„Für mich hätte er nicht sterben müssen. Ich hätte auch so an ihn geglaubt.“ Gedanken zur Passion Jesu aus religionspädagogischer Sicht

Jesus lehrte Nächstenliebe und Frieden. Er verkündigte den liebenden Gott. Er nahm sich Zeit für Menschen, gab ihnen Hoffnung, wendete sich Frauen und Kindern zu, überwand Krankheiten, fand aber auch klare Worte gegenüber Unrecht und Übertätern. Um Anhänger für diese seine Botschaft zu finden, hätte er nicht hingerichtet werden müssen. So denken viele.

Sie sind von der Lehre Jesu überzeugt. Dass er grausam starb, war tragisch für ihn und enttäuschend für seine Anhänger, aber ohne Bedeutung für seine Lehre. Diese plausible Position, wie sie in dem Satz einer mir unbekannten jungen Frau zu Ausdruck kommt, wirkt auf den ersten Blick sympathisch.

Aber sie greift zu kurz.

1.
Fünf Gründe, warum die Lehre Jesu nicht von seinem Leben und Sterben getrennt werden kann.

Ein theologisches Argument
Jesu Botschaft war zutiefst religiös. Nächstenliebe und Gottesliebe gehörten für ihn zusammen wie zwei Seiten einer Medaille. Seine Botschaft des Gottesreiches war theologisch. Nicht weniger aber war auch der Konflikt mit der Jerusalemer Tempelaristokratie ein theologischer. In Jerusalem geriet seine Auslegung der Tora in Konflikt mit der sadduzäisch geprägten Jerusalemer Lesart, bei der der Tempelkult offenbar eine zentrale Rolle spielte. Seine Verhaftung und seine Kreuzigung vornehmlich auf politische und soziale Konflikte zurückzuführen, verfehlt den Kern des Streites zwischen Jesus und seinen Gegnern. Jesu Worte und sein tragisches Geschick haben also sehr viel miteinander zu tun.

Ein historisches Argument
Jesu Gleichnisse und seine hochgeschätzte Bergpredigt sind nur deshalb uns Nachgeborenen noch bekannt, weil nach Jesu Tod Gemeinden und später Kirchen entstanden, die in der Kreuzigung und der Ostererfahrung den Kristallisationspunkt ihrer Religion sahen und bis heute sehen. Die Verkündigung Jesu und sein Tod bildeten und bilden eine Einheit.

Ein wirkungsgeschichtliches Argument
In der Leidensgeschichte Jesu wird das Bild eines Menschen gezeichnet, der den Weg der Gewaltlosigkeit auch dann nicht verlässt, als es ihn das Leben kostet. Das verleiht seiner Überzeugung Glaubwürdigkeit. Ähnlich wie bei Martin Luther King, Edith Stein und den Geschwistern Scholl verlieh der Märtyrertod Jesu seiner Lehre die Strahlkraft, die sie bis heute hat.

Ein theologiegeschichtliches Argument
Die These, dass der Tod Jesu bedauerlich, aber für seine Verkündigung belanglos sei, wird vom Neuen Testament nicht gestützt. Zwar kennt es nicht eine, sondern mehrere Deutungen seines Todes. Nirgendwo aber wird das Kreuz als Nebensache dargestellt oder gar verschwiegen. Im Gegenteil: Schon die ersten Christinnen und Christen sahen im Leiden und Sterben Jesu ein bedeutsames, ja ein heilsames Geschehen. Die christliche Kirche hat sich also anders entschieden.

Ein anthropologisches Argument
Schülerinnen und Schüler werden – oft unvermittelt – mit Leiden, Sterben, Scheitern und Abschied konfrontiert. Würden Jesu Worte von seinem Geschick getrennt, welche Bedeutung hätten sie dann noch für Menschen, die nicht gesund, nicht erfolgreich oder nicht stark sind? Der Tod Jesu und die Hoffnung auf Auferstehung sind ein Angebot der Sinnstiftung in der Krise. Auch im Blick auf die Brechungen des Lebensglücks ist die Vernachlässigung des Todes Jesu also wenig zielführend.

