Fünf unter Religionspädagoginnen und Religionspädagogen weit verbreitete weihnachtliche Irrtümer

  1. Der Tannenbaum im Wohnzimmer ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts.“
    Stimmt nicht ganz.
    Die Tradition, einen Baum in das Haus zu stellen, gibt es in bestimmten Gegenden schon seit dem 16. Jahrhundert. Das frühe 19. Jahrhundert steht für den Durchbruch des Weihnachtsbaums als Lichter-, Gaben- und Schmuckbaum in der bürgerlichen Familienkultur der Städte.
  2. Weihnachten ist erst spät entstanden.
    Stimmt nicht. Das Osterfest ist zweifellos das erste und älteste Fest der christlichen Gemeinde. Aber bereits um die Mitte des 4. Jahrhunderts wird erwähnt, dass der 25. Dezember ein eingeführter Feiertag in vielen Regionen war. Wahrscheinlich wurde das Weihnachtsfest also schon zu Beginn des 4. Jahrhunderts, wenn nicht noch etwas früher gefeiert.
  3. Weihnachten ist eine Reaktion auf die im Imperium Romanum aufkommende Tradition, den Geburtstag des Sonnengotts (Sol Invictus) zu feiern.
    Stimmt nicht. Neueren Forschungen zufolge handelt es sich bei der Entstehung der beiden Geburtsfeste um eine parallele Entwicklung. Das spricht übrigens dafür, dass Weihnachten bereits in der Zeit Konstantins des Großen gefeiert wurde, denn schon auf Münzen aus seiner Zeit wird der Kaiser als Sonne mit Strahlenkranz dargestellt.
  4. Die Verlagerung des Geburtsortes Jesu von Nazareth nach Betlehem ist eine Legende.
    Da ist viel Wahres dran, aber ganz so einfach ist es nicht. Klar sind die biblischen Weihnachtserzählungen Legenden und keine Chroniken. Dass Jesus in Nazareth, wo er aufwuchs, geboren wurde, ist wahrscheinlich, aber nicht beweisbar. Zum historischen Hintergrund gehört aber auch Folgendes: Wenige Generationen vor Jesus waren Teile Galiläas dem jüdischen Staat der Hasmonäer eingegliedert worden. Familien aus Judäa siedelten in dieser Zeit nach Galiläa um. „Galiläa war ziemlich schnell ein sehr attraktiver Ort für Juden, [um] sich [dort anzu-] siedeln“, so die Berliner Judaistin Tal Ilan. Sie behielten die religiöse Bindung an Jerusalem bei und beteiligten sich an Wallfahrten zum Tempel.
    Fazit 1: Die Erwähnung von Bethlehem in den Weihnachtsgeschichten nach Matthäus und Lukas (Mt 2,1; Lk 2,4) hat sicher einen theologischen Grund. Der hat mit Micha 5,1 zu tun: „Aus Bethlehem soll der kommen, der in Israel Herr sei.“
    Fazit 2: Dass Jesus in Bethlehem geboren ist, ist historisch unwahrscheinlich. Für seine Vorfahren könnte das aber durchaus stimmen. Die Stammbäume des Neuen Testaments legen sogar großen Wert, darauf, dass Jesus ein Nachkomme Davids war (Mt 1,6 und Lk 3,31). Auch Paulus bezeichnet Jesus als irdischen Nachkommen des Königs David (Rö 1,1-4). Und der stammte aus Bethlehem.
  5. Die angebliche Jungfrauengeburt ist ein Übersetzungsfehler.
    Eines vorweg: Die Christen der ersten Jahrhunderte sahen kein Problem darin, dass es unterschiedliche, ja widersprüchliche Traditionen der Geburt Jesu in der Bibel gab. Den wichtigsten und einen der ältesten Ehrentitel Sohn Gottes begründeten sie auch nicht mit Jesu Geburt, sondern mit seiner Auferstehung.
    Zur Sache: Das griechische Wort, das Matthäus (Mt 1,23) und Lukas (Lk 1,27) verwenden, bezeichnet tatsächlich eine Frau, deren Mutterschaft ein Wunder wäre. Damit spielen sie auf eine Bibelstelle aus dem Prophetenbuch Jesaja (7,14) an, die Matthäus zitiert: „Siehe, eine Jungfrau wird schwanger …“ Im hebräischen Originaltext ist zwar von einer „jungen Frau“, vielleicht der jungen Ehefrau des Jerusalemer Königs, die Rede. Die Septuaginta, die in der Antike sehr viel mehr verbreitete griechische Übersetzung des Alten Testaments, benutzt aber das Wort Jungfrau. Der Evangelist muss also nichts übersetzen, er zitiert korrekt.
    Übrigens:
    – Die Evangelisten Lukas und Matthäus machen deutlich, dass Josef Maria „zu sich genommen“ (Mt 1,24) habe. Marias Sohn wird dadurch auch zu Josefs Sohn.
    – Alle anderen biblischen Bücher sagen nichts über die Geburt Jesu. Aber ist nicht jede Geburt etwas Wunderbares?
    – Der Religionsunterricht wird Jesu wunderbare Geburt nicht überzeugend enträtseln können. Er sollte vorrangig anderen Geheimnissen der biblischen Weihnachtserzählungen nachspüren: Welche Ehrentitel geben die Engel Jesus? Sind sie eingelöst? Was bedeutet der Name Jesus? Warum wird er Immanuel genannt? …

Quellen:
Stephan Wahle, Die Stillste Nacht. Das Fest der Geburt Jesu von den Anfängen bis heute. Herder, 2018
https://www.deutschlandfunk.de/der-jude-aus-galilaea.886.de.html?dram:article_id=232056
https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/hasmonaeer/ch/d0bc3330f3a30c96c825d4747022eedf/