Die Mauer, der Friedhof und die freie Sicht. Drei Details, die mir aufgefallen sind, als ich kurz vor dem Mauerfall-Jubiläum in Berlin war

Als im Sommer 1961 die Grenzmauer mitten durch Berlin gezogen wurde, waren die Menschen an der Bernauer Straße besonders betroffen. Mauer und Todesstreifen trennten von einem Tag auf den anderen die Häuser der Südseite von denen der Nordseite.

Friedhofsmauer und „Berliner Mauer“ in der Bernauer Straße

Detail 1: Die Friedhofsmauer, die nicht abschreckend genug war
An einem Abschnitt der Bernauer Straße stand bereits eine Mauer, genau an der „richtigen“ Stelle. Sie umschloss den Friedhof der Sophiengemeinde, den man bis dahin auch durch ein Tor von der Bernauer Straße aus betreten konnte. Diese Friedhofsmauer wurde zunächst in die neue Grenzbefestigung integriert, das Tor wurde geschlossen. Doch den Ansprüchen, den die SED an die Berliner Mauer stellte, entsprach die alte Backsteinmauer auf Dauer nicht. Sie sollte einen Grenzübertritt unter allen Umständen unterbinden. Aber anders als die verstorbenen und bestatteten „Bewohner“ des Friedhofs hatten die lebenden Anwohner hinter der Mauer durchaus den Wunsch, die Grenze zu überwinden. Deshalb wurde die gemauerte Einfriedung bald durch die drei Meter hohe hässlich-graue Befestigung ersetzt, die die Stadt bis 1989 durchzog. Heute steht die Friedhofsbegrenzung wieder. Der Hinweis „Dieses Tor ist geschlossen“ ist wieder angebracht worden. Zum Gedenken, damit diese Zeiten nicht verdrängt oder verklärt werden.

„Dieses Tor ist geschlossen.“ – Wie gut, dass es heute wieder offen steht.

Detail 2: Todesstreifen über Gräbern
Hinter der Mauer befand sich der Friedhof. Damit Platz für Scheinwerfer und Wachtürme geschaffen wurde, mussten Häuser weichen. Das frei gewordene Gelände wurde vermint. Damit aber der Todesstreifen nicht über die Gräber verlief, wurden die sterblichen Überreste von diesem Teil des Friedhofs zuvor umgebettet. Es ist aber zweifelhaft, dass dies gründlich geschah. Möglicherweise wurden ältere Soldatengräber übersehen. An die Missachtung ihrer Totenruhe erinnert heute ein schlichtes Holzkreuz.

Das Fundament der Versöhnungskirche

Detail 3: Die Kirche, die die Sicht behinderte
Und dann war da noch die 1892 errichtete Versöhnungskirche. Sie stand auf dem Todesstreifen und behinderte die Sicht vom Wachturm aus. Weder vom Osten noch vom Westen war sie mehr zugänglich. Über 20 Jahre stand sie leer und verfiel. Das Retabel, die Altarrückwand des Gotteshauses, wurde in den Jahren des Leerstands beschädigt, ist aber erhalten geblieben. Am 22. Januar 1985 wurde sie gesprengt. Ein Video zeigt diesen Frevel, der an einem sonnigen Wintertag geschah.
https://www.berlin-mauer.de/videos/sprengung-der-versoehnungskirche-695/
Von der neugotischen Versöhnungskirche sind nur noch die Fundamente erhalten. An ihrer Stelle wurde im Jahr 2000 eine schlichte Kapelle der Versöhnung errichtet. Der Altaraufsatz des alten Gotteshauses ist heute der Blickfang im Inneren des sakralen Gebäudes. Er erinnert an die Opfer der Berliner Mauer. Viermal in der Woche um 12 Uhr wird mit einer Andacht an eine oder einen von ihnen erinnert.
Der Platz, an dem das Retabel aufgerichtet ist, ist mit Bedacht gewählt. Es befindet sich exakt an der Stelle, an der Altar und Rückwand auch der alten Versöhnungskirche gestanden hatten.

Das Retabel, die Altarrückwand, heute in der Kapelle der Versöhnung