„Für mich hätte er nicht sterben müssen. Ich hätte auch so an ihn geglaubt.“ Gedanken zur Passion Jesu aus religionspädagogischer Sicht

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist greece-1660546-e1583047626530.jpg.

Jesus lehrte Nächstenliebe und Frieden. Er verkündigte den liebenden Gott. Er nahm sich Zeit für Menschen, gab ihnen Hoffnung, wendete sich Frauen und Kindern zu, überwand Krankheiten, fand aber auch klare Worte gegenüber Unrecht und Übertätern. Um Anhänger für diese seine Botschaft zu finden, hätte er nicht hingerichtet werden müssen. So denken viele.

Sie sind von der Lehre Jesu überzeugt. Dass er grausam starb, war tragisch für ihn und enttäuschend für seine Anhänger, aber ohne Bedeutung für seine Lehre. Diese plausible Position, wie sie in dem Satz einer mir unbekannten jungen Frau zu Ausdruck kommt, wirkt auf den ersten Blick sympathisch.

Aber sie greift zu kurz.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist kreuz-quer.jpg.

Fünf Gründe, warum die Lehre Jesu nicht von seinem Leben und Sterben getrennt werden kann.

Ein theologisches Argument
Jesu Botschaft war zutiefst religiös. Nächstenliebe und Gottesliebe gehörten für ihn zusammen wie zwei Seiten einer Medaille. Seine Botschaft des Gottesreiches war theologisch. Nicht weniger aber war auch der Konflikt mit der Jerusalemer Tempelaristokratie ein theologischer. In Jerusalem geriet seine Auslegung der Tora in Konflikt mit der sadduzäisch geprägten Jerusalemer Lesart, bei der der Tempelkult offenbar eine zentrale Rolle spielte. Seine Verhaftung und seine Kreuzigung vornehmlich auf politische und soziale Konflikte zurückzuführen, verfehlt den Kern des Streites zwischen Jesus und seinen Gegnern. Jesu Worte und sein tragisches Geschick haben also sehr viel miteinander zu tun.

Ein historisches Argument
Jesu Gleichnisse und seine hochgeschätzte Bergpredigt sind nur deshalb uns Nachgeborenen noch bekannt, weil nach Jesu Tod Gemeinden und später Kirchen entstanden, die in der Kreuzigung und der Ostererfahrung den Kristallisationspunkt ihrer Religion sahen und bis heute sehen. Die Verkündigung Jesu und sein Tod bildeten und bilden eine Einheit.

Ein wirkungsgeschichtliches Argument
In der Leidensgeschichte Jesu wird das Bild eines Menschen gezeichnet, der den Weg der Gewaltlosigkeit auch dann nicht verlässt, als es ihn das Leben kostet. Das verleiht seiner Überzeugung Glaubwürdigkeit. Ähnlich wie bei Martin Luther King, Edith Stein und den Geschwistern Scholl verlieh der Märtyrertod Jesu seiner Lehre die Strahlkraft, die sie bis heute hat.

Ein theologiegeschichtliches Argument
Die These, dass der Tod Jesu bedauerlich, aber für seine Verkündigung belanglos sei, wird vom Neuen Testament nicht gestützt. Zwar kennt es nicDie These, dass der Tod Jesu bedauerlich, aber für seine Verkündigung belanglos sei, wird vom Neuen Testament nicht gestützt. Zwar kennt es nicht eine, sondern mehrere Deutungen seines Todes. Nirgendwo aber wird das Kreuz als Nebensache dargestellt oder gar verschwiegen. Im Gegenteil: Schon die ersten Christinnen und Christen sahen im Leiden und Sterben Jesu ein bedeutsames, ja ein heilsames Geschehen. Die christliche Kirche hat sich also anders entschieden.

Ein anthropologisches Argument
SSchülerinnen und Schüler werden – oft unvermittelt – mit Leiden, Sterben, Scheitern und Abschied konfrontiert. Würden Jesu Worte von seinem Geschick getrennt, welche Bedeutung hätten sie dann noch für Menschen, die nicht gesund, nicht erfolgreich oder nicht stark sind? Der Tod Jesu und die Hoffnung auf Auferstehung sind ein Angebot der Sinnstiftung in der Krise. Auch im Blick auf die Brechungen des Lebensglücks ist die Vernachlässigung des Todes Jesu also wenig zielführend.

