Der Verfolgung Gesichter zuordnen und die „Stillen Helden“ ehren. Vier Erinnerungen

Deportierte in Auschwitz-Birkenau auf dem Weg zur „Todesbaracke“ (1944)
Quelle: Bundesarchiv / Wikimedia Commons
Deutschland

Zum Auschwitz-Gedenktag wird auch in diesem Jahr an den deutschen Widerstand erinnert, der fest mit dem Namen Claus Schenk Graf von Stauffenberg verbunden ist. Das Attentat vom 20. Juli 1944, die leider fehlgeschlagene Operation Walküre ist aber nicht die einzige mutige Tat des Widerstands gegen das Unrecht des Nationalsozialimus. In der Berliner Gedenkstatte Deutscher Widerstand in Berlin gibt es seit zwei Jahren eine Dauerausstellung, die dem Gedenken an die stillen Helden verpflichtet ist. Als Silent Heroes haben sie es nach den Krieg abgelehnt, als Helden geehrt zu werden. Für sie ging es einfach darum, das Gute zu tun. Sie haben aber ebenso wie die bekannten Namen ein ehrendes Andenken verdient.

Dieser Blogbeitrag will den Opfern Namen und Gesichter geben und an den Mut ihrer Helfer erinnern. Die Rechtschaffenheit der aufrechten Retter*innen und Helfer*innen ist wahrhaft vorbildlich. Er kann aber nichts an der geschichtlichen Wahrheit ändern, dass es in Deutschland – abgesehen von sehr wenigen Ausnahmen – keine Solidarität mit den Opfern des Rassismus angesichts ihrer Benachteiligung, Vertreibung und Vernichtung gab. Die Deportationen der deutschen Juden aus der Mitte ihrer nichtjüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger geschahen unter den Augen und mit stillschweigender Duldung der Zivilgesellschaft, ebenso die Berufsverbote, die Enteignungen, die Zwangsarbeit und die Verhaftungen der Verfolgten.

Heinrich und Maria List
Das Ehepaar List bewirtschaftete einen Bauernhof im 300-Seelen-Dorf Ernsbach im Odenwald, heute ein Ortsteil von Erbach. Dort lebte auch Ferdinand Strauß, dessen Familie ein Bekleidungsgeschäft im Dorf besaß. Er war nach dem Novemberpogrom 1938 schwer misshandelt worden. Als die Deportationen nach Osten begonnen, fürchtete der junge Kaufmann um sein Leben. Er besuchte an einem Novembertag 1941 das Ehepaar List und bat um Hilfe. Heinrich List war noch auf dem Feld, aber seine Frau Maria zögerte nicht. Sie ließ den Hilfe Suchenden herein. Gemeinsam beschlossen ihr Mann und sie, den Verfolgten in ihrem Haus zu verstecken. Weder Dorfbewohner, Polizei und Gestapo ahnten zunächst etwas.
Vier Monate später, am 16.03.1942, geriet Heinrich in Streit mit einem seiner polnischen Zwangsarbeiter. Dem kam manches auf dem Bauernhof seltsam vor, vor allem die eingestickten Initialen F. S. an seiner Arbeitskleidung. Er informierte die Behörden. In welcher Reihenfolge und unter welchen Begleitumständen Bürgermeister, Gendarmie und Gestapo Kenntnis von dem Verdacht erhielten, ist nicht mehr vollständig aufzuklären. Jedenfalls wurde Maria von der Gestapo verhört. Nach anfänglichem Leugnen musste sie gestehen.
Das Ehepaar wurde festgenommen. Der 60-jährige Heinrich wurde im Konzentrationslager Dachau interniert, wo er nach Entbehrungen innerhalb von drei Monaten starb. Ein Gnadengesuch seiner Frau war nicht weitergeleitet worden. Maria wurde verwarnt, aber im Blick auf die prekäre Versorgungslage nicht verhaftet. Sie setzte ihre Arbeit auf dem Bauernhof fort, überlebte die Diktatur und starb 1965.
Ferdinand Strauß hingegen war im letzten Moment die Flucht gelungen. Es gelang ihm, sich in die Schweiz abzusetzen, wo er umgehend festgesetzt wurde. Nach dem Krieg wanderte er nach Amerika aus, heiratete dort und starb 1983 in New York.
Heinrich List hingegen bezahlte seine aufrechte Tat mit dem Leben, Maria List mit dem Verlust ihres Ehemanns. Für ihre Opfer, die Ferdinand Strauß das Leben retteten, wurden sie von der internationalen Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt.

