Silent Heroes (1): Maria und Heinrich List

Maria und Heinrich List bewirtschafteten einen Bauernhof im 300-Seelen-Dorf Ernsbach im Odenwald, heute ein Ortsteil von Erbach. Dort lebte auch Ferdinand Strauß, dessen Familie ein Bekleidungsgeschäft im Dorf besaß. Er war nach dem Novemberpogrom 1938 schwer misshandelt worden. Als die Deportationen nach Osten begonnen, fürchtete der junge Kaufmann um sein Leben. Er besuchte an einem Novembertag 1941 das Ehepaar List und bat um ihre Hilfe.
Heinrich List war noch auf dem Feld, aber seine Frau Maria zögerte nicht. Sie ließ den Hilfe Suchenden herein. Gemeinsam versteckten sie ihn in ihrem Haus. Weder Dorfbewohner, Polizei und Gestapo ahnten zunächst etwas.
Vier Monate später, am 16.03.1942, geriet Heinrich in Streit mit einem seiner polnischen Zwangsarbeiter. Dem kam manches auf dem Bauernhof seltsam vor, vor allem die eingestickten Initialen F. S. an seiner Arbeitskleidung. Er informierte die Behörden. In welcher Reihenfolge und unter welchen Begleitumständen Bürgermeister, Gendarmie und Gestapo Kenntnis von dem Verdacht erhielten, ist nicht mehr vollständig aufzuklären. Jedenfalls wurde Maria von der Gestapo verhört. Nach anfänglichem Leugnen musste sie gestehen.
Das Ehepaar wurde festgenommen. Der 60-jährige Heinrich wurde im Konzentrationslager Dachau interniert, wo er nach Entbehrungen innerhalb von drei Monaten starb. Ein Gnadengesuch seiner Frau war nicht weitergeleitet worden. Maria wurde verwarnt, aber im Blick auf die prekäre Versorgungslage nicht verhaftet. Sie setzte ihre Arbeit auf dem Bauernhof fort, überlebte die Diktatur und starb 1965.
Ferdinand Strauß hingegen war im letzten Moment die Flucht gelungen. Es gelang ihm, sich in die Schweiz abzusetzen, wo er umgehend festgesetzt wurde. Nach dem Krieg wanderte er nach Amerika aus, heiratete dort und starb 1983 in New York.
Heinrich List hingegen bezahlte seine aufrechte Tat mit dem Leben, Maria List mit dem Verlust ihres Ehemanns. Für ihre Opfer, die Ferdinand Strauß das Leben retteten, wurden sie von der internationalen Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt.

Kommentar
Das Attentat vom 20. Juli 1944 ist die bekannteste, nicht aber die einzige Aktion des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Schülerinnen und Schüler sollten nicht nur die leider fehlgeschlagene Operation Walküre kennen. Die stillen Helden, die wie Maria und Heinrich List mutig und entschlossen das Richtige taten, haben ein ebenso ehrendes Andenken verdient.
Ihr Einsatz kann aber nichts an der geschichtlichen Wahrheit ändern, dass es in Deutschland praktisch keine Solidarität mit den Opfern angesichts ihrer Benachteiligung, Vertreibung und Vernichtung gab. Die Deportationen der deutschen Juden aus der Mitte ihrer nichtjüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger geschahen unter den Augen und mit stillschweigender Duldung der Zivilgesellschaft.

Speziell an der vorbildlichen Tat des Ehepaars List ist bemerkensewert:
– Auch wenn es nicht mehr detailliert zu eruieren ist, wer das Versteck wann, an wen und unter welchen Umständen verraten hat, ist es als besonders tragisch zu bezeichnen, dass die Verhaftung und die Ermordung von Heinrich List nur möglich war, weil Mitglieder der Dorfgemeinschaft ihn denunzierten und Maßnahmen zu seiner Rettung unterließen.
– Es bedurfte keiner linken politischen Einstellung, um rechtschaffen zu handeln. Nötig war aber die Bereitschaft, für die Rettung eines Mitmenschen die eigene Freiheit und notfalls auch das eigene Leben zu opfern.
– Der Einsatz des Ehepaars List demonstriert, dass es angesichts der Grausamkeit der Diktatur alternative Handlungsmöglichkeiten gegeben hätte.

Zum Weiterlesen
Gedenkstätte Stille Helden in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Staufenbergstraße 13-14, Berlin, https://www.gedenkstaette-stille-helden.de/gedenkstaette/
– Gedenkstätte Stille Helden, Widerstand gegen die Judenverfolgung 1933 bis 1945, Katalog zur Dauerausstellung. Dort finden sich auch weitere Bilder und Dokumente.
https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_List_(Landwirt)
https://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/righteous/list.asp.
https://www.echo-online.de/lokales/odenwaldkreis/michelstadt/die-gute-tat-des-heinrich-list_19027642

Gedenkstätte Stille Helden in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin