Darf der Erlöser auf der Opernbühne auftreten? Warum Händels Messias in London zunächst die Gunst des Publikums nicht erhielt

Als am Abend des 13. April 1742 die Uraufführung von Georg Friedrich Händels Messias in Dublin verklungen war, war der Jubel in der Music Hall unbeschreiblich. Die Premiere war zum Riesenerfolg geworden. Doch als der Komponist in seine Wahlheimat London zurückkehrte und das Oratorium auch dort aufführte, reagierte das Publikum zunächst wenig begeistert. Jahrelang blieb seinem Werk, das heute auf der Rangliste der beliebtesten Kompositionen des in Halle/Saale geborenen Komponisten ganz oben steht, der Erfolg versagt. Nahm ihm das Londoner Publikum vielleicht übel, dass er seine Komposition zuerst im fernen Irland und erst danach in der Hauptstadt präsentiert hatte? Mag sein. Es gab aber noch ein anderes, tiefer liegendes Problem.

Der in Halle an der Saale geborene Komponist komponierte sein berühmtes Oratorium im Jahr 1741 in englischer Sprache. Zu dieser Zeit lebte er bereits 30 Jahre in London. Er gab ihm den Titel Messiah. Als am Abend des 13. April 1742 in der Music Hall zu Dublin der Schlussakkord seines Werkes zum ersten Mal verklungen war, war der Jubel unbeschreiblich. Doch als der Komponist in seine Wahlheimat London zurückkehrte und das Oratorium auch dort aufführte, reagierte das Publikum zunächst verhalten. Jahrelang blieb seinem Messiah, das ausschließlich Bibeltexte vertonte, die Anerkennung versagt. Woran lag es?

Das Londoner Konzertpublikum stellte fest, dass Händels Komposition sehr unterschiedliche Stilmerkmale enthielt, die im Messias zum ersten Mal miteinander kombiniert waren. Es erklangen Arien, die einer englischen Barockoper entnommen sein konnten. Der Messias enthielt Fugen und Chöre, die an die nord- und mitteldeutsche Kirchenmusik erinnerten, und schließlich Hymnen aus der Tradition der anglikanischen Chormusik. Das Oratorium hatte eine religiöse Aussage, aber es wurde nicht in einer Kirche, sondern auf der Opernbühne des Covent Garden Theater aufge­führt. Was also war der Messias? War er eine Oper oder war er ein kirchenmusikalisches Werk?

Keines von beidem. Händel hatte mit seinem Messias ein Werk sui generis geschaffen. Er wollte die Konzerthörerschaft mit geistlicher Musik unterhalten, die nicht für den Gottesdienst komponiert war. Um sich von einer Kirchenmusik im strengen Sinn abzusetzen, verzichtete Händel darauf, die biblische Geschichte zu erzählen, wie es Bach in seinen Passionen tut. Seine Absicht war es, die Geschichte der Erlösung als eine Erfüllung biblischer Verheißungen zu deuten. Er verwendete deshalb fast ausschließlich Texte aus dem Alten Testament. So gelang es ihm, ein Oratorium zur Bedeutung Jesu Christi zu schreiben, ohne dass der Messias selbst zu Wort kam.

Der Idee, eine allgemeine geistliche Komposition zu schaffen, die sich nicht in den Dienst der Kirche stellte, wurde stilbildend. Mendelsohns Oratorien sowie Brahms Deutsches Requiem und viele andere stehen in dieser Tradition. Händel hatte den Anfang gemacht und das Londoner Publikum dankte ihm es schließlich doch. Als er 17 Jahre nach der Dubliner Uraufführung in seiner Wohnung in der Brook Street verstarb, war der Messias 75 mal aufgeführt worden. Er war seine beliebteste Komposition geworden. Was zunächst so irritierend war, wurde der Grundstein für die bis heute andauernde Beliebtheit des Werkes.

Links
Andreas Waczkat, Georg Friedrich Händel, Der Messias, Bärenreiter Kassel, 2008
https://www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/haendels-messias-wird-uraufgefuehrt-was-heute-geschah-1742-100.html
https://www.deutschlandfunk.de/urauffuehrung-vor-275-jahren-haendels-messias-begeistert-in.871.de.html?dram:article_id=383690

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