Zum Nachdenken
– Auch wenn es nicht mehr detailliert zu eruieren ist, wer das Versteck wann, an wen und unter welchen Umständen verraten hat, ist es als besonders tragisch zu bezeichnen, dass die Verhaftung und die Ermordung von Heinrich List nur möglich war, weil Mitglieder der Dorfgemeinschaft ihn denunzierten und Maßnahmen zu seiner Rettung unterließen.
– Es bedurfte keiner linken politischen Einstellung, um rechtschaffen zu handeln. Nötig war aber die Bereitschaft, für die Rettung eines Mitmenschen die eigene Freiheit und notfalls auch das eigene Leben zu opfern.
– Der Einsatz des Ehepaars List demonstriert, dass es angesichts der Grausamkeit der Diktatur alternative Handlungsmöglichkeiten gegeben hätte.

Samson „Cioma“ Schönhaus
Fanja und Boris Schönhaus sind Unternehmer aus Berlin. Sie werden zuerst enteignet, dann deportiert und schließlich ermordet. Ihr Sohn Samson, genannt „Cioma“, kann seine Lehre als Grafiker nicht beenden, weil er zur Zwangsarbeit verpflichtet wird. Als auch er die Aufforderung erhält, sich zum Abtransport bereitzuhalten, kann er seinen Vorgesetzten dazu bewegen, sich für ihn einzusetzen. Cioma wird zurückgestellt.
Seine grafischen Fähigkeiten stellt er von nun an in den Dienst des Widerstands. Seinen ersten gefälschten Ausweis produziert er auf Bitten der Evangelischen Kirchengemeinde Dahlem. In der Folge ermöglichen seine Passfälschungen Hunderten von Verfolgten des Nazi-Regimes, mit neuer Identität und täuschend echt aussehenden Papieren zu überleben. Er arbeitet in einer illegalen Werkstatt in Moabit. Seine Mitstreiter, ein jüdischer Drucker und ein jüdischer Elektiker werden 1943 denunziert und verhaftet.
Dann fliegt auch er selbst auf. Mit einem aktuellen Foto wird reichsweit nach ihm gefahndet. Er entschließt sich zur Flucht. Mit selbst gefälschtem Wehrpass und einem ebenfalls fingierten Urlaubsschein schafft er es zunächst nach Württemberg und anschließend mit einem Fahrrad über die grüne Grenze in die Schweiz. Dort kann er seine Berufsausbildung beenden und anschließend studieren. Er stirbt im Jahr 2015.

Zum Nachdenken
– In seinem Interview beschreibt Schönhaus, wie sich sein Engagement an Werten seiner Mutter orientierte, die auch heute noch aktuell und vorbildlich sind.
– Bei Nachgeborenen kann der Eindruck entstehen, dass Schönhaus seine Arbeit im Widerstand mit einer Portion Abenteuerlust und auch ein wenig Leichtsinn verband. Das darf aber nicht den Blick auf die Risiken und die Entbehrungen des Lebens im Untergrund verstellen.