Damit liegt die religionspädagogische Aufgabe klar auf dem Tisch.
Es muss zusammengesehen werden, was zusammengehört. Können die Jesuologie, die die Verkündigung des Menschen Jesus beschreibt, und die Christologie, die seinen Tod, die Ereignisse des Osterfestes und seine verborgene Präsenz in der Welt reflektiert, miteinander verbunden werden?

2.
Die biblischen Erzählungen vom Tod Jesu sind keine Berichte, aber unhistorische Mythen sind sie auch nicht. Warum wir sie gründlich lesen, es dabei aber nicht belassen sollten. Drei Überlegungen.

Überlegung 1: Wann und wo fand der Prozess Jesu statt? Wer verhörte ihn? Welche Rolle spielten die Hohepriesterschaft, welche die römischen Behörden? Manches lässt sich mit gewisser Wahrscheinlichkeit klären, anders bleibt offen. Ganz sicher ist nur eines: Jesus wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Das wird auch von nichtchristlichen Historikern der Antike bestätigt. Die Passions- und Ostererzählungen des Neuen Testaments wollen zwar keine Chroniken sein. Dennoch müssen sie erzählt, gelesen und entdeckt werden. Die Kenntnis der biblischen Überlieferungstradition ist Voraussetzung für eine tiefere theologische Deutung und für eine Positionierung der Schülerinnen und Schüler.

Überlegung 2: Die Detailkenntnis der Passionsgeschichte Jesu schützt übrigens vor einem Fehlurteil, das seit Jahrhunderten viel Leid verursacht hat. Die Kreuzigung war eine grausame römische Tradition, keine jüdische. Die Kapitalgerichtsbarkeit in der Zeit Jesu lag in Judäa in den Händen der Besatzer. Wer die Evangelien gelesen hat (und in dieser Frage stimmen sie mit der nicht-christlichen Geschichtsschreibung überein), der kann gegen einen Vorwurf argumentieren, der gegen Juden aller Generationen erhoben worden ist. Die Anklage, die Juden seien „Göttesmörder“, ist nicht haltbar. Sie ist eine antijudaistische Verdrehung der Geschichte.

Überlegung 3: Eine zu intensive Beschäftigung mit den historischen Aspekten der Passionsgeschichte verstellt aber den Blick auf ihre Aussageabsicht. Die Evangelien sind theologische Erzählungen. Selbst wenn es gelänge, die historischen Hintergründe des Todes Jesu detailliert zu durchleuchten, bliebe doch die Relevanzfrage unbeantwortet. Hat der Tod Jesu einen anderen Stellenwert als der des Sokrates? Wir müssen uns deshalb auf die Suche nach einer theologischen – und das heißt: eine existentiellen – Deutung für Menschen heute machen.

3.
Warum musste Jesus sterben?
Zwei Vorbemerkungen, zwei biblische Deutungen, zwei Irrwege, zwei didaktische Grundsätze

Vorbemerkung 1: Das Neue Testament gibt viele Antworten.
Das überrascht vielleicht. Das Neue Testament kennt aber nicht die eine systematisch-theologisch ausgearbeitete Deutung des Todes Jesu. Das ermutigt Religionslerngruppen, zu theologisieren und selbst nach eigenen Deutungen zu suchen.

Vorbemerkung 2: Jesu Tod löste nicht das Problem des Zornes Gottes, sondern die ersten Christinnen und Christen fanden eine theologische Antwort auf das Problem des Todes Jesu.
Auch für die Christusgläubigen des 1. Jahrhunderts war der Tod Jesu zunächst ein Problem. Warum musste ein Mensch, der durch seine Worte und Taten große Hoffnungen geweckt hatte, so schmerz- und schmachvoll sterben? Die naheliegende Antwort war: Gott hatte sich von ihm abgewendet. Durch die visionären Begegnungen mit dem Auferstandenen schied diese Deutung aber schlagartig aus. An ihre Stelle rückten Entdeckungen, die die Gläubigen beim Studium der Tora machten. Entdeckendes Lernen in der Frage der Deutung des Todes Jesu: Das könnte auch der Weg des Religionsunterrichts sein.

