Die Nagelbilder im Andachtsraum des Deutschen Bundestags haben eine deutlich sichtbare Kreuzform. Gibt es Abgeordnete, denen das nicht christlich genug ist?

Seit 1999 hat der Deutsche Bundestag einen Andachtsraum. Die nüchtern eingerichtete Kapelle ist spiritueller Treffpunkt für Abgeordnete und Bedienstete des Hauses. Es kann geschehen, dass eine Reinigungskraft und ein Minister nebeneinander sitzen und beten.

Nicht nur christliche Gläubige beiderlei Konfessionen sind eingeladen, hier zu beten, denn das schlichte Holzkreuz, das bei Andachten auf den Altarstein gestellt wird, kann anschließend wieder entfernt werden. Eine Kante auf dem Fußboden signalisiert die Qibla, die Gebetsrichtung für das muslimische Gebet. So ist der Raum offen für Erfahrungen vielfältiger religiöser, spiritueller und ästhetischer Natur.

Zumindest in den ersten Jahren war die interreligiöse Ausrichtung des Andachtsraumes aber auch Stein des Anstoßes. Das christliche Medienmagazin „Pro“ berichtete am Reformationstag 2006 vom Protest des CSU-Politikers Peter Ramsauer. Er störte sich vor allem daran, dass das Kreuz nach dem Ende eines Gottesdienstes weggeräumt wurde. Weil es nur lose auf dem Altar steht, „verschwindet das Kreuz häufig in einer Vitrine im Vorraum“, zitiert die Online-Ausgabe des Magazins eine Stellungnahme Ramsauers gegenüber der „Bild“-Zeitung. Ramsauer sei laut „Bild“ der Meinung, dass hier „politisch korrekte ‚Multikulti-Fanatiker‘ am Werk seien.“

Es steht selbstverständlich jedermann frei, öffentlich Kritik an der Einrichtung eines interreligiösen Versammlungsraums zu äußern. Doch nicht interreligiöse Fanatiker waren hier am Werk, sondern der angesehene Düsseldorfer Künstler Günther Uecker. Der NDR nannte den Raum eine „Krypta der Toleranz“, wohl ganz im Sinne seines Schöpfers, der sich als künstlerischer Botschafter des Friedens und der Verständigung versteht.

Der bayerische Kritiker hatte aber übersehen, dass auch dann, wenn das Kreuz in den Nebenraum geräumt wird, zahlreiche weitere christliche Motive im Raum verbleiben und ihn bestimmen: Die Ausrichtung des Raumes nach Osten ist eine alte christliche Tradition, und der Altar, das Weihwasserbecken und die zwanzig Holzstühle erinnern an eine christliche Kirche. Vor allem aber sind die sieben Holzbildtafeln zu nennen, die in leichter Schräge an die Wand gelehnt sind. Sie sind – wie bei Günther Uecker häufig zu sehen – mit großen Zimmermannsnägeln versehen, die mal von der Vorderseite, mal von der Rückseite in das Holz getrieben worden sind. Nägel, eigentlich ein Symbol von Gewalt, stehen für die Gefährdung des Friedens und erinnern zugleich an das Kreuz Jesu. Ob sie auch für die Angst vieler Frauen stehen, die in Zeiten des Krieges ihre Türen fest vernagelten, um sich und ihre Töchter vor gewalttätigen Soldaten zu schützen, muss offen bleiben. Dann stehen die Nagellandschaften in Ueckers Bildtafeln auch für die Aufgabe, Gewalt, Unterdrückung und Missachtung von Frauen, Kindern und Minderheiten proaktiv zu verhindern. Dieser Auftrag richtet sich auch – aber nicht nur – an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags.

Dass mehrere Nagelreliefs im Andachtsraum gut sichtbar eine Kreuzesform haben, muss Ramsauer wohl ebenfalls übersehen haben. Seither sind einige Jahre vergangen. Vieleicht hat es ihm inzwischen jemand gesagt.

Zum Weiterlesen:
Viele Nägel, große Kunst https://www.ndr.de/geschichte/koepfe/Guenther-Uecker-Viele-Naegel-grosse-Kunst,guentheruecker100.html (22.06.2016)
Andreas Mertin, Nicht ohne Verletzungen. Die Kapelle von Günther Uecker im Deutschen Bundestag https://www.theomag.de/54/am253.htm (2008)
Eine Kapelle braucht ein Kreuz! Auch im Bundestag? https://www.pro-medienmagazin.de/politik/2006/10/31/eine-kapelle-braucht-ein-kreuz-auch-im-bundestag/ (31.10.2006)