Damit liegt die religionspädagogische Aufgabe klar auf dem Tisch.
Es muss zusammengesehen werden, was zusammengehört. Können die Jesuologie, die die Verkündigung des Menschen Jesus beschreibt, und die Christologie, die seinen Tod, die Ereignisse des Osterfestes und seine verborgene Präsenz in der Welt reflektiert, miteinander verbunden werden?

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist kreuz-quer.jpg.


Die biblischen Erzählungen vom Tod Jesu sind keine Berichte, aber unhistorische Mythen sind sie auch nicht. Warum wir sie gründlich lesen, es dabei aber nicht belassen sollten. Drei Überlegungen.

Überlegung 1: Wann und wo fand der Prozess Jesu statt? Wer verhörte ihn? Welche Rolle spielte die Hohepriesterschaft, welche die römischen Behörden? Manches lässt sich mit gewisser Wahrscheinlichkeit klären, anders bleibt offen. Ganz sicher ist nur eines: Jesus wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Das wird auch von nichtchristlichen Historikern der Antike bestätigt. Die Passions- und Ostererzählungen des Neuen Testaments wollen zwar keine Chroniken sein. Dennoch müssen sie erzählt, gelesen und entdeckt werden. Die Kenntnis der biblischen Überlieferungstradition ist Voraussetzung für eine tiefere theologische Deutung und für eine Positionierung der Schülerinnen und Schüler.

Überlegung 2: Die Detailkenntnis der Passionsgeschichte Jesu schützt übrigens vor einem Fehlurteil, das seit Jahrhunderten viel Leid verursacht hat. Die Kreuzigung war eine grausame römische Tradition, keine jüdische. Die Kapitalgerichtsbarkeit in der Zeit Jesu lag in Judäa in den Händen der Besatzer. Wer die Evangelien gelesen hat (und in dieser Frage stimmen sie mit der nicht-christlichen Geschichtsschreibung überein), der kann gegen einen Vorwurf argumentieren, der gegen Juden aller Generationen erhoben worden ist. Die Anklage, die Juden seien „Göttesmörder“, ist nicht haltbar. Sie ist eine antijudaistische Verdrehung der Geschichte.

Überlegung 3: Eine zu intensive Beschäftigung mit den historischen Aspekten der Passionsgeschichte verstellt aber den Blick auf ihre Aussageabsicht. Die Evangelien sind theologische Erzählungen. Selbst wenn es gelänge, die historischen Hintergründe des Todes Jesu detailliert zu durchleuchten, bliebe doch die Relevanzfrage unbeantwortet. Hat der Tod Jesu einen anderen Stellenwert als der des Sokrates? Wir müssen uns deshalb auf die Suche nach einer theologischen – und das heißt: eine existentiellen – Deutung für Menschen heute machen.

Horst Heller, Gedanken zur Passion Jesu aus religionspädagogischer Sicht www.horstheller.de

15.03.2020: „Für mich hätte er nicht sterben müssen.“ Warum die Lehre Jesu von der Nächstenliebe und seine Kreuzigung zusammengehören. Theologische und religionspädagogische Überlegungen 1/3
16.03.2020: „Warum musste Jesus sterben?“ Zwei Vorbemerkungen, zwei biblische Deutungen, zwei Irrwege und zwei didaktische Grundsätze für den Religionsunterricht. Theologische und religionspädagogische Überlegungen 2/3
17.03.2020: „Dem Geheimnis auf der Spur.“ Zwei Irrwege und sieben Vorschläge für aufbauendes Lernen zur Passionsgeschichte und zum Kreuz Jesu. Theologische und religionspädagogische Überlegungen 3/3

Vollständiger Beitrag html
Vollständiger Beitrag pdf

Links und Literatur:
Johannes Heger, Passion und Auferstehung, bibeldidaktisch, Sekundarstufe https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/100041/
Christian Butt, Passion und Auferstehung bibeldidaktisch, Grundschule
https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/100040/
H. J. Frisch/ I. Gantschev: Der Chamäleonvogel. Eine Ostergeschichte für Kinder und ihre Eltern, Gütersloh
Webpräsenz des Religionspädagogischen Zentrums St. Ingbert www.rpz-igb.de –> Schularten