Ilse und Werner Rewald
Ilse Basch, Tochter eines Tierarztes aus Berlin, muss 1935 das Gymnasium verlassen, weil sie Jüdin ist. Sie macht eine Ausbildung als Sekretärin und heiratet 20-jährig den jüdischen Innenarchitekten Werner Rewald, der nur noch als Polsterer arbeiten darf. Die Bemühungen des Ehepaars um eine Emigration scheitern.
Ilses Mutter ist bereits nach Riga verbracht worden. Zwei nach Berlin geschmuggelte Nachrichten machen ihr klar, was das grausame Ziel der Deportationen in den Osten ist. Da auch Werner und sie irgendwann „an der Reihe“ sein werden, verlassen sie am 11. Januar 1943 ihre Wohnung.
Gemeinsam können sie aber nirgends unterkommen, so müssen sie sich trennen. Werner kann sich bei Elli und Paul Fromm verstecken, die aber auch selbst gefährdet sind. Ilse findet ein Quartier bei Käthe und Ursula Pickardt. Als aber die Wohnung ihrer Helferinnen durch einen Luftangriff zerstört wird und auch ihr Mann die Wohnung der Fromms verlassen muss, findet das Ehepaar in größter Gefahr ein Versteck bei dem Berliner Bratschisten und Komponisten Hanning Schröder. Weil dieser mit der jüdischen Musikerin Cornelia Schröder-Auerbach verheiratet ist, unterliegt er quasi einem Berufsverbot.
Zusätzlich sind in dem Haus der Schröders auch Offiziere der Wehrmacht einquartiert. Diese Gefahr nehmen die Eheleute Schröder über ein Jahr lang bis zum Ende des Krieges in Kauf. Sie retten das Ehepaar Rewald vor der sicheren Ermordnung durch die Nationalsozialisten.
Bedingt durch die Strapazen der Verfolgung ist Werner Rewald auch nach dem Ende des Terrors gesundheitlich angeschlagen. Er stirbt 1992 in Berlin. Ilse Rewald engagiert sich jahrelang als Zeitzeugin. Sie wird mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Verdienstorden des Landes Berlin ausgezeichnet und stirbt 2005 in Berlin. Hanning Schröder stirbt 1987, ebenfalls in Berlin. Die internationale Gedenkstätte Yad Vashem ehrt ihn als Gerechten unter den Völkern an.

Zum Nachdenken:
– Die Helfer der Rewalds waren allesamt selbst gefährdet. Sie waren entweder jüdisch oder mit einem jüdischen Ehepartner verheiratet. Hanning Schröders Musik durfte weder veröffentlicht noch aufgeführt werden, weil er aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen war.
– Werner Rewald steht exemplarisch für diejenigen Verfolgten, die das nationalsozialistische Gewaltregime zwar überlebten, aber nach dessen Ende zeitlebens an den Folgen der Verfolgung litten.
– Ilse Rewald leistete nach ihrer Rettung einen wertvollen Beitrag gegen das Vergessen und für das Gedenken an die Opfer.

Alice Löwental und ihre Töchter
Alice Löwenthal, eine jüdische Schneiderin, lebt mit ihren zwei Töchtern aus erster Ehe und ihrem Mann in Berlin. Der Vater ihrer Kinder, Herbert Süssmann, hat die Familie 1939 verlassen. Er wird vier Jahre später in Auschwitz ermordet. Am 27. Februar beginnt die Gestapo, alle noch in Berlin noch lebenden Juden in Sammellager zu verbringen, um sie zur Vernichtung zu transportieren. Adolf Löwenthal, Ilses Mann, wird bei dieser sog. Fabrik-Aktion verhaftet. Alice erhält eine Warnung. Es gelingt ihr, mit ihren Kindern Ruth und Brigitte (Gittel) unterzutauchen.
Die Familie kann sich zunächst bei Luise Nickel in Straußberg bei Berlin verstecken. Doch ihre Töchter fallen auf und werden verraten. Zusammen müssen erneut fliehen. Bei einer Freundin sucht sie vergebens Hilfe. Doch bei einer Frau, die sie nicht kennt, bei Elly Möller in Weimar, kann sie ihre Kinder unterbringen. Die Familie muss sich aber trennen. Sie selbst kommt bei Martha und Alfred Viere und schließlich erneut bei Luise Nickel unter, die nun auch weitere Verfolgte beherbert. Mehrmals besucht Alice heimlich ihre Kinder in Weimar und überbringt Lebensmittelkarten. Doch 1944 reißt der Kontakt ab.
Alice überlebt das Grauen, doch wie sie nach Ende des Krieges erfährt, sind ihre Mädchen im Frühjahr 1944 verraten, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden. Ruth wird sieben Jahre, Gittel fünf Jahre alt.
1947 heiratet Alice Willy Nickel, den Sohn ihrer Retterin. Dem Ehepaar wird die Tochter Eva geboren. Zusammen mit ihrer Mutter versucht Eva, das Grauen aufzuarbeiten, doch über den Verlust ihrer beiden älteren Töchter kommt Alice ihr Leben lang nicht hinweg.

