das ihr zugrunde liegende Menschenbild bedenklich. Es ist kann kein Erziehungsziel sein, Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass ihr Verhalten einen unschuldigen Menschen das Leben gekostet hat, dass sie darüber unendlich traurig sein und nun an diesen Menschen glauben sollen.
Fairerweise muss man einwenden, dass die barocke Mystik ein Phänomen ihrer Zeit ist und historisch eingeordnet werden muss. Aber auch mit dieser Einschränkung leistet ein solcher Zugang kaum einen Beitrag dazu, dass Lehrpersonen und ihre Schülerinnen und Schüler eine eigene Position zur existentiellen Bedeutung des Todes Jesu finden.

Zwei Grundsätze für eine religionsdidaktisch verantwortlichen Umgang mit der Passionsgeschichte
Eine Frage vorweg: Der Tod Jesu als bittere Konsequenz seines Lebens in Solidarität mit Armen und Rechtlosen – muss er denn überhaupt theologisch gedeutet werden?
Zweifellos ist auch eine politische Deutung des Geschicks Jesu denkbar, wenngleich sie historische Zusammenhänge verbiegt und zentrale theologische Aspekte ausblendet. Aber außerdem stellt sich die religionsdidaktische Frage, warum sich Schülerinnen und Schüler dann mit dem Tod Jesu beschäftigen müssen. Könnten sie nicht ebenso gut den Tod von Erzbischof Romero bedenken, von dem wir historisch mehr wissen? Romero musste sterben, weil er mit seinen Worten und Taten den Mächtigen im Weg war. Warum aber musste Jesus sterben? Gelingt es Lehrpersonen und Lernenden, darauf eine theologisch verantwortete existentielle Antwort finden?

Grundsatz 1: Der Lebensweltbezug des Unterrichts
Die Deutung der Passion Jesu steht im Zusammenhang mit dem Verständnis der Worte und Taten Jesu (wie oben erläutert), aber auch mit der Frage nach Gott, nach dem Menschen, ja sogar mit der Entdeckung von Strukturen des Kirchenjahres und der Frage nach einer Deutung des eigenen Todes. Je mehr Schülerinnen und Schüler über dies alles wissen, desto besser können sie eine eigene Kinder- und Jugendtheologie entwickeln, die die Frage des Kreuzes und der österlichen Begegnungen einbezieht.

Grundsatz 2: Der Unterricht gibt nicht die eine Deutung vor.
Dass das Neue Testament eine Vielzahl von Deutungen des Todes Jesu kennt, ist für den Unterricht leitend. Eine Didaktik, die die „richtige“ theologische Antwort kennt und sie im Unterricht „vermittelt“, ist hier besonders fehl an Platz. Im Sinne eines Theologisierens mit Kindern und Jugendlichen leitet die Lehrperson einen Prozess an, in dem die Schülerinnen und Schüler sich vorläufig und probeweise positionieren.

Horst Heller, Gedanken zur Passion Jesu aus religionspädagogischer Sicht www.horstheller.de

15.03.2020: „Für mich hätte er nicht sterben müssen.“ Warum die Lehre Jesu von der Nächstenliebe und seine Kreuzigung zusammengehören. Theologische und religionspädagogische Überlegungen 1/3
16.03.2020: „Warum musste Jesus sterben?“ Zwei Vorbemerkungen, zwei biblische Deutungen, zwei Irrwege und zwei didaktische Grundsätze für den Religionsunterricht. Theologische und religionspädagogische Überlegungen 2/3
17.03.2020: „Dem Geheimnis auf der Spur.“ Zwei Irrwege und sieben Vorschläge für aufbauendes Lernen zur Passionsgeschichte und zum Kreuz Jesu. Theologische und religionspädagogische Überlegungen 3/3

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Links und Literatur:
Johannes Heger, Passion und Auferstehung, bibeldidaktisch, Sekundarstufe https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/100041/
Christian Butt, Passion und Auferstehung bibeldidaktisch, Grundschule
https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/100040/
H. J. Frisch/ I. Gantschev: Der Chamäleonvogel. Eine Ostergeschichte für Kinder und ihre Eltern, Gütersloh
Webpräsenz des Religionspädagogischen Zentrums St. Ingbert www.rpz-igb.de –> Schularten