Zwei Deutungen aus der Bibel – stellvertretend für viele andere
Deutung 1
: Einige Bibelstellen sprechen davon, dass der Tod Jesu, so ungerecht er auch war, eine Wohltat für die Menschen gewesen sei. Sie erinnern an das (vierte) Knecht-Gottes-Lied (Jes 53). In diesem prophetischen Text ist von einem Menschen die Rede, der als Märtyrer grausam getötet wurde. Warum ließ Gott das zu? Seine Zeitgenossen schlossen aus seinem Schicksal, dass er schuldig geworden sein musste. Der Prophet widersprach. „Die Strafe lag [deshalb] auf ihm, damit wir Frieden hätten (Jes 53,5).“ Der Leidende war kein Sünder, sondern ein Knecht Gottes, der ähnlich einem Blitzableiter Menschen vor Unheil bewahrte, indem er es auf sich zog.
Diese Deutung eines Märtyrertodes aus dem Alten Testament entdeckten die Christinnen und Christen und bezogen sie auf Jesus. So erklärt Philippus einem reisenden Afrikaner den Grund für den Tod Jesu: „Philippus … fing mit diesem Schriftwort [Jes 53,7 f.] an und predigte ihm das Evangelium von Jesus (Apg 8,35).“ Die Deutung, die in Jesus einen Märtyrer sieht, der die Strafe anderer auf sich nimmt, kommt auch in der Abendmahlsliturgie zum Ausdruck, die Paulus zititert: „Dies ist mein Leib für euch (1 Kor 11,24).“

Deutung 2: An anderer Stelle wird angedeutet, dass der Tod Jesu unvermeidbar, ja Gottes Wille gewesen sei: „Musste nicht der Christus dies alles erleiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen (Lk 24,26)?“ Eine tiefere Erklärung für diesen Plan Gottes enthüllt das Neue Testament aber an keiner Stelle. Gottes Handeln muss für Menschen nicht plausibel sein, sondern bleibt im guten Sinne geheimnisvoll.

Zwei Irrwege, die theologiegeschichtlich bedeutsam, aber sehr problematisch sind.
Irrweg 1: Die Satisfaktionstheorie
So unterschiedlich auch die neutestamentlichen Antworten ausfallen (von denen es, wie oben erwähnt, noch mehr gibt), stimmen doch alle biblischen Bücher in einem überein: Nirgends findet sich in der Bibel die Vorstellung, dass der Gottessohn mit seinem Leiden und Sterben ein Opfer gebracht habe, das der Gottvater verlangt habe, um dessen Zorn Gottes zu stillen. Dennoch hat diese theologische Lehre in der Kirchengeschichte größte Wirksamkeit entfaltet.
Die Grausamkeit dieser Vorstellung wird auch dann nicht gemildert, wenn – theologisch korrekt – betont wird, dass Gott dieses Opfer ja nicht einer dritten Person abverlangt, sondern es selbst auf sich genommen habe. Nicht seinen Sohn schickt er an das Kreuz, sondern er selbst nimmt Menschengestalt an und nimmt den schlimmsten Tod auf sich, der vorstellbar ist. Dieses geheimnisvolle Wiedergutmachungsdenken wäre (nur) im Rahmen der Trinitätslehre plausibel, derzufolge Vater, Sohn und Geist nicht drei, sondern ein Gott sind. Die Vorstellung, dass schwere Schuld nur durch Blutvergießen zu sühnen sei, wird damit aber nicht überwunden.
Über das geistliche Liedgut ist diese Lehre auch in unseren Gottesdiensten präsent. Besonders anschaulich besingt sie die zweite Strophe des Liedes „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“: „Die Straf‘ ist schwer, der Zorn ist groß, du kannst und sollst sie machen los durch Sterben und durch Bluten.“ Auch Schülerinnen und Schülern ist diese Erklärung des Todes Jesu übrigens geläufig – nicht selten als einzige theologische Deutung, die sie kennen.
Es bedarf nicht vieler Worte, um die Problematik dieser Theorie zu veranschaulichen. Sie verrechtlicht die Beziehung Gottes zu den Menschen und knüpft seine Gnade an ein Menschenopfer, noch dazu das seines einzigen Sohnes. Am schwersten wiegt aber der Widerspruch zum Gottesbild der Bibel. Dass Gott „gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte (Jona 4,2)“ ist, wird viele Male betont. Theologisch, liturgisch und religionspädagogisch gilt es hier, Abschied von Vertrautem zu nehmen. Die Liebe Gottes zu den Menschen ist nicht abhängig davon, dass Jesus stirbt.