Zum Nachdenkene
– Alice Löwenthal erzählt später, dass Menschen, die sie nicht kannte und von denen sie Unterstützung am wenigsten erwarten konnte, ihre Helfer wurden. Freundinnen aber, von denen sie Unterstützung erhofft hatte, fehlte hingegen der Mut.
– Der Tod von Ruth und Gittel illustriert besonders deutlich die abgrundtiefe Inhumanität des Nationalsozialismus, der auch vor der Ermordung von Kindern nicht zurückschreckte.
– Der Einsatz der 1948 geborenen Eva Nickel zeigt beispielhaft, dass auch nachgeborene Generationen nicht ohne Verantwortung sind, wenn es um die Opfer des Nationalsozialismus geht.

Blogbeiträge zum Thema auf www.horstheller.de
19.07.2019:
Der vergebliche Versuch, sich von der Tyrannei zu befreien
09.11.2019:
Synagoge Ottweiler – Wie in weniger als hundert Jahren aus Humanität Barberei werden kann
25.01.2020:
Den Verfolgten Gesichter zuordnen und die stillen Helden ehren
22.02.2020:
Hanau ist überall. Ein rassistisch motivierter Gewalttäter hat Menschen getötet. Die vierfache Verantwortung. Ein Kommentar
02.04.2020:
Wo einst die Synagoge stand: 140 leere Stühle in Leipzig
05.04.2020:
Dietrich Bonhoeffer: Warum wir ihn nicht den Rechten überlassen dürfen
19.07.2020: „Für oder gegen den Führer?“ Ein Augenzeuge erzählt aus Berlin

Zum Weiterlesen
Gedenkstätte Stille Helden in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Staufenbergstraße 13-14, Berlin, https://www.gedenkstaette-stille-helden.de/gedenkstaette/
– Gedenkstätte Stille Helden, Widerstand gegen die Judenverfolgung 1933 bis 1945, Katalog zur Dauerausstellung. Dort finden sich auch weitere Bilder und Dokumente.

Maria und Heinrich List
https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_List_(Landwirt)
https://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/righteous/list.asp.
https://www.echo-online.de/lokales/odenwaldkreis/michelstadt/die-gute-tat-des-heinrich-list_19027642
https://horstheller.wordpress.com/2020/01/05/1865

Cioma Schönhaus
– Kurzbiografie von Cioma Schönhaus auf der Seite der Gedenkstätte des deutschen Widerstands: https://www.gdw-berlin.de/vertiefung/biografien/personenverzeichnis/biografie/view-bio/samson-cioma-schoenhaus/?no_cache=1
– WDR-Interview mit Cioma Schönhaus (2012): https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/erlebtegeschichten/schoenhauscioma100.html
– Cioma Schönhaus, Der Passfälscher. Die unglaubliche Geschichte eines jungen Grafikers, der im Untergrund gegen die Nazis kämpfte, Frankfurt 2004
https://de.wikipedia.org/wiki/Cioma_Schönhaus
https://horstheller.wordpress.com/2020/01/06/silent-heroes-2-cioma-schonhaus

Ilse und Werner Rewald
https://www.gedenkstaette-stille-helden.de/biografien/bio/rewald-ilse/
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/ilse-rewald/674912.html
https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article173395937/Holocaust-Sie-entfernten-den-Judenstern-tauchten-unter.html
https://horstheller.wordpress.com/2020/01/12/silent-heroes-3-ilse-und-werner-rewald

Alice Löwenthal und ihre Töchter
– Biografien von Ruth und Gittel Süssmann: https://www.stolpersteine-berlin.de/de/biografie/1655und https://www.stolpersteine-berlin.de/de/biografie/1653
– Eva Nickel, jüngste Tochter von Alice Löwenthal erzählt die Lebensgeschichte ihrer Schwestern: https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/Leben-Eva-Nickel-haelt-die-Erinnerung-an-ihre-ermordeten-Schwestern-wach,eva-nickel-haelt-die-erinnerung-an-ihre-ermordeten-schwestern-wach-100.html
https://horstheller.wordpress.com/2020/01/13/alice-lowenthal-und-ihre-helferinnen