Irrweg 2: Die barocke Mystik
In mehreren Kirchenliedern wird die Vorstellung besungen, dass es „meine Sünden“ gewesen seien, die Jesus ans Kreuz gebracht hätten. Am eindrücklichsten geschieht dies in der vierten Strophe des Liedes „O Haupt voll Blut und Wunden“ (EG 85). Dort ist zu lesen: „Nun was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last. Ich hab‘ es selbst verschuldet, was du getragen hast.“ Für Menschen des 21. Jahrhunderts – und wahrscheinlich nicht nur für sie – hat diese Deutung keinerlei Plausibilität. Wie können Sünden der Gegenwart Ursache einer Hinrichtung in der Antike sein? Die gewöhnungsbedürftige mystische Annäherung an den Tod Jesu, die in dem genannten Lied sehr ausdrucksstark besungen wird, und diese „Selbstanzeige“ sind problematisch. Aus pädagogischer Sicht ist auch das ihr zugrunde liegende Menschenbild bedenklich. Es ist kann kein Erziehungsziel sein, Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass ihr Verhalten einen unschuldigen Menschen das Leben gekostet hat, dass sie darüber unendlich traurig sein und nun an diesen Menschen glauben sollen.
Fairerweise muss man einwenden, dass die barocke Mystik ein Phänomen ihrer Zeit ist und historisch eingeordnet werden muss. Aber auch mit dieser Einschränkung leistet ein solcher Zugang kaum einen Beitrag dazu, dass Lehrpersonen und ihre Schülerinnen und Schüler eine eigene Position zur existentiellen Bedeutung des Todes Jesu finden.

Zwei Grundsätze für eine religionsdidaktisch verantwortlichen Umgang mit der Passionsgeschichte
Eine Frage vorweg: Der Tod Jesu als bittere Konsequenz seines Lebens in Solidarität mit Armen und Rechtlosen – muss er denn überhaupt theologisch gedeutet werden?
Zweifellos ist auch eine politische Deutung des Geschicks Jesu denkbar, wenngleich sie historische Zusammenhänge verbiegt und zentrale theologische Aspekte ausblendet. Aber außerdem stellt sich die religionsdidaktische Frage, warum sich Schülerinnen und Schüler dann mit dem Tod Jesu beschäftigen müssen. Könnten sie nicht ebenso gut den Tod von Erzbischof Romero bedenken, von dem wir historisch mehr wissen? Romero musste sterben, weil er mit seinen Worten und Taten den Mächtigen im Weg war. Warum aber musste Jesus sterben? Gelingt es Lehrpersonen und Lernenden, darauf eine theologisch verantwortete existentielle Antwort finden?

Grundsatz 1: Der Lebensweltbezug des Unterrichts
Die Deutung der Passion Jesu steht im Zusammenhang mit dem Verständnis der Worte und Taten Jesu (wie oben erläutert), aber auch mit der Frage nach Gott, nach dem Menschen, ja sogar mit der Entdeckung von Strukturen des Kirchenjahres und der Frage nach einer Deutung des eigenen Todes. Je mehr Schülerinnen und Schüler über dies alles wissen, desto besser können sie eine eigene Kinder- und Jugendtheologie entwickeln, die die Frage des Kreuzes und der österlichen Begegnungen einbezieht.

Grundsatz 2: Der Unterricht gibt nicht die eine Deutung vor.
Dass das Neue Testament eine Vielzahl von Deutungen des Todes Jesu kennt, ist für den Unterricht leitend. Eine Didaktik, die die „richtige“ theologische Antwort kennt und sie im Unterricht „vermittelt“, ist hier besonders fehl an Platz. Im Sinne eines Theologisierens mit Kindern und Jugendlichen leitet die Lehrperson einen Prozess an, in dem die Schülerinnen und Schüler sich vorläufig und probeweise positionieren.

4.
Dem Geheimnis auf der Spur.

Zwei Sackgassen und sieben Vorschläge für ein aufbauendes Lernen zur Passionsgeschichte und zum Kreuz Jesu

Sackgasse 1: Ein klassischer synoptischer Vergleich
Eine tabellarische Gegenüberstellung der synoptischen und johanneischen Passions- und Osterüberlieferung lässt sich zwar gut abfragen, geht aber meilenweit an den Fragen der Schülerinnen und Schüler vorbei. Sensible Lehrpersonen nehmen an dieser Stelle auch die unausgesprochenen Fragen der Lerngruppe wahr, was denn der Sinn dieser Aufgabe sei. Synoptische Vergleiche liegen gedruckt und online vor. Sie selbst zu erstellen, ist relativ sinnfrei. Anders ist das, wenn sie der Entdeckung der Vielfalt neutestamentlicher Theologien dienen. Die vier Evangelisten, obgleich ihre Erzählungen einander ähneln, setzten doch unterschiedliche Akzente.

Sackgasse 2: Paulustexte lesen
Paulus spricht vom Kreuz nicht erzählend, sondern analytisch. Doch seine Worte bedürfen der Übersetzung: Was bedeuten es, dass Jesus „für uns zum Fluch geworden“ sei (Gal 3,13)? Was hilft uns der Satz des Paulus, dass Menschen in der Taufe „in Jesu Tod getauft“ und „mit ihm begraben“ seien (Rö 6,3 f.)? Im Unterricht – so fürchte ich – findet sich kein Weg von der Kreuzestheologie des Paulus zur Sprache der Schülerinnen und Schüler. Paulustexte zu lesen mag in anderen Lernbereichen zielführend sein, bei der Deutung des Todes Jesu öffnen sie keine Türen zu einem Lernweg. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Sieben unterrichtspraktische Ideen
Schuleingangsphase (1./2. Schuljahr):
Ein affektiver Zugang ist empfehlenswert. In einer Erstbegegnung (1. Schuljahr) begleiten die Kinder einem Fantasievogel, der seinerseits Jesus folgt. Während der Passion Jesu verändert sich sein Gefieder. War es anfänglich farbenfroh, verdunkelt es sich nun. Am Karfreitag ist es schwarz. Die Farbe des Federkleids ist Ausdruck seiner Gefühle angesichts des Leidens Jesu. Am Ende der Geschichte fliegt der Vogel wieder farbenfroh und fröhlich durch die Luft. Der Grund dafür wird angedeutet. Die Kinder sind nun dem Symbol des Kreuzes begegnet und wissen, dass die Geschichte Jesu nicht traurig endet. Tiefergehende Reflexionen und Detailkenntnisse der Passion Jesu haben im Sinne aufbauenden Lernens noch Zeit.

In einem zweiten Schritt (2. Schuljahr) folgen die Schülerinnen und Schüler dem Jünger Simon, der von Jesus beauftragt wird, Petrus, ein Fels, zu sein. Dieser Ehrentitel ist Würde und Bürde zugleich. Immer öfter kann Simon-Petrus seinem Anspruch nicht gerecht werden. Seinen persönlichen Tiefpunkt erlebt er, als er im Hof hinter dem Gerichtsgebäude leugnet, Jesus zu kennen. Es ist seine Passion. Da wird er am See Genezareth ein zweites Mal berufen (Joh 21, 4 ff.). Und er versteht: Ein Neuanfang ist möglich. Aus seiner Perspektive erarbeiten die Schülerinnen und Schüler wichtige Elemente der Leidensgeschichte Jesu und eine erste Deutung. Ostern heißt für ihn: Er darf neu beginnen.

3. Schuljahr: Hatte in der Schuleingangsphase die Passion im Vordergrund gestanden, so ist es nun das Geheimnis der österlichen Begegnungen. Im Zentrum steht die Emmausgeschichte (Lk 24,13 ff.). Sie wird so erzählt, wie Lukas sie überliefert. Die Jünger erkennen den Herrn am Brotbrechen. Warum der Gekreuzigte lebt, der doch eben erst begraben worden ist, wird nicht erklärt. Es bleibt ein Geheimnis. Auch von den Frauen, die vom leeren Grab zurückkommen und den Leichnam nicht gefunden haben, wird nur am Rande erzählt. Das leere Grab bewirkt keinen Glauben. Einzig die große Freude über die Begegnung mit dem Auferstandenen ist fassbar. Jesus musste sterben, weil die „Heiligen Schriften“ das so angekündigt hatten. In dieser Unterrichtsreihe denken die Kinder über Gottes Wirken nach. Wie es sein kann, dass Jesus mit den Jüngern wanderte, sie ihn aber nicht erkannten? Auch das ist Thema einer religiösen Erkundung dieser Unterrichtsreihe.

4. bis 6. Schuljahr
Diese Schuljahre sichern im Wesentlichen das Gelernte der ersten drei Schuljahre und vertiefen es. Zugänge, Methoden und Medien dafür können neben Erzählungen auch Bilder, eine Arie aus Bachs Johannespassion oder eine Visualisierung des Kirchenjahres sein. Eine schriftliche Fassung der theologischen Einschätzungen, die in der Grundschule bereits erarbeitet worden ist, ist jetzt vertiefend möglich.

7./8. Schuljahr
Empfehlenswert ist auch hier zunächst eine Sicherung des Erreichten, um es anschließend existentiell zu vertiefen. Die Schülerinnen und Schüler begegnen den biblischen Erzählungen, sie tun dies aber im Kontext eigener Erfahrungen von „Tod“ und „Auferstehung“ mitten in ihrem Leben. Kennen sie Situationen, in denen die Lösung eines großen Problems nur durch eine Niederlage möglich war? Impulsbilder können hier ebenso hilfreich sein wie Darstellungen der Kunstgeschichte. Ziel der Reflexionen ist die Frage nach Gott. Die Frage nach der Auferstehung Jesu von den Toten ist von der Gottesfrage nicht zu trennen.

9./10. Schuljahr
Traditionell gehört die Fragen nach dem eigenen Tod und das Sterben Nahestehender in diese Doppeljahrgangsstufe. Welche Deutungen gibt die Bibel (1 Kor 15,1 ff.), welche andere Religionen? Welche überzeugt?
In einem zweiten Schritt wird noch einmal das Kirchenjahr thematisiert. Die liturgischen Farben ermöglichen eine Deutung der Feste. Der Gründonnerstag ist weiß, der Karfreitag und der Karsamstag schwarz. Das Wissen zum Kirchenjahr wird reaktiviert. Weiß ist die Farbe der Christusfeste Weihnachten und Ostern. Warum aber ist der Totensonntag auch weiß (lt. EKD-Kalender optional)? Forschendes und entdeckendes Lernen ist hier gefragt. So finden Schülerinnen und Schüler heraus, dass die Deutung des eigenen Todes mit der Deutung des Osterfestes zusammenhängt.

Gymnasiale Oberstufe
In einem Bibel- oder Jesus Christus-Kurs beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler mit historischen, hermeneutischen und theologischen Fragen. Spätestens hier wird die Erkenntnis gesichert, dass die Passions- und Ostergeschichten einen theologischen Wert haben, auch wenn sie keine Augenzeugenberichte sind.

Horst Heller, Gedanken zur Passion Jesu aus religionspädagogischer Sicht www.horstheller.de
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Links und Literatur:
Johannes Heger, Passion und Auferstehung, bibeldidaktisch, Sekundarstufe https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/100041/
Christian Butt, Passion und Auferstehung bibeldidaktisch, Grundschule
https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/100040/
H. J. Frisch/ I. Gantschev: Der Chamäleonvogel. Eine Ostergeschichte für Kinder und ihre Eltern, Gütersloh
Webpräsenz des Religionspädagogischen Zentrums St. Ingbert www.rpz-igb.de –> Schularten